Vor 80 Jahren

25. Oktober 2009 09:23; Akt: 15.03.2010 11:31 Print

Die Mutter aller Börsencrashs

von Daniel Huber - Es war nicht der erste, und es war beileibe nicht der letzte Börsencrash — aber es war der folgenreichste: Am 24. Oktober 1929, dem «Schwarzen Donnerstag», fielen die Börsenkurse an der Wall Street ins Bodenlose. Die schlimmste Weltwirtschaftskrise aller Zeiten war die Folge.

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24. Oktober 1929, Wall Street, New York: Das Ende eines jahrelangen Börsenbooms (Bild: Str)

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In den Einzelheiten mag es Unterschiede geben, doch das Muster — wie wir es gerade wieder einmal bitter erfahren mussten — wiederholt sich stets: Blinde Gier übersieht alle Warnzeichen und lässt die Blase wachsen, bis sie platzt; auf den Absturz folgen der Katzenjammer und die Kommentare all jener, die es vorher schon gewusst hatten.

Der Traum von der «eternal prosperity»

Nicht anders war es am 24. Oktober 1929, dem Tag, der als «Schwarzer Donnerstag» in die Geschichte eingehen sollte. Ein jahrelanger Börsenboom hatte den Glauben an einen immerwährenden Aufschwung verfestigt; eine schier unaufhaltsame Hausse jagte den Dow Jones von 100 Punkten im Jahr 1923 auf bis zu 381 Punkte. Nur schon seit 1926 hatte sich der Leitindex glatt verdoppelt. Jedermann wollte in den «Roaring Twenties», den Goldenen Zwanzigern, am schnellen Geld teilhaben; selbst kleine Lohnempfänger machten Schulden, um sich Aktien zu kaufen. Die Geldhäuser warfen ihnen die Kredite nach; im August 1929 überstieg die Schuldenlast mit 8,5 Milliarden Dollar die gesamte damals in den USA zirkulierende Geldmenge. Schlagworte wie «Eternal prosperity» («immerwährender Wohlstand») waren in aller Munde, Präsident Hoover sprach bereits vom Tag, «an dem die Armut endgültig aus unserem Volk verbannt sein wird.»

Das Geschehen an der Wall Street entfernte sich derweil immer weiter von den realen wirtschaftlichen Gegebenheiten. Die amerikanische Industrie hatte nach dem Ersten Weltkrieg die Produktion von neuen Konsumgütern wie Kühlschränken, Radios und Automobilen massiv hochgefahren. Nun trat allmählich eine Sättigung des Marktes ein. Zugleich sank der Aussenhandel langsam ab und auch die Landwirtschaft kämpfte zunehmend mit ihrer Überproduktion.

Die Warnsignale

Kein Finanzmarkt kann sich indes dauerhaft von der ökonomischen Realität abkoppeln. Im Dezember 1928 ging die Fieberkurve des Dow Jones zum ersten Mal leicht zurück. Während dies die meisten Spekulanten noch nicht beunruhigte, reagierte die US-Notenbank mit einer Zinserhöhung auf langfristige Kredite. Die Massnahme griff zu kurz; die Anleger wechselten einfach zu kurzfristigen Krediten und die Blase blähte sich weiter auf. Mehr als zehn Prozent der Aktien wurden Schätzungen zufolge auf Pump gekauft.

Die Warnsignale liessen die Propheten des ungebremsten Wachstums kalt: Noch am 16. Oktober verkündete der prominente Ökonom Irving Fisher: «Es sieht so aus, als ob die Aktien ein dauerhaftes Hochplateau erreicht haben.» Doch der Markt dachte nicht daran, sich an die professoralen Vorgaben zu halten: Die Nervosität nahm zu und damit die Kursschwankungen. Im Oktober verschlechterte sich die Stimmung; bis zum 19. Oktober verlor der Dow Jones 15 Prozent. Allmählich merkten die kleinen Anleger, welches Schicksal ihnen blühte. Die Hektik nahm weiter zu; am 23. Oktober lag der Leitindex nur noch knapp über 300 Punkten.

Lesen Sie weiter im zweiten Teil: Vom Crash zur Krise