Hitlers Schmöker

20. August 2010 08:50; Akt: 20.08.2010 10:06 Print

Bestseller unter dem HakenkreuzBestseller unter dem Hakenkreuz

von Esteban Engel, dpa - Karl May war bekanntlich Adolf Hitlers Lieblingsautor. Unbekannt war bis jetzt, welches die Bestseller zur NS-Zeit waren: Nacktwander-Tipps und Klebealben mit Nazi-Grössen beim Rauchen.

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Bilder aus dem Buch «Mensch und Sonne. Arisch-olympischer Geist», das sich in Deutschland unter den Nazis grosser Beliebtheit erfreute.

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Im Umgang mit Literatur verbanden die Nationalsozialisten hemmungslos Unterdrückung mit Propaganda - eine neue Studie gibt Einblick in das Buchgeschäft und die Lesegewohnheiten der NS-Zeit.

Für seine Untersuchung «Lesen unter Hitler - Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich» hat sich Christian Adam 350 Titel vorgenommen und ihre Entstehung sowie Wirkung analysiert. Die Werke mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren aufwärts waren die Bestseller der NS-Zeit von 1933 bis 1945.

Auch ausländische Literatur

Romane und Ratgeber, Sachbücher und Kriegsberichte, Schnulzen und Landserhefte - die Geschichte der NS-Bucherfolge ist «das Gegenstück zur Geschichte der verbrannten und verbannten Bücher und Autoren», schreibt Adam.

Neben dem Dauer-Spitzenreiter «Mein Kampf» (Auflage 12,5 Millionen Exemplare) standen in deutschen Wohnzimmern und Bibliotheken Bücher, die sich auch nach dem Krieg sehr gut verkauften.

Ob Antoine de Saint-Exupérys «Wind, Sand und Sterne» (135 000), Margaret Mitchells «Vom Winde verweht» (366 000) oder Johanna Haarers Ratgeber «Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind» zur «Aufzucht des Neugeborenen» (1,2 Millionen bis 1987) - Adams Liste liefert ein Sittengemälde des Kulturlebens unter dem Hakenkreuz.

Zerstrittene Zensoren

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme war Hitlers Literaturpolitik nicht aus einem Guss, sondern ein chaotisches Nebeneinander von Behörden und Bürokraten. Auf keinem anderem Gebiet war der Kompetenz-Wirrwarr grösser.

Ob die Parteiführung oder Joseph Goebbels' Propaganda- Ministerium, das Amt des NS-Ideologen Alfred Rosenberg oder die Reichsschrifttumskammer - diese und zahlreiche andere Instanzen wollten festlegen, wer in Deutschland publizieren konnte, was gelesen werden durfte und was nicht.

Es gab mindestens 20 Zensurstellen, schwarze Listen und Empfehlungen. Für Rosenberg war Unterhaltungsliteratur Gift für die richtige Gesinnung. Goebbels sah dagegen mit der sich abzeichnenden Kriegsniederlage die leichte Lektüre als soziales Ventil.

Tipps zum Nacktwandern

Zu den erfolgreichsten Gattungen gehörten allerdings Sachbücher, die sich mit Erfindungen oder der Gewinnung von Rohstoffen beschäftigen, etwa «Anilin» von Karl Aloys Schenzinger, das mehr als eine Million Mal verkauft wurde.

Titel wie «Erfinder brechen die Blockade» (400 000 Exemplare) fanden vor allem unter Soldaten begeisterte Leser. Auch wenn es politisch heikel war, boten Biografien berühmter Leute, etwa Elly Beinhorns «Mein Mann, der Rennfahrer» über den verunglückten Bernd Rosemeyer (200 000), Einblick in das Leben des NS-Jet-Sets.

Einer der kuriosesten Erfolge ist wohl «Mensch und Sonne. Arisch-olympischer Geist» mit Tipps zum Nacktwandern, zu Lehmbädern und zum unbekleideten Skifahren (235 000). Hier wurde sexuelle Freizügigkeit an den «Rassegedanken» gekoppelt.

«Unpolitisches Mittelmass»

Zur Abteilung Propaganda gehörten die Bilderalben des Zigarettenherstellers Reemtsma: Mit den Zigaretten wurden Fotos von Nazi-Grössen zum Einkleben verkauft. Es gab Arztromane («Angela Koldewey») und deutsch-französische Liebesgeschichten («André und Ursula»), Kriegsliteratur («Narvik») und Einladungen zum Heldentod.

War die Gleichschaltung der Literatur erfolgreich? Für Christian Adam sind die Nazis «grandios gescheitert». Im «Verbieten und Ausmerzen» hätten sie eine gewisse Perfektion erlangt, doch gemessen an den Absatzzahlen habe sich vor allem «das unpolitische Mittelmass» durchgesetzt.