150. Todestag Schopenhauers

28. September 2010 17:57; Akt: 28.09.2010 17:57 Print

Das Leben ist eine Qual

von Rolf Maag - Vor 150 Jahren starb Arthur Schopenhauer. Seine Werke vermitteln zwar eine zutiefst pessimistische Weltsicht, doch ihre Lektüre ist alles andere als eine düstere Erfahrung.

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Arthur Schopenhauer, Philosoph des Pessimismus.

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Arthur Schopenhauer gilt als einer der zugänglichsten Philosophen. Trotzdem ist es fraglich, wie weit die Kenntnis seines Denkens heute noch verbreitet ist. Am bekanntesten dürfte er wohl als Polemiker sein, als Frauenfeind im Besonderen und Menschenhasser im Allgemeinen. So meinte er beispielsweise über die Frauen: «Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt.» Seine Einstellung zu seinen Mitmenschen verdeutlicht der folgende (anekdotisch überlieferte) Ausspruch: «Ich habe einen Pudel, und wenn der etwas Garstiges tut, so sage ich ihm: Pfui, du bist kein Hund, du bist nur ein Mensch!» Doch Schopenhauer hat mehr zu bieten als gehässige Verunglimpfungen.

Schopenhauers Philosophie ist Metaphysik, also eine Theorie über das, was jenseits der sinnlich erfahrbaren Welt liegt und sie bedingt. Metaphysik wird nötig, weil der Mensch ein metaphysisches Bedürfnis hat. Dieses resultiert vor allem aus dem Wissen um den Tod und der Erfahrung des Leidens; wäre das Leben endlos und schmerzlos, gäbe es keinen Grund zu philosophieren, die Welt und das Leben verstünden sich von selbst.

Die Welt ist eigentlich Wille

Schopenhauer geht nun von einer These des Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) aus: Der Mensch kann die Welt niemals so erkennen, wie sie wirklich («an sich») ist, sondern immer nur so, wie sie sich dem menschlichen Wahrnehmungs- und Denkapparat darbietet. Zu dessen Eigenschaften gehören Raum, Zeit und Kausalität, die nach dieser Auffassung also nicht «in der Welt» zu finden sind. Was das «Ding an sich» (losgelöst vom Subjekt) ist, können wir nach Kant nicht wissen.

Schopenhauer dagegen glaubte die Lösung gefunden zu haben: Er bestimmte es als «Wille». Natürlich ist darunter nicht der bewusste menschliche Wille zu verstehen, der in der Regel das Ergebnis eines vernünftigen Abwägungsprozesses ist, sondern ein blinder, unspezifischer Drang, der gewissermassen die Innenseite alles Existierenden bildet. Er steckt beispielsweise hinter der Anziehung des Eisens durch den Magneten oder hinter der Gravitation, aber auch hinter dem Wachstum der Pflanzen oder dem Jagdverhalten der Raubtiere. Im Menschen äussert er sich zunächst in Form von psychischen Phänomenen wie Gefühlen, Stimmungen und Lustempfindungen, aber auch als Triebenergie, vor allem geschlechtliche. Die Genitalien sind «der eigentliche Brennpunkt des Willens».

Da der Wille reine Dynamik ist, kommt er nie zur Ruhe, er strebt ständig nach Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Um diese Ziele zu erreichen, äussert er sich im Menschen als Bewusstsein und Vernunft, die dem Willen jedoch immer dienstbar bleiben. Der Mensch begehrt etwas also nicht deswegen, weil es vernünftig ist, sondern er nennt es vernünftig, weil er es begehrt.

Zufriedenheit ist unmöglich

Seine Bedürftigkeit hat für den Menschen höchst unerfreuliche Folgen. Ständig strebt er irgendwelche Ziele an und ist unzufrieden, solange er sie nicht erreicht hat. Erreicht er sie aber, bessert sich die Situation keineswegs: Die Freude über den Erfolg schwächt sich schnell ab, ein quälendes Gefühl der Leere und Langeweile kommt auf. Das Leben pendelt also ständig zwischen dem Schmerz der Unerfülltheit und der sich nach der Erfüllung einstellenden Abstumpfung – wir sind immer entweder frustriert oder gelangweilt.

Um diesem Teufelskreis zu entkommen, muss sich der Wille, der die Wurzel allen Übels ist, gegen sich selbst wenden. Schopenhauer nennt drei Lebensstrategien, die geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen: die mystische Versenkung, die philosophische Betrachtung der Welt und die Begegnung mit dem Schönen und Erhabenen in Natur und Kunst. Wer ein solches Verhältnis zur Welt erreicht, setzt ruhige geistige Zustände an die Stelle der von heftiger Erregung begleiteten Affekte. Schopenhauer spricht auch von der «Meeresstille des Gemüts». In allen drei Haltungen zeigt das Subjekt ein unpersönliches Interesse an den Gegenständen, seine Sicht ist nicht mehr durch Wünsche, Hoffnungen und Ängste verzerrt. Der Mensch wird zum «klaren Weltauge», er ist «nur noch als rein erkennendes Wesen, als ungetrübter Spiegel der Welt übrig». In diesem Zustand erkennt der Mensch auch die Individualität als Illusion; er wird sich bewusst, dass alles Lebendige letztlich eins ist. Dies führt zu Mitleid mit allen leidenden Wesen und damit zur Moral.

Ein europäischer Buddha

Schopenhauers Philosophie weist genaue Parallelen zum Buddhismus auf, den er auch ausdrücklich als Vorbild anerkannt hat. Die grösste Wirkung übte er jedoch auf Künstler und Literaten aus, beispielsweise Thomas Mann, Leo Tolstoi oder Charles Chaplin. Einer der Gründe dafür dürfte in seiner ungewöhnlich anschaulichen und bildkräftigen Sprache zu suchen sein. Franz Kafka schrieb: «Schopenhauer ist ein Sprachkünstler. Daraus entspringt sein Denken. Wegen der Sprache allein muss man ihn unbedingt lesen.» Dem muss man hinzufügen: auch wegen des Denkens. Wer nach einer klaren und tiefschürfenden Analyse fast aller Grundfragen der abendländischen Philosophie sucht, greift auch heute noch mit Gewinn zu Schopenhauers Werken.