Challenger und Columbia

21. Juli 2011 09:18; Akt: 21.07.2011 15:18 Print

Die Todesflüge der Space ShuttlesDie Todesflüge der Space Shuttles

von Daniel Huber - Mit dem Ende des Space-Shuttle-Programms wird auch die Erinnerung an die zwei schlimmsten Katastrophen der bemannten US-Raumfahrt wieder wach.

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Infografik: Die Challenger-Katastrophe

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Für einen kurzen Moment stellte die Besatzung der Columbia, fünf Männer und zwei Frauen, ihre Routine-Arbeiten im Orbit ein. Es war der 28. Januar 2003, und mit der Schweigeminute gedachte die Crew der sieben Astronauten, die auf den Tag genau 17 Jahre zuvor, am 28. Januar 1986, beim Absturz der Challenger ihr Leben verloren hatten. Die Besatzung der Raumfähre konnte nicht ahnen, dass auch sie bereits dem Tod geweiht war.

Heute werden die beiden fatalen Missionen – die STS-107 (Columbia) und STS-51-L (Challenger) – häufig in einem Atemzug genannt. Die beiden Unfälle sind die bisher schlimmsten Katastrophen der bemannten Raumfahrt, und sie waren schwere Rückschläge für das Raumfahrtprogramm der USA. Beide Katastrophen waren zudem die Folge von Ursachen, die man geradezu banal nennen könnte, und sie wären durchaus vermeidbar gewesen.

Fataler Dichtungsring

Bei der Challenger war es ein simpler Dichtungsring, der versagte. Die Kunststoffringe an den wiederverwendbaren Feststoffraketen waren durch die Kälte in der Nacht und am Morgen vor dem Start brüchig geworden. Trotz Warnungen von Ingenieuren der Herstellerfirma Morton Thiokol hob die Raumfähre um 11.38 Uhr Ortszeit (17.38 Uhr MEZ) von der Startrampe in Cape Canaveral ab. Wenige Sekunden nach dem Start versagte einer der Ringe, so dass heisses Verbrennungsgas aus dem Booster austreten konnte. Der Booster wurde vom Aussentank losgerissen und riss diesen auf; das Shuttle und der Tank brachen auseinander. Die Kapsel mit der Crew stürzte ins Meer und wurde beim Aufprall komplett zerstört. Alle sieben Astronauten starben, darunter auch die 37-jährige Lehrerin Christa McAuliffe, die aus dem All Unterricht hatte geben wollen.

Die Live-Bilder des Desasters brannten sich unauslöschlich ins Gedächtnis der entsetzten Zuschauer – darunter viele Schüler – ein und letztlich auch als eine der grossen nationalen Tragödien ins kollektive Gedächtnis der USA. Mit der Challenger zerstob zugleich die Illusion, dass Raumflüge so alltäglich wie Flugreisen sein könnten. Und das Image der NASA war schwer angekratzt; aus den Untersuchungen ging hervor, dass der US-Weltraumbehörde mehr an der Einhaltung von Zeitplänen als an der Sicherheit der Astronauten gelegen war.

«Es wird schon gut gehen»

Die Dichtungsringe hatten nämlich nicht zum ersten Mal Probleme gemacht; bereits bei früheren Missionen waren sie teilweise abgebrannt. Die NASA-Manager hielten sich jedoch an das Motto «Es wird schon gut gehen, schliesslich ist es bislang auch immer gut gegangen», wie der Wissenschaftsjournalist Alexander Stirn in der «Süddeutschen» schreibt.

Schlimmer noch: Diese Mentalität änderte sich offenbar trotz der Challenger-Katastrophe nicht, wie Stirn moniert. Denn auch bei der Columbia war es ein altbekanntes Problem, das sich plötzlich verhängnisvoll auswirkte: Beim Start am 16. Januar 2003 beschädigte ein abfallender Brocken aus Polyurethanschaum die thermische Isolierung des Shuttle-Flügels. Videoaufnahmen vom Start hielten diesen fatalen Umstand fest, aber er wurde als unwichtig abgetan. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre am 1. Februar zerstörte die extreme Hitze die aus Graphitfasern bestehende Isolierschicht an der beschädigten Vorderkante des linken Flügels; die Columbia wurde hoch über Texas von den aerodynamischen Kräften zerrissen. Die siebenköpfige Besatzung starb sofort.

Problem ignoriert

Wie erwähnt war das Problem, das die Katastrophe auslöste, nicht zum ersten Mal aufgetreten. Der Isolierschaum, der die gesamte Aussenhülle des Treibstofftanks bedeckt, ist nur aufgesprüht. Bei mehreren Shuttle-Starts in der Vergangenheit hatten sich schon Teile davon gelöst und mitunter den Hitzeschutz der Raumfähre beschädigt – bis zum Columbia-Desaster aber stets ohne gravierende Folgen. Deshalb ignorierten die NASA-Techniker diese Vorfälle, obwohl sie laut Handbuch nicht zulässig waren. Das Wissensmagazin «Scinexx» zitiert dazu aus dem Bericht der Untersuchungskommission, die sich mit der Columbia-Katastrophe befasste: «Die NASA-Manager sind im Laufe des Shuttle-Programms allmählich immun gegenüber den Schaumstoffverlusten des externen Tanks geworden. Auf einer fundamentalen Ebene glaubten sie einfach nicht, dass der Treffer eines Schaumstoffstücks eine kritische Gefahr für das Space Shuttle darstellen könnte.»

Nach der Columbia-Katastrophe setzte die NASA, wie schon nach dem Desaster mit der Challenger, alle Shuttle-Flüge für zweieinhalb Jahre aus, um die Raumfähren zu überarbeiten. Gleichwohl geriet danach jeder Start eines Space Shuttles mehr oder weniger zur Zitterpartie. Das Unglück der Columbia akzentuierte eine tiefgreifende Krise der amerikanischen Raumfahrt, die mit der Challenger-Katastrophe aufgebrochen war. Bis heute hat die Supermacht keinen Ausweg daraus gefunden; mit dem Ende der Space-Shuttle-Ära geht vorerst auch die Ära der bemannten Raumfahrt zu Ende. Ein Nachfolgemodell für die Raumfähren existiert nicht – ohnehin würde das Geld dafür fehlen.