Zum Tod von Lana Peters

29. November 2011 15:26; Akt: 13.12.2011 16:16 Print

Die Odyssee von Stalins «kleinem Spatz» ist vorbeiDie Odyssee von Stalins «kleinem Spatz» ist vorbei

Ihre Herkunft machte Stalins Tochter Swetlana zu einem Spielball zwischen Washington und Moskau. Auch in der Schweiz fand sie keine Zuflucht. Nun ist sie mit 85 Jahren in den USA gestorben.

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Der Georgier räumte rücksichtslos alle Konkurrenten aus dem Weg und errichtete mit eiserner Hand ein Schreckensregime. Die Zahl seiner Opfer wird auf 20 Millionen geschätzt. Der Machtneurotiker industrialisierte das sowjetische Riesenreich und führte es durch die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Bei seinem Tod 1953 war die Sowjetunion eine Supermacht. Josef Stalin wird am 21.12.1879 als Jossip Wissarionowitsch Dschugaschwili bei Tiflis (Georgien) geboren. Der Sohn eines Schuhmachers und einer Waschfrau lernt erst mit elf Jahren Russisch. 1894 tritt er in das orthodoxe Priesterseminar ein, wird jedoch 1899 wegen marxistischer Umtriebe ausgeschlossen. Seit 1898 ist der Priesterzögling Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands(SDAPR). Als sich die russische Linke in radikale Bolschewiki («Mehrheitler») und gemässigte Menschewiki («Minderheitler») spaltet, schliesst er sich ersteren unter der Führung von Lenin an. 1903 wird er verhaftet und nach Sibirien verbannt. Dort heiratet er seine erste Frau, Jekaterina Swanidse. Sie gebärt ihm einen Sohn – den er im Zweiten Weltkrieg als Verräter wird hinrichten lassen. Der Revolutionär flieht 1904 aus Sibirien und organisiert in der Folge Banküberfälle zur Finanzierung der revolutionären Umtriebe. 1907 stirbt seine Ehefrau. Obwohl er mehrmals verhaftet wird, gelangt er immer wieder nach kurzer Zeit auf freien Fuss. Das Gerücht geht, er verfüge über Kontakte zur zaristischen Geheimpolizei (Ochrana). Lenin beruft den fähigen Organisator 1912 ins Zentralkomitee der Bolschewiki. Von nun trägt er den Namen «Stalin» («der Stählerne»). Von 1913 bis zum Ende der Zarenherrschaft im Frühjahr 1917 lebt Stalin erneut in der Verbannung in Sibirien. In der Übergangszeit der Kerenskij-Regierung arbeitet er in Petrograd (St. Petersburg) an der bolschewistischen Machtübernahme, die dann nach einem ersten Fehlschlag in der Oktoberrevolution stattfindet. Als Volkskommissar für Nationalitätenfragen in der bolschewistischen Regierung sorgt er für die Wiedereingliederung der abgefallenen Kaukasusvölker. Im Bürgerkrieg gegen die «Weissen» ist er als Politischer Kommissar tätig. Und gehört zugleich dem Polit- und dem Organisationsbüro an – eine einzigartige innerparteiliche Machtbasis. 1919 heiratet er zum zweiten Mal: Nadeschda Allilujewa. 1922 gelingt es Stalin, sich auf das neu geschaffene Amt des Partei-Generalsekretärs zu hieven. Von dieser Schaltstelle aus baut er seinen Machtbereich ständig weiter aus. 1924 stirbt Lenin. Obwohl er vor seinem Tod noch vor Stalins gefährlichem Ehrgeiz warnt, bleibt dieser im Amt. In der Folge schaltet Stalin bis 1929 in einer Reihe von machtpolitisch geradezu genialen Wendungen sämtliche Konkurrenten aus. Zuerst wendet sich Stalin gegen die Parteilinke und erledigt seinen gefährlichsten Rivalen: Leo Trotzki, den Gründer der Roten Armee. 1925 wird Trotzki als Kriegskommissar abgesetzt, 1927 als Linksabweichler aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und zwei Jahre später des Landes verwiesen. Auch im Exil ist Trotzki vor Stalins Hass nicht sicher. Am 21. August 1940 wird er, höchst wahrscheinlich in Stalins Auftrag, im mexikanischen Exil ermordet: Ein Attentäter schlägt ihm mit einem Eispickel den Schädel ein. Nachdem die Parteirechte um Bucharin, Sinowjew und Kamenejew Stalin bei der Entmachtung von Trotzki geholfen hat, ist sie nun selbst an der Reihe: 1929 fällt Bucharin als Rechtsabweichler in Ungnade und wird aller Ämter enthoben. Stalin verfolgt wirkliche und vermeintliche Feinde mit zunehmend paranoider Gründlichkeit. Obwohl politisch längst entmachtet, werden die Rechtsabweichler in der Säuberungswelle der 30er Jahre allesamt umgebracht. In widerwärtigen Schauprozessen bekennen die sichtlich gebrochenen Angeklagten ihre eigene Schuld. Sie werden unmittelbar nach der Urteilsverkündung in der Lubjanka, dem berüchtigten KGB-Gefängnis, erschossen. Stalin setzt ab 1929 die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft erbarmungslos durch. Wer nicht pariert, wird erschossen oder landet im Gulag. Die Zwangskollektivierung führt zum Bauernaufstand und Bürgerkrieg. Hunderttausende verlieren ihr Leben. Die Gefangenen in den Arbeitslagern werden zu Arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen herangezogen; beispielsweise dem Bau der Eisenbahn zum Weissen Meer im eisigen Norden Russlands. 1931 wird die Kollektivierung beendet. Darauf folgt eine zweijährige Hungersnot. In der «Grossen Säuberung» von 1934 bis 1939 vernichtet Stalin in grenzenloser Paranoia auch die Elite der Roten Armee. Kaum ein hoher Offizier überlebt die Säuberung, tausende wandern in den Gulag. Das Ergebnis: Die Rote Armee ist der deutschen Wehrmacht beim Überfall auf die Sowjetunion 1941 in taktischer und strategischer Hinsicht hoffnungslos unterlegen, wenigstens zu Beginn. 1939 schliesst Stalin überraschend einen Nichtangriffspakt mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Er ahnt Hitlers Pläne, will Zeit gewinnen. Erst der Pakt indes ermöglicht Hitler 1940 die Blitz-Siege in Westeuropa. Hitler wird zu Stalins Schicksalsfeind. Nachdem die beiden Dikatoren Ostmitteleuropa in Einflusssphären aufgeteilt haben, schlägt Hitler am 22. Juni 1941 zu: Das Unternehmen «Barbarossa» bringt die Sowjetunion an den Rand der Existenz. Stalin wehrt sich lange dagegen, die Realität anzuerkennen; Êr hat mit einem späteren Zeitpunkt gerechnet. Wie gelähmt scheint er die deutschen Anfangserfolge hinzunehmen. Er befindet sich zur Zeit des deutschen Überfalls auf dem Tiefpunkt seiner Popularität. Manche begrüssen die deutschen Truppen als Befreier, vor allem in der Ukraine. Erst die furchtbaren Gräueltaten bringen die russische Bevölkerung dazu, sich in der Not hinter Stalin zu scharen. Bei Wintereinbruch 1941 stehen deutsche Armeespitzen knapp vor Moskau. Stalin sitzt ratlos im Kreml, denkt an Evakuierung. Da stoppt der ungewöhnlich frühe und kalte Winter die schlecht ausgerüsteten Deutschen. Die Schlacht um Stalingrad 1942/1943 bringt die Wende: Von nun an werden die deutschen Invasoren aus dem Land gedrängt; im Mai 1945 steht die Rote Armee in Berlin. Der Sieg im «Grossen Vaterländischen Krieg» macht «Väterchen Stalin» trotz aller Greueltaten zu einer respektierten, teilweise sogar geliebten Figur. Mit der Niederlage des gemeinsamen Feindes verschwindet allerdings jede Gemeinsamkeit mit den westlichen Alliierten. Der Zweite Weltkrieg geht praktisch nahtlos in den Kalten Krieg über. Die Sowjetunion ist nach Kriegsende unbestritten die europäische Vormacht. Das Riesenreich schiebt sich nach Westen vor und legt sich einen Gürtel von Satellitenstaaten zu. Mehrfach gerät die bipolare Welt an den Rand eines Krieges zwischen den ehemaligen Alliierten. Die Blockade West-Berlins 1948 und der Korea-Krieg zeigen die Unversöhnlichkeit der beiden Machtblöcke. 1949 verschafft sich die Sowjetunion vollends den Status einer militärischen Supermacht: Sie testet erfolgreich ihre erste Atombombe und wird zur zweiten Nuklearmacht hinter den USA. Am 5. März 1953 stirbt Josef Stalin in seiner Datscha bei Moskau. Sein Tod hat mit Sicherheit manches Leben gerettet – bis zuletzt hatte dieser Paranoiker der Macht noch neue Säuberungen geplant. Mit der «Entstalinisierung» unter Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow, die ab 1956 einsetzt, werden Verbrechen aus der Stalin-Zeit veröffentlicht und verurteilt. Die absolute Alleinherrschaft des Partei-Sekretärs wird nun eingeschränkt. 1961 wird die Leiche Stalins aus dem Mausoleum am Roten Platz in Moskau entfernt. Der tote Kreml-Herrscher wird an der Mauer des Kreml beigesetzt. Noch heute gibt es – vor allem in Russland selber – viele Anhänger des Diktators. Für viele ältere Russen verbindet sich mit Stalins Namen nicht so sehr dessen Schreckensregime, sondern der Sieg im «Grossen Vaterländischen Krieg» und die Erinnerung an eine Zeit, als die Supermacht Sowjetunion mit den USA konkurrierte.

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Lana Peters bewegtes Leben ist vorbei: Die Tochter Josef Stalins starb am 22. November an Darmkrebs. Es ist der Schlussstrich unter eine Vita, welche die 85-Jährige zwischen Ost und West hin- und herpendeln liess – inklusive Zwischenstopp in der neutralen Schweiz.

Geboren wurde Lana Peters am 28. Februar 1926 als Swetlana Stalina. Sie war die einzige Tochter des sowjetischen Diktators Josef Stalin, der seinen «kleinen Spatz» anno dazumal küsste, knuddelte und mit Geschenken überhäufte, unter denen sogar US-Filme waren. Nicht nur der blutrünstige Vater liebte sie, sondern auch Mütterchen Russland: Swetlana wurde ein beliebter Babyname und selbst ein Parfum wurde nach ihr benannt.

«Ha! Er kann noch nicht mal richtig schiessen!»

1932 musste die Kleine jedoch einen tragischen Tiefschlag einstecken: Als sie sechs Jahre alt war, brachte sich ihre Mutter um. Und der Vater liess sie ein Jahrzehnt lang glauben, der Blinddarm habe Nadehda Alliluyeva hinweggerafft. Im Vergleich ging es Swetlana noch gut – vielleicht auch, weil ihr rotes Haar und ihre Sommersprossen Stalin an ihre Mutter erinnerten, wie Lana Peters später vermutete.

Ihr Bruder Jakob aus Stalins erster Ehe dagegen hatte gar nichts zu lachen. Als er sich ob des zerrütteten Verhältnisses zum Staatsführer selbst töten wollte und versagte, reagierte der Diktator mit Hohn, erzählte dem «Atlantic»: «Mein Vater hat sich über ihn lustig gemacht und spottete: ‹Ha! Er kann noch nicht mal richtig schiessen.›» Als die Nazis Jakob gefangen nahmen und gegen einen General austauschen wollten, lehnte Stalin ab. Was er selbst nicht hinbekam, erledigte der Feind: Jakob wurde erschossen.

Zehn Jahre Arbeitslager für den ersten Lover

Swetlanas erste grosse Liebe, ein jüdischer Filmemacher, wurde von Stalin für zehn Jahre nach Sibirien geschickt. Statt Literatur musste sie Geschichte studieren und wurde Lehrerin und Übersetzerin. Dann traf sie Grigory Morozov: Auch diesen jüdischen Mann wollte Stalin nicht kennenlernen. Wenigstens liess er das Paar 1945 heiraten. Sie bekamen Sohn Josef und liessen sich nach zwei Jahren wieder scheiden. 1949 heiratete sie mit Andrei Zhdanov den Sohn eines Freundes ihres Vaters, doch auch diese Ehe zerbrach nach der Geburt von Tochter Yekaterina wieder.

1953 schliesslich starb Josef Stalin und das Leben für Swetlana wurde härter. Sie verliebte sich in einen indischen Kommunisten, den sie aber nicht heiraten durfte. Als Brijesh Singh starb und sie 1967 seine Asche in seine Heimat überführte, nutzte sie die Gelegenheit und flüchtete in die US-Botschaft in Neu-Delhi. Der CIA brachte sie über Italien in die neutrale Schweiz, während Präsident Lyndon B. Johnson überlegte, was er mit Stalins Kind machen soll. Er entschied sich, Swetlana in die USA zu holen.

2,5 Millionen Dollar für Biographie

Im April 1967 erreichte Swetlana New York und schon Ende des Jahres lag ihre erste Biographie vor. «Twenty Letters to a Friend» war ein Verkaufsschlager und brachte der Autorin 2,5 Millionen Dollar ein. Ihre Reise aus der Sowjetunion verarbeitete sie 1969 in der zweiten Biographie «Only One Year». Das Diktatorenkind verbrannte öffentlich den alten Pass: Der KGB zog angeblich ein Attentat in Betracht, verwarf den Plan laut «Washington Times» aber, weil der Urheber zu offensichtlich gewesen wäre.

Ihren Vater nannte Swetlana damals ein «moralisches und seelisches Monster», das kommunistische System «hochgradig korrupt» und den KGB eine Gestapo. Dennoch vermisste sie ihren Sohn Josef und Tochter Yekaterina, die 22 und 17 Jahre alt waren, als die Mutter flüchtete. Doch 1970 traf sie wieder einen Mann, der sie trösten konnte: Sie ehelichte William Wesley Peters, mit dem sie 1972 Tochter Olga bekam. 1973 war die Ehe jedoch schon wieder geschieden. 1978 wurde «Lana» Peters eine amerikanische Staatsbürgerin.

Plötzlich wieder pro Sowjets

1984 kehrte sie nach einem Aufenthalt in England in die Sowjetunion zurück und widerrief alles, was sie in den USA gesagt hatte. Sie habe im Westen «nicht einen Tag» in Freiheit gelebt. Als ein ABS-Reporter sie in Moskau darauf ansprach, schrie sie: «Ihr seid Wilde! Ihr seid unzivilisierte Menschen!» Obwohl Swetlana und Tochter Olga wieder sowjetische Staatsbürger wurden, mieden Josef und Jekaterina die Verwandtschaft. Über das Hin und Her in ihrem Leben sagte Svetlana laut «New York Times»: «Wo auch immer ich bin: hier, in der Schweiz, in Indien oder sonst wo. Australien. Irgendeine Insel. Ich werde immer eine politische Gefangene meines Vaters sein.»

Nach einem Zwischenstopp in Georgien landete Swetlana Peters 1986 wieder in den USA. Olga ging nach England. 1991 starb der letzte Ex-Mann Peters, 2008 ihr Sohn Josef Morozov, der Physiker geworden war. «Lana» verarmte und lebte zuletzt in einem Altenheim. Ihre erste Tochter Jekaterina «Katya» Zhdanov arbeitet heute als Vulkanologin auf der Halbinsel Kamtschatka, während Olga seit ihrer Hochzeit Evans heisst. Sie bat nach dem Tod ihrer Mutter um die Achtung ihrer Privatsphäre.

(phi)