Übermenschliche Leistung

14. Dezember 2011 11:33; Akt: 14.12.2011 11:57 Print

Das gnadenlose Wettrennen zum Südpol

von Rolf Maag - Am 14. Dezember 1911 erreichte der Norweger Amundsen als erster Mensch den Südpol - fünf Wochen vor seinem britischen Rivalen Scott. Dieser bezahlte die Verspätung mit seinem Leben.

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Am Südpol, aber 33 Tage zu spät: Das vom Scott Polar Research Institute (SPRI) veröffentlichte Bild zeigt Captain Lawrence Oates, Captain Robert Falcon Scott, Bootsmann Edgar Evans (hinten, v.l.), Leutnant Henry Bowers und Edward Wilson (vorn, v.l.) im Januar 1912. >>> Infografik: Die norwegische Konkurrenz war schon am 14. Dezember 1911 am Pol: Auf dem Foto vom 16. Dezember grüssen Roald Amundsen (l.) und seine Kollegen Oscar Wisting (2.v.l.), Sverre Hassel (2.v.r.) und Helmer Hansen (r.) die norwegische Flagge. Das norwegische Team vor dem Aufbruch zum Pol in der Basis «Framheim» bei der Bucht der Wale: Adolf Lindstrøm, Sverre Hassel, Oscar Wisting, Helmer Hanssen, Roald Amundsen, Jørgen Stubberud und Kristian Prestrud. An Scotts Terra-Nova-Expedition, die von 1910 bis 1913 verschiedene Teil-Expeditionen ausführte, waren insgesamt 65 Männer beteiligt. Bild: Scotts Schiff, die «Terra Nova», auf dem Weg ins Packeis. Die «Terra Nova» liegt nahe beim Packeis vor Anker. Pinguine im Januar 1911 am Kap Evans. Am Kap Evans befand sich Scotts Basislager. Mitglieder der britischen Antarktis-Expedition vor einer Eishöhle. Im Juni 1911 brach eine Gruppe von drei Männern - Edward Wilson (M.), Henry Robertson Bowers (l.) und Apsley Cherry-Garrard - von Hut Point aus auf, um am Kap Crozier die Embryologie des Kaiserpinguins zu studieren. Bowers (M.), Wilson (l.) und Cherry-Garrard nach ihrer Rückkehr von Kap Crozier. Die strapaziöse Reise hatte sie beinahe das Leben gekostet. Edward Wilson Expeditionsteilnehmer auf einer Aufnahme vom Oktober 1911. Drei Mitglieder der Nordgruppe, die den Winter 1912 nur mit knapper Not lebend überstanden. Scott (hier auf einer früheren Aufnahme in Paradeuniform) brach am 1. November 1911 zur eigentlichen Südpolarreise auf, zwölf Tage später als sein Konkurrent Amundsen. Am 4. Januar 1912 traf er die Entscheidung, welche vier Männer mit ihm zum Südpol vordringen sollten. Die anderen kehrten um. Diese vier Männer waren Edward Wilson, ... Henry Robertson Bowers, ... Lawrence Oates und ... Edgar Evans. Scott (l.) und seine Männer beim Zelt, das Amundsen am Pol hinterlassen hatte. Auf dem Rückweg gerieten die von Hunger und körperlicher Anstrengung entkräfteten Männer in einen neun Tage anhaltenden Schneesturm. Ende März waren alle tot. Ihre Leichen wurden samt Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen erst im November gefunden und an Ort und Stelle begraben. >>> Artikel:

Scott und seine Männer überlebten die Expedition nicht. Doch die Fotos, die sie schossen, blieben erhalten.

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Als der britische Marineoffizier Robert Falcon Scott am 17. Januar 1912 mit seinen Männern endlich am südlichsten Punkt der Erde eintraf, musste er eine bittere Enttäuschung erleben: Im Wind flatterte eine norwegische Flagge, und kurze Zeit später stiessen sie auf ein schwarzes Zelt, in dem sein Konkurrent Roald Amundsen einen Brief an den norwegischen König hinterlassen hatte. Beigefügt war eine kurze Notiz mit der Bitte an Scott, den Brief dem Adressaten zu überbringen, falls die Norweger auf dem Rückweg umkommen sollten.

Eigentlich hatte der 1872 geborene Amundsen immer davon geträumt, der erste Mensch am Nordpol zu sein, doch seit die Amerikaner Frederick Cook und Robert E. Peary behaupteten, diesen 1908 beziehungsweise 1909 erreicht zu haben - beide Ansprüche sind bis heute umstritten -, richtete sich sein Ehrgeiz auf den noch kälteren Südpol.

Nordwestpassage durchfahren

Amundsen konnte bereits auf eine beträchtliche Erfahrung in den unwirtlichsten Regionen der Erde zurückblicken, denn Ende des 19. Jahrhunderts hatte er an einer belgischen Expedition in die Antarktis teilgenommen, und zwischen 1903 und 1906 war es ihm gelungen, als Erster die Nordwestpassage zu durchfahren, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Mit dem Einverständnis seines berühmten Landsmannes und erfolgreichen Polarforschers Fridtjof Nansen konnte Amundsen sein Unternehmen mit dessen legendärem Schiff «Fram» in Angriff nehmen; die nicht unbeträchtlichen Kosten deckten Spenden und ein grosszügiger Kredit des norwegischen Parlamentes. Weil er seit September 1909 wusste, dass auch Scott den Südpol im Visier hatte, weihte er nur wenige ausgesuchte Leute in seine Pläne ein, um gegenüber seinem Konkurrenten im Vorteil zu sein.

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Infografik: Wettlauf zum Südpol

Ein Fehlschlag

Am 9. September 1910 informierte Amundsen die Mannschaft der «Fram», die in Madeira vor Anker lag, von seiner Absicht, den Südpol zu erobern, und stellte es den Männern frei, das Schiff zu verlassen, doch keiner machte von dieser Möglichkeit Gebrauch. Noch am selben Abend brachen sie auf. Am 14. Januar 1911 erreichte die «Fram» die «Bucht der Wale» in der Antarktis, wo eine Fertigteilhütte und ein Zeltlager aufgebaut wurden. In den folgenden Monaten errichtete man verschiedene Depots mit Nahrungsvorräten (vor allem Robben- und Pinguinfleisch) im Landesinneren, bis der antarktische Winter einbrach, der die Norweger zur Untätigkeit verdammte.

Weil Amundsen unbedingt Scott zuvorkommen wollte, brach er bereits am 8. September mit acht Männern zum Südpol auf, musste jedoch wieder umkehren, weil die Temperatur plötzlich auf minus 56 Grad Celsius fiel. Dieser fehlgeschlagene Versuch führte zum Zerwürfnis mit dem erfahrenen Polarforscher Hjalmar Johansen, der Amundsen vorwarf, bei der Rückkehr nicht auf einen zurückgebliebenen Schlitten gewartet zu haben. Johansen wurde darauf von der Südpolgruppe ausgeschlossen und stattdessen zu Forschungszwecken in den Osten der Antarktis geschickt. Er verwand diese Enttäuschung nie und beging später Selbstmord.

Das Unternehmen gelingt

Am 20. Oktober begann der zweite Versuch. Dieses Mal wurde Amundsen von lediglich vier Männern begleitet. Sie hatten vier Schlitten und 52 Grönlandhunde dabei; ein Mann lief immer vor den Schlitten her, um die Hunde zu leiten, während der Fahrer des ersten Schlittens ihm mit einem Kompass den Weg wies. Unterwegs mussten sie mehrere Bergketten und Gletscher überwinden, die Amundsen nach Gönnern seiner Expedition benannte.

Als sie am 14. Dezember schliesslich das Ziel erreichten, wollte Amundsen ganz sicher sein, dass sie sich tatsächlich auf 90 Grad südlicher Breite befanden. Er liess seine Männer daher drei Tage lang auf Skiern in mehrere Richtungen ausschwärmen; sie führten an verschiedenen Orten zu verschiedenen Tageszeiten Messungen mit dem Sextanten durch, um ihre Position möglichst exakt zu bestimmen. Die anschliessende Rückreise schafften sie in 99 Tagen, zehn weniger, als sie erwartet hatten. Von den ursprünglich 52 Hunden überlebten elf, der Rest war an ihre Artgenossen verfüttert oder von den Männern selbst verspeist worden.

Scotts Leidensweg

Das Konkurrenzunternehmen von Robert Falcon Scott stand von Anfang an unter einem ungünstigen Stern. Erst hatte er Mühe, das nötige Geld aufzutreiben, dann geriet sein Schiff «Terra Nova», das am 29. November vom neuseeländischen Port Chambers aus in See gestochen war, in mehrere Stürme und in Packeis; es wurde erheblich beschädigt. Sein Basislager am Kap Evans lag nur 320 Kilometer westlich von demjenigen Amundsens.

Scott brach am 1. November 1911 auf, zwölf Tage später als sein Konkurrent. Im Gegensatz zu den Norwegern setzten die Briten nicht nur auf Hunde, sondern auch auf Motorschlitten und Ponys, was sich als verhängnisvoller Fehler erwies, denn die Schlitten versagten bald den Dienst, während die Kleinpferde allesamt verendeten. Sie mussten ihre Schlitten daher grösstenteils selbst ziehen. Dennoch erreichte Scott mit vier Männern am 17. Januar 1912 völlig abgekämpft den Südpol, wo sie entsetzt feststellen mussten, dass die Norweger ihnen zuvorgekommen waren. In seinem Tagebuch schrieb der niedergeschlagene Scott: «Das Schlimmste ist eingetreten … Alle Träume sind dahin … Grosser Gott, dies ist ein schrecklicher Ort!»

Auf dem Rückweg gerieten die von Hunger und körperlicher Anstrengung entkräfteten Männer in einen neun Tage anhaltenden Schneesturm; Ende März waren sie tot. Ihre Leichen wurden samt Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen erst im November gefunden und an Ort und Stelle begraben. Obwohl er das Rennen verloren hatte, behielten viele den britischen Gentleman Scott in besserer Erinnerung als Amundsen, der oft als skrupelloser Ehrgeizling dargestellt wird.

Pflichtstoff an Norwegens Schulen

Wenig überraschend sah und sieht man das in Norwegen ganz anders. Das Land am Nordrand Europas gehört heute zu den reichsten der Welt, doch damals war es bitterarm und hatte zudem noch kaum eine eigene Identität ausgebildet, da es erst 1905 die Unabhängigkeit von Schweden erlangt hatte. Die Norweger waren daher mächtig stolz darauf, dass einer der Ihren in einer spektakulären, von der ganzen Welt beachteten Auseinandersetzung mit einem Vertreter des britischen Weltreiches die Oberhand behalten hatte.

Amundsen schien für Werte wie Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Durchhaltevermögen zu stehen, die bis heute das Selbstbild der Norweger prägen. An den Schulen des Landes gehört die Geschichte seiner Expedition zum Pflichtstoff. Da wollte natürlich auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg sich nicht dem Verdacht mangelnder Begeisterung aussetzen: Anlässlich des 100. Jahrestags von Amundsens Leistung verbringt er mehrere Tage am Südpol.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marcus am 14.12.2011 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr interessanter Beitrag

    Ich bin froh, dass 20min auch über solche sehr interessanten Sachen berichtet. Es stellt doch immer wieder eine Bereicherung im Wissensschatz dar!

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  • Flo am 14.12.2011 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld

    Erstaunlich wieviel schon vorher für forschung und entdeckung geld verschwendet wurde. Sie hätten nur bis jahr 2000 warten sollen jetzt kommt man mit flugzeug dort hin.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Flo am 14.12.2011 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld

    Erstaunlich wieviel schon vorher für forschung und entdeckung geld verschwendet wurde. Sie hätten nur bis jahr 2000 warten sollen jetzt kommt man mit flugzeug dort hin.

    • Peter Van am 14.12.2011 14:27 Report Diesen Beitrag melden

      Kurzsichtig

      Mit so einer Mentalität wäre Amerika bis heute noch nicht entdeckt ... was vielleicht ganz gut wäre ;)

    • Peter Fischer am 14.12.2011 14:31 Report Diesen Beitrag melden

      Wie kann man nur...

      Richtig... sofern jemand Geld verschwendet hat fuer die Entwicklung von Flugzeugen...

    • Mathias am 14.12.2011 15:02 Report Diesen Beitrag melden

      Forschung soll verschwendung sein?

      Dank Menschen wie Ihm können Flugzeuge überhaupt fliegen!

    • sebJ am 14.12.2011 16:45 Report Diesen Beitrag melden

      verschwendet?

      verschwendet.. soso! Sie denken also, die Erkenntnisse aus der Forschung sind weniger Wert als das dafür benötigte Geld? Kannst du dir vorstellen wo wir heute stehen würden ohne Forschung? Bitte denkt doch mal ein bischen weiter...

    • tina hauser am 14.12.2011 16:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      erst denken, dann reden

      Hätten wir nicht schon früher in die Forschung investiert, gäbe es heute gar kein Flugzeug ;)

    • patrick schmitt am 16.12.2011 10:49 Report Diesen Beitrag melden

      ist es

      nicht armselig wenn für jemand nur das Geld im Mittelpunkt steht und dafür die logistische Meisterleistung, Mut, Teamgeist und Abenteuerlust konsequent ignoriert?

    • manu am 16.12.2011 11:00 Report Diesen Beitrag melden

      recht hats du;

      man stelle sich vor, niemand erhebt den mahnfinger beim rauchen, autofahren oder ganz generell beim spasshaben. ok alles was spass macht dann bitte doch erfinden...;)

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  • Marcus am 14.12.2011 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr interessanter Beitrag

    Ich bin froh, dass 20min auch über solche sehr interessanten Sachen berichtet. Es stellt doch immer wieder eine Bereicherung im Wissensschatz dar!

    • Dom Hub am 14.12.2011 14:53 Report Diesen Beitrag melden

      kam auch ne doku auf zdf ;9

      Und warum ? WEill gestern die Doku auf ZDF kam :)

    • Mathias am 14.12.2011 15:10 Report Diesen Beitrag melden

      Weiter So!

      Bin gleicher Meinung. Mir scheint als ob 20 minuten sich in den letzten Wochen von den übrigen "kommerziellen-Zeitungen" abhebt. Mir kommt das gefühl auf, dass das 20 Minuten-Team ernsthaft Berichterstaten und aufklären möchte (unabhängige-Informationsverbreitung). Bei anderen Zeitungen (nicht nur Gratis!!!) ist das ja nicht immer der Fall! Ich finde es wichtig, dass es in unserem Land noch objektive/informative Berichterstattung gibt! Bitte bleibt auf diesem Weg!

    • Mia Aeppli am 14.12.2011 18:34 Report Diesen Beitrag melden

      @Mathias

      Ist übrigens nicht die einzige Zeitung, die heute darüber berichtet. Die Nzz hat es auf der Frontseite. :)

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