Nicolas Hayek

29. Juni 2010 16:44; Akt: 29.06.2010 22:20 Print

Wie Dr. Swatch eine Industrie kurierteWie Dr. Swatch eine Industrie kurierte

Als die Schweizer Uhrenindustrie am Boden lag, riefen die Manager einen nahezu unbekannten Berater zu Hilfe. Es war der Beginn einer ungeahnten Erfolgsgeschichte.

storybild

Retter der Uhrenindustrie: Hayek 1979 (Bild: Keystone)

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Ende der Sechzigerjahre produzierte die Schweizer Uhrenindustrie 44 Prozent aller Uhren weltweit. Nur 15 Jahre später stand diese Traditionsindustrie, die wie kaum eine andere typisch schweizerische Werte wie Präzision und Pünktlichkeit verkörperte, vor dem Aus: Der Anteil an der Weltproduktion war auf klägliche 13 Prozent gesunken, über die Hälfte sämtlicher Uhrenfirmen hatten ihre Tore schliessen müssen und 90 000 Arbeitnehmer, zwei Drittel aller Beschäftigten in der Uhrenindustrie, hatten ihre Stelle verloren.

Die Krise traf die traditionellen Uhrenregionen im Jurabogen mit voller Härte. Die Konkurrenz aus Fernost, die den Markt mit billigen, aber genauen Quarzuhren überschwemmte, schien übermächtig. Die Schweizer Uhrenmacher hatten zwar schon 1962 die erste batteriebetriebene Quarz-Armbanduhr entwickelt, verschliefen aber gleichwohl den Trend: Sie blieben der Herstellung hochwertiger mechanischer Uhren aus Metall verpflichtet, die damals kaum jemand mehr wollte. Damit überliessen sie das Feld den japanischen Produzenten, die von den Vorzügen der neuen Technologie zu profitieren wussten: 1969 lancierte Seiko mit der «Astron» die erste Quarz-Armbanduhr für den Massenmarkt und leitete damit die Umwälzung ein, die zur weltweiten japanischen Marktdominanz führte.

Fusion in der Not

1983, als die Lage nahezu aussichtslos geworden war, kam die Wende, die untrennbar mit einem Begriff verknüpft ist: «Swatch». Und wer Swatch sagt, der sagt im gleichen Atemzug Nicolas Hayek. Der gebürtige Libanese, der in der Schweiz mit der «Hayek Engineering AG» seine eigene Beratungsfirma gegründet hatte, war 1980 von den ratlosen Uhren-Managern geholt worden, um die Gründe für den Niedergang der Uhrenindustrie zu analysieren. Hayek empfahl die Fusion der beiden angeschlagenen Uhrenkonzerne «Allgemeine schweizerische Uhrenindustrie» (ASUAG) und «Société suisse pour l'industrie horlogère» (SSIH).

Tatsächlich schlossen sich die Gesellschaften 1983 mit dem Segen der Banken zum grössten Schweizer Uhrenhersteller «Société Suisse de Microélectronique et d'Horlogerie» (SMH) zusammen. Hayek, der sein eigenes Kapital zusammen mit weiteren Unternehmern wie Stephan Schmidheiny oder Ernst Thomke in den neuen Konzern investierte, war bei der Umstrukturierung und strategischen Neuausrichtung federführend beteiligt. Die Umstellung auf eine hoch produktive und automatisierte Fertigung, die der Schweizer Uhrenindustrie den Erfolg zurückbrachte, ist zu einem guten Teil sein Verdienst.

Symbol der Wiedergeburt

Symbol für die Wiedergeburt der Uhrenindustrie ist aber die Swatch. Hayek ist indes nicht, wie es mittlerweile oft heisst, der Vater der revolutionären Plastikuhr. Deren Entwicklung begann bereits 1978 bei der ASUAG-Tochter ETA in Grenchen, wie es der Wirtschaftsjournalist Jürg Wegelin in seinem Buch «Mister Swatch» nachzeichnet. Den Ingenieuren gelang es, die Vorgaben von ETA-Chef Ernst Thomke zu erfüllen und die Zahl der Komponenten auf einen Drittel zu verringern, was eine automatisierte Herstellung erlaubte und die Kosten entscheidend senkte. 1981 lagen die ersten Prototypen vor. Hayek erkannte das Potenzial der Billiguhr, und mit seinem Charisma überzeugte er Management und Banken.

Der Rest ist — mehr oder weniger — Geschichte: Am 1. März 1983 wurde die Swatch der Öffentlichkeit präsentiert, 1984 waren bereits 800 000 Exemplare der Swatch über den Ladentisch gegangen, zehn Jahre später erreichte der Anteil der Schweizer Uhren am weltweiten Markt 53 Prozent. Im Jahr 2000 wurden zum ersten Mal Uhren im Wert von mehr als 10 Milliarden Franken exportiert. 2009 generierte der längst in «Swatch Group» umbenannte und von Hayek kontrollierte Branchenführer SMH einen Umsatz von 5,4 Milliarden Franken und einen Reingewinn von 760 Millionen; und zwar nicht nur mit Plastikuhren, sondern zunehmend mit dem Verkauf von mechanischen Luxusuhren. Der Erfolg der Uhrenbranche stärkte das Selbstvertrauen der ganzen Schweizer Industrie — aus der Uhrenkrise wurde eine Erfolgsstory.

(dhr)