Shackletons «Endurance»

21. Mai 2018 21:32; Akt: 21.05.2018 21:32 Print

Gross angelegte Suche nach legendärem Schiff

Mit Unterwasser-Robotern wollen Forscher das Schiff finden, dessen Untergang am Anfang einer der grössten Überlebensgeschichten aller Zeiten stand.

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Am 5. Dezember 1914 legten Ernest Shackleton und seine Mannschaft an Bord der «Endurance» in Südgeorgien ab. Das Ziel der sogenannten Imperial Trans-Antarctic Expedition: Die erste Durchquerung der Antarktis auf dem Landweg. (Im Bild: Die «Endurance» verlässt am 1. August 1914 die Millwall Docks in London) Doch bereits am 18. Januar 1915, noch bevor man antarktisches Festland erreicht hatte, sass der Dreimaster völlig im Packeis fest. Die Mannschaft war dazu verdammt, im auf dem driftenden Packeis zu warten. Die Zeit vertrieb man sich unter anderem mit Fussball. Im August 1915 bekam das Holzschiff zunehmend Schlagseite. Die Eismassen drückten gegen den Rumpf. Am 27. Oktober musste die 28 Mann starke Besatzung das leckgeschlagene Schiff aufgeben. Am 21. November sank die «Endurance» schliesslich. Zuvor hatten die Männer sämtliche Vorräte sowie die drei Beiboote in Sicherheit gebracht. Sie sollten sie in der Folge noch dringend brauchen. Shackleton (r.) und seine Männer versuchten zuerst, sich über das Packeis ans Festland vorzukämpfen. Doch das unwegsame Terrain verunmöglichte dieses Vorhaben. Shackleton (r.) beschloss, auf einer Eissscholle ein Lager einzurichten in der Hoffnung, dass die Scholle Richtung Festland treiben würde. Von November 1915 bis April 1916 harrten die Männer auf der Eisscholle aus. Am Abend des 8. April begann die Eisscholle zu zerbrechen, wodurch die Situation für die Männer lebensgefährlich wurde. Nun zahlte es sich aus, dass die Männer drei Beibotte von der «Endurance» gerettet hatten. Die Männer gelangten schliesslich am 14. April auf die abgelegene Elephant Island. Die Insel wurde von Walfängern kaum je angelaufen, weshalb Shackleton beschloss, mit fünf Mann nach Südgeorgien zu fahren, und dort Hilfe zu holen. Am 24. April brach Shackleton im Beiboot «James Caird» auf. 22 Männer blieben zurück auf Elephant Island. Nach beinahe 1500 Kilometern auf dem offenen Meer erreichten die durchnässten und erschöpften Männer am 10. Mai Südgeorgien. (Im Bild: Die zurückgebliebenen Männer winken der abfahrenden «James Caird» zu) Am 10. Mai legte die «James Caird» in Südgeorgien an und nach einem 36-stündigen Marsch erreichte Shackleton schliesslich eine Walfangstation. Es dauerte noch bis zum 30. August 1916, bis auch die Männer auf Elephant Island gerettet werden konnten. Alle 28 Mann überlebten die Unglücks-Expedition. (Im Bild: Die «James Caird» im Dulwich College im Süden Londons) Julian Dowdeswell, der Direktor des Scott Polar Research Institute der Universität Cambridge, leitet die Wedell Sea Expedition 2019, auf der auch das Wrack der «Endurance» gesucht werden soll. Vom südafrikanischen Eisbrecher «Agulhas II» aus werden die Forscher mit Unterwasser-Robotern nach dem Wrack suchen.

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Der Brite Ernest Shackleton wird in einem Atemzug mit den grossen Antarktis-Helden wie Roald Amundsen und Robert Falcon Scott genannt. Und dies, obwohl keine seiner drei Antarktisexpeditionen ihr Ziel erreichte. Auf der ersten Expedition scheiterte er beim Versuch, als Erster den Südpol zu erreichen, auf seiner dritten verlor er das Leben. Doch es war die zweite Expedition und die unglaubliche Rettung der gesamten Mannschaft nach Monaten im Eis, die ihn unsterblich machte.

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Ziel der Imperial Trans-Antarctic Expedition genannten Forschungsreise war die erste Durchquerung der Antarktis. Doch das Vorhaben war wenige Monate nach Beginn der Expedition bereits zum Scheitern verurteilt. Denn im Januar 1915 wurde Shackletons robustes Holzschiff vom Packeis eingeschlossen. Die «Endurance» kam nie mehr frei und sank im November.

Suche mit autonomen Unterwasserfahrzeugen

Mehr als 100 Jahre später wollen Forscher der Universität Cambridge nun den Dreimaster auf einer 45-tägigen wissenschaftlichen Expedition finden. Das Wrack wird in einer Tiefe von etwa 3200 Metern unter dem Larsen-C-Schelfeis vermutet. Larsen C gelangte vergangenen Sommer zu einiger Berühmtheit, als ein Eisberg so gross wie der Kanton Bern davon abbrach. Die Wendell Sea Expedition 2019 dient auch dazu, dieses Gebiet erstmals im grossen Stil zu erforschen.

Die Wracksuche in den eisigen Fluten sollen mindestens zwei autonome Untersee-Roboter übernehmen. Julian Dowdeswell, der Expeditionsleiter, sagte im Gespräch mit Nbc.com: «Kameras und Sonar auf autonomen Unterwasserfahrzeugen anzubringen hat den Vorteil, dass wir nicht direkt über das Wrack fahren müssen.» Die Roboter könnten auch 100 Kilometer entfernt starten, unter die Eisdecke gelangen und ihre Forschungsaufgaben erfüllen.

Die Wissenschaftler werden auf dem südafrikanischen Eisbrecher «Agulhas II» unterwegs sein, der gleichzeitig eines der modernsten Forschungsschiffe ist. Trotzdem gibt es keine Garantie dafür, dass die Expedition ein Erfolg wird – nicht einmal, dass sie überhaupt an ihren Zielort gelangt. «Egal, welches Schiff du hast, es ist möglich, dass es nicht dort hinkommt», sagte Dowdeswell. Es komme ganz darauf an, ob es ein gutes oder ein schlechtes Eisjahr sei.

Keine Plünderung des Wracks

Sollten die Forscher tatsächlich die Überreste der «Endurance» finden, dürften sich diese in einem verhältnismässig guten Zustand befinden. Denn in dieser Gegend gibt es kaum Holz und deshalb wohl auch keine Holz zersetzenden Organismen, so die Hoffnung der Wissenschaftler.

Während das Wrack fotografiert und vermessen werden soll, haben die Forscher bereits ausgeschlossen, dass irgendwelche Gegenstände an die Oberfläche befördert werden. Das wurde mit den Eigentümern des Wracks, den Nachkommen Shackletons, so abgemacht, wie der «Daily Mirror» schrieb. Stattdessen soll das Wrack zur geschützten historischen Stätte werden.

Monatelang auf einer Eisscholle

Doch was passierte mit Shackleton und seinen Männern, nachdem die «Endurance» im November 1915 untergegangen war? Die 28 Besatzungsmitglieder richteten sich mit allem, was sie aus dem Schiff retten konnten, auf einer Eisscholle ein, da sich ein Fortkommen zu Fuss aufgrund des sich meterhoch auftürmenden Packeises als unmöglich erwies. Die Hoffnung war, dass die Eisscholle sie in die Nähe des Festlandes treiben würde. Der Name des Lagers: Patience Camp (wobei «Patience» auf Englisch «Geduld» bedeutet).

Bis im April 1916 blieben die Männer auf der Eisscholle. Dann begann diese zu zerbrechen. Die Expeditionsteilnehmer wechselten in die drei Beiboote, die sie von der «Endurance» gerettet hatten und erreichten schliesslich Elephant Island. Die abgelegene Insel wurde kaum je von Walfängern oder anderen Menschen angelaufen, weshalb Shackleton einen kühnen Entschluss fasste. Zusammen mit fünf Männern machte er sich am 24. April im Beiboot «James Caird» auf die Reise nach Südgeorgien auf, dem Ausgangspunkt der Expedition Ende 1914.

Gesamte Besatzung überlebte

Nach beinahe 1500 Kilometern auf dem offenen Meer erreichten die durchnässten und erschöpften Männer am 10. Mai Südgeorgien. Nach einem 36-stündigen Gewaltmarsch erreichte Shackleton schliesslich mit zwei Gefährten die Walfangstation Stromness. Sofort veranlasste er, dass die drei Gefährten, die bei der «James Caird» geblieben waren, abgeholt wurden. Einen Tag nach Shackletons Ankunft in Stromness waren auch sie in Sicherheit.

Die 22 Männer, die auf Elephant Island zurückgeblieben waren, mussten sich deutlich länger gedulden. Erst im dritten Anlauf gelang es Shackleton, sie am 30. August 1916 an Bord des Dampfers «Yelcho» zu holen, den er für die Rettungsaktion bei der chilenischen Regierung ausgeliehen hatte. Wie durch ein Wunder hatten alle Männer die Strapazen überstanden. Shackleton erlangte Weltruhm, trotzdem war die grosse Zeit der Polarexpeditionen 1916 bereits vorbei. Dafür hatte der Erste Weltkrieg gesorgt.

(jcg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • fred@züri am 21.05.2018 21:58 Report Diesen Beitrag melden

    Aufbruch in's Ungewisse

    Das waren noch Zeiten! Ohne GPS, Mobile Telephone oder Funkgerät e.t.c. in's "Ungewisse" aufzubrechen, ohne sicher zu sein jemals wieder zurückzukommen oder zu überleben. Das waren die Abenteurer der ersten Stunde.

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  • Jazzco am 21.05.2018 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endurance

    Das waren noch Männer! Mutig und furchtlos vor allem einen starken Anführer!

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  • AltGr am 21.05.2018 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    dass die 5 Männer die 1500 km seefahrt gesund überstanden haben in dieser nussschale (das beiboot).

Die neusten Leser-Kommentare

  • estevanico am 22.05.2018 20:07 Report Diesen Beitrag melden

    Terra Nova

    Amundsen und seine Gefährten erreichten den Südpol am 14.Dezember 1911, drei Wochen später Scott und sein Team. Der Unterschied zwischen Roald Amundsen und Robert Falcon Scott bestand darin, dass es Amundsen nur um den Rekord ging (zuerst am antarktischen Pol und zurück), während Scott und sein Team noch durch wissenschaftliche Arbeiten aufgehalten wurden: Das wurde ihnen zum eisigen Grab: (Ranulph Fiennes: SCOTT 1912)

  • Heidenberg am 22.05.2018 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin ja nicht der Experte

    ....aber wäre ein Durchquerungsversuch der Arktis im Sommer nicht erfolgsversprechender gewesen?

    • Fabian Kuster am 22.05.2018 10:00 Report Diesen Beitrag melden

      Es war Sommer

      Es war die ANTarktis, die Expedition startete im Spätsommer der nördlichen Hemisphäre und verliess britische Gewässer im August. Ende September legte die Endurance von Buenos Aires ab, und segelte nach South Georgia, wo sie bis zum 5. Dezember blieben. Demnach befand sich die Endurance im antarktischen Sommer in der Weddell Sea. Ein Meteorologe war auch an Bord.

    • Andi am 22.05.2018 10:47 Report Diesen Beitrag melden

      Richtig

      Gute Frage, aber da alle überlebten hat der Kapitän richtig entschieden...

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  • schmied am 22.05.2018 06:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    ja wieder etwas interessantes für mich. aber leider gibt es so negative KOMENTARE.

    • Blerim Blero am 22.05.2018 06:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @schmied

      Der Legende nach, so fangen die geschichten an.

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  • Eurotrotter am 22.05.2018 05:28 Report Diesen Beitrag melden

    Es wichtig, dass restlos alle Touris

    mindestens einmal im Leben die Antarktis von nahem erlebt haben. Diese abgeschiedene Weltgegend wartet nur darauf, von den Massen entdeckt und niedergetrampelt zu werden ...

  • Frau Meier am 22.05.2018 00:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Helden

    Bitte mehr solche Artikel mit interessanten Geschichten! Ich habe allergrössten Respekt vor diesen Männern, welche solche Strapazen überlebt haben. Wohl unvorstellbar wie es ist, Monate auf einer Eisscholle zu leben. Und dass dann ein Teil davon noch die Kraft hatte, mit einem Rettungsboot so weit zu fahren um Hilfe zu holen - das waren echte Helden!

    • Warme Jacke am 24.05.2018 08:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frau Meier

      Ich habe ein Buch über die Geschichte gelesen, weiss allerdings nicht mehr wie es heisst. War sehr spannend aber ich hab dauernd gefroren.

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