Motörchen der Befreiung

12. Januar 2012 10:30; Akt: 12.01.2012 11:45 Print

Als der Orgasmus weiblich wurdeAls der Orgasmus weiblich wurde

von Philipp Dahm - Der Vibrator wurde von Männern erfunden, um angeblich kranke Frauen zu behandeln: Der neue Kinofilm «Hysteria» zeichnet den Siegeszug des grossen «Manipulators» nach.

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Der moderne Vibrator hat eine Vergangenheit, die der Film «Hysteria» im Januar 2012 aufgreift: Die Massagestäbe waren ursprünglich ein Werkzeug für Ärzte. Die vermeintliche «Krankheit», die sie damit bekämpften, war «weibliche Hysterie». Seit der Antike diagnostizierten Doktoren das Phänomen, ... ... das häufig Witwen, Nonnen und Verheiratete traf, die mit ihrem Gatten nicht glücklich wurden. Nur Fieber wurde früher häufiger diagnostiziert. Während jungen, ledigen Frauen mit Symptomen wie Angstzuständen, Unterleibsdruck oder vermehrter Vaginalsekretproduktion geraten wurde, zu heiraten,... ... gab es für die restlichen Damen andere Möglichkeiten zur Erleichterung: Ärzte empfahlen entweder Massnahmen wie kräftiges Reiten auf dem Rücken eines Pferdes, das Wiegen im Schaukelstuhl oder sich deftig in einer Kutsche oder einem Zug durchrütteln zu lassen. Oder aber sie massierten die Genitalien der Frauen. Diese Genitalmassage wurde nicht als sexueller Akt betrachtet und ist von historischen Grössen von Hippokrates (460 bis 370 v. Chr.) über den Perser Avicenna (980 - 1037) bis hin zu Paracelsus (1493 bis 1541) verbürgt. Wie kamen die Männer bloss auf diese Idee? Es liegt daran, dass in einer damals von Männern dominierten Welt der weibliche Orgasmus als Nebenprodukt des männlichen Höhepunktes gesehen wurde. Kam eine Frau beim Koitus nicht, galt sie als frigide oder selbst Schuld. Nur ein erregierter Penis konnte sie demnach befriedigen. Dass bei zwei Drittel bis drei Viertel der Damen das nicht ausreicht, interessierte einfach nicht. Noch Ende des 19. Jahrhunderts litten bis zu drei Viertel der Frauen laut der Ärzte Russell Trall und John Butler an Hysterie. Weil die Genitalmassagen bis zu einer Stunde Zeit verschlungen haben, erwies sich die Erfindung des Vibrators als lukrativer Segen: So konnten die Damen schneller und effektiver «behandelt» werden. Vorläufer des Vibrators fanden sich in Badehäusern, wo Duschbrausen für das Erreichen des «hysterischen Krampfes» eingestzt wurden. Diese Geräte waren aber noch sehr gross, teuer und umständlich. Der Schwede Gustav Zander (1835 bis 1920) entwickelte ein per Uhrwerk bewegtes Gerät, das natürlich den Nachteil hatte, dass es möglicherweise mittendrin die Arbeit einstellte. Dampf- und Gas-betriebene Vibratoren folgten: George Taylor meldete hier 1869 das erste Patent an. Der Engländer Joseph Mortimer Granville erfand 1883 den ersten elektronischen Vibrator. Sein Schaffen wird im Film «Hysteria» thematisiert. Um 1900 gab es bereits ein bis zwei Dutzend verschiedene Modelle. Der «Chattanooga Vibrator» von 1904 kostete stolze 200 Dollar und galt deshalb als «Cadillac» unter den Massagestäben, schreibt Autorin Rachel Maines in «The Technology of Orgasm». Der Betrag entspricht heute etwa 4800 Dollar. Auf dieser Abbildung ist übrigens die Behandlung eines Herren zu sehen. Auch Granville hatte seinen Vibrator eigentlich für Männer ersonnen. Die Elektrifizierung verstärkte den Boom der Vibratoren, die offiziell ausschliesslich als Gesundheitsapparate betrachtet wurden. Zuvor hatten Doktoren und Hebammen versucht, ... ... mit verrückten Erfindungen wie dem Schüttelstuhl den Akt der Genitalmassage weniger persönlich zu machen. Mit den Thesen von Sigmund Freud hielt Vernunft Einzug in die Medzin und veränderte die Perception der «weiblichen Hysterie». Wurden um 1890 in Frankreich noch 111 Artikel über das Thema verfasst, waren es 1930 keine Handvoll mehr. 1952 strich die ... ... «American Psychatric Association» diese Krankheit ganz. Auch das Aufkommen von Pornofilmen läutete die Ende der Praxis ein, Frauen klinische Orgasmen zu bereiten. Der Grund: ... ... In den Fummelfilmen wurde deutlich, dass die Geräte alleine zur Luststeigerung eingesetzt worden sind.

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Die Geschichte des Vibrators ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Der «Massagestab» diente der Männerwelt einst dazu, «kranke» Frauen zu behandeln, die an «weiblicher Hysterie» litten – demoralisierten Damen eröffnete er eine völlig neue Welt und Unabhängigkeit. Kein Wunder, dass die Unterhaltungsindustrie das Thema für sich entdeckt hat: Heute startet der Film «Hysteria» in den Kinos, der den britischen Erfindern des Vibrators in die Köpfe, auf die Finger und in die Hose schaut (siehe Filmtrailer unten).

Bis dato war der Orgasmus Männersache: Dass sich das Lustempfinden der Damen von dem der Herren unterscheidet, kam früher keinem in den Sinn. Das traditionelle Sexbild setzt auf Koitus und Penetration. Kommt die Frau dabei nicht zum Zuge, so die androzentrische Sichtweise, gibt es dafür zwei Gründe: Entweder sie ist frigide oder abnormal. Der weibliche Höhepunkt wurde also als «Nebenwirkung» des männlichen Pendants betrachtet – wenn er nicht völlig verneint wurde. Der durchschnittliche Adam ging ausserdem davon aus, dass seine Eva nicht befriedigt, sondern Mutter werden will.

Seit der Antike: Frauen-Befriedigung ist «Nebensache»

Diese vorsintflutliche Sichtweise ist so alt wie die westliche Kulturgeschichte: Sie reicht von der Antike über Mittelalter und Renaissance bis in die Moderne. Schon Hippokrates, dem die Ärzte ihren Eid verdanken, beschrieb vor Christi Geburt die Symptome weiblicher Hysterie. Galenos von Pergamon, der im 2. Jahrhundert nach Christus in Rom praktizierte, erklärte das Phänomen mit seiner «Viersäftelehre», die Krankheit als Folge unausgeglichener Körperflüssigkeiten versteht: Wenn eine Witwe zu wuschig war, lag das laut Galen an «Samen», die den Uterus verstopfen.

Die «weibliche Hysterie» erfasste besonders oft Nonnen, Alleinstehende oder unglücklich Verheiratete, denen nur auf einem Weg geholfen werden konnte. «Wir glauben, dass es notwendig ist, eine Hebamme um Hilfe zu bitten, damit sie die Genitalien mit Öl aus Lilien, Moschuswurzeln, Krokus oder ähnlichem und mit einem Finger von innen massieren kann», schrieb der niederländische Arzt Pieter van Foreest 1653. «Auf diesem Weg kann die erkrankte Frau bis zum Krampf erregt werden.» Der «hysterische Krampf» bewirke dann den Austritt der «schädlichen Flüssigkeiten» und beruhige die Frau.

Frauen-Erfüller: Der Job, den keiner machen wollte

Die Symptome der «Krankheit» waren vielfältig: Schlaflosigkeit, Angstattacken, Nervosität, erotische Fantasien, Druckgefühle im Bauch, Hüftleiden oder vaginale Feuchtigkeit. Junge, ledige Mädchen wurden aber nicht behandelt: Ihnen wurde zur Heirat geraten. Dass die Frau selbst Hand an das Problem legt, war dagegen verpönt. Statt verbotener Masturbation solle die Frau lieber «stark von ihrem Gatten gestossen werden», empfahl der französische Doktor Ambroise Paré (1510 – 1590). Oder aber ein Arzt oder eine Hebamme erledigen den Job, «den keiner machen wollte», wie Autorin Rachel Maines in «The Technology of Orgasm» zusammenfasst.

In einer Vergangenheit, die von Männern dominiert war, lag der sexuelle Höhepunkt der Frau im Orgasmus des Mannes. Dass Damen von Ärzten und Hebammen unter dem Deckmantel einer medizinischen Behandlung klinisch Erleichterung verschafft wurde, störte dagegen paradoxerweise niemanden. Es ging ja nicht um Lust, sondern um das Erreichen des «hysterischen Krampfes»: Ende des 19. Jahrhunderts waren drei Viertel aller Patientinnen von «weiblicher Hysterie» betroffen, schätzten damals die britischen Mediziner Russell Trall und John Butler. Weil die Massagen der Damen bis zu einer Stunde Zeit in Anspruch nahmen, waren die ersten Vibratoren ein Segen. Die Ärzte brauchten weniger Fingerfertigkeit und weniger Zeit, um die Erkrankten zu «heilen».

Der Vibrator als «Fliessband» der «Hysteria»-Heiler

Erst erleichterten Brausen und Wasserduschen die Patientenvisite, dann erfand 1869 George Taylor den dampfgetriebenen «Manipulator», der Ladys in den siebten Himmel schüttelte: Der Amerikaner empfahl, den Apparat nur unter Aufsicht zu benutzen, um einer «Überdosierung» aus Lustsucht vorzubeugen. Die Elektrifizierung sorgte 1883 für die Präsentation des ersten elektromechanischen Gerätes von Joseph Mortimer Granville. Es war ursprünglich für Männer entwickelt worden, erfreute sich aber bei der viktorianischen Damengesellschaft grosser Beliebtheit: Der neue Kinofilm zeichnet Granvilles Erfolgsgeschichte nach.

Das saubere Image der intimen Hysterie-Behandlung bekam erst in den 20er Jahren Risse. Zum einen führten Sigmund Freuds Lehren die Medizin aus ihrer geistigen Umnachtung: 1952 strich die «American Psychatric Association» weibliche Hysterie aus der Liste der Krankheiten. Zum anderen wurden die Vibratoren bald in frühen Fummelfilmen eingesetzt und verloren so den Nimbus des Asexuellen. Heute ist die Geschichte fast vergessen: Wer denkt 2012 noch daran, dass der Vibrator ein Meilenstein auf dem Weg zu weiblicher sexueller Selbstbestimmung war? Zumindest «Hysteria»-Regisseurin Tanya Wexler hat dieses Kuriosum der Medizingeschichte nicht vergessen.

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Der «Hysteria»-Filmtrailer auf Englisch.

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Der deutschsprachige Trailer.

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  • B-Tight am 19.01.2012 21:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeiten ändern den liebesakt

    Hab das gefühl bald dominieren die frauen die welt...früher musste die frau sorgen das der mann einen orgasmus bekommt. Ok, mir ist schon bewusst das die frau damals nur da zu liegen hatte ,damit der mann kommt. Aber zeiten änder den liebesakt inzwischen muss der mann sich sorgen ,dass er der frau einen höhepunkt verschaffen kann

  • ueli am 13.01.2012 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Elektrische Erfindung nummer...

    der Vibrator gehoert zu den fruehesten elektrischen Gadgets erfindungen!

  • Peter Mümpf am 12.01.2012 20:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alte Weisheit

    Wer spät kommt bestraft das Leben, wer zu fruh kommt bestraft die Frau.