«Tschernobâle»

01. November 2011 11:40; Akt: 01.11.2011 12:07 Print

Eine Schreckensnacht mit FolgenEine Schreckensnacht mit Folgen

Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle am 1. November vor 25 Jahren war für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und wirkte sich bis auf die politische Ebene aus.

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«Pausenlose Explosionen, dreissig, vierzig Meter hohe Feuerbälle, grellgelb, zu schwarzem Feuer ausbrechend, pausenlos stundenlang.» In düsterer Poesie beschrieb die «Basler Zeitung» die Chemiekatastrophe in Schweizerhalle. Feuerwehrleute räumen am 1. November 1986, einen Tag nach dem Brand, auf. Das Seuchenkommando bei Aufräumarbeiten. Löscharbeiten einen Tag nach dem Brand. Rund Kubikmeter giftiges Löschwasser gelangen in den Rhein. In der durch das Feuer zerstörten Lagerhalle befinden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Bild: Die ausgebrannte Halle mit dem roten Löschwasser. Das giftige Löschwasser färbt den Rhein blutrot. Über zwei Wochen lang muss die Trinkwasserentnahme flussabwärts bis nach Holland eingestellt werden. Die giftige rote Suppe vernichtet den gesamten Aalbestand auf einer Strecke von rund 400 Kilometern stromabwärts. Über Aale werden getötet. Auch der Grossteil der Kleinlebewesen stirbt, Fische verenden zu tausenden. Bild: Einsammeln der toten Aale am Rheinufer bei Iffezheim in Baden-Baden. Verzweifelte Bemühungen, die giftige Brühe aus dem Rhein zu saugen, scheitern. Entnahme von Wasserproben aus dem Rhein. Die Schulen in der Umgebung der Brandstätte bleiben geschlossen. Zeitungsverkauf in Basel. Brandursache war wohl eine Fahrlässigkeit: Arbeiter hatten am 31. Oktober ein Fass «Berliner Blau» verschweisst. Bild: Aufräumarbeiten nach dem Brand. Der Agro-Farbstoff kann anfangen zu glimmen, wenn er erwärmt wird. Bild: Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufräumarbeiten. Vermutlich hatten die Lagerarbeiter die Schrumpfpistole, mit der die Folie verklebt wurde, falsch gehandhabt. Bild: Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufräumarbeiten. Strafrechtlich belangt wurden später aber lediglich zwei Feuerwehrleute, die Löschwasser in den Rhein geleitet hatten. Von der Firmenleitung wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. Bild: Ein Mitglied des Seuchenkommandos leert ausgebrannte Fässer in die bereitgestellten Abfallbehälter. Bei den Aufräumarbeiten werden am 10. November ausgebrannte Fässer untersucht. Über 8000 Fässer enthalten den giftigen Abfall. Schaumbehandlung der Anlagen. Im Dezember wird Stacheldraht um das Sandoz-Werk in Schweizerhalle montiert. Sicherheitskräfte von Sandoz befördern einen Fotografen unsanft vom Firmengelände. Der nachdenkliche Blick der «Helvetia» am Kleinbasler Ufer erhält durch das Plakat mit dem toten Fisch eine neue Bedeutung. Die Angst und die Wut sind gross: Personen nehmen eine Woche nach dem Brand an einer Gross-Demo in Basel teil. Am 14. Dezember 1986 wird im Rahmen eines «Internationalen Rheinalarms» eine Menschenkette organisiert. Sie reicht von Basel bis in das deutsche Freiburg im Breisgau. Studenten des Konservatoriums Basel veranstalten in Basel einen Trauermarsch für den Rhein. Auf klassischen und modernen Instrumenten spielen sie Trauermusik und drücken so ihre Gefühle über die Ereignisse um die Brandkatastrophe in Schweizerhalle aus. Sandoz-Chef Marc Moret spricht am 21. November 1986 zum ersten Mal nach der Katastrophe zu den Medien. Sein langes Schweigen wird kritisiert. Auch 25 Jahre nach dem Chemieunfall ist der Brandort in Schweizerhalle nach wie vor mit Schadstoffen belastet. Bild: Luftaufnahme der zerstörten Halle vom 8. November 1986

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Um 0.19 Uhr in der Brandnacht loderten in der Lagerhalle 956 des Sandoz-Areals in Schweizerhalle BL die Flammen bis zu 60 Meter hoch in den Himmel. Sirenen rissen die Bevölkerung aus dem Schlaf, manche flüchteten. Eine stinkende Wolke breitete sich über Basel und der Region aus. Erst um 5 Uhr hatte die Feuerwehr den Grossbrand unter Kontrolle.

Der Brand hatte rund 1351 Tonnen Chemikalien erfasst – darunter Insektizide und Herbizide. Lange wusste niemand, was genau in der kaum gesicherten Halle gelagert war. Und die Feuerwehrleute, die gegen die Flammen ankämpften, ahnten nicht, dass Sandoz unmittelbar neben der brennenden Halle Phosgen eingelagert hatte – einen chemischen Kampfstoff, der die Lungenbläschen zerstört. Hätte das Feuer auf die Phosgentanks übergegriffen, die Folgen wären unabsehbar gewesen.

Ökologische Katastrophe

Doch auch ohne das Phosgen führte der Chemiebrand zu einer ökologischen Katastrophe: Die Chemikalien – zwanzig Tonnen Pflanzenschutzmittel und hochgiftige Pestizide sowie 150 Kilogramm Quecksilber – gelangten mit den rund 15 000 Kubikmeter Löschwasser in den nahegelegenen Rhein, der sich blutrot färbte. Die giftige rote Suppe vernichtete den gesamten Aalbestand auf einer Strecke von rund 400 Kilometern stromabwärts. Auch der Grossteil der Kleinlebewesen starb, Fische verendeten zu tausenden. Über zwei Wochen lang musste die Trinkwasserentnahme flussabwärts bis nach Holland eingestellt werden – der Rhein war tot.

Husten, Angst und Wut

Über 1200 Menschen meldeten sich bei Ärzten, etwa wegen gereizter Atemwege und Augen oder Übelkeit. Die überforderte Verwaltung des Kantons Basel-Stadt versuchte den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten; hatte es um sechs Uhr noch geheissen, die Schulen sollten geschlossen bleiben, ordnete der Erziehungsdirektor eine Stunde später an, der Unterricht habe wie gewohnt stattzufinden.

Die Angst und die Wut waren gross: 10 000 Personen nahmen eine Woche nach dem Brand an einer Gross-Demo in Basel teil. In Anlehnung an die Atom-Katastrophe von Tschernobyl, die sich ein halbes Jahr zuvor ereignet hatte, sprach man von «Tschernobâle» oder «Sandobyl».

43 Millionen Schadenersatz

Brandursache war wohl eine Fahrlässigkeit: Arbeiter hatten am 31. Oktober ein Fass «Berliner Blau» verschweisst. Der Agro-Farbstoff kann anfangen zu glimmen, wenn er erwärmt wird. Vermutlich hatten die Lagerarbeiter die Schrumpfpistole, mit der die Folie verklebt wurde, falsch gehandhabt. Strafrechtlich belangt wurden später aber lediglich zwei Feuerwehrleute, die Löschwasser in den Rhein geleitet hatten.

Von der Firmenleitung – Sandoz-Chef Marc Moret geriet in die Kritik, weil er trotz der Katastrophe tagelang nicht an die Öffentlichkeit getreten war – wurde indes niemand zur Verantwortung gezogen. Sandoz, später mit Ciba zur Novartis fusioniert, leistete jedoch Schadenersatzzahlungen in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden von total 43 Millionen Franken und stiftete 1987 zehn Millionen für einen Rheinfonds für Öko-Forschung.

Nachhaltig waren die politischen Folgen: Lücken im Umweltrecht wurden gestopft, etwa mit einer Störfallverordnung, Risikokatastern und der Pflicht zu Rückhaltebecken. Die Behörden bauten Umwelt- und Kontrollämter aus und vernetzten sich über die Grenzen. Die Chemiefirmen zogen mit. 2006 stellte die Internationale Rheinkommission fest, der Rhein sei wieder «ein lebendiger Fluss».


Video
«Erinnerungen an Schweizerhalle» des Pressefotografen Silvio Mettler

(Quelle: TagesWoche)

TV-Beiträge des Schweizer Fernsehens:

«Chemie-Brandkatastrophe in Schweizerhalle» (November 1986)

«20 Jahre nach Schweizerhalle» («MTW», Oktober 2006)

(dhr/sda)

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  • martial kohler am 01.11.2011 18:10 Report Diesen Beitrag melden

    Schreckensnacht

    Tschernobâle vor 25 Jahre! es wäre wirklich jetzt Zeit einen Punkt zu setzen. Es ist leider passiert, es ist jetzt schon sehr alt und ist für Viele in Vergessenheit geratet!

    • miss suisse am 02.11.2011 14:00 Report Diesen Beitrag melden

      einspruch

      oh ja, es geschah vor 25 jahren, es ist schon beinahe in vergessenheit geraten!!! Hallo??!! Ja, lasst uns doch einfach tschernobyl,hiroshima & nagasaki, 9/11 und das alles vergessen, ist ja schon lange her!! und fukushima doch gleich auch noch, ist ja schon beinahe ein jahr her?! die folgen sind alle heute noch tragend! tut mir leid, aber ihre aussage ist ja wohl unter aller würde!

    • Tiz Frischknecht am 02.11.2011 16:15 Report Diesen Beitrag melden

      Wasserqualität

      Ohne sarkastisch zu sein, etwas besseres konnte dem Rhein aus heutiger Sicht nicht passieren. Ich weiss nicht ob ohne diesen Zwischenfall all die Bemühungen stattgefunden hätten und wie die Wasserqualität heute aussehen würde.

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  • Danny am 01.11.2011 14:31 Report Diesen Beitrag melden

    Spätschäden?

    Ich habe zu dieser Zeit in Muttenz, wenige 100 Meter von der Unglücksstelle gearbeit, noch viele Wochen und Monate konnte man den Gestank riechen. Auch in den Gebäuden, wegen der Klimaanlagen. Wir werden wohl nie erfahren, ob nicht der eine odere andere irgendwelche Spätschäden davon hat. Da damals ca. 80% der erwachsenen Bevölkerung geraucht hat, ist es easy allfällige Lungenschäden heute als durch Rauchen selbstverschuldet abzutun. Aber egal. Wir sterben so oder so alle irgendwann. Woran spielt dann auch keine Rolle mehr. Jedenfalls nicht für den jeweils Betroffenen.

  • Souffleur am 01.11.2011 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    Erinnere ich mich gut

    Ich erinnere mich noch sehr gut daran. mein daddy hate geburtstag und musste als Ciba Mitarbeiter da löschen gehen. Meine Mutter schickte mich in die Schule doch als ich ankam war ich der einzige und bin wieder nach hause gegangen