Kunstgeschichte

25. Oktober 2009 08:20; Akt: 09.02.2010 19:10 Print

Wer war Shakespeare?

von Daniel Huber - Mit schöner Regelmässigkeit wird der Disput erneut entfacht: Wer schrieb tatsächlich diese wortgewaltigen Werke der Weltliteratur wie «Hamlet», «Macbeth» oder «Othello»?

storybild

William Shakespeare: Phantom, Pseudonym oder realer Mensch?

Zum Thema
Fehler gesehen?

In der aktuellen Ausgabe der «Weltwoche» präsentiert Daniele Muscionico einen, wie sie sagt, «hinreissenden Indizienroman», der endlich mit einer schon längst schwelenden Unklarheit aufräumt: Shakespeare — diesen Weltliteraten, «von dem man nichts wusste» — gab es gar nicht. Mit seinen Forschungen belege der Shakespeare-Experte Kurt Kreiler, dass sich hinter dem Pseudonym Shakespeare der 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, verborgen habe.

Fehlende Belege

In der Tat, der Indizien gibt es viele: Wie konnte ein bescheidener englischer Schauspieler so weltläufig sein, dass er Sprache und Landschaft Italiens kannte? Und vor allem: Wo sind die Zeugnisse, die seine Existenz zweifelsfrei belegen? Ausser einer Büste in Stratford-upon-Avon und sechs eigenhändigen — zudem verdächtig ungelenken — Unterschriften ist da kaum etwas. Der britische Autor John Michell meinte in seinem Werk «Who Wrote Shakespeare?», die bekannten Fakten über Shakespeares Leben hätten auf einem Blatt Papier Platz.

Die Mehrzahl der etablierten Literaturwissenschaftler aber widerspricht den Skeptikern: Dieser Mangel an Zeugnissen und Belegen
sei angesichts der lange zurückliegenden Lebenszeit kaum überraschend. Zudem sei das Leben von Angehörigen niederer sozialer Schichten damals kaum dokumentiert worden — Shakespeare sei da keine Ausnahme.

Disput ohne Ende

Die Kontroverse ist alles andere als neu. Anti-Stratfordianer — also jene, die an Urheberschaft oder gar Existenz Shakespeares zweifeln — und Stratfordianer, die Apologeten des wissenschaftlichen Status quo, bekriegen sich seit langem. In schöner Regelmässigkeit lodert der Disput über den wahren Shakespeare von Neuem auf. Der Earl of Oxford wurde beispielsweise schon 1920 zum ersten Mal als der Mann hinter dem angeblichen Pseudonym Shakespeare entlarvt. Diese vom englischen Schullehrer J. Thomas Looney vorgeschlagene Theorie der Urheberschaft der shakespearschen Werke fand schnell eine begeisterte Anhängerschaft, darunter so illustre Namen wie Sigmund Freud oder Orson Welles. Mittlerweile ist Edward de Vere, lange schon vor Kreilers Indizienroman, der meistgenannte Kandidat, wenn es darum geht, Shakespeares wahre Identität zu lüften. Der Earl wird sogar von einer eigenen «Shakespeare Oxford Society» propagiert, die 1957 gegründet wurde.

Aber es gibt noch eine ganze Reihe anderer Kandidaten: Neben wenig glaubwürdigen wie Queen Elizabeth I. oder König Jakob I. werden auch solche nicht-königlichen Geblüts genannt wie beispielsweise Sir Francis Bacon. Dieser berühmte Wissenschaftler und Politiker, der bereits 1856 als wahrer Shakespeare ins Spiel gebracht wurde, fand in dieser Funktion ebenfalls eine treue Anhängerschaft. Eine Abart dieser Theorie ging gar davon aus, dass eine um Bacon zentrierte Gruppe von Schriftstellern gemeinsam hinter dem Pseudonym Shakespeare stand — das Shakespeare-Kollektiv, gewissermassen.

Stilistische Parallelen

Hoch gehandelt wird auch der begnadete Literat Christopher Marlowe, vor allem aufgrund stilistischer Parallelen zwischen seinem und dem shakespearschen Werk. Freilich hat diese Theorie mit der lästigen Tatsache zu kämpfen, dass der Dramatiker wohl schon längst verstorben war, als die meisten Stücke Shakespeares entstanden. Das Argument der stilistisch-qualitativen Übereinstimmung wurde freilich auch im Falle von de Vere vorgebracht: 1937 stellte Professor Louis P. Benezet ein Kunstgedicht aus etwa gleich viel Zeilen Shakespeare und de Vere zusammen, das als «Benezet-Test» bekannt wurde und klar zeigt, dass es unmöglich ist, die Abschnitte nur aufgrund der sprachlichen Qualität dem betreffenden Dichter zuzuweisen.

Die Gesamtzahl der «wahren Shakespeares» lässt sich mithin kaum überblicken. Sicher aber ist, dass in der langen Diskussion um Shakespeares wahre Identität das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.