Jahr des Hungers

27. August 2017 16:06; Akt: 27.08.2017 16:06 Print

Als die Flüchtlinge Schweizer waren

von Rolf Maag - 1817 flohen zahlreiche Schweizer vor dem Hunger in der Heimat. Ihre Ziele waren Nordamerika und Russland.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Im Sommer des Jahres 1817 wurde es eng in den Strassen von Amsterdam und anderen holländischen Städten. Tausende von Menschen drängten sich dort in der Hoffnung, ein Schiff besteigen zu können, das sie in die Neue Welt bringen würde. Die meisten von ihnen stammten aus Süddeutschland, dem Elsass und der Schweiz.

Viele hatten ihr letztes Geld «Reisevermittlern» übergeben, die den Transport den Rhein hinab nach Holland organisierten und sich dabei eine goldene Nase verdienten. Auch die Eigentümer und Kapitäne der Schiffe, die nach Amerika segelten, machten erheblichen Profit. Doch für die meisten Auswanderungswilligen sollte sich der Traum von einem neuen Leben als Illusion erweisen.

Ein Vulkanausbruch in Indonesien

In die Flucht getrieben hatten diese Menschen Wetterkapriolen, deren Ursache eine Naturkatastrophe im fernen Asien war. Im April 1815 brach auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus. Dabei wurden etwa 150 Kubikkilometer vulkanisches Material ausgestossen. Höhenwinde verteilten die Gas- und Schwebepartikel weltweit.

In Westeuropa waren die Folgen erst im folgenden Jahr zu spüren: Die Temperaturen stürzten ab, massive Regenfälle führten zu Überschwemmungen, die Ernten wurden grösstenteils vernichtet. Die Jahre 1816 und 1817 gingen daher als «Jahr ohne Sommer» und «Jahr des Hungers» in die Geschichte ein.

Elend in der Ostschweiz

Wie verzweifelt die Situation besonders in der Ostschweiz war, zeigt ein Zitat von Ruprecht Zollikofer, einem der Initiatoren der im September 1816 gegründeten «Hülfsgesellschaft in St. Gallen»: «Circa 12'600 Bewohner der Kantone St. Gallen und Appenzell waren innert Jahresfrist verstorben. Wenigstens 5000 waren als Opfer des grossen Zeiternstes, des Hungers und Mangels und namenlosen Elendes gefallen. Circa 5300 Kinder nur waren geboren; circa 950 Ehen wurden eingesegnet. Circa 7400 Menschen waren reiner Verlust.»

Die Grenzen werden geschlossen

Die als Folge der Hungerkrise entstandenen Probleme der Massenbettelei und der Eigentumskriminalität verlagerten sich im Sommer 1817 nach Holland, weil die dort Gestrandeten meist mittellos waren und nur selten Arbeit fanden. Die Behörden gingen daher zu einer restriktiven Praxis über: Wer keinen Ausweis und kein Geld hatte, wurde an den Aussengrenzen abgewiesen.

Die Schweizer, denen es nicht gelungen war, auf einem der Schiffe nach Amerika unterzukommen, hatten vergleichsweise Glück: Der schweizerische Konsul stellte den Enttäuschten einen «Heimatschein» aus und gewährte ihnen für die Heimreise ein Überbrückungsgeld. Den Deutschen erging es viel schlechter, da sich ihre Herkunftsländer nicht um sie kümmerten. Die Württemberger mussten sogar vor der Auswanderung auf ihre Staatsbürgerschaft verzichten.

Traumziel Russland

Der russische Zar Alexander I. genoss in der Schweiz einen ausgezeichneten Ruf, weil er mit Getreidelieferungen und einer Geldspende von 100'000 Rubeln zur Linderung der Not in den Hungergebieten beigetragen hatte. Doch nicht nur deshalb entschlossen sich viele Schweizer, ihr Glück in seinem Reich zu versuchen.

Einerseits war Russland von den Folgen des Vulkanausbruchs weitgehend verschont geblieben. Andererseits lockte es Einwanderungswillige mit Vergünstigungen: kostenloses Land, Reisegeld und Startkapital, zinslose Kredite zum Hausbau und Steuerfreiheit bis zu 30 Jahren. Im «Neurussland» genannten Gebiet zwischen der Schwarzmeerküste und dem Kaukasus entstanden zahlreiche deutschsprachige Gemeinden, die sich selbst verwalten durften.

Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland

Die Auswanderung aus der Schweiz blieb das ganze 19. Jahrhundert über auf einem hohen Niveau. Die meisten Emigranten waren Bauern, die aufgrund günstiger Getreideimporte aus Osteuropa und Übersee ihre Existenzgrundlage verloren hatten. Noch im Jahrzehnt von 1881 bis 1890 verliessen 90'000 Menschen ihre Heimat.

Doch auch das umgekehrte Phänomen wurde immer bedeutsamer. Das sich schnell industrialisierende Land benötigte Arbeitskräfte, und diese waren vor allem im letzten Viertel des Jahrhunderts aufgrund zahlreicher bilateraler Abkommen mit den Nachbarstaaten problemlos zu bekommen. Zunächst kamen vor allem Deutsche, mit dem Bau des Gotthardtunnels zunehmend Italiener. 1888 war ein epochales Jahr: Erstmals wanderten mehr Menschen in die Schweiz ein, als aus ihr emigrierten. Die Schweiz war nun ein Einwanderungsland – und ist es seither geblieben.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simone am 22.08.2017 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Land wo Milch und Honig fliesst!?

    Für mich bedeutet das nun, dass uns nicht alles geschenkt wurde wie uns viele glaubhaft machen wollen.

    einklappen einklappen
  • plumber joe am 22.08.2017 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schliesst das Tor.

    Und nun ist es an der Zeit, das Tor zu schliessen.

    einklappen einklappen
  • wurks am 22.08.2017 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    Die Niederlande lassen nicht jeden rein!

    Ich bin als Niederländerin geboren worden. Mit eineinhalb Jahren wurde ich in der Schweiz eingebürgert. In der ersten grossen Wirtschaftsrezession hier vor 20 Jahren wollte ich wieder nach Holland, als Schweizer Wirtschaftsflüchtling, denn dort soll es noch Arbeit auf meinem Beruf geben. Als ich mit der niederländischen Botschaft telefonierte, sagte man mir aber, dass ich den niederländischen Pass nicht zurückerhalten kann. Nun bin ich immer noch hier, Holland nimmt mich nicht mehr. Die lassen nicht jeden rein, nicht mal Ex-Niederländer.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • René am 29.08.2017 15:22 Report Diesen Beitrag melden

    der Unterschied von damals zu heute

    1817 waren die Zielländer Russland und USA weitestgehend vorindustrielle Agrargesellschaften, billige und ungebildete Arbeiter konnten da gebraucht werden. Das Europa von 2017 ist eine hochtechnisierte Wirtschaft, hier braucht es einfach keine "Fachkräfte" mit Ziegenhirten- und Teppichverkäufererfahrung mehr. Aber immerhin importieren wir uns dadurch "kulturelle Bereicherung" was immer das auch sein soll...

  • Mario Lobardi am 28.08.2017 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sommerlose CH

    Wann gab es den je einen Sommer in der Schweiz? ;)

  • grampi am 28.08.2017 17:51 Report Diesen Beitrag melden

    la petite difference

    Russland und Amerika hatten grosse leere Gebiete. Es gab keine Sozialindustrie. Das sind die Unterschiede.

  • EU Bürger am 28.08.2017 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn zwei dasselbe tun ist es nicht das gleiche

    Hoffentlich sind die geflüchteten Schweizer von damals nicht auf solche hasserfüllten Misanthropen gestossen, die heutzutage die Disskussionsforen dominieren.

    • feldfrauen am 31.08.2017 18:13 Report Diesen Beitrag melden

      Ich fürchte, die gab es damals auch...

      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es überall solche und solche gibt - wir sind nicht besser als die anderen und umgekehrt. Wir alle sind Menschen, die ihr Bestes geben und ein möglichst gutes Leben führen möchten.

    einklappen einklappen
  • Logiker am 28.08.2017 09:43 Report Diesen Beitrag melden

    Einwanderung auf dem Rückgang

    Wie man hier gut erkennen kann ist die Einwanderung ein guter Inidkator für die Wirtschaftskraft eines Landes! Wenn wir nun unsere Einwandererzahlen anschauen, sehen wir dass dieses Jahr das erste Mal die Zahlen zurück gingen. Logisch gesehen heisst das, dass wir unseren Zenit überschritten haben. Das heisst für uns Schweizer: AB I T HOSÄ! Wir müssen schauen dass wir unsere gute Position weiter halten und uns nicht auf dem Geschafften ausruhen! Wobei man sagen muss, unsere Vorfahren haben es geschafft die Schweiz an die Spitze zu bringen, aktuelle Generationen müssen das noch beweisen!