Bastelsets

02. März 2018 22:08; Akt: 05.03.2018 14:05 Print

Die DIY-Kataloghäuser aus den Zwanzigern

von Meret Steiger - Zwischen 1908 und 1940 konnte man sich in den USA per Katalog ein riesiges Do-it-yourself-Kit von Sears bestellen – für ein eigenes Haus.

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Eine Auswahl der Häuser, für die man sich zwischen 1908 und 1940 in einem Sears-Katalog Materialien und eine Anleitung bestellen konnte. Das durchschnittliche Hausbau-Set beinhaltete rund 25 Tonnen Material mit über 30'000 vorgeschnittenen oder vorgeformten Teilen – und circa 340 Kilogramm Nägeln und Schrauben. Sears wollte allen Wünschen gerecht werden und so konnten potenzielle Käufer im Katalog zwischen 370 unterschiedlichen Grössen und Designs wählen. Im Bild: das Modell «Bristol». Sanitäranlagen, Zentralheizungen und Elektrik waren damals keineswegs Standard und mussten extra bestellt werden. Sobald die Materialien geliefert worden waren, konnten die Neo-Hausbesitzer mit dem Zusammensetzen beginnen. Freunde, Familie und Nachbarn halfen beim Bau mit, ganz wie es früher in den ländlichen Gebieten üblich war. Sears behauptete allerdings, dass ein «durchschnittlich talentierter Mann» das Haus in nur gerade 90 Tagen zusammenbauen könnte. In manchen Fällen kauften lokale Firmen, Zimmermänner und Bauunternehmen die Häuser, um damit potenziellen Kunden ihre Arbeit zu zeigen. Heute geht man davon aus, dass rund die Hälfte der Sears-Häuser allein von Privatpersonen gebaut wurden. Und ja, dieses Haus kostete tatsächlich nur 2319 Dollar. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse wären das ungefähr 32'000 Dollar – und damit noch immer ein Schnäppchen. Das teuerste und grösste Sears-Modellhaus war das «Magnolia». Das 10-Zimmer-Haus kostete damals 6488 Dollar, was heute ungefähr 88'000 Dollar entspricht. Das dreistöckige Gebäude wurden zwischen 1918 und 1922 verkauft. Heute stehen tatsächlich noch mindestens sieben «Magnolias» in den Vereinigten Staaten, eines davon in North Carolina. Dieses Haus wird seit 1940 als Sitz eines Bestattungsunternehmens genutzt.

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Sears war einst der grösste Versandhändler Amerikas. Die Firma begann 1892 mit dem Verkauf von Uhren, expandierte aber bald und verkaufte auch Möbel, Haushaltsgegenstände und alles andere, was sich ein amerikanischer Haushalt zu dieser Zeit wünschte.

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70'000 Kataloghäuser verkauft

Alles begann 1906: Sears suchte nach einer Möglichkeit, mehr Baumaterialien zu verkaufen – dieser Teil seines Katalogs war am wenigsten profitabel. Ein Manager hatte schliesslich die rettende Idee: Sears sollte die einzelnen Bauteile einfach als Kit für ein ganzes Haus verkaufen.

Zwischen 1908 und 1940 konnte sich jeder, der genug Geld hatte, ein Haus aus dem Katalog aussuchen und bestellen. Alle Materialien und eine mindestens 75 Seiten lange Anleitung wurden den Käufern dann direkt vor die Haustür geliefert. In diesem Zeitraum verkaufte Sears knapp über 70'000 Kataloghäuser in Nordamerika.

370 unterschiedliche Designs

Sears wollte allen Wünschen gerecht werden und so konnten potenzielle Käufer im Katalog zwischen 370 unterschiedlichen Grössen und Designs wählen. Die hatten Namen wie «Winona» (typisch-amerikanischer Bungalow) oder «Alhambra», dessen Bauweise spanische Einflüsse hatte.

Das durchschnittliche Hausbau-Set beinhaltete rund 25 Tonnen Material mit über 30'000 vorgeschnittenen oder vorgeformten Teilen – und circa 340 Kilogramm Nägeln und Schrauben. Sanitäranlagen, Zentralheizungen und Elektrik waren damals keineswegs Standard und mussten extra bestellt werden.

Und obwohl die Sears-Kataloghäuser als sehr modern galten, hatten manche der Häuser, zum Beispiel das Modell 115 «Natoma», kein Badezimmer. Der Luxus eines eigenen Badezimmers gehörte ebenfalls noch nicht zum amerikanischen Standard.

Selber zusammenbauen

Sobald die Materialien geliefert worden waren, konnten die Neo-Hausbesitzer mit dem Zusammensetzen beginnen. Es war üblich, dass Freunde, Familie und Nachbarn beim Bau mithalfen, ganz wie es früher in den ländlichen Gebieten üblich war. Sears behauptete allerdings, dass ein «durchschnittlich talentierter Mann» das Haus in nur gerade 90 Tagen zusammenbauen könnte.

In manchen Fällen kauften lokale Firmen, Zimmermänner und Bauunternehmen die Häuser, um damit potenziellen Kunden ihre Arbeit zu zeigen. Heute geht man davon aus, dass rund die Hälfte der Sears-Häuser allein von Privatpersonen gebaut wurden.

Häuser stehen heute noch

Das teuerste und grösste Sears-Modellhaus war das «Magnolia». Das 10-Zimmer-Haus kostete damals 6488 Dollar, was heute ungefähr 88'000 Dollar entspricht. Das dreistöckige Gebäude wurden zwischen 1918 und 1922 verkauft. Heute stehen tatsächlich noch mindestens sieben «Magnolias» in den Vereinigten Staaten, eines davon in North Carolina. Dieses Haus wird seit 1940 als Sitz eines Bestattungsunternehmens genutzt.

Die besten Verkaufszahlen schrieb Sears 1929, kurz vor der grossen Depression. Danach wurde es schwierig für die Versandhändler: Die Leute konnten die gekauften Häuser nicht mehr bezahlen, neue wurden nicht gebaut. Hier bewies Sears viel Herz. Die Firma übernahm rund 11 Millionen Dollar an Hypothekenschulden für ihre Häuser. «Sie wollten nicht als herzloser Laden dastehen, der die Menschen um ihr Zuhause bringt», wurde damals in einer Mitteilung kommuniziert.

1934 verbesserte sich die Lage kurz, aber nicht nachhaltig. 1940 wurde die Modern-Homes-Abteilung geschlossen. Während eines Umzugs einige Jahre später ging ein Grossteil der Modern Homes-Akten verloren, diverse andere Firmen boten ähnliche Hausbau-Kits an. So ist es heute sehr schwierig, die echten Sears-Häuser als solche zu erkennen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • markusa am 02.03.2018 22:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lieferung vor die haustür

    vor welche haustür wurde das geliefert? ;-)

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  • S. R. am 02.03.2018 23:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gutes Preis Leistungssystem

    Bei uns kostet ja ein Garten Häuschen mehr als das billigste Haus.

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  • Yosemite Sam am 02.03.2018 23:26 Report Diesen Beitrag melden

    Alles aus dem Katalog

    In den alten Sears Katalogen konnte man wirklich alles bestellen. Sogar Schrottflinten und Pistolen. Per Post. War kein Problem damals.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ueliderpächter am 03.03.2018 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Über Leichen gehen...

    Unternehmer mit Herz und echtem Nationalismus. Daran erkennt man das sich die Menschen zu egoistischen Alleinunterhalter entwickelt haben. Heute gibt es nur noch Parasiten die sich als Ende der Fahnenstange halten. Jeder wird übervorteilt und übern Tisch gezogen, wollt ihr so weiter machen? Umverteilung bis zum Exodus? Wie lange zeigen wir mit dem Finger auf Schwache und Arme um Ihnen das wenige was ihnen geblieben ist amtlich zu stehlen? Wie vielen Menschen werden wir noch Ihre Grundrechte absprechen um uns zu bereichern? Ich mache da nicht mehr mit.

  • Lars am 03.03.2018 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts dazu gelernt

    Leider hat sich die Qualität der US Häuser seither kein bisschen verbessert. Die Ständerbauweise ist noch genau so billig und noch genau so weit entfernt von einem europäischen Haus, egal welcher Bauart, wie damals. Wenn in den Hurricane Gebieten wie in der Schweiz gebaut würde, würden sich die Schäden auf lediglich abgedeckte Ziegeldächer beschränken ohne weitere Schäden.

    • Sodeli am 03.03.2018 18:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Lars

      Aha die Häuser stehen heute noch was über 100 Jahre Nutzzeit beweist. Sie wissen schon, dass unsere Betonhäuser maximal 50Jahre sicher sind? Da der Beton durch Recycling immer schlechter wird halten Häuser in Zukunft maximal 20Jahre. Wer Häuser die Hunderte Jahre sind mal genauer angeschaut hat wird merken, dass Holz immer noch das Mass aller Dinge ist. Nachhaltigkeit gibt es bei Beton nicht!

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  • Love am 03.03.2018 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wunderschoen

    winderschoen und idyllisch diese Haeuser, wenn ich Geld haette und jemand der mir helfen euerde dies zu bauen wuerde ich sofort anfangen. So romantisch sehen die aus im gegensatz zur heutigen Architektur..

  • sc am 03.03.2018 10:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    heute unmöglich

    wirklich ein interessantes system. leider hätte niemand heute mehr die Lust, sich frei zu nehmen und die Hände dreckig zu machen um sich selber ein Haus zu bauen

  • Schlapper Lappe am 03.03.2018 08:14 Report Diesen Beitrag melden

    Typenhäuser halt

    In Finnland hatten wir auch sogenannte Typenhäuser bzw. Standardhäuser, die sehr populär beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg waren. Sogar die Architekten Alvar Aalto (das AA-Typenhaus) und Eliel Saarinen hatten ihre eigene Modelle entworfen.