Zweiter Weltkrieg

10. Juli 2010 17:41; Akt: 10.07.2010 17:42 Print

Englands grösste StundeEnglands grösste Stunde

von Daniel Huber - Vor 70 Jahren begann die Luftschlacht um England. Was als Auftakt zur Invasion Britanniens geplant war, wurde zur ersten Niederlage der deutschen Militärmaschine.

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Britische Soldaten bewachen in Devonshire eine notgelandete deutsche Messerschmidt (Bild: Keystone/Findlay Kember)

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Im Sommer 1940 standen die Armeen Hitlers, die zuvor Polen, Dänemark, Norwegen und dann die Beneluxstaaten und Frankreich in schnellen Feldzügen erobert hatten, an der französischen Kanalküste. Auf der anderen Seite leckten die Briten ihre Wunden; die britische Armee bestand aus nicht viel mehr als den Resten des Expeditionskorps, die im «Wunder von Dünkirchen» aus Frankreich evakuiert worden waren und dort die schweren Waffen hatten zurücklassen müssen.

Dem Führer, der sich im Erfolg des Westfeldzugs sonnte, schienen alle Optionen offen zu stehen. Noch hielt im Osten der Pakt mit Stalin, mit dem er sich Polen geteilt hatte. Gegen den «Blitzkrieg» der Wehrmacht schien kein Kraut gewachsen. Die deutsche Luftwaffe hatte im Frankreichfeldzug ihre Überlegenheit demonstriert. England, so schien es, musste um Frieden bitten, oder es würde vernichtend geschlagen werden.

«Operation Seelöwe»

Der britische Premierminister Churchill indes schwor sein Land auf unbedingten Widerstand ein. In seiner berühmten Rede vom 4. Juni sagte er: «Wir werden unsere Insel verteidigen, was auch immer die Kosten sein mögen.» Und am 18. Juni bezeichnete er den Kampf der Briten gegen die Nazis als «ihre grösste Stunde» («their finest hour») und prägte den Begriff der «Battle of Britain»: «Die Schlacht, die General Weygand die Schlacht um Frankreich nannte, ist vorbei. Ich erwarte, dass jetzt die Schlacht um Britannien beginnen wird.»

Und Churchill hatte Recht: Im Juli liess Hitler Pläne zur Invasion Grossbritanniens («Operation Seelöwe») ausarbeiten — ein Unterfangen, das zuletzt den Normannen im Jahr 1066 gelungen war. Angesichts der gewaltigen britischen Überlegenheit zur See war die Erringung der Luftherrschaft eine unabdingbare Voraussetzung für die Invasion. Luftwaffenchef Göring legte die Ziele in gewohnt grössenwahnsinniger Weise fest: Die Luftwaffe sollte die Royal Air Force in nur vier Tagen ausschalten; danach sollten innerhalb von vier Wochen die Produktionsanlagen für Flugzeuge zerstört werden. Vielleicht würde sich das Königreich gar zur Kapitulation bomben lassen, hoffte der Reichsmarschall.

«Adlertag»

Am 10. Juli 1940 begann die Luftschlacht um England, zunächst mit deutschen Angriffen auf Konvois im Kanal und Ziele an der englischen Südküste. Die deutschen Luftstreitkräfte waren in fünf Luftflotten aufgeteilt, von denen drei an den Angriffen auf England teilnahmen. Auf britischer Seite hatte Fighter Command Air Marshall Hugh Dowding vier Verteidigungszonen geschaffen; die Briten verfügten zudem über ein modernes System zur Früherkennung von Luftangriffen, das mit Radarstationen und Luftraumbeobachtern arbeitete.

Im August eskalierte der Luftkrieg. Am 2. August erliess Göring den Befehl für den «Adlertag»: Mit Beginn am 12. August erfolgten massive Angriffe auf britische Radarstationen und Einrichtungen der RAF in Südengland; allein im August wurden 390 Maschinen der RAF vollständig zerstört. Doch die Deutschen erlitten noch schwerere Verluste. Ihnen machte zu schaffen, dass die Messerschmitt BF 109 über unzureichende Treibstoffreserven verfügte. Der wichtigste deutsche Jäger hatte maximal 30 Minuten Kampfzeit über England und konnte die deutschen Bombergeschwader nicht weiter als bis London begleiten.

«The Blitz»

Gleichwohl brachten die deutschen Angriffe die RAF an den Rand der Niederlage. Allein am Wochenende des 30./31. August verlor die britische Luftwaffe 65 Jäger. Die Briten reagierten auf die bedrohliche Lage, indem sie ihre Flugzeuge weiter ins Landesinnere zurückzogen — ausserhalb der Reichweite deutscher Jäger. Und sie produzierten konstant mehr Flugzeuge als die Deutschen, die zudem bereits im Westfeldzug zahlreiche Maschinen verloren hatten. Überdies konnten abgeschossene britische Piloten, die überlebt hatten, wieder eingesetzt werden, während die deutschen Flieger in Gefangenschaft wanderten.

Frustriert über den Misserfolg änderte Göring im September die Taktik: Die Angriffe auf die Radarstationen wurden eingestellt; von nun sollte London mit Terrorangriffen mürbe gebombt werden. Ein strategischer Fehler — nun hatten die britischen Jägergeschwader die dringend benötigte Gelegenheit sich zu erholen. Der «Blitz», wie die Briten den Bombenkrieg der Deutschen nannten, verfehlte ausserdem die beabsichtigte Wirkung — die englische Bevölkerung zu demoralisieren — vollkommen. Die deutschen Bomben stärkten im Gegenteil den britischen Widerstandswillen. 43 000 Menschen fielen dem «Blitz» zum Opfer, über eine Million Häuser wurden zerstört oder beschädigt. Mit den Angriffen auf London und besonders symbolhaft auf Coventry, wo in einer Bombennacht fast 600 Menschen starben, säte die Luftwaffe den Wind, der später nach Deutschland zurückkehren und als Feuersturm die deutschen Städte vernichten sollte.

Noch einmal, am 15. September — heute noch als «Battle of Britain Day» gefeiert — kulminierte die Luftschlacht; danach gab sich die Luftwaffe mit Nachtangriffen auf London zufrieden. Am 17. September verschob Hitler die Operation Seelöwe auf unbestimmte Zeit. Im Mai 1941 wurden die dezimierten Kampfgeschwader der Luftwaffe für das bevorstehende «Unternehmen Barbarossa», den Überfall auf die Sowjetunion, abgezogen. Es war die erste, vielleicht entscheidende deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg.

Entscheidende Niederlage

Die Niederlage verunmöglichte die Invasion der Britischen Inseln endgültig und schwächte die Luftwaffe nachhaltig. Umgekehrt hingegen — eine Meinung, die heute noch oft vertreten wird — hätte ein deutscher Sieg in der Luftschlacht nicht zwangsläufig die Besetzung Grossbritanniens nach sich gezogen. Jedenfalls wäre die Invasion angesichts der starken britischen Flotte und der fehlenden deutschen Ausrüstung kein Spaziergang geworden. Ohnehin wandte sich Hitler nun seinem eigentlichen Ziel — dem Osten — zu. Im Westen aber blieb ein Gegner zurück, den Hitler nie besiegen konnte. Churchill bedankte sich bei den Piloten in seiner berühmten Parlamentsrede vom 20. August: «Niemals zuvor hatten so viele so wenigen so viel zu verdanken.»


Deutsche und britische Propagandaaufnahmen
(Quelle: YouTube.com)

«Blitzkrieg, Teil V: Die Luftschlacht um England»
(Quelle: Youtube.com)