Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
«Tschernobâle»
01. November 2011 11:40; Akt: 01.11.2011 12:07 Print
Eine Schreckensnacht mit Folgen
Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle am 1. November vor 25 Jahren war für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und wirkte sich bis auf die politische Ebene aus.
Um 0.19 Uhr in der Brandnacht loderten in der Lagerhalle 956 des Sandoz-Areals in Schweizerhalle BL die Flammen bis zu 60 Meter hoch in den Himmel. Sirenen rissen die Bevölkerung aus dem Schlaf, manche flüchteten. Eine stinkende Wolke breitete sich über Basel und der Region aus. Erst um 5 Uhr hatte die Feuerwehr den Grossbrand unter Kontrolle.
Schweizerhalleist eine Industriesiedlung im Grenzraum von Pratteln und Muttenz im Kanton Basel-Landschaft und Standort der Vereinigten Schweizerischen Rheinsalinen sowie bekannter Chemiekonzerne. 1836 entdeckte der sächsische Oberbergrat Carl Christian Friedrich Glenck dort eine Steinsalzschicht; in der Folge wurden Salinen eröffnet und es siedelten sich erste Betriebe der chemischen Industrie an. 1845 wurde in Schweizerhalle die erste chemische Fabrik der Region Basel gegründet. 1872 wurde das Gelände ans Eisenbahnnetz angeschlossen; es entstanden Arbeitersiedlungen mit Post, Wirtshaus, Lebensmittelladen und Schule.
(Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz) Wasserqualität
Das Wasser des Rheins ist 25 Jahre nach der Umweltkatastrophe von Schweizerhalle sauberer denn je. «Die Wasserqualität hat sich stark verbessert, vor allem, weil nach dem Unglück ein Umdenken in der Industrie stattgefunden hat», sagte der Gewässerökologe von der Universität Basel, Daniel Küry, in einem Interview mit der dapd. Neue Gesetze, Produktionsformen und Sicherheitsvorkehrungen hätten die rasche Regeneration des Gewässers begünstigt.
«Zur Überraschung aller war die Wiederbesiedlung des Rheins mit Tieren schon nach zwei Jahren nahezu abgeschlossen», sagte Küry. Nach der Katastrophe seien dafür zehn Jahre eingeplant worden.
(dapd) Schadstoff-Belastung
Auch 25 Jahre nach dem Chemieunfall beim Schweizer Chemiekonzern Sandoz ist der Brandort in Schweizerhalle nach wie vor mit Schadstoffen belastet. Nötig sei allerdings nur eine Überwachung, jedoch keine weitere Sanierung, teilte die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion mit. Laut einer Mitteilung der vergangenen Woche beurteilte das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) den Brandort nach geltendem Altlastenrecht neu.
Umweltschützer hatten vor Monaten kritisiert, die Sanierungsziele am Schweizerhalle-Brandort seien nicht erreicht worden. Sie kritisieren auch den Entscheid der Behörden, die ein verheerendes Zeichen gesetzt hätten. Die Gefahr der Trinkwasser-Verschmutzung bestehe nach wie vor.
(dapd/swissinfo)
Der Brand hatte rund 1351 Tonnen Chemikalien erfasst – darunter Insektizide und Herbizide. Lange wusste niemand, was genau in der kaum gesicherten Halle gelagert war. Und die Feuerwehrleute, die gegen die Flammen ankämpften, ahnten nicht, dass Sandoz unmittelbar neben der brennenden Halle Phosgen eingelagert hatte – einen chemischen Kampfstoff, der die Lungenbläschen zerstört. Hätte das Feuer auf die Phosgentanks übergegriffen, die Folgen wären unabsehbar gewesen.
Ökologische Katastrophe
Doch auch ohne das Phosgen führte der Chemiebrand zu einer ökologischen Katastrophe: Die Chemikalien – zwanzig Tonnen Pflanzenschutzmittel und hochgiftige Pestizide sowie 150 Kilogramm Quecksilber – gelangten mit den rund 15 000 Kubikmeter Löschwasser in den nahegelegenen Rhein, der sich blutrot färbte. Die giftige rote Suppe vernichtete den gesamten Aalbestand auf einer Strecke von rund 400 Kilometern stromabwärts. Auch der Grossteil der Kleinlebewesen starb, Fische verendeten zu tausenden. Über zwei Wochen lang musste die Trinkwasserentnahme flussabwärts bis nach Holland eingestellt werden – der Rhein war tot.
Husten, Angst und Wut
Über 1200 Menschen meldeten sich bei Ärzten, etwa wegen gereizter Atemwege und Augen oder Übelkeit. Die überforderte Verwaltung des Kantons Basel-Stadt versuchte den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten; hatte es um sechs Uhr noch geheissen, die Schulen sollten geschlossen bleiben, ordnete der Erziehungsdirektor eine Stunde später an, der Unterricht habe wie gewohnt stattzufinden.
Die Angst und die Wut waren gross:
43 Millionen Schadenersatz
Brandursache war wohl eine Fahrlässigkeit: Arbeiter hatten am 31. Oktober ein Fass «Berliner Blau» verschweisst. Der Agro-Farbstoff kann anfangen zu glimmen, wenn er erwärmt wird. Vermutlich hatten die Lagerarbeiter die Schrumpfpistole, mit der die Folie verklebt wurde, falsch gehandhabt. Strafrechtlich belangt wurden später aber lediglich zwei Feuerwehrleute, die Löschwasser in den Rhein geleitet hatten.
Von der Firmenleitung – Sandoz-Chef Marc Moret geriet in die Kritik, weil er trotz der Katastrophe tagelang nicht an die Öffentlichkeit getreten war – wurde indes niemand zur Verantwortung gezogen. Sandoz, später mit Ciba zur Novartis fusioniert, leistete jedoch Schadenersatzzahlungen in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden von total 43 Millionen Franken und stiftete 1987 zehn Millionen für einen Rheinfonds für Öko-Forschung.
Nachhaltig waren die politischen Folgen: Lücken im Umweltrecht wurden gestopft, etwa mit einer Störfallverordnung, Risikokatastern und der Pflicht zu Rückhaltebecken. Die Behörden bauten Umwelt- und Kontrollämter aus und vernetzten sich über die Grenzen. Die Chemiefirmen zogen mit. 2006 stellte die Internationale Rheinkommission fest, der Rhein sei wieder «ein lebendiger Fluss».
Video
«Erinnerungen an Schweizerhalle» des Pressefotografen Silvio Mettler
(Quelle: TagesWoche)
TV-Beiträge des Schweizer Fernsehens:
«Chemie-Brandkatastrophe in Schweizerhalle» (November 1986)
«20 Jahre nach Schweizerhalle» («MTW», Oktober 2006)
(dhr/sda)
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.
-
Alle 5 Kommentare





























Schreckensnacht
Tschernobâle vor 25 Jahre! es wäre wirklich jetzt Zeit einen Punkt zu setzen. Es ist leider passiert, es ist jetzt schon sehr alt und ist für Viele in Vergessenheit geratet!
einspruch
oh ja, es geschah vor 25 jahren, es ist schon beinahe in vergessenheit geraten!!! Hallo??!! Ja, lasst uns doch einfach tschernobyl,hiroshima & nagasaki, 9/11 und das alles vergessen, ist ja schon lange her!! und fukushima doch gleich auch noch, ist ja schon beinahe ein jahr her?! die folgen sind alle heute noch tragend! tut mir leid, aber ihre aussage ist ja wohl unter aller würde!
Wasserqualität
Ohne sarkastisch zu sein, etwas besseres konnte dem Rhein aus heutiger Sicht nicht passieren. Ich weiss nicht ob ohne diesen Zwischenfall all die Bemühungen stattgefunden hätten und wie die Wasserqualität heute aussehen würde.
Spätschäden?
Ich habe zu dieser Zeit in Muttenz, wenige 100 Meter von der Unglücksstelle gearbeit, noch viele Wochen und Monate konnte man den Gestank riechen. Auch in den Gebäuden, wegen der Klimaanlagen. Wir werden wohl nie erfahren, ob nicht der eine odere andere irgendwelche Spätschäden davon hat. Da damals ca. 80% der erwachsenen Bevölkerung geraucht hat, ist es easy allfällige Lungenschäden heute als durch Rauchen selbstverschuldet abzutun. Aber egal. Wir sterben so oder so alle irgendwann. Woran spielt dann auch keine Rolle mehr. Jedenfalls nicht für den jeweils Betroffenen.
Erinnere ich mich gut
Ich erinnere mich noch sehr gut daran. mein daddy hate geburtstag und musste als Ciba Mitarbeiter da löschen gehen. Meine Mutter schickte mich in die Schule doch als ich ankam war ich der einzige und bin wieder nach hause gegangen