Antiker Kampfsport

22. Juni 2011 13:13; Akt: 22.06.2011 13:32 Print

Das war der weltweit erste Schiri-Fehler

Den fatalen Fehler des Kampfrichters konnte ein Gladiator nicht mehr selber beklagen, als er vor 1800 Jahren in einer römischen Arena starb. Das übernahm sein Grabstein.

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Jean-Léon Gérômes Gemälde «Pollice verso» (1872) prägte unsere Vorstellung vom Kampf der Gladiatoren entscheidend mit. (Bild: PD)

Fehler gesehen?

Es muss ein dramatischer Kampf gewesen sein in der Arena von Amisos: Gladiator gegen Gladiator, Diodoros gegen Demetrios. Erst war Diodoros obenauf, sah wie der sichere Sieger aus, doch dann griff der Kampfrichter ein, und Demetrios konnte das Blatt noch wenden und seinem Gegner eine tödliche Verletzung beibringen.

Die Geschichte dieses fatalen Eingriffs des Unparteiischen – man könnte ihn nicht ganz ernsthaft den ersten bekannten Schiedsrichter-Fehlentscheid der Geschichte nennen – steht auf einem rund 1800 Jahre alten Grabstein. Entschlüsselt hat die Inschrift der kanadische Professor Michael Carter von der Brock University in St. Catharines. Sein Befund wird demnächst in der deutschen «Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik» veröffentlicht.

Gladiator mit zwei Schwertern

Der Grabstein des Diodoros wurde in Amisos (heute Samsun) an der Südküste des Schwarzen Meeres in der heutigen Türkei gefunden und gelangte kurz vor dem Ersten Weltkrieg ins Musée du Cinquantenaire in Brüssel. Neben der griechischen Inschrift – Griechisch war die Verkehrssprache in der östlichen Hälfte des Römischen Reiches – ist auf dem Stein ein Gladiator zu erkennen, der zwei Dolche oder Schwerter hält; sein Gegner sitzt vor ihm auf dem Boden und bittet mit erhobener Hand um Gnade (siehe Bild unten).

Die Gestalt mit den zwei Stichwaffen war zuvor als dimachaerus interpretiert worden, also als Gladiator, der mit zwei Dolchen kämpft (siehe Infobox). Carter hingegen ist davon überzeugt, dass das Relief zusammen mit der Inschrift «eine Geschichte erzählt», wie der Spezialist für Gladiatorenkämpfe und andere öffentliche Veranstaltungen in der Osthälfte des Imperium Romanum dem amerikanischen Portal Livescience.com sagte. Die Inschrift lautet übersetzt:
«Nachdem ich meinen Gegner Demetrios besiegt hatte, habe ich ihn nicht sofort getötet. Das Schicksal und ein hinterlistiger Verrat des summa rudis haben mich umgebracht.»

Der summa rudis war der oberste Kampfrichter, oft ein Veteran, der früher selber in der Arena gekämpft hatte. Nahezu alle Schaukämpfe der Gladiatoren wurden von solchen Kampfrichtern geleitet; meistens waren zwei anwesend. Die Regeln sind nicht in allen Einzelheiten überliefert, doch ist bekannt, dass ein besiegter Gladiator den Veranstalter der Spiele – den munerarius – um Gnade bitten konnte. Dieser überliess die Entscheidung oft dem Publikum. Es ist allerdings historisch nicht belegt, dass das Todesurteil mit dem nach unten gerichteten Daumen gefällt wurde, wie es auch auf dem berühmten Gemälde von Jean-Léon Gérôme zu sehen ist, das unsere Vorstellung vom Kampf der Gladiatoren stark mitgeprägt hat.

Intervention mit Todesfolge

Eine andere Regel bestimmte, dass ein Gladiator, der ohne Zutun seines Gegners zu Boden fiel, wieder aufstehen und weiterkämpfen durfte. Eben diese Regel kam nach Ansicht von Carter im vorliegenden Fall zur Anwendung. Für den Historiker zeigt die Darstellung auf dem Grabstein nämlich genau den Moment, als Demetrius besiegt ist und Diodoros dessen Waffe an sich genommen hat: «Demetrios signalisiert, dass er besiegt ist, Diodoros tötet ihn nicht; er tritt zurück in der Erwartung, dass er den Kampf gewinnen wird», beschreibt Carter die Szene. Doch nun intervenierte der summa rudis, wie Carter glaubt.

Möglicherweise nahm der Kampfrichter tatsächlich an, dass Demetrios ohne Einwirkung seitens Diodoros' gestürzt war – oder er schob dies aus anderen, obskuren Gründen vor. Jedenfalls unterbrach er den Kampf und erlaubte Demetrios, aufzustehen, seine Ausrüstung wieder zu behändigen und den Kampf fortzusetzen. Diesmal jedoch ging es schlecht aus für Diodoros: Entweder erhielt er noch in der Arena den Todesstoss, oder er wurde so schwer verwundet, dass er kurz darauf starb.

Empörte Freunde oder Verwandte des um Sieg und Leben gebrachten Gladiators errichteten dann wohl den Grabstein, dessen Inschrift die Schuld am Tod des Diodoros auch heute noch, 1800 Jahre später, in deutlichen Worten dem Kampfrichter zuweist. Und der Schiedsrichter, das ist heute noch so, ist für die Verlierer bekanntlich immer schuld.



Der 1800 Jahre alte Grabstein zeigt einen Gladiator mit zwei Stichwaffen über einem besiegten Gegner. Die Inschrift darunter besagt, dass hier der Gladiator Diodoros beerdigt wurde.
Bild: Koninklijke Musea voor Kunst en Geschiedenis, Brüssel

(dhr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Prof. Dr. Grafenstein am 28.06.2011 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Niedernalge nicht gleich Tod....

    Die Gladiatoren wurden nicht Abgeschlachtet. Sie waren viel zu Teuer um jeden Verlierer gleich umbringen zu lassen, denn jeder Gladiator musste ernährt, gepflegt, trainiert und bezahlt werden. wieso sollte man also einen Gladiator immer nach einem verlohrenem Kampf gleich Töten. So dumm waren die Römer nicht ;)

  • Melanie Moritur am 02.07.2011 04:57 Report Diesen Beitrag melden

    Rote Karte

    aus Stein. Die gelbe war wahrscheinlich aus Holz.

  • Hans-Heiri Inderbitzin am 23.06.2011 08:08 Report Diesen Beitrag melden

    Zum Glück...

    Zum Glück geht es für die heutigen Athleten nicht mehr um Leben und Tod bei einem Fehlentscheid. Ist vielleicht ein kleiner Trost beim nächten Mal...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Melanie Moritur am 02.07.2011 04:57 Report Diesen Beitrag melden

    Rote Karte

    aus Stein. Die gelbe war wahrscheinlich aus Holz.

  • Prof. Dr. Grafenstein am 28.06.2011 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Niedernalge nicht gleich Tod....

    Die Gladiatoren wurden nicht Abgeschlachtet. Sie waren viel zu Teuer um jeden Verlierer gleich umbringen zu lassen, denn jeder Gladiator musste ernährt, gepflegt, trainiert und bezahlt werden. wieso sollte man also einen Gladiator immer nach einem verlohrenem Kampf gleich Töten. So dumm waren die Römer nicht ;)

  • Fredi Koller am 27.06.2011 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Todesurteil

    Es gibt zwar nicht mehr Gladiatoren Kämpfe mit tödlichem Ausgang, verursacht durch ein mögliches richterliches Fehlurteil. Aber es gibt immer noch Todesurteile in Staaten der westlichen "Hochzivilisation",bei welchen ein mögliches Fehlurteil eines Richters nicht mehr rückgängig zu machen ist!

    • Hicos am 17.08.2011 13:26 Report Diesen Beitrag melden

      @Fredi Koller

      Kein Fehlentscheid eines Richters kann rückgängig gemacht werden, den auch wen der Verurteilte "nur" versehentlich ins Gefängnis muss verliert er dochh Zeit seines Lebens, aber er lebt immerhin noch

    einklappen einklappen
  • Hans-Heiri Inderbitzin am 23.06.2011 08:08 Report Diesen Beitrag melden

    Zum Glück...

    Zum Glück geht es für die heutigen Athleten nicht mehr um Leben und Tod bei einem Fehlentscheid. Ist vielleicht ein kleiner Trost beim nächten Mal...

  • gelöscht am 22.06.2011 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    gelöscht