Mythos und Wahrheit

15. August 2009 11:35; Akt: 11.02.2010 14:50 Print

Der «friedliche Alptraum» von Woodstock

von Peter Blunschi - Das Festival von Woodstock hatte alle Zutaten für eine Katastrophe und wurde zur Legende, die auch nach 40 Jahren nicht totzukriegen ist. Was aber geschah wirklich im August 1969? Ein Blick auf Mythos und Wahrheit.

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Woodstock, dieses ausser Kontrolle geratene Openair-Festival, war ein friedliches Chaos. 50 000 Besucher wurden erwartet, 500 000 kamen. Und das war nur jene Hälfte, die es überhaupt bis aufs Gelände schaffte. Ursprünglich hätte das Festival in der Künstlerkolonie Woodstock (US-Staat New York) stattfinden sollen, danach in Wallkill. Anwohnerproteste verhinderten dies in beiden Fällen. Auf diesem Originalposter der «Woodstock Art & Music Fair» ist noch Wallkill als Ort angegeben. Der Anlass sollte, immerhin hatte den Hippies zufolge das Wassermann-Zeitalter begonnen, eine «Aquarian Exposition» sein. Völlig unerwartet machte sich etwa eine Million Menschen auf den Weg; doch die Hälfte von ihnen blieb auf den überlasteteten Zugangsstrassen stecken ... ... und wurde von der Polizei wieder nach Hause geschickt. Zu Beginn verkauften die Veranstalter – Mike Lang, John Roberts, Joel Rosenman und Artie Kornfeld – noch Tickets. Für die auf drei Tage geplante Gesamtdauer des Festivals waren 18 Dollar fällig. Doch bald wurden die Umzäunungen niedergetrampelt und die Menschenmassen bahnten sich ihren Weg aufs Gelände, ohne Eintritt zu bezahlen. Die Organisatoren von «Woodstock Ventures» erklärten das Festival darauf, der Not gehorchend, zum kostenlosen Anlass. Dies führte später zur Annahme, Woodstock sei kein kommerzielles Projekt gewesen. Für die Veranstalter wurde Woodstock jedenfalls zum finanziellen Desaster. Erst die spätere Vermarktung durch einen Film und ein Musikalbum war rentabel. Die Bands spielten auf einer 30 Meter breiten Bühne mit vier grossen Gerüsttürmen für Scheinwerfer und Lautsprecherboxen. Die sanitarischen Anlagen waren hoffnungslos überlastet; es gab nur gerade 600 Toiletten. Dazu kamen noch die Unbillen der Witterung: Mehrere Gewitter gingen auf die feiernden Hippies nieder. Doch trotz all dieser garstigen Umstände wurden die Zuschauer erstaunlicherweise nicht aggressiv. Möglicherweise waren sie auch einfach zu zugedröhnt dafür... Eine Folk-Sängerin bemerkte jedenfalls nach ihrem Auftritt, ... ... sie sei da wohl die einzige gewesen, die nicht unter Drogeneinfluss gestanden habe. Obwohl Woodstock weder das erste noch das letzte grosse Musikfestival der ausgehenden Sixties war, ... ... wurde es zum Inbegriff des Openair-Festivals, zu einer der Ikonen der Sechziger. «Woodstock» wurde zum stehenden Begriff, wie «Summer of Love» oder «Flower Power». Oder wie «Freie Liebe». «Es war einfacher zu vögeln, ... ... als sich ein Frühstück zu organisieren», schrieb das Magazin «Rolling Stone». Verletzte – und sogar Tote – gab es allerdings auch. Doch dabei war keine Gewalt im Spiel; die meisten Opfe erlitten Schnittwunden durch herumliegende Scherben. Musikalisch wurde in Woodstock nicht nur Erstklassiges geboten. Und bei einigen Musikern gab es Probleme mit den Gagen. So wollte die britische Band «The Who» erst Geld sehen, bevor sie auftrat. Die Veranstalter drohten darauf, die Band öffentlich blosszustellen. Gitarrengott Jimi Hendrix, dessen Auftritt das Festival am Montagmorgen beendete, verlangte 30 000 Dollar – das Doppelte der anderen. Immerhin: Seine brachiale Interpretation der amerikanischen Nationalhymne – oft als musikalische Kritik am Vietnamkrieg verstanden – wurde zum Klassiker. Janis Joplin, eine weitere musikalische Legende, die übrigens wie Hendrix im Jahr darauf starb. Mit dem Auftritt von Joe Cocker am Sonntag begann der letzte Tag von Woodstock. Er brachte eine Cover-Version des Beatles-Hits «With a Little Help from My Friends». Ebenfalls am Sonntag wandte sich Max Yasgur, auf dessen 240 ha grossen Farm das Festival stattfand, an die Menge. «Ihr habt der Welt etwas bewiesen», sagte Yasgur. Später wurde der Milchbauer von Nachbarn verklagt, deren Land von den Hippies verwüstet worden war. Yasgurs Farm war nach dem Festival allerdings in viel schlimmerem Zustand. Am Montagvormittag verliessen die letzten Zuschauer das Festival. Das grösste und friedlichste Spektakel der Flower-Power-Bewegung war vorüber.

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Woodstock war das erste grosse Openair-Festival.
Falsch, es gab schon früher grosser Konzertevents unter freiem Himmel. Bereits zehn Jahre zuvor hatte erstmals das Newport Folk Festival stattgefunden. 1965 verschreckte Bob Dylan dort das Publikum, als er mit einer elektrischen Gitarre auftrat. Und im «Summer of Love» 1967 fand das Monterey Pop Festival statt, ein erster Höhepunkt der Hippie-Bewegung. Trotzdem wurde Woodstock zum Vorbild für alle folgenden Festivals, und sei es nur, weil ein Openair ohne Schlamm seither kaum als vollwertig gilt.

Woodstock war antikapitalistisch und kommerzfrei.
Völlig falsch, es ging den vier Veranstaltern Mike Lang, John Roberts, Joel Rosenman und Artie Kornfeld von Anfang an ums Geld. Mit dem Erlös aus dem Festival wollten sie ein Tonstudio in der Künstlerkolonie Woodstock im Staat New York bauen, wo damals unter anderem Bob Dylan lebte. Dort war das Festival jedoch nicht willkommen. Schliesslich landete man 70 Kilometer entfernt im Weiler Bethel, auf einer Weide des Milchbauern Max Yasgur. Die Veranstalter behaupteten, sie rechneten mit 50 000 Besuchern, doch schon im Vorfeld hatten sie 186 000 Tickets verkauft. Schliesslich überrannten mehr als doppelt so viele Menschen das Gelände. Die Organisatoren kapitulierten und erklärten Woodstock zum «Free Concert». Am Ende resultierte ein Defizit von 1,3 Millionen Dollar.

Es ist ein Wunder, dass Woodstock nicht zur Katastrophe wurde.
Der enorme Ansturm – mehr als eine Millionen Menschen machte sich auf den Weg, nur knapp die Hälfte kam durch – überforderte Veranstalter und Infrastruktur. Es herrschte ein gravierender Mangel an Nahrung, sanitarischen Einrichtungen und Unterkünften, und als am Freitagabend ein heftiges Gewitter das Gelände in einen Morast verwandelte, war das Chaos perfekt. Für viele Besucher wurde Woodstock zum Alptraum – «zum friedlichen Alptraum», so der Autor Mike Evans, der eines von vielen Woodstock-Büchern verfasst hat. Dafür sorgten zahlreiche Helfer, die Essen organisierten, vor allem aber der exzessive Konsum von Marihuana, LSD und anderen Drogen.

In Woodstock gab es keine Toten.
Falsch, je nach Quellen gab es zwei oder drei Todesopfer – ein Besucher starb demnach an einer Überdosis, ein anderer an einem Blinddarmdurchbruch, und ein 17-Jähriger wurde während den Aufräumarbeiten in seinem Schlafsack von einem Traktor überrollt. Das Festival aber verlief absolut gewaltfrei.

In Woodstock kamen mehrere Babys zur Welt.
Ein gern kolportierter Mythos, für den es aber keine Beweise gibt. Bis heute hat sich niemand geoutet, der angeblich auf dem Festivalgelände geboren wurde. Eine werdende Mutter soll jedoch noch rechtzeitig mit einem Helikopter ins Spital gebracht worden sein und ein weiteres Baby im Verkehrsstau zur Welt gekommen sein.

Woodstock ist ein Synonym für freie Liebe.
«Es war einfacher zu vögeln, als sich ein Frühstück zu organisieren», schrieb das Magazin «Rolling Stone» und lag wohl nicht weit von der Wahrheit entfernt. Wo es Drugs und Rock’n’Roll im Überfluss gab, herrschte kein Mangel an Sex. Die Menschenmassen und der Schlamm sorgten für ein hohes Mass an Körperlichkeit.

Woodstock war ein Manifest gegen den Vietnamkrieg.
Der ungeliebte Krieg befand sich 1969 auf dem Höhepunkt, und in den USA herrschte Wehrpflicht. Nicht jeder junge Mann wurde eingezogen, aber jeder musste damit rechnen. Für viele war Woodstock deshalb die Verwirklichung einer utopischen Gegenwelt. Allerdings: Ohne die Hilfe des US-Militärs, das Helikopter und Ärzte zur Verfügung stellte, hätte das Festival möglicherweise doch katastrophal geendet.

Woodstock war eine musikalische Sternstunde.
Nur bedingt. Viele Bands lieferten Mittelmass ab, etwa die Vorzeige-Hippies von Grateful Dead, die total zugedröhnt waren. Andere wollten erst Geld sehen, bevor sie auftraten, etwa The Who, worauf die Veranstalter drohten, die britische Band öffentlich blosszustellen. Es gab aber auch grossartige Auftritte, etwa von Crosby, Stills, Nash & Young. Der schwarze Folksänger Richie Havens musste unerwartet als erster auftreten, weil andere Acts im Stau steckten, und länger spielen als geplant, weshalb er zum Schluss nur noch improvisierte und so seinen legendären Hit «Freedom» kreierte.

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Den Abschluss des Festivals bildete Jimi Hendrix' Version der US-Nationalhymne.
Hendrix trat als letzter auf, bereits am Montagmorgen bei Tageslicht, doch zum Abschluss sang er seinen Hit «Hey Joe». In Erinnerung aber blieb, wie er die Nationalhymne auf seiner Gitarre in eine Kakophonie verwandelte, die an fallende Bomben oder angreifende Kampfjets erinnerte. Ob Hendrix damit wirklich den Vietnamkrieg hörbar machen wollte, ist umstritten. Die «New York Post» jedenfalls schwärmte: «Endlich hörte man, dass man sein Land lieben, aber seine Regierung hassen kann.» Mehr noch, sie schrieb vom «grossartigsten Augenblick der Sechziger», dem jedoch nur noch ein paar zehntausend Leute live beiwohnten – die meisten hatten vor den Verhältnissen kapituliert und waren nach Hause gegangen.

Woodstock war der Höhepunkt der Hippie-Bewegung.
Ja und nein. Tatsächlich interpretieren viele das Festival als Kulmination dessen, was die Sechziger ausmachte: Protest gegen den Krieg, kulturelle Revolution, gesellschaftliche Umwälzung. Gleichzeitig aber hatte die Flower-Power-Bewegung damit ihren Höhepunkt überschritten. Michael Wadleigh, Regisseur des legendären Dokumentarfilms, erinnerte sich gegenüber «Rolling Stone» daran, wie er nach dem Festival über Felder voller Schlamm und Müll lief: «Ich hatte das Gefühl, dass die Sixties zu Ende gingen, dass härtere Zeiten bevorstanden, und dass viele unserer Ideale nicht überleben würden.» Bereits eine Woche zuvor hatte in Hollywood das Massaker stattgefunden, das von Charles Mansons «Family» verübt wurde, die als Hippie-Kommune gegründet wurde. Und nur wenige Monate nach Woodstock ereignete sich im Dezember 1969 das Desaster von Altamont, als bei einem Konzert der Rolling Stones ein Schwarzer vor der Bühne erstochen worden. Es war das Ende des Traums von Love and Peace.