Rettungsaktion

01. September 2010 19:55; Akt: 01.09.2010 19:56 Print

Das Wunder von LengedeDas Wunder von Lengede

Die Bergleute in der chilenischen Kupfermine haben Vorgänger: Beim Grubenunglück von Lengede überlebten 1963 elf Kumpel zwei Wochen lang unter Tage.

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Rettungsarbeiten in Lengede in der Nacht vom 5. November (Bild: Keystone/AP/Str)

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Die Bergleute in der chilenischen Kupfermine haben Vorgänger: Beim Grubenunglück von Lengede überlebten 1963 elf Kumpel zwei Wochen lang unter Tage.

Am 24. Oktober 1963 schien über dem niedersächsischen Bergarbeiterdorf Lengede die Sonne. Doch von den 129 Bergmännern, die da gerade unter Tage in der Eisenerzgrube Mathilde schufteten, sollten 29 das Tageslicht nie mehr erblicken.

Gegen 19:30 Uhr, gut zwei Stunden vor Ende der Mittagsschicht, brach der Boden eines Klärteichs ein und rund 460 000 m³ Schlamm und Wasser ergossen sich in den Schacht. 19 Kumpel starben sofort in den Fluten, von den anderen konnten sich in den ersten Stunden nach dem Unglück 79 über Luftschächte und dergleichen an die Oberfläche retten. Die restlichen 31 blieben unter Tage eingeschlossen.

Dahlbuschbombe und Mikrofone

Oben, an der Oberfläche, begannen unterdessen fieberhafte Rettungsarbeiten, die von einem für damalige Verhältnisse gewaltigen Medientross begleitet wurden. Lastwagen kippten Schutt in den Klärsee, um den Abfluss zu stoppen. Eine so genannte Dahlbuschbombe, eine mannshohe Rettungskapsel, wurde in den Schacht abgesenkt; doch der bestand aus einem Labyrinth von Gängen und Kammern. In die Bohrlöcher rund um das Bergwerk wurden Mikrofone gesenkt, um nach Lebenszeichen von Bergleuten zu horchen.

Am nächsten Tag konnten weitere sieben Kumpel lebend geborgen werden. Nachdem am 1. November — über eine Woche nach dem Unglück — noch drei überlebende Bergleute aus einer Lufttasche befreit werden konnten, ging die Einsatzleitung davon aus, dass weitere Rettungsarbeiten aussichtslos seien. Das schwere Gerät wurde abgebaut und zum Teil schon abtranportiert. Bereits begannen die Vorbereitungen für die auf den 4. November anberaumte Trauerfeier; der Hüttendirektor schrieb schon an seiner Trauerrede.

Letzte Hoffnung «Alter Mann»

Unter den Bergleuten in Lengede aber war die Hoffnung noch nicht gestorben. Gerüchte machten die Runde, es seien sicher noch Kumpel am Leben, womöglich im «Alten Mann», einem stillgelegten Teil des Schachts. Unter dem Druck der Medien liess der Hüttendirektor «wider besseres Wissen» doch noch einmal graben — über dem «Alten Mann» diesmal. Anhand von alten Karten wurde der aufgegebene Stollen lokalisiert; da an dieser Stelle oberirdisch Geleise verliefen, verlegte man einfach die Bohrstelle um ein paar Meter.

Und dann, am 3. November, gab es tatsächlich Lebenszeichen: In 58 Metern Tiefe hatten elf Kumpel im «Alten Mann» ausgeharrt, hatten Finsternis, Hunger, Durst und Verzweiflung ertragen. Nun konnte man ihnen durch das 58 mm breite Bohrrohr Nahrung und Zuspruch zukommen lassen. Am 6. November kam sogar Bundeskanzler Ludwig Erhard und sprach zu den Eingeschlossenen. Am nächsten Tag, am Morgen kurz nach 6 Uhr, erfolgte der Durchstich zu den Überlebenden. Sie wurden mit der Dahlbuschbombe geborgen.

Die Erzförderung in Lengede wurde 1977 eingestellt, 1979 wurde der Förderturm gesprengt, die Grube geschlossen und der Schacht geflutet. Heute erinnert kaum mehr etwas an das Drama und das Wunder von Lengede.

(dhr)