Loeb und Leopold

07. Mai 2016 23:37; Akt: 09.05.2016 10:40 Print

Zwei reiche Schnösel, die grausame Mörder wurden

Zwei Millionärssöhne töten 1924 einen Buben, weil sie denken, aufgrund ihrer Intelligenz das perfekte Verbrechen begehen zu können. Sie irren sich.

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Die Millionärssöhne Richard Loeb (links) und Nathan Leopold (Mitte, weisses Hemd) aus Chicago hätten ein gutes Leben haben können. Doch dann beschlossen sie im Jahr 1924, den perfekten Mord zu begehen. Nietzsches Philosophie vom Übermenschen folgend, hielten sich die beiden für etwas besseres und wollten sich mit ihrer von langer Hand geplanten Tat beweisen, dass sie aufgrund ihrer Intelligenz den perfekten Mord begehen konnten. Ihr Opfer: Der damals 14-jährige Bobby Franks, ein entfernter Cousin Loebs. Im Bild: Franks mit seinem Vater im Jahr 1920. Sie lockten den Jungen in dieses Mietauto, wo ihn Richard Loeb (links) brutal ermordete, indem er ihn mehrfach mit einem Meissel schlug und ihn dann erstickte. Das Bild zeigt Loeb bei einer Unterhaltung mit Staatsanwalt Robert E. Crowe. In diesem Durchlass in einem Sumpfgebiet südlich von Chicago versteckten sie die Leiche. Trotz aller Vorbereitungen ging ihr Plan nicht auf: Am nächsten Tag fand ein Arbeiter die Leiche, zusammen mit der Brille, die Leopold dort verloren hatte. Leopolds Brille, von der in Chicago nur drei Stück verkauft worden waren, zusammen mit dem Socken, den Loeb Bobby Franks in die Kehle gesteckt hatte, um ihn zu ersticken. Zur Aufklärung des Verbrechens trug auch Leopolds Schreibmaschine bei, auf dem dieser einen fingierten Lösegeldbrief geschrieben hatte. Den Mördern drohte der Strang. Um sie davor zu bewahren, engagierten die Eltern der Angeklagten den Anwalt Clarence Darrow, einen erbitterten Kämpfer gegen die Todesstrafe. Dass er dafür ... ... auch nicht vor Zynismus zurückschreckte, zeigt folgender Satz aus seinem berühmten Schlussplädoyer: «Kann man jemanden schuldig sprechen, der Nietzsches Philosophie ernst nahm und sein Leben danach ausrichtete? Es ist kaum fair, einen 19-Jährigen Jungen für eine Philosophie zu hängen, die ihm an der Universität beigebracht wurde.» (Im Bild: Friedrich Nietzsche) Tatsächlich gelang es Darrow mit Äusserungen wie dieser, die drohende Todesstrafe in eine lebenslängliche Haftstrafe umzuwandeln. Das entsprechende Urteil wurde am 10. September 1924 verkündet. (Im Bild: Nathan Leopold in seiner Zelle.) Das Vergehen von Nathan Leopold und Richard Loeb inspirierte Autoren und Filmmacher, darunter auch Grössen wie Alfred Hitchcock. Auf der Basis von Patrick Hamiltons Roman «Rope» ... ... schuf Hitchcock im Jahre 1948 den Film «Cocktail für eine Leiche».

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«Der Mord war ein Experiment. Einen solchen Tod zu rechtfertigen, ist genauso einfach, wie wenn ein Insektenkundler einen Käfer mit einer Nadel tötet.» So anmassend verteidigte sich Jus-Student Nathan Leopold im Juli 1924 vor Gericht. Er war angeklagt, gemeinsam mit seinem Kommilitonen und Liebhaber Richard Loeb den 14-jährigen Robert «Bobby» Franks, einen entfernten Cousin Loebs, getötet zu haben.

Dass es ausgerechnet Franks getroffen hatte, war Zufall. Das Vorhaben an sich war hingegen von langer Hand geplant. Denn nicht Langeweile, Habgier oder Leidenschaft war die Motivation der beiden hochbegabten Studenten aus dem Chicagoer Nobelviertel Kenwood, sondern der Ehrgeiz, einen nicht beweisbaren und damit folgenlosen Mord – kurz: das perfekte Verbrechen – zu begehen.

Liaison der Übermenschen

Kennengelernt hatten sich Loeb und Leopold 1920, als sie sich an der Universität von Chicago einschrieben. Obwohl beide aus gutem Hause stammten, hätten sie unterschiedlicher nicht sein können: Während sich Leopold zum Musterstudenten mauserte und sich nebenher als Ornithologe betätigte, schaffte Loeb trotz hoher Intelligenz seinen Abschluss in Geschichte nur mit Mühe.

Fasziniert von Kriminalpsychologie verbrachte er seine Freizeit nicht mit Vogelkunde wie sein Kumpel, sondern gab sich dem Kartenspiel und Alkohol hin. Auch kleinere Gaunereien gingen auf sein Konto. Dabei entwickelte er einen bemerkenswerten kriminellen Ehrgeiz: Er wollte, dass man über seine Taten sprach.

Diese Ich-Bezogenheit war es wohl, die die beiden zusammenschweisste. Denn Leopold war glühender Nietzsche-Verehrer und betrachtete sich selbst als Übermenschen (siehe Box) und damit als von Moral und Gesetz entbunden – eine Einstellung, die er mit dem kleinkriminellen Loeb teilte, und die die Grundlage für ihre spätere Tat war.

Ein perfekter Plan?

Im Winter 1923/24 beschlossen die beiden, den perfekten Mord zu begehen. Das Versteck für die spätere Leiche war schnell gefunden: Auf seinen ornithologischen Ausflügen war Leopold auf einen geeigneten Durchfluss im Sumpfland südlich von Chicago gestossen. Immer und immer wieder übten sie in der Folge den Ablauf ihres Verbrechens. Einzig bei der Auswahl des Opfers liessen sie sich bis zum Tag des Verbrechens Zeit.

Als sie am Nachmittag des 21. Mai 1924 Bobby Franks an der 48. Strasse – Ecke Ellis sahen, wussten sie: Der ist es. Die beiden lockten ihn in ihr Mietauto, wo Loeb mehrfach mit einem Meissel auf den Kopf des Jungen einschlug, ohne ihn jedoch zu töten. Erst als er ihm einen Socken in den Hals steckte, erstickte der schwer verletzte Junge.

Lösegeldforderung als Tarnung

Bevor sie die Leiche dann versteckten, machten sie sie mit Salzsäure unkenntlich. Um von ihrer Spur abzulenken, sandten sie noch eine Lösegeldforderung über 10'000 Dollar an Franks reichen Vater. Alles verlief vermeintlich nach Plan. Und schon am nächsten Tag ging Loebs grosser Wunsch in Erfüllung: Ganz Chicago sprach über das Verschwinden des Buben.

Doch dabei blieb es nicht: Plötzlich schrieben die Reporter von Mord. Auch die Begriffe «Leiche» und «Spuren» tauchten in den Zeitungen auf. Loeb und Leopold dämmerte: Irgendwas war schiefgelaufen.

Der Zufall als Feind

Tatsächlich: So gut die Vorbereitungen auch gewesen sein mögen, der Zufall machte den Studenten einen Strich durch die Rechnung. Just am Tag nach dem Verbrechen machte sich ein Arbeiter an besagtem Abflussrohr zu schaffen.

Weil dieser nicht nur die Leiche, sondern auch Leopolds Brille fand, die dieser beim Ablegen des Opfers verloren hatte, waren die beiden reichen Studenten schnell gefasst. Das perfekte Verbrechen war für die Täter zum Desaster geworden.

Anwaltlicher Winkelzug

Nun drohte Leopold und Loeb der Strang. Ihre Eltern engagierten deshalb den bekannten Anwalt Clarence Darrow, einen erbitterten Gegner der Todesstrafe. Doch zur Überraschung aller, plädierte dieser nicht auf Freispruch wegen Unzurechnungsfähigkeit.

Er liess die beiden sich schuldig bekennen und erreichte so, dass der Fall vor einem Einzelrichter und nicht vor einem Geschworenengericht verhandelt wurde. Angesichts der Grausamkeit des Verbrechens hätten die Geschworen sicherlich auf der Todesstrafe bestanden.

Darrow wusste nun den Prozess, der weltweit Beachtung fand, als Bühne für seinen Kampf gegen die Todesstrafe zu nutzen. Mit einer Rede, die als die beste seiner Laufbahn gilt, brachte er den Richter dazu, von der Todesstrafe für die beiden abzusehen. Darrow argumentierte unter anderem damit, dass die beiden noch minderjährig waren.

Am 10. September 1924 wurden Leopold und Loeb zu je 99 Jahren Gefängnis verurteilt. Loeb wurde nach elf Jahren von einem Mithäftling erstochen. Leopold kam 1958 frei und verstarb 1971 an einem Herzinfarkt.

(fee/jcg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • klare Worte am 08.05.2016 07:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Humboldt war Weise

    ein interessanter Beitrag der aufzeigt, dass Intelligenz, wie sie meist betrachtet wird, respektive an Schulen gelehrt, kein Indiz für menschliche Intelligenz darstellt.

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  • Denise am 08.05.2016 08:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der kleine Unterschied

    Bemerkenswert wie geschrieben wurde " aus gutem Hause" Aus reichem Hause wäre wohl treffender; ob es gut war, bleibt dahingestellt.

  • Bruno am 08.05.2016 04:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut

    Nur gut, dass die beiden richtig bestraft wurden. Das war besser als Todesstrafe. Da hatte sie doch Zeit zum reflektieren und die Eltern, welche mit Geld alles abzuwenden versuchten, hatten auch noch lange etwas zu denken und wahrscheinlich kostete es noch lange viel Geld zum doch noch einen Freikauf zu tätigen - zum Glück erfolglos.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Zufall am 08.05.2016 22:56 Report Diesen Beitrag melden

    Mord als Verkettung von Zufällen

    Dieser Artikel zeigt, dass der Zufall im Leben eine viel grössere Rolle spielt als alles andere.

  • Black am 08.05.2016 21:47 Report Diesen Beitrag melden

    Das perfekte Verbrechen gibt es öfters

    als wir denken. Aber erfahren tut man nie davon. Das liegt in der Natur der Sache ,)

  • Gerichtsschreiber am 08.05.2016 11:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch in der Schweiz

    In der Schweiz werden Kinder aus besserem Hause anders gerichtet als Normalbürger-Kinder. Habe meinen Job bei Gericht aufgegeben, weil ich diese Ungerechtigkeit nicht mehr aushielt.

  • Tobias am 08.05.2016 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Da wird man ganz schnell zum...

    ... Übermenschen, denn:"...hinausgewachsen ist oder hinausstrebt.", d.h. ist muss es nur anstreben, und schon bin ich ein Übermensch! Ergo: alle Menschen sind Übermenschen!

  • Sonntagslektüre am 08.05.2016 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Cui bono?

    Ich finde es nicht uninteressant, dass diese Zeitung einen grässlichen Mord an einem zufällig "ausgewählten" Knaben als Beleg für die hier oft an den Tag gelegte Bildungsfeindlichkeit anführt!