Deepwater Horizon

19. April 2015 09:24; Akt: 19.04.2015 09:24 Print

Folgen der Ölkatastrophe noch immer offen

Elf Tote, ein PR-Desaster und ein Ölteppich so gross wie Jamaika: Die Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon vor fünf Jahren war beispiellos.

Der Dokumentarfilm «The Great Invisible» (2014) erzählt die Katastrophe aus Sicht der Betroffenen. (Video: Youtube/TakePart)
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Der Tag beginnt für Al Sunseri mitten in der Nacht. Auf den Gehwegen lungern Trunkenbolde herum, als er gegen 3.30 Uhr in seinem Austernbetrieb in New Orleans das Licht anknipst. Noch vor ein paar Jahren herrschte bei der P&J Oyster Company Hochbetrieb: Kühltrucks rollten vor die Verladezone in der Toulouse Street, säckeweise kippten Mitarbeiter frisch gefangene Austern zur Weiterverarbeitung auf lange Stahltische.

Heute steht in der Halle ein einziger Mann mit Schürze und Gummihandschuhen und knackt schweigend ein Häufchen der grüngrauen Muscheln. Und Sunseri erzählt von dem Tag, der seinen 139 Jahre alten Familienbetrieb aus der Bahn werfen sollte: Die Explosion der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April 2010.

Verschmierte Tiere, verschmutzte Küste

Kilometerweit waren in jener Nacht die Flammen zu sehen, als sich auf der schwimmenden Bohrplattform Gas entzündete und nach einer Explosion einen Grossbrand auslöste. Für die 126 Arbeiter begann ein Kampf ums Überleben. 36 Stunden brannte Deepwater Horizon, ehe sich die Metallkonstruktion verbog und schliesslich im brennenden Meer versank. Auf den Tod von elf Menschen folgte die schwerste Ölkatastrophe in der Geschichte der USA.

Wie Schokoladensirup habe der tiefschwarze Schlick an der Hand geklebt, erinnert sich Dave Marino. Er bringt Hobbyfischer raus auf die Barataria-Bucht, um den begehrten Roten Trommler und andere Fische zu fangen. Was in den Wochen darauf folgte, waren Bilder verschmierter Vögel und Fische, ein Ölteppich von der Grösse Jamaikas und 1000 Kilometer schmutzverklebte Küste.

Für Al Sunseris Unternehmen, das er mit seinem Bruder Sal betreibt, ist das Ausmass der Katastrophe noch nicht absehbar. Fast der gesamten Belegschaft musste er kündigen, heute verkauft er etwa ein Drittel der Austern-Menge von 2010. Unten am Hafen von Pointe à la Hache geht es den Fischern nicht anders.

Leck war 87 Tage offen

«Die Umwelt am Golf zeigt starke Zeichen von Erholung, vor allem wegen seiner natürlichen Belastbarkeit sowie der beispiellosen Reaktion und der Aufräumarbeiten», teilte Laura Folse, BP-Chefin für Umweltsanierung, Mitte März mit. Der Golf kehre zu den Bedingungen zurück, die vor der Ölpest herrschten, heisst es im Fünfjahresbericht.

Die Regierung sieht das anders. «Es ist unangemessen und voreilig von BP, Schlussfolgerungen über die Folgen der Verschmutzung zu ziehen, bevor die Beurteilung abgeschlossen ist», reagierte der Rat der Umweltbehörden NOAA und EPA, der Innen- und Landwirtschaftsministerien sowie der betroffenen Bundesstaaten Alabama, Florida, Louisiana, Mississippi und Texas.

Auf der Insel East Grand Terre findet man bis heute entsprechende Beweise: Dort liegen dunkle, klebrige Teerklümpchen im Sand. Auch die Fische leiden. Alle Arten weisen laut einer Studie identische Defekte auf – Mängel bei der Herzentwicklung der Embryonen, ein verlangsamter Herzschlag und Herzrhythmusstörungen, Herzfehler und Ödeme, ausgelöst durch die Wirkung des Öls.

Folgen nicht absehbar

Das Ökosystem im Mississippi-Delta und im Golf ist zu komplex, als dass man mit dem Finger nur auf BP zeigen könnte, um dem Konzern sämtliches Unheil in die Schuhe zu schieben. Forscher sind uneins, ob etwa der drastische Rückgang der Austernbestände seit 2010 vielleicht auch durch andere Faktoren beeinflusst werden könnte. Für viele Pflanzen- und Tierarten fehlt es schlicht an Daten vor dem Unfall, die Forschungen dauern an.

Und so bleibt der Fall Deepwater Horizon auch fünf Jahre später eine Frage der Zukunft. 14,3 Milliarden Dollar Kosten beziffert BP bislang für die Katastrophe, und die Rechnung könnte noch deutlich teurer werden.

Die Kinder und Enkel der Fischer werden irgendwann entscheiden müssen, ob sie ihr Glück noch mit Austern, Krabben und Shrimps versuchen wollen. Sal Sunseri hat seinem 16-jährigen Sohn jedenfalls verboten, über den Sommer bei P&J mit den Austern zu helfen. Der Junge soll Ingenieur werden.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chnubi am 19.04.2015 09:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und trotzdem will man

    In den sensibelsten Gebieten der Welt nach Öl bohren, nur um grosses Geld zu machen, anstatt endlich nach Alternativen zu schauen. Nicht auszumachen was auch hier noch für Katastrophen auf uns zu kommen könnten. Aber hauptsache ein paar Menschen verdienen sich die Lappen voll

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  • L.B. am 19.04.2015 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    Geld Geld Geld

    Und wieder einmal ist Geld wichtiger als unsere Natur. Die Kosten der Katastrophe können noch so hoch sein, viel lässt sich damit aber nicht zurück holen. Wann werden es diese geldgeilen Grosskonzerne verstehen, dass Mutternatur unberechenbar ist? Mein Beileid an die zukünftigen Generationen..

  • Mark am 19.04.2015 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    Lernen die Amerikaner nun was?!

    Natürlich ist so ein Unfall und Verschmutzung eine Tragödie. Aber es mag gut sein, dass es mal die US-Amerikaner selber trifft. Leider ist zu befürchten, dass sie trotzdem nichts daraus lernen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Luke am 20.04.2015 10:51 Report Diesen Beitrag melden

    Sucht vs. Nachhaltigkeit

    Eine kleine Beruhigung hatte die Explosion von D-Horizon. Auch wenn sie im Vergleich zu den negativen Folgen sowas von mikrig ist: Das ausgelaufene Öl kann nicht "weiterverschwendet" werden. Aber auch dies hat wieder seine Schattenseite: "Man muss das verlorene Öl wieder von irgendwoher ersetzen können." - Kopfschüttel! Alternative Rohstoffe (z.B. für die Kunststoffproduktion) müssen viel besser gefördert werden als dies zurzeit getan wird!

  • David S am 19.04.2015 11:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hahaha

    Man weiss nicht ob der rückgang der bestände andere ursachen haben könnte? Meiner meinung nach gibts da gar keine disskusionen... Vor dem Unfall war ja alles "in ordnung" aber bp Kann sich selber helfen. Sie können die forschungen solcher meeresgebiete so stark fördern damit sie nachstes mal grundlagen hanen um so einen unfall und deren auswirkungen zu beurteilen. Ansonsten zahlen...

  • anti ami am 19.04.2015 11:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das ist los

    nur so als beispiel, 1 liter oel verschmutzt etwa 100'000 liter wasser, nur weil oel von der erde kommt ist es nicht einfach nicht so schädlich.

  • Joe Amberg am 19.04.2015 11:28 Report Diesen Beitrag melden

    Quatsch mit Sauce!

    Der natürliche Austritt von Öl und Gas aus dem Meeresboden des Golf von Mexiko ist pro Jahr deutlich grösser als der Austritt aus dem Bohrloch der BP. Es ist also einfach schlicht Schwachsinn zu behaupten dass nun das Meer auf viele Jahre hinaus "massiv verschmutzt" sei. In Wirklichkeit haben sich im warmen Wasser des Golfs schon längst entsprechende Mirkoroganismen entwickelt die von der leckeren Nahrung Öl und Gas leben - mit und ohne Bohrloch!

    • Andy am 19.04.2015 18:06 Report Diesen Beitrag melden

      so ein Quatsch

      Die Mirkoorganismen gibt es bei natürlichem Austritt von Erdöl tatsächlich. Jedoch tretten diese Stoffe im natürlichem Rahmen nie so aus, wie wen sie von der menschlichen Seite gefördert werden. In diesem speziellen Fall, wen es zu einer Katastrophe kommt. Diese baktriellen Kulturen müssen zuerst vor Ort wachsen, um eine gewisse Menge von Rohöl zu "verarbeiten". Der Schaden am restlichen Ökosystem ist riesig! Um dieses Gleichgewicht wieder zu herzustellen benötigt es Jahrzehnte. Die verursachenden Firmen werden nie bereit sein, diese zubebeheben!

    • F.t.U.S.A. am 20.04.2015 01:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Mikroorganismen

      Das ganz bittere ist, das man versuchte den Öl Teppich mit Künstlich erzeugten Öl fressenden Mikroorganismen zu bekämpfen die ihrerseits nun Schäden anrichten den die unterscheiden nicht zwischen Öl und anderen Organischen Stoffen wie zbspl. Fische und Plankton.

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  • FernLeser am 19.04.2015 11:03 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder ist Richter

    Ich hallte das hier mal wieder für bedenklich. Jeder lässt sich wieder dazu hinreissen auf den ach so bösen Grosskonzernen rum zu hacken. Die reichen sind die bösen und gierigen und die müssen auch das ganze lösen und für alternativen sorgen. Dabei hat es jeder selber in der Hand, keiner wird gezwungen Benzin zu verwenden, die Alternativen sind längst da, nur will sie keiner Nutzen. Biotreibstoffe, Wasserstoff, oder Gastankstellen, alles vorhanden. Nur will keiner auf seine Benzin/Oder Dieselschleuder verzichten. Alle schreien nach "Atomaustieg"sobald in einem Kernkraftwerk ne Lampe an geht.

    • DadoCame am 19.04.2015 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ist leider so...

      Solange die Industrie nichts unternimmt, wir auch der einfache Bürger nichts unternehmen :-)

    • L.B. am 19.04.2015 11:34 Report Diesen Beitrag melden

      Ignoranz

      Klar, jeder hat die Möglichkeit. Jedoch ist es 1. eine reine Abzockerei und 2. müssen sie noch beachten, dass die Ressourcen irgendwann aufgebraucht sind. Wie wird der Markt darauf reagieren? Diese "bösen und gierigen" Reichen werden wohl am lautesten aufschreien, aber sie haben es doch schon Jahre davor gewusst! Kann Ihre Logik nicht nachvollziehen. Schon dass man sich über diese Problematik empört ist ein erster Schritt. Auf eine Alternative umzusteigen der zweite. Aber es einfach so hinzunehmen ist der falsche Ansatz.

    • C.D. am 19.04.2015 11:38 Report Diesen Beitrag melden

      @ FernLeser

      Sie haben absolut nicht recht! Es sind die Grosskonzerne, die uns jenes Kaufverhalten aufzwingen wollen, das ihnen am meisten Gewinne garantiert. Alternativen gibt es längst. Wer entsprechende Kanäle kennt, weiss längst, dass das vorhanden ist. Meist werden aber die Patente von Ihren lieben Grosskonzernen aufgekauft und in den bekannten Schubladen versenkt. Nicht der Normale hat es in der Hand, ausser er verweigert den Konsum auf der ganzen Linie was ihn aber auch wieder treffen wird. Also sind wir wieder beim Anfang.

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