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«Fall Gelb»
09. Mai 2010 12:16; Akt: 09.05.2010 12:16 Print
Der tödliche «Sichelschnitt»
von Daniel Huber - Vor 70 Jahren begann der Westfeldzug der Wehrmacht. Der gewagte Angriffsplan täuschte die Alliierten; in nur vier Wochen war die französische Armee besiegt.
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Kurz nach halb sechs Uhr am Morgen des 10. Mai 1940 setzte sich das deutsche Westheer in Bewegung: «Fall Gelb» war eingetreten. Ohne Kriegserklärung wurden die Grenzen der neutralen Länder Luxemburg, Belgien und Niederlande überschritten.
Zerstörtes Calais (Bild: Bundesarchiv)
Deutsches Geschütz in Frankreich (Bild: Bundesarchiv)
Die Luftüberlegenheit war entscheidend (Bild: Bundesarchiv)
Der «Sichelschnittplan»
Ursprünglich hatte der deutsche Generalstab eine Art Neuauflage des Schlieffenplans aus dem Ersten Weltkrieg ausgearbeitet, der einen massiven Angriff durch Belgien hindurch vorsah. Dies war allerdings genau das, was der französische Generalstab ebenfalls annahm. Bestärkt wurde er in dieser Sicht durch einen Vorfall im Januar 1940, als sich ein deutsches Flugzeug nach Belgien verirrte und bei Mechelen notlanden musste. Dabei fiel der deutsche Angriffsplan den Belgiern in die Hände.
Generalleutnant Erich von Manstein entwarf dagegen einen neuen Plan, in dem die Operationen in Belgien und Holland vor allem dazu dienen sollten, die alliierten Truppen auf sich zu ziehen. Der Hauptangriff sollte dagegen über die Ardennen erfolgen, von denen die Franzosen glaubten, dass sie für Panzervorstösse nicht geeignet seien. Nach der Überquerung der Maas sollten die Panzerspitzen Richtung Kanalküste vorstossen und so die alliierten Truppen in Belgien abschneiden.
Den traditionell denkenden Offizieren des deutschen Oberkommandos war dieser Plan zu riskant. Hitler hielt dennoch daran fest; als der Erfolg ihm Recht gab, verstärkte dies seine Tendenz, den Rat der Generäle in den Wind zu schlagen. Kriegsverbrechen
Während des Westfeldzuges und unmittelbar nach dem Waffenstillstand kam es zu Kriegsverbrechen der Wehrmacht und vor allem der SS-Einheiten. Bei Massakern in Vinkt, Oignies und Courrières wurden insgesamt etwa 250 Zivilisten getötet. SS-Verbände ermordeten britische und französische Kriegsgefangene; insbesondere wurden zwischen 1500 und 3000 Angehörige der französischen Kolonialtruppen umgebracht. Deutsche Juden, die in der französischen Armee dienten, wurden von den übrigen Kriegsgefangenen abgesondert und ermordet.
(Wikipedia.org)
Mit dem Überfall auf die Beneluxländer begann der deutsche Westfeldzug, der die Briten an den Rand der Niederlage brachte, die Franzosen schwer traumatisierte und Hitlers Grössenwahn entscheidend steigerte. Der überraschende Angriff erfolgte nach einer monatelangen Ruhephase an der Westfront, dem so genannten «Sitzkrieg», der seit der Kriegserklärung der Westmächte an Deutschland im September 1939 angedauert hatte.
Eine gigantische Falle
Die deutschen Verbände der Heeresgruppe B unter Generaloberst Fedor von Bock stiessen mit grosser Schnelligkeit vor. Luftlande-Einheiten griffen mehrere Ziele an, so beispielsweise das moderne belgische Fort Eben-Emael am Albert-Kanal, das als uneinnehmbar galt. Schon am 12. Mai erreichte die 9. Panzerdivision Moerdijk und schnitt damit Holland auf dem Landweg von den Westmächten ab. Nach der verheerenden Bombardierung der Altstadt von Rotterdam gaben die Niederlande den Kampf auf und kapitulierten am 14. Mai. Vier Tage später waren Lüttich, Brüssel und Antwerpen in deutscher Hand.
Wie zuvor für den Fall eines deutschen Angriffs vereinbart, eilten das britische Expeditionskorps und mehrere französische Armeen den bedrängten Belgiern gleich zu Beginn des Angriffs zur Hilfe — und tappten so in eine gigantische Falle. Der Schwerpunkt des deutschen Angriffs lag nämlich nicht wie vermutet im Norden bei der Heeresgruppe B, die durch Belgien und Holland vorstiess, sondern bei den 44 Divisionen der Heeresgruppe A, die unter Führung von Generaloberst Gerd von Rundstedt durch Luxemburg und das Bergland der Ardennen vorrückten.
Ein fatales Dogma
Die deutschen Panzerdivisionen, die völlig unerwartet den dicht bewaldeten Sperrriegel der Ardennen durchbrachen, die Maas überquerten und nun im Rücken der alliierten Armeen Panik und Chaos säten, hätten nie dorthin gelangen dürfen, wenn das Dogma des französischen Generalstabs der Wahrheit entsprochen hätte. «Les Ardennes sont impérmeables aux chars!» («Die Ardennen sind für Panzer unpassierbar!»), so lautete dieser fatale Grundsatz, der jetzt von den deutschen Panzerspitzen widerlegt wurde.
Diese Panzerverbände, die in nur 57 Stunden Sedan an der Maas erreicht hatten, schwenkten nun nach Nordwesten ein und drangen durch das französische Hinterland bis zur Kanalküste vor — die 6. Panzerdivision erreichte die Küste am 20. Mai. Damit wurden die alliierten Truppen in Nordfrankreich und Belgien in einem riesigen Kessel eingeschlossen. Der «Sichelschnitt», wie der damalige britische Premierminister Churchill diese gewagte Operation später nannte (siehe Infobox), brachte die Entscheidung.
Die desorientierten und schockierten alliierten Truppen fanden kein Rezept gegen die neue Taktik des Blitzkriegs, mit der die Wehrmacht bereits das polnische Heer zerschlagen hatte.
Dem raschen Vorstoss mechanisierter, von der Luftwaffe unterstützter Verbände war die französische Armee, die sich am Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs orientierte und im «Maginot-Denken» verhaftet blieb, nicht gewachsen. So waren die französischen Panzer den deutschen sowohl an der Zahl als auch an Bewaffnung überlegen, doch die französische Militärdoktrin sah ihren Einsatz lediglich zur Unterstützung der Infanterie vor.
Das «Wunder von Dünkirchen»
Schnell schnürten die Deutschen den Kessel zu; die von ihren rückwärtigen Verbindungen abgeschnittenen alliierten Truppen konnten nur noch hoffen, bei Dünkirchen über die See zu entkommen. Da Hitler am 24. Mai, als deutsche Truppen bereits bis auf 15 Kilometer an Dünkirchen herangekommen waren, die Panzer halten liess, gelang es den Briten, knapp
Am 5. Juni begann die zweite Phase des Westfeldzugs: «Fall Rot», die Schlacht um Frankreich. Nachdem die französischen Verteidigungslinien in Nordfrankreich durchbrochen waren, nahm die Heeresgruppe B am 14. Juni Paris ein, während die Heeresgruppe A nach Südosten einschwenkte und am 17. Juni die Schweizer Grenze bei Pontarlier erreichte. Die Hauptmasse der französischen Armee in Ostfrankreich war damit eingekesselt. Jetzt wurde die Maginotlinie, auf die sich der französische Generalstab so sträflich verlassen hatte, genommen — und zwar von der Rückseite her.
In vier Wochen besiegt
Die französische Regierung flüchtete nach Bordeaux; am 16. Juni trat Ministerpräsident Reynaud zurück und einen Tag später bat sein Nachfolger, Marschall Pétain, um eine Waffenruhe. Auf Hitlers Wunsch wurde der Waffenstillstand am 22. Juni im Wald von Compiègne unterzeichnet, am selben Ort, wo 1918 das Kaiserreich seine Niederlage hatte unterschreiben müssen. Im Ersten Weltkrieg hatte Frankreich der deutschen Armee vier Jahre lang erfolgreich standgehalten; jetzt war es in vier Wochen besiegt worden.
Nur einen Tag nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands besuchte Hitler das besetzte Paris. Der Führer befand sich auf dem Höhepunkt seiner Popularität; zugleich stieg auch sein Grössenwahn ins Unermessliche. In der Folge griff der «Grösste Feldherr aller Zeiten» (GröFaZ) immer öfter in operative Angelegenheiten ein und war immer weniger bereit, auf Einwände seiner Armeespitze zu hören. Die Rechnung dafür bezahlte die Wehrmacht an der Ostfront.
Video: Blitzkrieg im Westen, Teil I
(Quelle: YouTube)
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Video: Blitzkrieg im Westen, Teil II
(Quelle: YouTube)
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