Seltene Farbfotos

13. Dezember 2012 10:49; Akt: 13.12.2012 11:03 Print

Berlin 1937 in Farbe

Ein Norweger besucht 1937 Berlin, um von der Propaganda der Nazis zu lernen. Thomas Neumann war ein Farbfilm-Pionier: Seine Aufnahmen der noch intakten Hauptstadt sind eine Rarität.

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reist ein Norweger namens Thomas Neumann per Schiff nach Nazi-Deutschland. Mit seinen neuartigen Agfa-Farbfilmen macht er seltene Aufnahmen, die die Zeit überdauert haben. Mit seiner Leica-Kamera hält Thomas Neumann das Einlaufen des Dampfschiffs «Preussen» in einen Hafen fest. Er ist 36 Jahre alt - und dienstlich zu Besuch im Dritten Reich: Der Mann ist Mitglied der «Nasjonal Samling» (NS), der norwegische Nazi-Partei. Neumann erreicht Berlin im Frühling 1937. Der Aufmarsch am Strassenrand und die Hakenkreuz-Banner zeigen, dass eine politische Grossveranstaltung ansteht: der 1. Mai. Mobilmachung à la NSDAP: 1,5 Millionen Menschen werden an diesem Tag eine Rede von Adolf Hitler hören. In dieser rechnet der Führer mit der Kirche ab. Er hat erfahren, dass der Vatikan seine bisher einzige Enzyklika auf deutsch verfasst hatte. Der Tenor der Enzyklika «Mit brennender Sorge»: Hitler sei ein «Wahnprohet» und seine Ansichten - explizit auch mit Blick auf sein Rassenbild - eine «Irrlehre». Der Diktator reagiert laut «» mit Verhaftungen und Schmähungen wie in der Rede zum 1. Mai. Die Folge: 1937 treten 100'000 Katholiken aus der Kirche aus. Fotograf Thomas Neumann kann sich bei der Massenveranstaltung inspirieren lassen: Er ist für seine Heimatpartei NS für die Propaganda in Oslo und Akershus verantwortlich. Der Umfang des Aufmarschs und dessen Organisation ... .... dürften den Skaninavier beeindruckt haben. Er wird nicht gewusst haben, dass sich das Deutsche Reich wirtschaftlich auf Pump zurück auf die Weltbühne gearbeitet hat, während sich die Bevölkerung nach Ersten Weltkrieg nach Rechts wie Links radikalisierte. Hakenkreuze so weit das Auge reicht - der historische Berliner Dom ist nur Kulisse. Nicht fehlen darf am Tag der Arbeit ... ... der Maibaum. Mit den deutschen Traditionen hat Thomas Neumann schon zu seiner Studienzeit Bekanntschaft gemacht: Seinen Abschluss in Ingenieurwissenschaften machte der Norweger-Nazi 1928 in Dresden. Anschliessend arbeitete er bis 1933 in Berlin, bis er zurück in seine Heimat ging und dort im selben Jahr beim Aufbau der NS half. Neumann war ein Unterstützer seines Parteikollegen Johan Bernhard Hjort , der ... ... von 1935 bis 1937 das norwegische Pendent zur SA leitete. Die sogenannten Hirden hatte im Zweiten Weltkrieg etwa 8500 Mitglieder. Spannend: Im Jahre 1937 brechen sowohl Hjort als auch Fotograf Neumann ... ... mit der NS. Beide werden später verhaftet. Die Gestapo erwischt Hjort 1941. Neumann wird 1944 wegen illlegaler Aktivitäten festgenommen und bis 1945 im Grini-Gefängnis inhaftiert. Der Abstecher in die damals noch ansehnliche deutsche Hauptstadt war also eine seiner letzten Reisen unter NS-Vorzeichen. Er sieht streng organisierte Massen, ... ... die mit einem enormen Aufwand auf die Linie des Führers gebracht werden sollen. Neumann fotografierte aber auch Szenen abeits der Prunkbauten oder Verkehrszentren. Welchen Charme hätte Berlin wohl heute, ... ... wenn noch mehr Altbauten wie diese stehen würden? Das Treiben auf den Strassen ist geschäftig und neben Tram und Autos ... ... säumen jede Menge Passanten das Trottoir. Wenn ihnen der Sinn nach Zerstreuung steht, können sie im «Bayrisch-Zell», im «Winzerkeller» oder in «Jean Brunos Billiard-Sälen» vorbeischauen. Obligatorisch für Berlin: die Würstchenbude. Händler bieten Postkarten und Obst feil. «Esst mehr Früchte, und Ihr bleibt gesund», steht auf dem Karren, auf dem «Jamaika-Bananen» und getrocknete Früchte verkauft werden. Filigrane Strassenlaternen, heile Bausubstanz - und alles schön ordentlich. Zur Entspannung geht Neumann noch ... ... in den Berliner Zoo. Die Löwen von damals sind durch den Grünstich im Film quasi getarnt. Seelöwen verschwimmen mit dem Wasser. Und das Rosa der Flamingos lässt sich nur noch erahnen. Passanten an einem Bahnhof: Dass der Agfa-Farbfilm sich so gut erhalten hat, bis Neumanns Tochter ihn 2007 dem norwegischen Nationalarchiv übergab, ist eigentlich verwunderlich. Farbfilme waren damals noch selten: Agfa aus Belgien, an dem auch deutsche Chemie-Firmen beteiligt waren, lieferte sich einen Konkurrenzkampf ... ... Kodak aus den USA.

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Im November 1936 führt die Firma Agfa einen verbesserten Farbfilm ein. Der «Agfacolor Neu» brauchte zwar eine lange Belichtungszeit, war aber der erste seiner Art, der alle drei Farbschichten hatte.

Thomas Neumann legte einen solchen Film im Frühling 1937 in seine Leica-Kamera und reiste nach Berlin. Das Mitglied einer norwegischen Nazi-Partei wollte von Adolf Hitlers NSDAP lernen, wie man Veranstaltungen wie den 1. Mai ausrichtet. Seine Fotos zeigen nicht nur ein Berlin, das noch nicht zerbombt ist und in voller Blüte steht, sondern auch, wie die Hauptstädter mit Propaganda auf Linie gebracht wurden.

Fotograf Neumann kehrte nach seiner Rückkehr in die Heimat dem Nationalsozialismus übrigens den Rücken. 1944 wurde der Ingenieur sogar verhaftet. Er starb 1978. Knapp 30 Jahre später übergab seine Tochter die Bilder dem norwegischen Nationalarchiv. Ein Glück für historisch Interessierte: Farbfotos aus dieser Zeit sind sehr selten.


Berlin 1936: Ein farbiger Film zeigt, wie sich die Hauptstadt anlässlich der Olympischen Spielen überschlägt. Quelle: YouTube/pinguin88

(phi)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Adolf Möller am 16.12.2012 14:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Berlin 1937

    Wunderschön diese Bilder!

  • baba am 14.12.2012 19:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja ja

    man kann es auch übertreiben mit den hakenkreuzen.

  • Feststeller am 14.12.2012 10:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Bilder

    Danke für die schönen Bilder. Welch Kontrast zum heutigen Zustand...

    • WasDenn? am 16.12.2012 16:43 Report Diesen Beitrag melden

      Mit diesen vielen Hakenkreuzen?

      Sehr hässlich...

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  • JW am 14.12.2012 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwie schärfer..

    Ich finde die Fotos schärfer als die heutigen HD Fotos.

    • J.Z. am 14.12.2012 16:38 Report Diesen Beitrag melden

      ÄTT JW

      Naja HD ist wohl übertrieben aber für 1937 ist die Qualität extrem gut, hat mich sehr erstaunt.

    • baba am 14.12.2012 19:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      nichts hd

      dann hast du bestimmt keine hd kamera. mich wundert es mehr das es damals schon farbfilme gab. hd sieht wie echt aus.

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  • Mächler Heiri am 14.12.2012 07:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    auch die Schweiz hat Farbbilder

    es ist eben schon traurig, dass solche Beiträge nur aus dem Ausland zur Verfügung stehen, obwohl sicherlich solche auch von der Schweiz bestehen. dies ist auch ein Anliegen von blättert in euren Alben der Grosseltern, ihr werdet euch wundern, und wenn ihr nicht weiter wisst wendet euch an uns. Heiri

    • baba am 14.12.2012 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      genau!

      @20min: macht bitte auch sowas von der Schweiz!

    • frozendad am 16.12.2012 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Lesen und denken 

      ...tja, nur wurde die CH nicht komplett zerbombt. Das ALTE Berlin in Farbe ist halt schon speziell daschlicht nicht mehr existent.

    • dominic l am 16.12.2012 08:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      bomben

      die schweiz wurde ja nicht von bomben zerstört somit eher weniger interessant um 1937

    • DZ aus U am 16.12.2012 10:23 Report Diesen Beitrag melden

      Ja genau

      aber unserer Bauten stehen noch!

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