Zimmermann-Depesche

21. Januar 2017 20:01; Akt: 21.01.2017 20:01 Print

Das Telegramm, das die USA in den Weltkrieg trieb

von Rolf Maag - Vor 100 Jahren dechiffrierten die Briten ein Telegramm an den Präsidenten von Mexiko. Darin stachelte ihn Berlin zum Krieg gegen die USA an.

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Zu Beginn des Jahres 1917 herrschte an fast allen Fronten des Ersten Weltkriegs eine Pattsituation. Im eigenen Land war die Lage des Deutschen Reichs allerdings sehr schwierig, denn die Bevölkerung litt durch die Blockade der überlegenen britischen Marine Hunger.

Die deutsche Führung entschloss sich zu einem radikalen Schritt: Ab dem 1. Februar 1917 sollte im Atlantik ein uneingeschränkter U-Boot-Krieg geführt werden. Das bedeutete, dass die etwa 200 deutschen U-Boote jedes Schiff, das sie antrafen, ohne Vorwarnung versenken sollten. Davon würden zwangsläufig auch amerikanische Handelsschiffe betroffen sein, die teilweise die Gegner Deutschlands mit Nachschub versorgten. Es war absehbar, dass die USA diesen Akt der Aggression mit dem Kriegseintritt beantworten würden.

Das Telegramm

Aber vielleicht konnte man ja die USA in ihrer eigenen Hemisphäre in einen Konflikt verwickeln, der sie von Europa fernhalten würde. Das sagte sich jedenfalls Arthur Zimmermann, der deutsche Aussenminister. Er verfasste ein Telegramm an den mexikanischen Präsidenten Carranza, in dem er eine Allianz vorschlug. Mexiko sollte die USA mit deutscher Unterstützung von Süden her angreifen

Als Preis winkte die Rückeroberung der Gebiete, die Mexiko im 19. Jahrhundert an den nördlichen Nachbarn verloren hatte, darunter Texas, New Mexico und Arizona. Carranza sollte auch versuchen, Japan dazu zu überreden, sich dem Bündnis anzuschliessen.

Die Entschlüsselung

Am 16. (nach anderen Quellen am 19.) Januar 1917 sandte Zimmermann das Telegramm an den deutschen Botschafter in Washington, der es wiederum an den Gesandten in Mexiko-Stadt weiterleitete. Aber auch die Briten lasen mit.

Zimmermann wusste natürlich, dass dies geschehen würde, denn bereits am 5. August 1914 hatte ein britisches Schiff die deutschen transatlantischen Kabel zerstört. Fortan mussten die Deutschen ihre Korrespondenz über Kabel abwickeln, die die Briten anzapfen konnten. Zimmermann ging allerdings davon aus, dass der Feind die deutschen Verschlüsselungen nicht knacken konnte.

Darin täuschte er sich. Schon seit einiger Zeit konnten die Spezialisten des legendären «Room 40», der britischen Dechiffrierungsabteilung, die meisten deutschen Codes brechen, auch deshalb, weil einige deutsche Codebücher in ihre Hände geraten waren. In diesem Fall war es nicht anders: Innerhalb von wenigen Tagen fanden die beiden Kryptoanalytiker Montgomery und de Grey heraus, was im Zimmermann-Telegramm stand. Sie informierten Admiral Hall, den Chef des britischen Marinegeheimdiensts.

Die USA zögern

Dieser dachte zunächst gar nicht daran, die Amerikaner einzuweihen. Er musste damit rechnen, dass sie den Inhalt des Telegramms publik machen würden. Dann würden die Deutschen merken, dass ihre Verschlüsselungen nicht mehr sicher waren. Das wollte Hall unbedingt verhindern. Schliesslich würde der uneingeschränkte U-Boot-Krieg wahrscheinlich reichen, um den amerikanischen Kriegseintritt zu provozieren.

Zu Halls Entsetzen verkündete der amerikanische Präsident Wilson aber am 3. Februar, dass die USA weiterhin neutral bleiben würden. Es sei die Aufgabe seines Landes, durch Vermittlung einen Frieden herbeizuführen. Weil Hall befürchtete, dass die Alliierten den Krieg ohne amerikanische Unterstützung nicht gewinnen würden, beschloss er zu handeln.

Ein Täuschungsmanöver

Dabei kam ihm zugute, dass das Telegramm in leicht veränderter Form von Washington nach Mexiko geschickt worden war. Weil die Briten einen Agenten im mexikanischen Telegrafenamt hatten, konnten sie die Depesche in dieser Version beschaffen und den Amerikanern übergeben.

Die Deutschen meinten nun, das Leck liege in Mexiko, und waren weiterhin der Meinung, ihre Codes seien nicht geknackt worden. In dieser Ansicht bestärkte sie Hall, indem er Artikel in der britischen Presse platzierte, die die vermeintliche Unfähigkeit der britischen Entschlüsselungsexperten kritisierten.

Das Telegramm führte den Amerikanern in aller Deutlichkeit vor Augen, dass der Krieg in Europa ein reales Risiko für die nationale Sicherheit darstellte. Die Zeit des Isolationismus war abgelaufen. Am 6. April 1917 erfolgte die amerikanische Kriegserklärung an das Deutsche Reich und seine Verbündeten.

Die Alliierten verfügten nun über beinahe endlose Ressourcen und konnten den Krieg nicht mehr verlieren. Am 11. November 1918 kapitulierten die Deutschen. Eine Meisterleistung der britischen Codeknacker hatte wesentlich dazu beigetragen.