Gnade auf Widerruf

09. Juli 2012 23:54; Akt: 28.11.2013 01:25 Print

Hitlers jüdischer Kommandant

von Daniel Huber - Der jüdischstämmige Offizier Ernst Hess war im Ersten Weltkrieg Adolf Hitlers Kompaniekommandant. Im «Dritten Reich» wurde er zuerst «entgegenkommend behandelt» – dann liess der «Führer» ihn fallen.

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Bevor Adolf Hitler an der Spitze der NSDAP die Macht in Deutschland ergriff und das Land in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs führte, diente er im Ersten Weltkrieg als Meldegänger im Rang eines Gefreiten. Diese Tatsache fehlt in keiner Biographie des braunen Diktators. Bisher nicht bekannt war hingegen, dass Hitler während seiner Dienstzeit im Königlich Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 16 («Regiment List») zeitweise einen jüdischstämmigen Kommandanten hatte.

Wie dieser Ernst Moritz Hess im «Dritten Reich» eine Weile den Schutz des «Führers» genoss, erzählt die Historikerin Susanne Mauss in der vierteljährlich erscheinenden englischsprachigen Zeitschrift «Jewish Voice from Germany». Mauss entdeckte in einem Archiv in Düsseldorf Dokumente, die belegen, dass Hitlers jüdischstämmiger Kriegskamerad zeitweise von der Spitze der Nazi-Hierarchie geschützt wurde.

Protestantisch getauft

Hess war im Juni 1916 als Kompanieführer der 3. Kompanie formal Hitlers Vorgesetzter, hatte aber als Frontoffizier wohl keine direkte Befehlsgewalt über den Meldegänger beim Regimentsstab, wie der Historiker Thomas Weber von der Universität von Aberdeen gegenüber «Welt Online» betont. Beide seien aber praktisch gleichzeitig an der Somme verwundet und im selben Lazarett behandelt worden.

Hitlers zeitweiliger Kommandant war 1890 in Gelsenkirchen in einer jüdischen Familie zur Welt gekommen, aber auf Wunsch seiner Mutter protestantisch getauft worden. Die Taufe verschaffte ihm jedoch keinen Schutz gegen die Bestimmungen der 1935 erlassenen «Nürnberger Rassengesetze»: Seine vier jüdischen Grosseltern machten ihn im «Dritten Reich» zum «Volljuden». 1936 wurde Hess, mittlerweile Amtsgerichtsrat, denn auch aus dem Staatsdienst entlassen. Nachdem er vor seinem Haus von Nazis überfallen und zusammengeschlagen worden war, wanderte er nach Bozen im Südtirol aus.

Ein Schutzbrief aus der Reichskanzlei

1940 verloren alle Deutschen in Italien die Aufenthaltsgenehmigung und Hess, der sich vergeblich um eine Einreiseerlaubnis in die Schweiz bemüht hatte, musste nach Deutschland zurückkehren. Dort liess er sich im bayrischen Unterwössen nieder. Dass er zu diesem Zeitpunkt die Protektion Hitlers genoss, belegt ein Schreiben Heinrich Himmlers vom August 1940. Darin weist der SS-Chef den Düsseldorfer Polizeipräsidenten an, Hess entgegenzukommen: «Ich bitte Sie, sicherzustellen, dass H. in jeder Hinsicht unbehelligt gelassen wird.»

Im November 1940 erhielt Ernst Hess sogar einen eigentlichen Schutzbrief, der von Hans-Heinrich Lammers, dem Chef der Reichskanzlei, ausgestellt war. Darin hiess es: «Es entspricht jedoch dem Wunsche des Führers, dass Ihnen wegen Ihrer Abstammung keine weiteren, über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehenden Beschränkungen auferlegt werden.» Im Schreiben stand zudem ausdrücklich, Hess dürfe von dem Brief, «wenn erforderlich», Gebrauch machen.

«Ein Jude wie jeder andere»

Ende Juni 1941 aber hatte sich der Wind endgültig gedreht. Dem im Ersten Weltkrieg schwer verwundeten und hochdekorierten Offizier wurde beschieden, er sei jetzt «ein Jude wie jeder andere». Lammers' Schutzbrief wurde ihm wieder abgenommen. Als die Vernichtungsmaschine der Nazis nach der Wannsee-Konferenz auf Hochtouren lief, bewahrte ihn nur noch die Ehe mit seiner «arischen» Frau Margarete vor der Deportation in ein Vernichtungslager im Osten.

Während Hess Zwangsarbeit leisten musste, wurden seine Schwester Berta und seine Mutter Elisabeth im Juli 1942 ins KZ Theresienstadt gebracht, wohl weil sie im Vertrauen auf den Schutz von höherer Stelle keinen gelben Stern getragen hatten. Berta kam in Auschwitz um, Elisabeth überlebte. Auch Ernst Hess überlebte das «Dritte Reich». Nach dem Krieg übernahm er eine Leitungsposition bei der Bundesbahn in Frankfurt. Er starb 1983.