Tritt ins Nazi-Fettnäpfchen

04. August 2011 11:42; Akt: 04.08.2011 22:18 Print

Das Wörterbuch der Nazis

von Daniel Huber - Heiner Geissler spricht vom «totalen Krieg» und erntet Empörung. NS-Jargon oder nicht, sicher ist: Das Minenfeld der Nazi-Sprache ist keineswegs geräumt.

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Mit Goebbels-Zitat Empörung geerntet: Vermittler Geissler (Bild: Keystone/AP/Michael Latz)

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Heiner Geissler, der Vermittler im Konflikt um das Bahnprojekt «Stuttgart 21», wählte am letzten Freitag drastische Worte, um Befürworter und Gegner des umstrittenen neuen Bahnhofs zur Ordnung zu rufen. «Wollt ihr den totalen Krieg?» fragte er die Konfliktparteien (20 Minuten Online berichtete).

Mit dem Zitat aus der berüchtigsten Rede des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels traf der 81-jährige CDU-Politiker zuverlässig einen empfindlichen Nerv der deutschen Gesellschaft. Die Empörung ist gross, schon verlangt SWR-Korrespondent Frank Wahlig in einem Kommentar Geisslers Rückzug als Schlichter.

«Innerer Reichsparteitag»

Die Aufregung über die vermeintliche oder tatsächliche Verwendung von Nazi-Wendungen hat in unserem nördlichen Nachbarland Tradition. So erntete die Fernsehmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein harsche Kritik, als sie während der letzten Fussball-WM einmal anmerkte, für Miroslav Klose müsse sein entscheidender Treffer «ein innerer Reichsparteitag» gewesen sein. Die für Schweizer wohl nicht auf Anhieb verständliche Wendung (sie drückt eine «grosse Genugtuung», eine «grosse Freude» aus) wurde allerdings nicht unisono verurteilt; manche wiesen wie der Literaturkritiker Tilman Krause in der «Welt» darauf hin, im Dritten Reich habe der Ausdruck im Gegenteil den Nazi-Bombast persifliert.

Selbst der Begriff «Drittes Reich» ist nicht unverfänglich. Er wurde zwar – so erklärte der Sprachforscher Thorsten Eitz in einem Interview mit der «Süddeutschen» – von den Nazis schon 1926 okkupiert. Doch später verboten diese selber den Terminus und ersetzten ihn durch «Tausendjähriges Reich», um die Ansicht, es könnte auf ihr drittes noch ein «Viertes Reich» folgen, erst gar nicht aufkommen zu lassen. Auch das Wort «Reichskristallnacht», das heute eher vermieden und durch «Reichspogromnacht» ersetzt wird, sei ursprünglich nicht von den Nazis verwendet worden, so Eitz. Diese hätten sogar alles daran gesetzt, den Begriff zu verbieten. Der Wissenschaftler weist auch darauf hin, dass im «Wörterbuch des Unmenschen» von 1957 sogar das heute eher sexistisch anmutende Wort «Mädel» aufgelistet wurde, das nach Ansicht der Autoren aus dem deutschen Wortschatz verschwinden sollte.

«Sonderbehandlung» und «Endlösung»

Manche Begriffe, bei denen fast jede Erinnerung an ihre Verwendung durch die Nazis geschwunden ist, tauchen in Nachrichtentexten und dergleichen auf, meist ohne Kritik zu erregen. Dazu gehört beispielsweise «Lebensraum» (mit dem Schlagwort «Lebensraum im Osten» begründete Hitler in «Mein Kampf» die Notwendigkeit des Krieges), das heute wohl nur bei besonders geschichtsbewussten Menschen Unbehagen auslöst. Schon etwas deutlicher ist die Nazi-Vergangenheit beim Begriff «Sonderbehandlung», den die SS als Tarnbezeichnung für die Ermordung von Menschen nutzte. Und klar tabu ist heute der von den Nazis in verschleiernder Absicht verwendete Euphemismus «Endlösung». Das gilt auch für die berüchtigte Wendung «Arbeit macht frei», die über den Toren mehrerer Konzentrationslager stand; beispielsweise in Auschwitz, Dachau und Sachsenhausen. Kaum jemand täuscht sich heute über die anrüchige Vergangenheit dieser Losung.

Die Parole «Jedem das Seine» hingegen, die über dem Eingang des KZ Buchenwald stand, ist heute – mitunter in abgewandelter Form – durchaus anzutreffen. Wer sie verwendet, tut dies aber nicht ohne Risiko, wie beispielsweise die deutsche Einzelhandelskette Tchibo erfahren musste. Unter dem Slogan «Jedem den Seinen» hatte sie Kaffeesorten beworben. Sie musste die Werbeaktion stoppen, als Kritik laut wurde.

Empörung und Satire

Die düstersten zwölf Jahre der deutschen Geschichte beeinflussen also nach wie vor unsere Sprache, zumal in Deutschland. Die Empörung über verbale Entgleisungen der Art, wie sie Geissler unterlief, hat freilich etwas Ritualisiertes an sich; ebenso wie die Empörung über die Empörung. Kein Wunder, dass diese Mechanismen auch satirisch aufs Korn genommen werden – zum Beispiel von Harald Schmidt und Oliver Pocher 2007 in der Late-Night-Show «Schmidt & Pocher». Gleich in ihrer ersten Sendung stellten die beiden Moderatoren ein so genanntes «Nazometer» vor, mit dem sich angeblich der Nazi-Gehalt von Begriffen wie «Autobahn» testen lasse. Selbstredend erregte auch diese Satire wütende Kritik.

Video: Die erste Sendung von «Schmidt & Pocher»


(Quelle: YouTube)

Inflationäre Hitler-Vergleiche

Zum Vorwurf der leichtfertigen Verwendung von Nazi-Sprüchen gesellt sich im politischen Kampf übrigens der Hitler-Vergleich, den der begnadete Polemiker Henryk Broder im «Spiegel» einst «die grösstmögliche Keule aus der Requisiten-Kammer der deutschen Geschichte» nannte. Deren Gebrauch ist inflationär: Mittlerweile ist wohl fast jeder Politiker schon einmal mit dem «Führer» verglichen worden – oder bei Bedarf auch mit anderen Granden der Nazi-Diktatur (siehe Bildstrecke). Und zwar auch in der Schweiz, wo der damalige Bundesrat Couchepin 2008 den SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli mit dem Nazi-Massenmörder und KZ-Arzt Mengele in Verbindung brachte.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Danny am 23.08.2011 17:52 Report Diesen Beitrag melden

    To learn or not to learn

    Was soll denn noch alles reguliert werden, weil sich ein paar Wenige an Kleinigkeiten stören? Bei der SS, dem damals allmächtigen Männerbund, gab es viele Homosexuelle, sollen wir deshalb Homosexualität ächten? Vieles was die Nazis gemacht haben, die Politik der verbrannten Erde beispielsweise, wurde auch von den Hannibals und Dschingis Khans und Attilas praktiziert. So what? Schrecklich, ja - zu ändern, nein. Der Mensch lernt oder lernt nicht aus der Geschichte und er nimmt Positives und Negatives mit. Aber sich über alles zu empören und das auch laut kund zu tun, bringt rein gar nichts.

  • Annab. Wermuth Solotuhrn-Glem am 07.08.2011 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Treffender Wortschatz ist doch gefragt.

    Immer diese Saubermänner, die noch heute jedes Wort auf die Goldwaage legen. Man soll doch endlich nicht mehr so zimperlich sein mit dem damaligen Wortschatz. Treffende Wörter und Bezeichnungen sind gefragt, nicht übertriebene political Korrektheit.

  • Deep_blue am 05.08.2011 19:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nach vorne schauen

    Nicht nur die Deutschen leiden darunter, was damals geschah. Irgendwie kann ich verstehen, dass man darauf sensibel reagiert und selbstverständlich dürfen die schlimmen Dinge nicht vergessen werden. Allerdings bin ich der Meinung, dass man nach über 60 Jahren nach vorne schauen sollte. Ständig darüber nachzudecken, wie schrecklich alles war, bringt niemanden weiter, weder die Deutschen noch die NS-Opfer.

  • Diddy am 05.08.2011 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    Na und?

    Kann ich mit Jhrg 1976 etwas dafür, dass es einen 2. Weltkrieg gegeben hat? Jedes Wort wurde wohl auch von den Nazis irgendwann verwendet.... da können wir ja aufhören mit sprechen, wenn immer alles dermassen auf die Goldwaage gelegt wird.

  • Walter_R am 05.08.2011 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    Vergangenheitsbewältigung

    Das Geschrei um den Ausspruch von Heiner Geissler ist total lächerlich. Da wird von gewissen Parteien und Gruppierungen immer wieder von Vergangenheitsbewältigung geredet, aber genau das Gegenteil betrieben, denn damit, dass jedes Wort, das auch schon von Hitler, Goebbels oder anderen Nazi-Grössen ausgesprochen wurde, auf die Goldwaage gelegt wird, wird die Vergangenheit nicht bewältigt, sondern immer wieder neu aufgewärmt.