Kampf um Reitschule

26. Oktober 2012 10:54; Akt: 26.10.2012 11:26 Print

Berns heissester Herbst jährt sich zum 25. Mal

Krawalle, Konflikte, Konzerte: Vor 25 Jahren besetzten links-autonome Jugendliche erstmals die Berner Reitschule. Das Ereignis war der Auftakt zu gewalttätigen Kämpfen und zähen Verhandlungen.

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Der - vorläufig - letzte Sieg für die Reithalle: Am Sonntag, 26. September 2010 feiern vornehmlich Jugendliche das Abstimmungsergebnis zugunsten der Erhaltung der Reitschule in Bern. In den 11 Jahren zuvor hat das Berner Stimmvolk das Kulturzentrum bereits in vier Abstimmungen vor dem Aus bewahrt. Damit wird die reichhaltige Geschichte um die Reithalle fortgesetzt. 1919 sorgten vor der Reithalle noch andere Gäste für Spektakel: Der Zirkus Knie spannte sein Zelt auf dem Vorplatz. Im Bild warten am 14. Juni 1919 Gäste auf Einlass. In den 1980er Jahren rückt die Reitschule im Zuge der Jugendunruhen in den Fokus von Politik und Jugendbewegung. Am 16. Oktober 1981 wird sie eröffnet. Doch das basisdemokratisch verwaltete Jugendzentrum ist dem bürgerlich dominierten Bern ein Dorn im Auge. Die Politik fordert namentlich bezeichnete Verantwortliche und einen «geordneten Betrieb». Es kommt zu keiner Einigung. Am 14. April 1982 wird die Reithalle polizeilich geräumt. In der gleichen Nacht kommt es zu heftigen Strassenschlachten. Die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR) tritt am 24. Februar 1986 mit einem Appell erstmals in Erscheinung. Sie fordert den Stadt- und Gemeinderat auf, die Reithalle zu sanieren und für eine vielfältige, kulturelle Nutzung freizugeben. Im Februar 1987 spricht sich der Stadtrat mit 35:33 Stimmen für den Abbruch aus. Gleichzeitig reicht die Nationale Aktion (später Schweizer Demokraten) eine Volksinitiative zum Abbruch der Reithalle ein. Bereits nach der Räumung des besetzten Wohn- und Kulturraums ZAFF - dem wohl legendärsten Ort der Berner Subkultur in den Achtzigerjahren - finden in Bern diverse «Strafbars» statt. Bands wie die damals aufstrebenden Züri West (hier bei ihrem Dachterrassen-Konzert 2004 in Bern) spielten oft gratis in illegalen Bars. Züri-West-Gitarrist Küse Fehlmann sagte später über das Ziel der Strafbars: «Wir wollten die Reithalle zurück.» Am 24. Oktober 1987 war es soweit: Erstmals seit fünf Jahren wurde die Reithalle wieder kulturell genutzt. Über tausend Leute und 13 Bands füllten das Gebäude im Rahmen einer «Strafbar». Die illegale Veranstaltung wurde um 5 Uhr morgens von der Polizei beendet. Doch die Szene war nicht mehr aufzuhalten. In einem Kellerlokal wurde gleich darauf die Idee eines Kulturstreiks ausgeheckt: Kulturveranstalter, Buchhandlungen, das Konservatorium und szenennahe Restaurants und Bars sollten sich mit der Reitschule solidarisieren. Das IKuR erkämpfte - getragen von einer breiten Solidaritätswelle - schliesslich eine Bewilligung für ein Fest in der Reithalle. Am Samstag, 31. Oktober 1987 kommt es in der Reithalle zum legendären «Kulturstreik». Nahezu alle kulturellen Institutionen verlegen ihr Programm in die Reithalle. Tausende strömten in die Reithalle. Dort traten Züri West und zwölf andere Bands auf. Stephan Eicher, der am Tag zuvor in Bern auftrat, kam extra nochmal zurück nach Bern, um in der Reithalle auf die Bühne zu stehen. Spät in der Nacht tauchte auch Polo Hofer noch auf. Doch Ruhe kehrt damit nicht ein... (Im Bild: 20 Jahre nach dem «Kulturstreik» feierte die Berner Reithalle am 2. November 2007 das Jubiläum unter anderem mit einer Ausstellung im Innenhof.) Am 17. November 1987 - gut zwei Wochen nach dem «Kulturstreik» - stürmen Polizisten die alternative Wohnsiedlung Zaffaraya: Nach mehreren Ultimaten räumen die Einsatzkräfte das Areal, vertreiben die Besetzer mit Gummischrot und Tränengas, sperren das Gelände und lassen Bagger auffahren. Nach der Räumung treten rund 2000 Schülerinnen und Schüler von 30 öffentlichen und privaten Schulen sowie 120 Sozialarbeiter in einen Proteststreik. (Im Bild: Eine Protestaktion im Juli 1985 im Schwimmbad gegen den Abriss des besetzten Hauses ZAFF, dem Vorgänger des Zaffaraya). Im November und Dezember wird weiter demonstriert und werden Häuser besetzt. Die Ladengeschäfte der Berner Innenstadt verzeichnen laut eigenen Angaben Einbussen im Weihnachtsgeschäft von 10 bis 20 Prozent. Die Stadt beschliesst, die Reithalle über Weihnachten unter Auflagen frei zu geben. Am frühen Morgen des 13. Oktober 1990 wird ein Brandanschlag auf die Reithalle verübt. Molotows treffen die renovierte Remise. Diese brennt vollständig aus, Teile des Wohnhausdaches werden zerstört. Im Wohnhaus findet die Feuerwehr Propangasflaschen mit geöffneten Ventilen. 25 Jahre später ist die Reithalle immer noch Dauerthema der städtischen Sozial-, Sicherheits- und Kulturpolitik. Für die einen bleibt sie ein «Schandfleck», für die anderen Symbol des kulturpolitischen Kampfs der Berner Jugendkultur. Das «Sous le Pont» zieht jeden Abend hunderte Besucher an.

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Es sind die 80er-Jahre - in Zürich lösen die Krawalle mehrerer hundert Jugendlicher vor dem Opernhaus Proteste in der ganzen Schweiz aus, in Bern fordert die links-autonome Bewegung ein Jugendzentrum und nimmt im Jahr 1981 erstmals die Reithalle in Beschlag. Doch das «Begegnungszentrum» überlebt nur kurz: Bereits 1982 wird das Gebäude an der Neubrückenstrasse geräumt und verbarrikadiert. Das Haus bleibt ungenutzt, doch in Bern brodelt es weiter.

Mit «Straf-Bars» und unbewilligten Konzerten wird gegen das mangelhafte Kulturangebot protestiert. Als der Stadtrat im Februar 1987 beschliesst, die Reithalle abzubrechen, und mit der Schliessung des 1985 errichteten Hüttendorfs Zaffaraya droht, laufen die Anhänger der Reitschul-Bewegung Sturm. In der Nacht vom 24. Oktober 1987 ziehen rund tausend Jugendliche in das verriegelte Gebäude und fordern die Wiedereröffnung der Reitschule als Autonomes Jugendzentrum.

Der «heisse Herbst» in Bern

Es ist der Auftakt zum wohl heissesten Herbst in der jüngeren Berner Stadtgeschichte: Am Tag nach der Besetzung zieht eine Demonstration durch die Innenstadt – zerbrochene Scheiben, zerstörtes Mobiliar im Stadttheater und Farbanschläge veranlassen die Polizei dazu, die Reithalle wieder rund um die Uhr zu bewachen. Drei Tage später reicht die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR), getragen von einer breiten Solidaritätswelle und unterstützt von mehreren Kulturlokalen, ein Gesuch für die Bewilligung eines Festes ein.

Unter grossem Druck erlaubt der Gemeinderat den «Kulturstreik» am 31. Oktober: Tausende von Besuchern, dreizehn Bands und zahlreiche Kunstdarbietungen versammeln das nahezu komplette Nachtprogramm der Kulturlokale Berns unter dem Dach der Reithalle. Die links-autonome Bewegung fordert die Freigabe sämtlicher Räume des Reitschulareals und verlangt uneingeschränkte Selbstverwaltung des Gebäudes.

Nach dem Kulturstreik verlagern sich die Konflikte – das Hüttendorf Zaffaraya steht unter Beschuss. Als am 15. November das gemeinderätliche Ultimatum zur Räumung des Geländes verstreicht, errichten rund 200 Sympathisanten und Anhänger der Reitschul-Bewegung Barrikaden auf dem Gaswerkareal. Zwei Tage später schreitet die Polizei ein. Es kommt zu schweren Auseinandersetzungen mit dutzenden Verletzten.

Schandfleck oder Kulturoase?

Eine Welle der Entrüstung erfasst die Bevölkerung – Berner Schüler treten in einen Protest-Streik, die Studios zweier Lokalradios werden besetzt und 10 000 Demonstranten fordern die Freigabe des Geländes. Der Gemeinderat gibt dem starken öffentlichen Druck nach und sichert der IKuR zu, dass ein Teil der Reithalle unter der Einhaltung strikter Auflagen provisorisch wieder geöffnet werden kann.

Doch damit sind die Konflikte nicht behoben – die Bewegung fordert Autonomie. Bei einer weiteren Hausräumung in Bern werden über hundert Personen verhaftet, Anfang Dezember zieht mehrmals ein tausendköpfiger Demonstrationszug durch die Hauptstadt und stört den Weihnachtsverkauf. Nach diesen Krawallen und der provisorischen Öffnung beginnt die Zeit zäher Verhandlungen. Erst nach vier Jahren, im Dezember 1991, stimmt die IKuR dem gemeinderätlichen Vertrag zur Nutzung der Reithalle zu.

Doch das Kulturzentrum bleibt ein Brennpunkt in der Bundesstadt. Unruhen zwischen den Besetzern des Vorplatzes auf dem Reitschulgelände und der IKuR sowie erneute Räumungen sorgen bis in die Gegenwart für Konflikte und negative Schlagzeilen. Schandfleck im Herzen Berns oder Kulturoase ausserhalb gängiger Konventionen? Die Reithalle polarisiert nach wie vor. Doch sicher ist: Das autonome Kulturzentrum kann sich seit der ersten Besetzung vor 25 Jahren als solches halten und noch immer auf eine breite Unterstützung zählen. Auch die jüngste Initiative der SVP zum Verkauf der Immobilie ist im September 2010 auf klare Ablehnung gestossen.

(dwi/meg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sepp am 26.10.2012 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ein 42 jähriger ex-chaot

    An alle die für eine Schliessung sind, müssten dann in kauf nehmen, dass diese ach so schlimmen chaoten nacher irgendwo in der Berner Innenstadt oder am Bahnhof rumhängen. Verschwinden tun die nicht, auch wenn eine Reitschule weg ist. Wenn man den Jungen alles wenimmt, dann nehmen sie sich einfach irgendwas zurück. Das war schon immer so und ist auch gut so. Wenn man nicht ernst genommen wird und ausgenutzt wird (die jungen) und trotzdem ständig schuld an allem sind, dann kommt irgendwann die Rechung. Auch die jungen haben respekt verdient!

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  • Urgestein am 26.10.2012 15:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schandfleck

    Wier haben alle unsere Träume und müssen uns auch an die Gesetze halten. Sollte auch für die Autonomen gelten

  • Glünggi Müller am 27.10.2012 05:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Parkhaus

    Warum macht man nicht ein Parkhaus aus der Reithalle? So hätte man das Parkplatzproblem in Bern gelöst! Ausgangslokale hat es nämlich mehr als genug.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peacekeeper123 am 28.10.2012 08:43 Report Diesen Beitrag melden

    Platz für Veränderungen schaffen

    Die Jugendlichen haben genügend andere Möglichkeiten ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen. Statt zu randalieren, saufen, bekiffen oder Polizisten anzugreiffen sollten sie sich mal richtige Hobbys zulegen und etwas sinnvolles tun. Sport, Vereine, Basteln, Wandern egal was, hauptsache etwas gescheites. Mit Kultur hat die Reithalle nichts zu Tun, es ist einfach ein Ort geworden, wo sich die Versager unserer Gesellschaft treffen und ihren Frust ausleben. Alles Andere sind nur Argumente von Leuten, welche Blind durchs Leben laufen und eine rosa Sonnenbrille tragen.

    • Reto Fehnder am 29.10.2012 12:45 Report Diesen Beitrag melden

      @Peacekeeper123

      Tolle Meinung, vone jemmanden, der noch nie dort war.... Ich war am Freitag dort. Selten eine so friedliche Party erlebt..

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  • Kusi am 27.10.2012 07:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sprengen!

    Abreissen und Wohnungen bauen. Wenn man bedenkt: Die Stadt Bern rodet Wälder um Wohnungen bauen zu können und lässt Chaoten auf gutem Bauland hausen.

  • Glünggi Müller am 27.10.2012 05:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Parkhaus

    Warum macht man nicht ein Parkhaus aus der Reithalle? So hätte man das Parkplatzproblem in Bern gelöst! Ausgangslokale hat es nämlich mehr als genug.

    • Bruno Zweig am 27.10.2012 17:29 Report Diesen Beitrag melden

      Warum wohl?

      Weil der Platz den Jugendlichen gehört, die später Ihnen Ihre Rente zahlen wird. Denken Sie bitte einmal nach...

    • Renato am 27.10.2012 18:08 Report Diesen Beitrag melden

      Bruno weiter denken...

      Bruno denke einmal weiter? Die Jugendlichen zahlen auch ohne Reitschule unsere Renten :o)

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  • Lady Sandra am 27.10.2012 04:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kultur in Bern

    Ich ziehe nächste Woche von Zürich nach Bern. Werde da selbständig einen Landwirtschaftlichen Betrieb leiten. Das einzige, was ich in Bern kenne, ist die Reithalle, da ich als Jugendliche ein paar mal da war. Ich habe mir vorgenommen, WENN ich mal Zeit für Ausgang habe, in die Reithalle zu gehen. Bern hat ja hoffentlich noch anderes zu bieten, aber die Reithalle habe ich schon vor Jahren ins Herz geschlossen und hoffe, sie als erster Anlaufpunkt um interessante Kontakte zu knüpfen, nutzen zu können! Kultur- Organisatoren sind keine Verbrecher, sondern arbeiten um Bern attraktiv zu machen!

    • peppino buchanan am 27.10.2012 13:07 Report Diesen Beitrag melden

      Umzug nach Bern find ich gut

      Nein, Liebe Sandra die Organisatoren sind tatsächlich keine Verbrecher. Jedoch gehts hier fast immer um Kohle! und nicht um Kultur.

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  • B. Setzer am 27.10.2012 00:48 Report Diesen Beitrag melden

    Besetzte Häuser

    bereichern die (Sub-)Kultur der grossen Städte wie Zürich und Bern. Und sollte man sie schliessen dann wird sich das gleiche wie am Bellevue 2011 wiederholen. Reitschule & Binz bleiben!