Jelzins Triumph

19. August 2011 07:20; Akt: 19.08.2011 10:22 Print

Der Putsch der Sowjet-HardlinerDer Putsch der Sowjet-Hardliner

von Uwe Käding, dapd - Vor 20 Jahren putschten reaktionäre Kommunisten gegen Gorbatschows Reform der Sowjetunion. Ausgerechnet dieser Staatsstreich besiegelte jedoch den Untergang der östlichen Supermacht.

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Panzer auf dem Roten Platz vor dem Kreml in Moskau: Vom 19. bis zum 21. August 1991 hielt die Welt den Atem an, als eine Junta von reaktionären Kommunisten gegen die Reformpolitik Michail Gorbatschows putschte. Der Staatsstreich scheiterte, doch seine Folgen waren weitreichend: Gorbatschow büsste seine Macht ein; Boris Jelzin, Held des Widerstands und Präsident Russlands, stieg zum neuen starken Mann auf. Ende 1991 existierte die Sowjetunion nicht mehr. Im «Staatlichen Komitee für den Ausnahmezustand», das mit dem Staatsstreich die Umwandlung der alten Sowjetunion in einen Staatenbund - wie es die Reformer planten - verhindern wollte, sassen neben anderen der sowjetische Innenminister Boris Pugo, Vizepräsident Gennadi Janajew und der Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Oleg Baklanow (v.l.). Auch Verteidigungsminister Dmitri Jasow und KGB-Chef Wladimir Krjutschkow gehörten zu den Putschisten. Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow wurde bereits am Vorabend des 19. August in seinem Feriendomizil auf der Krim, wo er gerade im Urlaub war, festgesetzt. Da er sich weigerte, seine Vollmachten an das Komitee zu übertragen, wurde er dort bis zum Ende des Putsches festgehalten und abgeschirmt. Die Putschisten gaben bekannt, Gorbatschow sei erkrankt und deshalb von seinen Ämtern befreit worden. Bild: Gorbatschow (M.) bei seinem ersten Auftritt nach dem Putsch, hinter ihm der russische Vizepräsident Alexander Ruzkoi (2.v.r.). Mit der Besetzung von wichtigen Ministerien und Behörden sowie der Übernahme der Medien glaubten die reformfeindlichen Hardliner, sie hätten die Lage unter Kontrolle. Bild: Schützenpanzer am 19. August vor dem russischen Parlament in Moskau - dem «Weissen Haus». Doch die Putschisten unterschätzten den Einfluss eines Mannes: Der russische Präsident Boris Jelzin (Bild) wurde zur Symbolfigur des Widerstands gegen den Staatsstreich der Apparatschiks. Er riss noch am ersten Putschtag die Initiative an sich. Jelzin (l.) kletterte gegen Mittag auf einen der vor dem «Weissen Haus» aufgefahrenen Panzer und erklärte vor anfänglich nur 150 Zuhörern das Vorgehen des Notstandskomitees für verfassungswidrig. Sein Auftritt, bei dem er die Soldaten dazu aufforderte, nicht «zur blinden Waffe des verbrecherischen Willens von Abenteurern» zu werden, hob sich stark von der trockenen Fernsehansprache des Putschisten Janajew ab. Es war Jelzins Sternstunde. Die Putschisten hatten wohl auch die Stimmung in der Bevölkerung gegen das wirtschaftlich marode System unterschätzt. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen sich so entschieden gegen sie zur Wehr setzen würden: In Moskau und Leningrad (heute St. Petersburg) versammelten sich die Menschen, um gegen den Putsch zu demonstrieren. Bild: Demonstranten machen sich am 19. August auf den Weg zum «Weissen Haus». Auf dem Plakat steht: «Nein zum Faschismus! Ja zu Jelzin! Auf zum Streik!» Tausende strömten auf den Platz vor dem «Weissen Haus». Innerhalb weniger Stunden schwoll die Menge auf 5000 Menschen an. Bild: Ein Armeeleutnant spricht vor dem «Weissen Haus» mit Demonstranten. Barrikaden wurden errichtet ... ... Flugblätter wurden verteilt. Auch am 20. August rollten Panzer durch die Strassen Moskaus. Noch waren die Putschisten nicht besiegt. Eine Botschaft des Komitees «an das sowjetische Volk» füllte die Frontseiten der nationalen Presse. In der Nacht zum Mittwoch, dem 21. August, begann die gefährlichste Phase in der Konfrontation zwischen Putschisten und Jelzin-Anhängern. Schüsse fielen, Panzer rollten, Menschen schrien. Bild: Ein Panzer schiebt in Moskau einen Lastwagen weg, der als Barrikade diente. Die drei Todesopfern des Putsches waren die Folge eines tragischen Missverständnisses: Eine abrückende Schützenpanzerkolonne wurde an einer U-Bahnstation von Demonstranten angehalten, die einen Angriff vermuteten. Ein Demonstrant wurde erschossen, zwei wurden überfahren. Bild: Ein als Strassensperre dienender Bus brennt nahe des sowjetischen Aussenministeriums, während Demonstranten auf die Soldaten einreden. Doch der Angriff auf das «Weisse Haus» fand nicht statt. Die KGB-Antiterroreinheit «Alpha» verweigerte den Angriffsbefehl. Spätestens am 21. August war klar, dass die Mehrheit der Truppen nicht auf Seiten der Putschisten stand. Der Staatsstreich war endgültig gescheitert. Bild: Sowjetischer Panzersoldat in Moskau. Die Hardliner waren geschlagen und flohen. Innenminister Boris Pugo beging am 22. August Selbstmord. 15 Personen wurden ihrer Ämter enthoben und später als Verschwörer bezeichnet, zwölf von ihnen wurde der Prozess gemacht. Die meisten kamen 1992 und 1993 wieder frei, unter ihnen auch der sowjetische Vizepräsident Janajew (Bild). Auch am 21. August versammelten sich zahlreiche Menschen vor dem «Weissen Haus» in Moskau. Junge Demonstranten sitzen am 21. August auf einem Panzer vor dem «Weissen Haus». Eine Barrikade aus Trolleybussen in Moskau. In der Nacht zuvor hatten hier Kämpfe mit Truppen der Putschisten stattgefunden. Tausende von Moskauern feierten ihren Sieg gegen die Putschisten am 22. August in einem Umzug. Mit der Niederlage der kommunistischen Hardliner begann die Demontage der KPdSU, die schliesslich in der Demontage der Sowjetunion münden sollte. Bild: Am 22. August wird in Moskau das Standbild des KGB-Gründers Felix Dserschinski vor dem KGB-Hauptsitz und -Gefängnis Lubjanka vom Sockel geholt. Auch am 24. August sind die Barrikaden vor dem «Weissen Haus» noch da. Eine grosse Menschenmenge versammelt sich am 24. August in Moskau bei der Beerdigung der Opfer des Putsches. Der Trauerzug für die Opfer des Putschs. Am 22. August kehrte Gorbatschow nach Moskau zurück. Doch künftig hatte nicht mehr der sowjetische Präsident das Sagen, sondern der Präsident Russlands, Jelzin. Das drückt sich auch in dieser Aufnahme vom 23. August aus, die die beiden Präsidenten im russischen Parlament zeigt.

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Es war eine Ironie der Geschichte: Die kommunistischen Hardliner, die am 19. August 1991 in Moskau die Panzer auffahren liessen, wollten mit ihrem Putsch die alte Sowjetunion bewahren. Doch ihr vereitelter Staatsstreich führte zur Entmachtung der sowjetischen Kommunistischen Partei (KPdSU), machte aus dem Präsidenten Michail Gorbatschow einen Papiertiger und sorgte für den Triumph des Radikalreformers Boris Jelzin.

Dies war zu Beginn des Putschs noch nicht absehbar. Die Welt hielt den Atem an, als in Moskau und anderen grossen Städten Panzer auffuhren. Die Putschisten – organisiert in einem «Staatskomitee für den Ausnahmezustand» um Vizepräsident Gennadi Janajew – gaben bekannt, Gorbatschow sei an seinem Urlaubsort auf der Krim erkrankt. Später wurde der Ausnahmezustand über Teile der UdSSR verhängt; der bis dahin mächtigste Mann der Sowjetunion wurde in seinem Feriendomizil isoliert.

Die reformfeindliche sowjetische Machtelite, die sich nie mit Gorbatschows Reformpolitik von Glasnost und Perestroika (Offenheit und Umbau) abgefunden hatte, unterschätzte allerdings die Stimmung in der Bevölkerung gegen das wirtschaftlich marode System. Und sie unterschätzte vor allem den Einfluss eines Mannes: Des von Gorbatschow als Radikalreformer einst aufs machtpolitische Abstellgleis manövrierten, am 12. Juni 1991 aber gerade erst direkt zum russischen Präsidenten gewählten Boris Jelzin.

Erklärtes Ziel der Putschisten: Die für Dienstag, den 20. August 1991 geplante Unterzeichnung eines von Gorbatschow vorgelegten neuen Unionsvertrages für die 15 Sowjetrepubliken zu verhindern. Gorbatschow wollte - getrieben von Unabhängigkeitsbestrebungen in Teilen des Riesenreichs - den Republiken mehr Vollmachten geben; UdSSR sollte statt für «Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken» künftig für «Union der Souveränen Sowjetrepubliken» stehen. Die Kommunistische Partei hätte dabei an Macht und Einfluss verloren, nicht aber so sehr der Präsident - also Gorbatschow.

Putschisten unterschätzten Jelzin

Die Putschisten - neben Janajew mit Ministerpräsident Valentin Pawlow, Innenminister Boris Pugo, KGB-Chef Wladimir Krjutschkow und Verteidigungsminister Dimitri Jasow die Männer an den entscheidenden sicherheitspolitischen Schaltstellen - inszenierten einen technokratischen Staatsstreich; sie gingen davon aus, mit der Kontrolle über Schlüsselministerien und -behörden sowie die Medien die Macht sicher zu haben. Zudem war Gorbatschow auf der Krim festgesetzt: Wer sollte sich ihnen entgegenstellen?

Aber Jelzin riss noch am ersten Putschtag die Initiative an sich. Er kletterte gegen Mittag auf einen der vor dem russischen Parlament - dem «Weissen Haus» - aufgefahrenen Panzer und erklärte vor nur 150 Zuhörern das Vorgehen des Notstandskomitees für verfassungswidrig. Er rief zu Streiks mit der Forderung nach Gorbatschows Rückkehr auf.

Die Putschisten unterschätzten Jelzins Wirkung, zumal sie die Medien unter ihrer Kontrolle wähnten. Doch der populäre Volkstribun wuchs in diesen Stunden zum Volkshelden: Tausende strömten auf den Platz vor dem Weissen Haus. Barrikaden wurden errichtet. Innerhalb weniger Stunden schwoll die Menge auf 5000 Menschen an.

Kurz vor Sonnenuntergang dann der zweite Auftritt Jelzins. Von einem Balkon aus rief er, dass der Putsch scheitern werde. Zehn Panzer fuhren auf den Platz vor dem Weissen Haus auf - und schlossen sich den Jelzin-Anhängern an.

Am nächsten Tag strömten Zehntausende auf den Platz vor dem Parlament. Aufrufe der Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow, Jelena Bonner, und des ehemaligen sowjetischen Aussenministers Eduard Schewardnadse sorgten für weiteren Zulauf.

KGB-Einheit verweigerte Angriffsbefehl

In der Nacht zum Mittwoch, dem 21. August, begann die gefährlichste Phase in der Konfrontation zwischen Putschisten und Jelzin-Anhängern. Schüsse fielen, Panzer rollten, Menschen schrien. Zu den drei Todesopfern des Putsches kam es durch ein tragisches Missverständnis: Eine abrückende Schützenpanzerkolonne wurde von einer Menge an einer U-Bahnstation gestellt, die einen Angriff vermutete. Ein Demonstrant wurde erschossen, zwei wurden überfahren.

Im Weissen Haus wurde jederzeit mit einem Angriff der KGB-Elitetruppen gerechnet. Die Menge vor dem Gebäude wurde über Lautsprecher aufgefordert, einen 50 Meter breiten «Schussstreifen» freizumachen. Doch der Angriff blieb aus, bei Tagesanbruch hatte die Widerstandsbewegung gesiegt. Die KGB-Antiterroreinheit «Alpha» teilte später mit, ihr sei befohlen worden, das Gebäude «um jeden Preis» einzunehmen. Nach ihrer Weigerung blieb den Putschisten nur die Flucht, Pugo erschoss sich. 15 Personen wurden ihrer Ämter enthoben und später als Verschwörer bezeichnet, zwölf von ihnen wurde der Prozess gemacht. Die meisten kamen 1992 und 1993 wieder frei.

Gorbatschow kann die UdSSR nicht mehr retten

Gorbatschow kehrte am 22. August nach Moskau zurück - in ein anderes Land, wie er damals sagte. Die nächsten Wochen und Monate versuchte er, den Zusammenhalt der UdSSR zu retten - und verlor letztlich gegen seinen alten Gegenspieler Jelzin, der die Entmachtung der KPdSU zelebrierte. Am 31. Dezember 1991 hörte die Sowjetunion auf zu bestehen und landete auf dem Müllhaufen der Geschichte. Ihr Rechtsnachfolger - auch als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat - wurde Russland, die Sowjetrepubliken wurden endgültig unabhängig. Bis auf die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen - die EU- und NATO-Mitglieder wurden - haben sie sich lose in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zusammengeschlossen. Jelzin starb im April 2007.

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  • Basil T. am 19.08.2011 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Wirtschaftspolitischer Totalversager

    Gorbatschov hatte mehr Zeit und mehr Macht als die meisten Reformer und Übergangsregierungen im Ostblock. Trotzdem hat er versagt, weil er im Herzen immer noch überzeugter Kommunist war/ist. Die Politiker in Polen und der CSSR stellten die notwendigen Weichen für wirtschaftliche und politische Reformen. Viel von Perestroika und Glasnost war Politkosmetik. Es gab keine vorbereitungen für eine geordnete Privatisierung der Wirtschaft etc.

  • Fizzi am 19.08.2011 07:30 Report Diesen Beitrag melden

    Jelzin die Katastrophe

    Nichts war für Russland so verheerend wie Jelzin. Er hat die ganze Perestrojka abgewürgt. Kein Krieg konnte Russland das antun, was Jelzin dem Land angetan hat. Für mich ist Gorbatschow einer der grössten Staatsmänner des letzten Jahrhunderts.

    • Bürger am 19.08.2011 12:51 Report Diesen Beitrag melden

      Gorbatschow hätte

      die Perestroika gemächlicher angehen müssen. Die Zentralverwaltungswirtschaft hätte nie und nimmer in dieser Geschwindigkeit abgebaut werden dürfen. Ich würde sogar sage, dass man die bestehende Wirtschaftsform und die Betriebe im status quo hätte belassen, jedoch die Neugründung von kleinen und mittleren Privatunternehmen erlauben sollen, was einer Einführung von Mischwirtschaft bedeutet hätte.

    • Peter V. am 19.08.2011 13:31 Report Diesen Beitrag melden

      "Westler" lieben Gorbi - Russen nicht

      Na da spricht doch eher ein "Westler"... Die meisten Russen hassen Gorbatschov und Jelzin gleichermassen. Warum? Gorbatschov war ein Waschlappen, der seine Reformen niemals so konsequent durchgezogen hatte wie er behauptete. Demokratie und Freiheit wollte er auch nie. Als er abtratt hinterliess er dem Diletanten Jelzin eine riesige Baustelle...und der Trunkenbolt hat dann noch alles schlimmer gemacht... "Gorbi" ist der Held des Westens, und das gefällt dem Egomanen natürlich.

    • Georg am 19.08.2011 13:38 Report Diesen Beitrag melden

      Teile ich nicht.

      Die UdSSR war schon unter Gorbi am Boden, die Perestroika kam viel zu spät.

    • Martin am 19.08.2011 13:44 Report Diesen Beitrag melden

      Russland die katastrophe

      Tja und für halb Europa war nichts so verherend, wie Russland selbst. Dank Russland musste z.B. Polen in einem kommunistischen Terror-Regime leben. Es war so schlimm, dass sich sogar viele die deutschen Besatzer zurück wünschten.

    • peter.müller am 19.08.2011 15:40 Report Diesen Beitrag melden

      Wohl etwas falsch verstanden...

      Die Perestroika war mit dem Putsch am Ende. Gorbatschow ist für den Zusammenbruch der Sowjetunion und die folgende Phase wirtschaftlicher und politischer Wirren in Russland direkt verantwortlich. Was hier Jelzin vorgeworfen wird, hat tatsächlich Gorbatschow zu verantworten. Dies wird im Westen allersdings viel zu wenig zur Kenntnis genommen, weil man hier nur den Aussenpolitiker Gorbatschow sieht.

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