Konstantin der Grosse

28. Oktober 2012 20:10; Akt: 29.10.2012 07:48 Print

Der Sieg des Christentums

von Rolf Maag - Am 28. Oktober 312 errang Kaiser Konstantin der Grosse bei Rom einen Sieg über einen Rivalen. In den folgenden Jahrzehnten legte er die Grundlagen für die Christianisierung Europas.

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Darstellung der Schlacht an der Milvischen Brücke von Johannes Lingelbach (um 1650) (Bild: PD)

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Zu Beginn des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung sah es nicht gut aus für die Christen, die damals fünf bis zehn Prozent der rund 70 Millionen Einwohner des Römischen Reiches ausmachten. Seit 303 sahen sie sich den schlimmsten Verfolgungen seit Menschengedenken ausgesetzt; gegen 3000 Menschen dürften dabei den Tod gefunden haben.

Initiator dieser Verfolgungen war Diokletian, der starke Mann der herrschenden «Tetrarchie» (Viererherrschaft), die aus zwei «Augusti» (Oberkaisern) und zwei «Caesares» (Unterkaisern) bestand. Wie viele Römer war er der Meinung, dass die christliche Ablehnung der römischen Religion den Bestand des Imperiums gefährde.

Konstantins Traum

Nach Diokletians Rücktritt ebbten die Verfolgungen langsam ab und hörten 311 endgültig auf. Dafür tobten nun heftige Kämpfe um die Nachfolge Diokletians und seiner Mitkaiser. In Italien standen sich Konstantin, der Sohn eines früheren Augustus, und ein Usurpator namens Maxentius gegenüber.

Gemäss einer in zwei verschiedenen Versionen vorliegenden Legende hatte Konstantin am 27. Oktober 312, einen Tag vor der entscheidenden Schlacht bei der drei Kilometer von Rom entfernten Milvischen Brücke, eine Vision. Der christliche Schriftsteller Laktanz überliefert, Konstantin habe während der Nachtruhe das Christus-Monogramm gesehen, ein aus den übereinandergelegten griechischen Buchstaben X und P (gesprochen «Chi» und «Rho»), also den Anfangsbuchstaben des Wortes «Christós», bestehendes Zeichen. Dieses liess er angeblich auf die Schilde seiner Soldaten malen.

Eusebios, Bischof von Caesarea und Verfasser einer Konstantinbiographie, behauptet, Konstantin habe am helllichten Tag ein Kreuz am Himmel wahrgenommen, auf dem der griechische Satz «en toúto níka» (in diesem Zeichen siege) zu lesen gewesen sei. Wesentlich bekannter ist diese Anweisung in der (nicht ganz präzisen) lateinischen Übersetzung «in hoc signo vinces» (in diesem Zeichen wirst du siegen).

Förderer des Christentums

Was auch immer man vom Wahrheitsgehalt derartiger Berichte halten mag: Am folgenden Tag errang Konstantin einen glänzenden Sieg, sein Rivale Maxentius wurde getötet. Es gab nun nur noch zwei Kaiser: Konstantin beherrschte den Westteil des Reiches, sein Verbündeter Licinius den Osten. 313 trafen sich die beiden in Mailand, wo sie die «Mailänder Vereinbarung» (manchmal fälschlicherweise auch als «Toleranzedikt von Mailand» bezeichnet) verabschiedeten. Dieses Dokument sicherte allen Religionen im Reich vollständige Freiheit zu.

Konstantin machte sich nun sogleich daran, den Glauben, der ihm vermeintlich den Sieg gebracht hatte, aktiv zu fördern. Er erstattete den Christen ihren während der Verfolgungen geraubten Besitz zurück, liess zahlreiche Kirchen erbauen und bevorzugte Christen, wenn es galt, öffentliche Ämter neu zu besetzen.

Das bedeutete aber keineswegs, dass er die heidnischen Riten nun unterdrückt hätte. Zwar hielt er die alte römische Religion für eine «aliena superstitio» (elender Aberglaube) und wünschte sich nichts sehnlicher als die Bekehrung aller Bürger, aber er wollte den öffentlichen Frieden nicht durch Verfolgungsmassnahmen gefährden.

Späte Taufe

324 besiegte Konstantin seinen Mitkaiser Licinius und war nun Alleinherrscher. In den folgenden sechs Jahren liess er am Bosporus die nach ihm benannte Stadt Konstantinopel (heute Istanbul) erbauen, die er als christliches, von heidnischen Traditionen unbelastetes Gegenstück zu Rom gesehen haben dürfte.

Verblüffenderweise liess sich dieser fromme Mann erst kurz vor seinem Tod im Jahr 337 taufen und konnte daher zeitlebens an keinem Gottesdienst teilnehmen. Die Gründe dafür dürften in seiner Rolle als Kaiser zu suchen sein: Seine politischen und militärischen Funktionen zwangen ihn immer wieder dazu, Gewalt anzuwenden, was im Widerspruch zur christlichen Nächstenliebe stand, die damals tatsächlich noch als Lehre der Gewaltlosigkeit verstanden wurde.

Kalkül oder Überzeugung?

Was aber veranlasste Konstantin eigentlich dazu, sich so entschieden für eine Religion einzusetzen, die der Mehrheit seiner Untertanen nach wie vor höchst suspekt war? Diese Frage ist bis heute umstritten.

Der englische Allthistoriker Michael Grant vermutet politisches Kalkül hinter dieser Entscheidung: «Es sieht so aus, als seien er und seine Berater im Laufe der Zeit zu der Überzeugung gekommen, dass die Zeit für das Christentum arbeitete, so ohnmächtig die Christen zunächst auch sein mochten - denn nur sie verfügten über die alle Lebensbereiche umfassenden Ziele und die straffe Organisation, denen es auf die Dauer gelingen konnte, die so gegensätzlichen Völker und Klassen des Imperiums in einer allumfassenden, als ‹katholisch› bezeichneten Harmonie, in einem universalen Geist zu vereinen.»

Sein französischer Kollege Paul Veyne hingegen hält Konstantin für einen Überzeugungstäter: «Konstantin hat einen massiven, aber ehrlichen Glauben, was eine Sache beweist: Er war für seine Eroberungen in keiner Weise auf die Kirche angewiesen, die Wiedervereinigung des Reiches hätte er auch bewerkstelligen können, wenn er nicht Christ geworden wäre.»

Ein gefährdeter Sieg

Konstantins Christianisierungsprojekt darf mit Fug und Recht als eine der entscheidenden Weichenstellungen in der europäischen Geschichte bezeichnet werden; zweifellos wurde ihm der Beiname «der Grosse» zu Recht verliehen.

Dennoch war diese Entwicklung nicht unumkehrbar. 361 kam Konstantins Neffe Julian an die Macht, der von christlichen Autoren «Apostata» (der Abtrünnige) genannt wurde. Er versuchte das Christentum zurückzudrängen, indem er die alte Religion und östliche Mysterienkulte förderte. Wäre Julian nicht im Krieg gegen die Perser bereits 363 gefallen und hätte die Armee anschliessend nicht wieder überzeugte Christen auf den Kaiserthron gehievt, ist es durchaus vorstellbar, dass die europäische Geschichte ganz anders verlaufen wäre.