«J. Edgar» in den Kinos

22. Januar 2012 14:40; Akt: 23.01.2012 09:12 Print

Der Fanatiker, der das FBI schuf

von Daniel Huber - Rassist, Schwulenhasser, Kommunistenjäger: J. Edgar Hoover war einer der mächtigsten Männer in den USA. Nun hat Hollywood-Ikone Clint Eastwood dem verhassten FBI-Chef ein Denkmal gesetzt.

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48 Jahre lang hielt der eigentliche Gründer des FBI die amerikanische Bundespolizei fest im Griff, bis er am 2. Mai 1972 im Schlaf starb. Seit J. Edgar Hoover 1924 zum Direktor des damals noch kleinen und chaotischen «Bureau of Investigation» berufen wurde, hatte er seine Macht unablässig ausgebaut. Bei seinem Tod war der fanatische Antikommunist und Schwulenhasser einer der mächtigsten Männer der USA – und einer der meistgehassten.

Mit dem Streifen «J. Edgar», der jetzt in den Schweizer Kinos anläuft, hat Hollywood-Regisseur Clint Eastwood dem legendären FBI-Boss (gespielt von Leonardo DiCaprio) ein Denkmal gesetzt, das diesem wohl missfallen würde. Dabei zeichnet Eastwood Hoover nicht nur als verklemmten Puritaner, sondern zeigt ein überraschend zärtliches Bild des gefürchteten Mannes. Es ist, wie die «New York Times» anmerkt, Hoovers Beziehung zu seinem Stellvertreter Tolson, die ihn so menschlich erscheinen lässt.

Homoerotisch gefärbte Freundschaft

In der Tat, Hoovers homoerotisch gefärbte lebenslange Freundschaft mit Clyde Tolson ist eines der grossen Rätsel dieser widersprüchlichen Existenz. Der homophobe Hoover, der eifrig Jagd auf Schwule machte und die sexuellen Vorlieben von Prominenten und Politikern ausspionieren liess, blieb unverheiratet und pflegte ein eheähnliches Verhältnis mit seinem Freund. Die beiden gingen oft zusammen aus und verbrachten auch ihren Urlaub zusammen. Nach Hoovers Tod erbte Tolson dessen Vermögen und zog in sein Haus.

Schon zu Lebzeiten Hoovers schürte diese enge Beziehung Gerüchte über seine angebliche Homosexualität. Doch Hoover, der stets wütend auf solche Gerüchte reagierte, war wohl schlicht zu mächtig, als dass sie ihm geschadet hätten. Obwohl bis heute nie zweifelsfrei belegt werden konnte, dass Hoover und Tolson tatsächlich eine sexuelle Beziehung miteinander führten, wird oft behauptet, die Mafia habe den FBI-Chef mit kompromittierenden Fotos erpresst.

Von der «Kosher Nostra» erpresst?

Namentlich Meyer Lansky, einer der wichtigsten Köpfe der «Kosher Nostra», der jüdischen Mafia, galt als «The man who nailed J. Edgar Hoover» («der Mann, der J. Edgar Hoover festnagelte»). Tatsache ist, dass sowohl die Kosher Nostra wie die Cosa Nostra lange Zeit hindurch unbehelligt blieben, weil Hoover deren Verfolgung FBI-intern behinderte.

Möglicherweise tat Hoover dies aber schlicht deswegen, weil ihm der Kampf gegen alles, was in seinen Augen subversiv und amoralisch war, vordringlicher erschien. Schon 1920, vor seiner Anstellung beim «Bureau of Investigation» 1921, hatte Hoover im Dienste des Justizministeriums die grösste Massenverhaftung der US-Geschichte organisiert, die sich gegen mutmassliche Mitglieder und Sympathisanten der Kommunistischen Partei richtete.

Kommunistenfresser und Rassist

Dieser Stossrichtung blieb er treu: So kooperierte er eng mit dem Kommunistenfresser Joseph McCarthy, dessen Name zum Synonym für die antikommunistische Hysterie in den USA wurde. 1956, mitten im Kalten Krieg, lancierte er mit COINTELPRO («COunter INTELligence PROgram») ein FBI-Programm zur Überwachung und Diskreditierung von missliebigen Personen und Gruppen. Von den nicht selten illegalen Aktionen des FBI waren nicht nur linke Parteien betroffen, sondern auch Studentenorganisationen und die Bürgerrechtsbewegung.

Die Ablehnung der Bürgerrechtsbewegung und die Antipathie gegen deren charismatische Galionsfigur Martin Luther King beruhte wesentlich auf Hoovers Rassismus. Gegen King ging er besonders hasserfüllt vor: Das FBI bespitzelte den Bürgerrechtler systematisch, um ihn bei einem Sexskandal zu ertappen, und stellte ihm sogar einen Drohbrief zu, der ihn in den Selbstmord treiben sollte. Der Historiker Arthur M. Schlesinger Jr. schrieb über den FBI-Chef, er habe «die rassisitischen Instinkte eines weissen Mannes, der in Washington aufgewachsen war, als es noch eine Stadt des Südens war». In der Tat kannte die Hauptstadt der USA noch bis 1954 die Rassentrennung.

Machtmensch mit Geheimdossiers

Mehr noch als von Rassismus und vom Hass auf alles Subversive muss Hoover von einem ausgeprägten Machtinstinkt beseelt gewesen sein. Insgesamt acht veschiedene US-Präsidenten – von Calvin Coolidge bis Richard Nixon – wohnten während seiner Amtszeit im Weissen Haus. Einige von ihnen wären den mächtigen FBI-Boss nur zu gern losgeworden; doch er blieb hartnäckig im Amt. Der Schlüssel zu seiner Macht lag in den Geheimdossiers, die er über zahlreiche Spitzenpolitiker – und nicht nur über diese, sondern auch über Prominente wie Charlie Chaplin oder Frank Sinatra – anlegen liess.

So gelang es ihm auch, die Amtszeit von Präsident John F. Kennedy und dessen Bruder Robert, der als Justizminister formell sein Vorgesetzter war, zu überstehen – obwohl ihm beide nicht gewogen waren. Daher trifft der oft zitierte Ausspruch, von dem nicht sicher ist, ob er wirklich von Hoover stammt, durchaus zu: «Mir ist egal, wer unter mir Präsident ist.»