Illegales Radio

26. Juli 2014 21:59; Akt: 26.07.2014 21:59 Print

Als die PTT Piraten jagte

In den 70er-Jahren gab es in der Deutschschweiz nur zwei Radiosender: DRS1 und DRS2. Dagegen kämpften unerschrockene Radiopiraten an. Doch die wurden vom Staat gnadenlos verfolgt.

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In Bezug auf illegale Radiosender kannte die PTT in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren kein Pardon: Mit Funkpeilwagen machten die Bundesbeamten Jagd auf die Radioamateure. Das musste auch Piratenradio-Chef Rolf G. erfahren. Am 18. Dezember 1977 schlugen Polizei und PTT zu und beschlagnahmten einen UKW-Sender, eine Antenne und zwei Tonbandgeräte seines Radio Alternativ. Trotzdem sendete er bald wieder: Die Beamten hatten nur den Notsender gefunden. Das erste Schweizer Piratenradio war Radio Pirate aus Genf. Es sendete 1976 jeweils zwischen 20 und 20.30 Uhr auf UKW zu Themen wie Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung, Prostitution und Abtreibung. Der Zürcher Piratensender 101 machte am 17. November 1976 mit Flugblättern auf kommende Sendungen aufmerksam. Ausgestrahlt wurden Interviews und Informationen zu Frauenfragen. Piratenradios gaben zu reden. Am Bernhard-Apero vom 30. September 1976 diskutierten die Gesprächsleiter Hans Gmür (l.) und Karl Suter (r.) in Zürich mit drei Initianten des Piratensenders Radio Atlantis. Dieses war kurz zuvor von einem PTT-Peilwagen ausgemacht und von Polizisten ausgehoben worden. Statt mit selbstgebastelter Ausrüstung sendete Roger Schawinski ab November 1979 mit Profi-Technik vom norditalienischen Pizzo Groppera nach Zürich. Er nannte sein Piratenradio schlicht Radio 24. Auf Druck aus Bern wurde der Piratensender zwar mehrmals abgeschaltet, Schawinski gab aber nicht auf. Am 26. Januar 1980 folgten 3000 Menschen seinem Aufruf zu einer Radio-24-Demo auf den Zürcher Bürkliplatz. Bereits am 29. Dezember 1979 hatte Schawinski in Bern dem Bundeshausweibel 212'000 Unterschriften für seinen Sender übergeben können. Schawinskis Kampf war schliesslich von Erfolg gekrönt. Am 1. November 1983 nahm Radio 24 - genau wie andere Schweizer Privatsender - seinen regulären Betrieb auf. Die Ära der Piratenradios war vorbei.

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Rock- und Popmusik war noch in den 1970er-Jahren kaum am Radio zu hören. Die zwei Deutschschweizer Sender richteten sich an ein älteres Publikum. Die Zielgruppe der Jugendlichen sei nicht bedient worden, wie Stefan Länzlinger vom Schweizerischen Sozialarchiv im Gespräch sagt. Die PTT hatte damals das alleinige Recht, Funkantennen zu erstellen und zu betreiben.

Gleichzeitig wurden in den 1970er-Jahren Bauteile für Sender billiger und kleiner. Jeder konnte problemlos für ein paar Hundert Franken einen handlichen Sender selber bauen. Damit begann der Widerstand gegen das SRG-Monopol in der Schweiz: Der erste illegale Sender Radio-Pirate sendete im Frühling 1976 aus Genf, wie der Zürcher Historiker Adrian Scherrer sagt.

In den nächsten Jahren gab es immer mehr Piratenradios, heute weiss man aber kaum mehr etwas darüber. Scherrer ist im PTT-Archiv auf Spuren von über 30 Sendern gestossen. Es habe aber sicher noch mehr gegeben, sagt er. Die meisten sendeten aus Zürich und Umgebung.

Von stümperhaft bis hervorragend recherchiert

Das Sozialarchiv erhielt kürzlich von einem Radiopiratenfan über 30 Sendungen von Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre. Die Sendungen sind nun auf der Website des Archivs aufgeschaltet. Die Sender hiessen etwa Gäterlischlitzer, Alibaba, Wällensittich oder Känguruh. Einige sendeten gerade mal ein paar Minuten, andere regelmässig bis zu zwei Stunden in der Woche.

Auch die Qualität war unterschiedlich – von stümperhaft bis zu hervorragend recherchiert, wie Scherrer sagt. Die Frequenzen lagen immer zwischen 100 und 104 Megahertz. Hier war sonst nur Rauschen zu hören. Gemäss offizieller Begründung war dieser Platz für Kriegszwecke reserviert.

Neben den Unzufriedenen, die am SRG-Monopol rüttelten, gab es – vor allem aus linken Kreisen – politisch Aktive, die ihre Botschaft über den Äther verbreiten wollten. So kamen die «Wellenhexen», die den ersten politischen Piratensender in der Deutschschweiz betrieben, aus der Frauenbewegung.

Vom Peilwagen erwischt: Busse oder Gefängnis

Die PTT schaute dem Treiben aber nicht tatenlos zu: Mit Peilwagen machte sie Jagd auf die Sender. Wurden die Piraten erwischt, bedeutete das nicht nur den Verlust der Technik, sondern auch eine Busse von bis zu 1000 Franken. Einige seien auch im Gefängnis gelandet, sagt Scherrer.

Um nicht erwischt zu werden, wechselten die Radiomacher immer wieder ihren Sendeort. Die meisten machten für ihre Sendungen auch keine Werbung im Voraus. Viele behalfen sich aber mit einem Trick, wie Scherrer erzählt. Sie überlagerten kurz einen anderen, offiziellen Sender, kündigten darauf ihre Sendungen an und hofften, so Hörer abwerben zu können.

Schawinski nutzte italienische Liberalisierung

Piratensender waren aber kein Schweizer Phänomen. Auch in anderen Ländern herrschte ein staatliches Radiomonopol. Als erstes europäisches Land liberalisierte Italien den Radiomarkt im Jahr 1976. Und genau dies nutzte Roger Schawinski vor 35 Jahren aus.

Er deklarierte sein Radio 24 als italienisches Lokalradio und sendete ab November 1979 mit einer riesigen Antenne vom Gipfel des Pizzo Groppera in Richtung Schweiz, sodass man die Sendungen auch in Zürich noch hören konnte.

Im Juni 1983 bewilligte der Bundesrat schliesslich 36 Lokalradioversuche. Am 1. November 1983 schickten die ersten Privatradios – darunter Radio 24 – ihre Sendungen über den Äther. Damit endete die Ära der Piratenradios.


Die Geschichte von Radio 24 (Video: Youtube/Radio 24)

(jcg/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sascha am 27.07.2014 01:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billag nein!

    Wir sind heute immer noch keinen Schritt weiter, Alle zahlen schön Billag gebühren, obwohl jeder nur noch IP Radio hört. Somit liegt die Welt zu Füssen, und der Betrug Billag kassiert weiter ein!

  • Daniel Düsentrieb am 26.07.2014 23:49 Report Diesen Beitrag melden

    Zensur

    Beim Verbot der Privatradios ging es um Zensur. Man wollte alles, was von der Staatsmeinung abweicht verbieten. Nach der Zulassung der Privatradios mussten diese die Nachrichten vom Radio DRS übernehmen. Auch heute werden zu stark abweichende Radiostationen bestraft: Finanziell oder mit Konzessionsentzug. Wer keine Zensur will, unterstützt nobillag.

  • Remo Bürki am 27.07.2014 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Der Propaganda-Kanal

    Und noch heute bezahlen wir für den staatlichen Propaganda-Sender SRF CHF 476.-- pro Jahr. Private Sender haben in der Schweiz kaum eine Chance, die Übermacht des SRF ist schlicht zu gross. Heute kann man nicht mehr Sender abstellen, die eine andere Meinung vertreten, aber man versucht durch links-grüne Propaganda auf SRF die Bevölkerung, insbesondere vor Abstimmungen, zu beeinflussen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Funk Turm am 13.10.2014 19:10 Report Diesen Beitrag melden

    Senderbau

    Es sollte wieder mehr Radiopiraten geben. Google den Begriff "Senderbau", da steht wie's gemacht wird. Die Peilwagen sind auch nicht mehr so flott wie auch schon, man kann locker mal ein Wochenende on Air gehen, ohne dass etwas passiert.

  • Michael Klein am 31.07.2014 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Radio Northsea

    Wer sich nocheinmal direkt mit den Piratensendern befassen möchte, dem empfehle ich den Film The Boat That Rocked. Geht um den ersten Piratensender in der Nordsee. Und um das jung sein. Und um die erste Liebe - herrlich !!

  • Rolf Raess am 28.07.2014 15:21 Report Diesen Beitrag melden

    Um 23:15 Uhr Emissionschluss

    Das war Staatsradio pur - am Bürger vorbei. Die zu hoch bezahlten Herren haben sich einen Deut um die Hörer gekümmert. Aber die Jodlerinnen Mumenthaler und Pfyl wurden von morgens bis abends zu Millionären geschmettert. Und am Sonntagnachmittag irgend eine drittklassige Fussballreportage - lol Die moderne Musik musste via Süddeutschland empfangen werden und wir als Schichtarbeiter bei der Swissair hatten gottlob den Südwestfunk!

    • Henri Schoeffel am 28.07.2014 22:35 Report Diesen Beitrag melden

      Wo sind die Schneeflöcklein?

      Ich vermisse das Schneegestöber zum Sendeschluss.

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  • Peter Dreher am 28.07.2014 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    PTT war ein lausiger Abzockerladen!

    In der Zeit der "Rasen Betreten Verboten" Schilder, also 60er und 70er Jahre war die Hochblüte der PTT. Unflexibles Personal, (Beamten halt) welche sich benahmen, als ob sie Polizisten sind. Nie vergessen bitte: Die PTT war die echte Erfinderin der ABZOCKE im Telekommunikationsbereich! Als die PTT noch Polizist im Land war, hat diese bei fast allen Telefongesprächen abgesahnt aber kräftig! Telefonieren war quasi LUXUS in den Augen der PTT... USA 5.-- - 10.--/Min. Was für ein verkrusteter unflexibler Betrieb die PTT waren. Unglaublich! Zum glück heute (etwas) besser geworden.

  • Sandro am 27.07.2014 23:33 Report Diesen Beitrag melden

    Die PTT dein Freund und Helfer

    Nicht nur Radiopiraten wurden von den PTT damals gejagt. Auch Computer-Nerds, die sich getraut haben, die schnellen 1200Baud-Modems zu verwenden (Damit konnte man ein Bild in weniger als 15 Minuten herunterladen), wurden gnadenlos gebüsst, wenn sie erwischt wurden. Begründung: Durch diese "Hochleistungsmodems" werden die Telefondrähte zu heiss und nutzen sich ab. Tja, Internet gab es natürlich noch nicht, man musste die Telefon-Nummer des entfernten Computers kennen und Ihn zuerst anwählen.