AHV

27. August 2017 20:46; Akt: 27.08.2017 20:46 Print

Eine Erfolgsgeschichte auf wackligen Beinen

von Jean-Claude Gerber - Vor 70 Jahren sagte die Schweiz Ja zu einer solidarischen Altersvorsorge. Doch die Geschichte der AHV begann schon viel früher.

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Das grösste Sozialwerk der Schweiz ist dieses Jahr 70 Jahre alt geworden. Doch seine Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die Bildstrecke zeigt die wichtigsten Stationen der AHV bis in die Gegenwart. Im späten verdienen Fabrikarbeiter so wenig, dass sie nichts auf die Seite legen können. Die Gewerkschaften fordern deshalb eine staatliche Altersvorsorge. Als Vorbild dient unter anderem Deutschland, wo Reichskanzler Otto von Bismarck (Bild) 1889 die Alters- und Invaliditätsversicherung einführt. Unter dem Eindruck der grossen Not während des Ersten Weltkriegs sagen 1925 68 Prozent der Stimmbürger Ja zu einem Verfassungsartikel, der es dem Bund erlaubt, eine Alters- und Hinterlassenenversicherung auszuarbeiten. Ein erstes Gesetz für eine AHV, die «Lex Schulthess», scheitert an der Urne. Obwohl es nur eine Mindestfürsorge vorsieht, befürchten die Stimmbürger eine aufgeblähte Bürokratie und misstrauen der Finanzierung über Lohnprozente sowie Abgaben auf Alkohol und Tabak. In der Folge kämpft FDP-Bundesrat Walther Stampfli (Bild) unermüdlich für die AHV, weshalb er als «Vater der AHV» bezeichnet wird. Nachdem die Schweizer im Zweiten Weltkrieg näher zusammengerückt waren, nahmen sie am das Bundesgesetz über die AHV an. Der Ja-Stimmenanteil betrug 80 Prozent. Als einziger Stand sagte Obwalden Nein. zahlen die Briefträger die ersten Renten aus. Die Minimalrente beträgt 40 Franken. Das Rentenalter liegt für Frauen und Männer bei 65 Jahren. Die Finanzierung erfolgt über Lohnabzüge und Gelder von Bund und Kantonen. Zwischen wird die AHV dreimal revidiert. Unter anderem werden die Renten erhöht und die Beitragspflicht für über 65-jährige Erwerbstätige abgeschafft. Mit der 4. AHV-Revision wird das Frauenrentenalter auf 63 Jahre gesenkt und die Mindestrente auf 75 Franken angehoben. Die 5. AHV-Revision bringt eine Erhöhung der Renten um 28 Prozent sowie den Wegfall der Rentenkürzung für Ausländerinnen und Ausländer. sinkt das Rentenalter für Frauen im Zuge der 6. AHV-Revision auf 62 Jahre. Im Durchschnitt werden die Renten um ein Drittel erhöht und eine Kinderrente eingeführt. Da Mitte der 1960er-Jahre rund 200'000 AHV- und IV-Rentnerinnen und Rentner unter dem Existenzminimum leben, werden die Ergänzungsleistungen eingeführt. Dabei ist, wie später beim 3-Säulen-Modell, Hans-Peter Tschudi (Bild) die treibende Kraft im Bundesrat, weshalb er ebenfalls als Vater der AHV bezeichnet wird. Im Zuge der 7. AHV-Revision steigt die Mindestrente auf 220 Franken. Alle Renten werden um mindestens ein Drittel erhöht. Die Lohnbeiträge steigen erstmals von 4 auf 5,2 Prozent. verankern die Stimmberechtigten – dazu gehören nun auch die Frauen – das 3-Säulen-Modell der Altersversorgung (staatliche Vorsorge, berufliche Vorsorge, private Vorsorge) in der Verfassung. Die 8. AHV-Revision bringt um 80 Prozent höhere Renten, gleichzeitig steigen die Lohnbeiträge auf 7,8 Prozent. Zwei Jahre später werden die Renten erneut um 25 Prozent angehoben, während die Lohnbeiträge nun 8,4 Prozent ausmachen (bis heute unverändert). Die Mindestrente beträgt neu 440 Franken. Mit der 9. AHV-Revision werden die Renten stufenweise erhöht und jährlich automatisch der Teuerung angepasst. Erwerbstätige Rentner sind wieder beitragspflichtig. tritt das Bundesgesetz über die Berufliche Vorsorge (BVG) in Kraft. Damit wird die zweite Säule (Pensionkasse) obligatorisch. Bereits ein Jahr zuvor wird die berufliche Unfallversicherung (UVG) als Teil der zweiten Säule Pflicht. An der Urne wird der Verfassungsartikel für die Mehrwertsteuer angenommen. Damit wird die Grundlage für das Mehrwertsteuerprozent für die AHV geschaffen. tritt die 10. AHV-Revision in Kraft. Die Situation der Frauen wird dank Erziehungsgutschriften und Betreuungsgutschriften verbessert. Zudem gibt es neu zivilstandsunabhängige Renten und eine Witwerrente. Für die Finanzierung der AHV wird die Mehrwertsteuer um ein Prozent angehoben. : Aufgrund der steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung und der sinkenden Geburtenrate ist absehbar, dass künftig immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner aufkommen müssen. So steht die Finanzierung der AHV zunehmend auf wackligen Beinen. Ab der Jahrhundertwende bestimmen deshalb zunehmend Sparmassnahmen die politische Debatte. Das Rentenalter für Frauen wird als Teil der 10. AHV-Revision auf 63 angehoben. scheitert die 11. AHV-Revision an der Urne. Sie sah ein einheitliches Rentenalter 65 und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für die AHV vor. In der 1. BVG-Revision wird der Umwandlungssatz von 7,2 auf 6,8 Prozent gesenkt. (Im Bild: Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss) Erneut wird das Frauenrentenalter angehoben und beträgt jetzt 64 Jahre. lehnt das Volk die Senkung des BVG-Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,4 Prozent ab. (Im Bild: SP-Präsident Christian Levrat nach gewonnener Abstimmung) Der zweite Anlauf zur 11. AHV-Revision scheitert im Nationalrat. stellt der Bundesrat die Leitlinien der Altersvorsorge 2020 vor. Die AHV und 2. Säule sollen darin als Gesamtpaket reformiert werden. (Im Bild: Bundesrat Alain Berset (r.) und Jürg Brechbühl, Direktor Bundesamt für Sozialversicherungen) verwerfen die Stimmbürger die AHVplus-Initiative der Gewerkschaften für eine zehnprozentige Erhöhung der Renten. Die Finanzierung sollte über eine Erhöhung der Lohnbeiträge auf 9,2 Prozent erfolgen. (Im Bild: Unia-Präsidentin Vania Alleva) Abstimmung über die Altersvorsorge 2020. Sie sieht die Erhöhung des Rentenalters für Frauen auf 65 vor, dazu 70 Franken mehr Rente pro Monat. In der beruflichen Vorsorge soll dagegen der Mindestumwandlungssatz schrittweise bis 2022 auf 6 Prozent gesenkt werden. In einer weiteren Vorlage wird über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,6 Prozent zugunsten der AHV abgestimmt.

Zum Thema
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Am 6. Juli 1947 war es endlich so weit: Das Schweizer Stimmvolk – damals ausschliesslich männlich – stimmte mit 80 Prozent Ja für die Alten- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Damit erhielt die Schweiz eine staatliche Altersvorsorge, wie sie bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Gewerkschaften und einzelnen Politikern gefordert worden war.

Umfrage
Sollte für Männer und Frauen das gleiche Rentenalter gelten?
73 %
25 %
2 %
Insgesamt 1507 Teilnehmer

Schon bald nach der Einführung auf Anfang 1948 standen erste Revisionen an. Unter anderem wurde das Rentenalter der Frauen stufenweise gesenkt, bevor es später wieder angehoben wurde. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung und der sinkenden Geburtenrate steht die AHV im 21. Jahrhundert auf zunehmend wackligen Füssen.

Vor der Abstimmung vom 24. September über die insgesamt 11. AHV-Revision, die Altersvorsorge 2020, wirft 20 Minuten in der Bildstrecke einen Blick zurück auf die bewegte Geschichte des Flaggschiffs der sozialen Schweiz.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Helvetier am 27.08.2017 21:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie auch immer

    Diese Vorsorge wäre wirklich kein Problem, würde man die Hälfte des Asylwesens, für die eigene CH-Bevölkerung, die je länger je mehr unten durch muss, einsetzen würde.

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  • Maler50 am 27.08.2017 21:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stimmt so nicht!!

    Nein, stimmt so nicht! Von wegen auf wackligen Beinen. Dies versuchen uns gewisse Kreise einzureden,um mit der Panik ihre Profitziele zu erreichen! Sicher es muss die AHV für die zukünftigen Generation fit gehalten werden. Aber statt der Europäischen Union Milliarden zu verschenken wäre es sinnvoller das Geld in die AHV zu stecken,wo jeder Bürger etwas davon hat!

  • Leser am 27.08.2017 21:07 Report Diesen Beitrag melden

    mehr Hintergrund bitte

    Bei der Einführung der AHV war das Rentenalter von Frauen und Männer gleich, bei 65. Wieso wurde das Rentenalter der Frauen später gesenkt? Was waren die Gründe? Hier hätte man ruhig etwas ausführlicher berichten können...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • RF am 28.08.2017 20:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dank der Umverteilung

    Dank der Umverteilung erhalten die Frauen jedes Jahr über eine Vielzahl von Gesetzen und Kassen 15 bis 20 Milliarden Franken von den Männern. Das haben die SP Politikerinnen transparent gemacht, allerdings nicht freiwillig.

  • RF am 28.08.2017 18:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist Gleichberechtigung

    Unter Gleichberechtigung verstehe ich: Gleiches AHV-Alter; Gleiche Witwen- und Witwerrente; Gleiche Voraussetzungen bei Scheidungen, Sorgerecht und Besuchsrecht; Gleiche Voraussetzungen beim Militärdienst, Zivilschutz und Militärpflichtersatz; Gleiche Voraussetzungen bei diversen Versicherungen; Warum sind die Krankenkassenprämien von Mann und Frau identisch? Eine Frau kostet im Schnitt pro Jahr ca. 1000 Franken mehr als ein Mann; Warum muss eine Mutter beim Vaterschaftstest die Einwilligung geben? In der Schweiz gibt es viele Kuckuckskinder; Warum bekommen die Frauen das GA Senioren mit 64?

  • RF am 28.08.2017 18:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Differenz 10 Milliarden Franken

    Die Frauen zahlen jährlich weniger als 10 Milliarden Franken in die AHV ein beziehen aber 19,4 Milliarden Franken.

  • Keil Gegner am 28.08.2017 18:22 Report Diesen Beitrag melden

    Keil zwischen Jung und Alt

    Ein 70 Franken-Keil spaltetet Jung und Alt.

  • Peter am 28.08.2017 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Nein stimmen

    Diese angebliche Reform hilft in erster Linie den Pensionskassen wegen dem tieferen Umwandlungssatz. Wenn dieser tiefer ist (-0.8%) müssten dann auch die Mieten sinken. Die PK sind die grössten Vermieter in der CH. Eine Erhöhung der MwSt. ist schlecht für unsere Hochpreisinel. Es werden noch mehr ins Ausland einkaufen gehen. Warum werden immer solche Päckli zur Abstimmung geschnürt. Wäre es nicht besser die einzelnen Vorschläge einzeln abstimmen zu lassen?