Bildmanipulation

28. April 2010 12:28; Akt: 28.04.2010 14:45 Print

Ein Bild lügt mehr als tausend Worte

von Daniel Huber - Was wir sehen, erscheint uns plausibel. Doch Bilder werden geschönt und gefälscht. Und das nicht erst, seit es Photoshop gibt.

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Anhänger des russischen Premiers Putin versuchten im Januar 2012 den Oppositionellen Alexei Nawalni mit einer Fälschung in Misskredit zu bringen. Sie entfernten den Oligarchen Michail Prochorow (im Originalbild oben links) und ersetzten ihn durch den in Ungnade gefallenen Oligarchen Boris Beresowski (Bild oben rechts). Der Blogger Nawalni nahm es mit Humor und veröffentlichte als Antwort weitere krude Fälschungen, wie die unteren zwei Beispiele zeigen. Strahlend weisser Schnee, und alle Augen (ausser die der Sicherheitskräfte entlang der Strasse) sind auf die Prozession gerichtet: Dieses Bild der Trauerfeier von Kim Jong-Il am 28. Dezember 2011 verbreitete die nordkoreanische Agentur KCNA. In Wirklichkeit steht ganz links eine Gruppe Journalisten, deren Haltung der staatlichen Agentur wohl zu wenig Ergriffenheit ausstrahlte. Sie musste weg, genauso wie die Spuren, die sie im Schnee hinterlassen hatten. Dabei wurde auch die grosse Schneefläche in ein makelloses Weiss verwandelt und das ganze Bild aufgehellt. Aufgeflogen war die Manipulation, weil Fotografen von KCNA und der japanischen Agentur Kyodo von einem ähnlichen Standpunkt aus ihre Objektive auf den Trauerzug gerichtet hatten. Das Bild des angeblich toten Bin Laden ging um die Welt - bis es sich als Fälschung herausstellte. Schon um 1860, als die Technik der Fotografie noch jung war, griff man zum Mittel der Bildmanipulation: Hier bei US-Präsident Abraham Lincoln. Der Kopf des Präsidenten wurde auf den Körper des Politikers John Calhoun montiert. Auch dieses Bild des Fotografen Mathew Brady wurde manipuliert. Es zeigt Nordstaaten-General Sherman im Kreise seiner Offiziere. Rechts das Original. General Francis P. Blair (rechts) wurde nachträglich hinzugefügt. Eine lange Tradition hatte das Bilderfälschen in der Sowjetunion. Mit physikalischen und chemischen Mitteln rückten die sowjetischen Fälscher den Negativen zu Leibe, meist um in Ungnade gefallene Personen aus dem Bild zu verbannen. Aus dieser Aufnahme von 1926 verschwanden bis 1949 nacheinander drei Personen: Stalin (2.v.l.) blieb allein zurück. Die Vereinsamung eines Diktators: Derselbe Vorgang anders dargestellt. Auch Stalins wichtigster Rivale, Leo Trotzki, wurde zuerst aus Macht und Amt, später aus den Bildern entfernt. Hier ist er noch dabei, als Lenin zu den Massen spricht. Hier aber ist er verschwunden. Stalin ruhte übrigens nicht, bis Trotzki auch physisch verschwand: 1940 wurde er im mexikanischen Exil von einem sowjetischen Agenten ermordet. Auch bei den Nazis gab es Leute, die nachträglich aus Bildern entfernt wurden. Auf dieser Aufnahme von 1937 traf es Propagandaminister Goebbels. Warum, ist nicht klar. Der kanadische Premierminister William Lyon Mackenzie King plaudert 1939 in Banff mit Elizabeth, der Gattin des englischen Königs George VI. In Wirklichkeit war George VI. auch dabei. King liess den König vielleicht entfernen, um selbst auf dem Bild mehr zur Geltung zu kommen. Der italienische Diktator Benito Mussolini 1942 in heroischer Pose. Hier das Original. Dem «Duce» war wohl klar, dass hier weniger eindeutig mehr ist. Auch bei Mao Zedong, dem Gründer der Volksrepublik China, fielen Leute in Ungnade. 1936 zum Beispiel Po Ku. Nach seinem Ableben traf es die so genannte «Viererbande» um seine Witwe , die im retouchierten Bild (oben) fehlt. 1945 nahm der Fotograf Joe Rosenthal das berühmte Foto «Raising the Flag on Iwo Jima» auf, das zeigt, wie US-Soldaten eine Flagge auf dem Vulkan Suribachi hissen. Doch es war bereits die zweite Flagge auf dem Gipfel; die erste war dem Offizier zu klein gewesen. Auch das Bild dieser Flaggenhissung auf dem Reichstag in Berlin 1945 zeigt nicht das ursprüngliche Ereignis. Es wurde zwei Tage später nachgestellt. Zudem wurde eine Uhr am Arm eines Rotarmisten wegretouchiert, damit er nicht wie ein Plünderer aussah. Das Teamfoto der amerikanischen Eishockeymannschaft, die 1960 erstmals olympisches Gold holte. Die Gesichter von drei Spielern, die bei der Aufnahme nicht dabei waren, wurden über die Köpfe von drei anderen Spielern montiert. Hier die betroffenen Spieler. 1968 ging der Kubaner Carlos Franqui (M., hinten) ins Exil, weil er nicht mit der Zerschlagung des Prager Frühlings einverstanden war. Hier ist er auch auf dem Foto weg. Franqui schrieb ein Gedicht dazu: «I discover my photographic death. Do I exist? I am a little black, I am a little white, I am a little shit, On Fidel's vest.» 1970 feuerten Nationalgardisten an der Kent State University auf demonstrierende Studenten. Die Aufnahme von John Filo gewann den Pulitzer-Preis. Als sie im «LIFE Magazine» publiziert wurde, wurde ein Zaunpfahl entfernt. Mit diesem Bild illustrierte die sowjetische Presse 1971 den Bericht über ein Treffen von Leonid Breschnew (r.) mit Willy Brandt. Die Stimmung war entspannt und gemütlich; man trank ziemlich viel. Die sowjetischen Journalisten entfernten die Flaschen aus dem Bild; in der Westpresse waren sie zu sehen. Auch andere Genussmittel wie Tabak kamen im Lauf der Zeit in Verruf. Hier eine Aufnahme des legendären Bluesgitarristen Robert Johnson. Und hier eine bereinigte Version auf einer Briefmarke der amerikanischen Post. Dem Illustrator Clement Hurd wurde 2005 in der Neuauflage des Kinderbuches «Goodnight Moon» die Zigarette wegretouchiert (l.). Oprah Winfreys Kopf wurde in diesem Titelbild von 1989 auf den Körper der Schauspielerin Ann-Margret montiert. Böser schwarzer Mann: 1994 wurde O.J. Simpson verhaftet. «Time» und «Newsweek» brachten dasselbe Polizeifoto - aber die Version von «Time» war künstlich nachgedunkelt worden. Hier wurde dagegen aufgehellt: Auf der polnischen Microsoft-Website wurde 2009 ein dunkler Mann durch einen weissen ersetzt. Unten das Original auf der US-Website. 1997 starben mehrere Schweizer Touristen bei einem islamistischen Anschlag im ägyptischen Luxor. Der «Blick» illustrierte die Tragödie mit diesem Bild. In Wahrheit handelte es sich beim Blut um eine Wasserlache. Der «Blick» hatte das Wasser kurzerhand rot gefärbt. Eine christliche Publikation zeigt, wie im Ostblock sogar Kinder in den Gulag wandern. In Wahrheit stammt das Bild aus einem Kindergarten. Bildauschnitt und -qualität wurden für die dreiste Fälschung verändert. Prinzessin Stephanie von Monaco mit verschiedenen Babys auf den Titelbildern von Illustrierten - zum Teil vor der Geburt des Kindes. Die Zusammenstellung wurde in der Ausstellung «X für U - Bilder, die lügen» gezeigt. «The Mirror» lieferte mit dem manipulierten Titelblatt «Das Bild, das alle wollten» einen Skandal: Dodi küsst Diana. Hier das weniger verfängliche Original: Dodi Al-Fayed und Prinzessin Diana auf einer Bootstour im Sommer 1997. 2001 griff die «Bild»-Zeitung den grünen Politiker Jürgen Trittin mit diesem Bild an. Trittin hatte 1994 tatsächlich an einer Demonstration teilgenommen, aber der Bolzenschneider war ein Handschuh und der Schlagstock ein Seil. Als der demokratische Politiker John Kerry 2004 gegen Präsident Bush antrat, gelangte diese Bildfälschung in Umlauf. In Wirklichkeit waren es zwei verschiedene Bilder aus zwei verschiedenen Jahren: Kerry 1971, Jane Fonda 1972. Aber auch die Republikaner wurden zum Opfer: Nachdem die Politikerin Sarah Palin als Vizepräsidentschaftskandidatin angetreten war, gelangte 2008 dieses Bild in Umlauf. Es handelte sich um eine Fälschung. Hier das Original. 2003 erschien Kate Winslet auf der Titelseite des Magazins «GQ». Der Schauspielerin missfiel, dass sie massiv dünner gemacht worden war. Man habe ihre Beine um etwa einen Drittel verschlankt, beschwerte sich Winslet. Diese spannungsvolle Aufnahme gelang dem Fotografen Brian Walski 2003 in Basra, kurz nach der Invasion der alliierten Truppen. Das Bild des britischen Soldaten schaffte es denn auch auf die Frontseite der «Los Angeles Times». Nur: Walski hatte es aus zwei verschiedenen Bildern «komponiert». Er wurde entlassen. Wie auch der Beschnitt die Aussage eines Bildes entscheidend beeinflusst, zeigt diese Montage von Ursula Dahmen für die Ausstellung «X für U -Bilder, die lügen». Schwitzfleck entfernt: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel 2003 zusammen mit ihrem Mann in Bayreuth. Auf der Website des Bayrischen Rundfunks erschien eine bereinigte Version der Aufnahme. Retouchen bei den Rolling Stones: 2005 wurde beim Album «Rarities, 1971-2003» der ehemalige Bassist Bill Wyman digital entfernt. Die Originalaufnahme stammt aus dem Jahr 1978. Stechender Blick: 2005 illustrierte «USA Today» einen Bericht mit diesem Bild von Condoleezza Rice. Die Augenpartie war extrem aufgehellt worden. Im Juni 2010 verbreitete Reuters dieses Bild, das zeigt, wie israelische Soldaten bei der Erstürmung der Gaza-Flotte von Aktivisten auf dem türkischen Schiff «Mavi Marmara» überwältigt werden. Die israelische Armee erschoss bei der Aktion neun Aktivisten, was weltweit für Empörung sorgte. Reuters hatte das Bild vom umstrittenen türkischen Hilfswerk IHH übernommen, dem Verbindungen mit terroristischen Organisationen nachgesagt werden. Auf dem Original ist deutlich ein Messer zu erkennen - ein Beweis für die israelische These, wonach die «Friedensaktivisten» bewaffnet waren. Schon im Libanonkrieg von 2006 hatte Reuters ein Bild zurückziehen müssen. Der Reuters-Fotograf Adnan Hajj hatte die Rauchwolken über Beirut nach einem israelischen Luftangriff verändert. Nachdem der Schwindel aufgeflogen war, beendete Reuters die Zusammenarbeit mit Hajj. Der Vergleich. Hajj hatte die Rauchwolken digital manipuliert. Es war nicht die einzige Aufnahme, die er «verbessert» hatte. Im Juli 2010 veröffentlichte der ölkonzern BP ein manipuliertes Foto aus seinem Katastrophenzentrum. Im Original war der Bildschirm weiss. BP sagte, die Manipulation sei von einem Fotografen vorgenommen worden, der nur seine Photoshop-Kenntnisse unter Beweis habe stellen wollen. In einer Werbekampagne für einen Harry-Potter-Film erschien diese relativ vollbusige Emma Watson. Das Original war ein bisschen bescheidener. Der direkte Vergleich. 2007 entliess die kanadische Zeitung «The Blade» den Fotografen Allan Detrich. Der Mann hatte seine Bilder «verbessert». Hier mit einem Ball, der im Original nicht vorhanden ist. Die Sängerin Faith Hill wurde 2007 auf dem Cover von «Redbook» extrem verschlankt. «Paris Match» half dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy 2007 effizient beim Abnehmen. 2008 führte die Islamische Republik Iran einen Raketentest durch. Dabei versagte eine der Raketen, was digital vertuscht wurde. Nach der Aufdeckung der Fälschung machten sich Witzbolde im Web darüber lustig. Der «Figaro» entfernte 2008 einen grossen Diamantring aus der Aufnahme der damaligen französischen Justizministerin Rachida Dati. «Fox News» reagierte 2008 auf einen kritischen Artikel in der «New York Times», indem Bilder von NY-Times-Journalisten unvorteilhaft verfremdet wurden. Diese Werbung von Olay mit dem Fotomodell Twiggy wurde 2009 in Grossbritannien von der «Advertising Standards Authority» (ASA) verboten - die Retouchen gingen den Werbewächtern zu weit. Im Februar 2010 zeigte eine US-Modekette Britney Spears im heissen Lolita-Look. Später tauchten dann unbearbeitete Bilder vom Shooting auf. Am 14. September 2010 veröffentlichte die Kairoer Zeitung «Al-Ahram» ein Foto vom Auftakt der neuen Nahost-Friedensgespräche zwei Wochen zuvor im Weissen Haus. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak schreitet voran. Im Original führt Hausherr Barack Obama die Gruppe an, während Mubarak am Schluss läuft. Sein Bild wurde zudem um die eigene Achse gedreht. Ein ägyptischer Blogger hatte die Manipulation entlarvt. Das in jiddischer Sprache erscheinende Blatt «Di Tzeitung» aus Brooklyn druckte Anfang Mai 2011 die Aufnahme, die US-Präsident Barack Obama und den Nationalen Sicherheitsrat zeigt, wie sie den Einsatz gegen Osama Bin Laden im Weissen Haus verfolgen. Das Original zeigt den Unterschied: US-Aussenministerin Hillary Clinton und Audrey Tomason, Direktorin der Nationalen Antiterror-Zentrale (ganz hinten), wurden mit Photoshop entfernt. «Aus Gründen der Sittlichkeit dürfen wir keine Fotos von Frauen veröffentlichen», verteidigte sich das ultraorthodoxe Blatt.

Bildstrecke: Bildmanipulationen von Lincoln bis Britney

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Das letzte Beispiel: Eine US-Modekette hat die amerikanische Sängerin Britney Spears abgelichtet und die Bilder im Februar 2010 veröffentlicht. Im April tauchten dann unbearbeitete Aufnahmen des Foto-Shootings auf und ermöglichten den Vergleich mit den «verbesserten» Bildern.

Die Manipulation von Bildern gab es indes schon längst, bevor digitale Bildbearbeitungsprogramme den Fälschern ungeahnte Möglichkeiten eröffnet haben. Besonders in totalitären Systemen wie dem Stalinismus hatte die nachträgliche Bearbeitung von Bildern Konjunktur. Wer — wie zum Beispiel Trotzki — in Ungnade fiel, wurde nicht nur physisch eliminiert, sondern auch aus dem in Bildern festgehaltenen Gedächtnis gelöscht; ein Vorgang, der an die konstante Umschreibung der Vergangenheit im «Ministerium für Wahrheit» erinnert, wie sie George Orwell in seiner Kakotopie «1984» beschrieb.

Digitale Dramatisierung

Die Manipulation kennt verschiedene Techniken, zum Beispiel die Fotomontage, die Farbmanipulation oder die irreführende Wahl des Bildausschnitts. Sie erfolgt zudem aus den unterschiedlichsten Gründen. So mag der Konkurrenzdruck, der auf Fotografen und Medien gleichermassen lastet, den libanesischen Fotografen Adnan Hajj dazu verführt haben, seine Fotos der israelischen Luftangriffe auf Beirut im Sommer 2006 digital zu dramatisieren. Der Reuters-Fotograf dürfte aber zugleich billigend in Kauf genommen haben, dass seine Verfremdungen die Folgen der israelischen Angriffe übertrieben.

Nicht immer aber steckt ökonomisch oder politisch begründete Absicht hinter den Manipulationen. Manchmal wird lediglich die Realität ein wenig korrigiert, die im ursprünglichen Bild schlicht nicht prägnant genug erschien. Dies widerfuhr drei Spielern des US-Eishockeyteams von 1960, deren Köpfe auf dem Mannschaftsbild ersetzt wurden. Die in das Bild hineinmontierten Köpfe gehörten drei Spielern, die bei den entscheidenden Spielen dabei gewesen waren, nicht aber bei den Fotoaufnahmen.

In Abwandlung eines bekannten geflügelten Wortes könnte man daher mit Fug und Recht sagen, man vertraue nur jenen Bildern, die man selber gefälscht habe.