Land ohne Glück

13. Januar 2010 15:38; Akt: 15.03.2010 10:44 Print

Haiti - das gebeutelte LandHaiti - das gebeutelte Land

von Daniel Huber - Das schwere Erdbeben in Haiti trifft ein Land, das schon zuvor vom Unglück heimgesucht wurde wie kaum ein anderes. Seit Christoph Kolumbus 1492 seinen Fuss auf den Strand setzte, durchzieht eine blutige Spur die Geschichte der Karibikinsel. Dabei hatte alles so gut angefangen.

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Das Armenhaus Lateinamerikas: Überreste eines Schuh-Markts in Port-au-Prince 2008, nachdem es wegen gestiegenen Lebensmittelpreisen zu Unruhen gekommen war (Bild: Keystone/AP/Brennan Linsley)

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Bei der Ankunft der spanischen Eroberer im Dezember 1492 lebten auf der Insel Hispaniola, auf der heute Haiti und die Dominikanische Republik liegen, mindestens 400 000 Indianer. Die zu den Arawak gehörenden Taíno hatten die blühendste Kultur der gesamten Karibik entwickelt; Kolumbus nannte sie «unschuldig und von einer solchen Freigebigkeit mit dem, was sie haben, dass niemand es glauben würde, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat.» Die Spanier dagegen waren weniger unschuldig: Auf dem im Vergleich zu heute idyllischen Eiland begann ein blutiger Alptraum; 50 Jahre nach dem ersten Kontakt lebten gerade noch 200 Indianer in der ersten spanischen Kolonie der Neuen Welt; um 1600 waren sie vollständig ausgestorben.

Reiche Kolonie, arme Sklaven

Dieser Genozid, das initiale Verbrechen der Eroberer, setzte den Ton für die gesamte weitere Geschichte der gebeutelten Insel. Die Spanier ersetzten die von Krankheiten, Krieg und Zwangsarbeit dezimierte indigene Bevölkerung durch importierte afrikanische Sklaven, die bald schon die grosse Mehrheit der Einwohner stellten. Schon 1537 kam es zu ersten Aufständen von geflohenen schwarzen Sklaven («Cimarrones»). Das Zuckerrohr, das die schwarzen Sklaven in den karibischen Kolonien anbauten, machte die weissen Plantagenbesitzer reich. Das weckte Begehrlichkeiten: 1697 musste Spanien das westliche Drittel Hispaniolas an die französische Krone abtreten. Saint-Domingue wurde in der Folge zur reichsten französischen Kolonie. So reich sogar, dass Frankreich 1763 den Briten lieber Kanada überliess als die halbe Insel in der Karibik.

Die Sklaven hingegen wurden nicht reich. Umso verführerischer klangen ihnen daher die Parolen der Französischen Revolution in den Ohren — insbesondere die «liberté» und die «égalité». Die weissen Plantagenbesitzer indes dachten nicht im Traum daran, diese Errungenschaften mit ihren Sklaven zu teilen. Die holten sich die Freiheit selber: 1791 begann der einzige erfolgreiche Sklavenaufstand der Geschichte. Toussaint Louverture und Jean-Jacques Dessalines führten die Sklaventruppe in den Jahren darauf gegen die französische Armee ins Feld — in der Karibik erlebte Napoleon seine erste Niederlage. 1804 proklamierte Saint-Domingue seine Unabhängigkeit und nannte sich fortan Haiti.

Abfolge korrupter Despoten

Kaum aber war der weisse Feind eliminiert, begann der Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten. Jahrelang war Haiti gar in einen mulattischen Süden und einen schwarzen Norden geteilt. Praktisch von Anfang an hatte der erste unabhängige Staat Lateinamerikas auch unter einer nicht enden wollenden Abfolge von korrupten, kleptokratischen Regimes zu leiden: Unfähige Generäle, Kaiser, Könige und Präsidenten führten Krieg gegen das Nachbarland und gegen das eigene Volk. Ein Paradebeispiel dafür war Henri Christophe (1767-1820), der sich 1811 zum König Henri I. krönen liess. Aus Furcht vor einer Invasion liess der grössenwahnsinnige Despot von 200 000 Zwangsarbeitern auf dem 945 Meter hohen Pic La Fernere die grösste Festung ausserhalb Europas errichten, die heute Haitis «Achtes Weltwunder» ist.

Dazu lastete eine gigantische Schuld auf dem jungen Staat, da Frankreich sich die Anerkennung der Unabhängigkeit teuer bezahlen liess: Als Entschädigung für ehemalige Plantagenbesitzer stotterte Haiti jahrzehntelang die Summe von 90 Millionen Francs d'Or (heute etwa 25 Milliarden Franken) ab, was seine Wirtschaft nachhaltig ruinierte.

Papa Doc und Baby Doc

Einen unrühmlichen Höhepunkt erreichte die Despotie im 20. Jahrhundert während der Gewaltherrschaft der Duvaliers. 1957 gelangte der frühere Landarzt François Duvalier, genannt Papa Doc, an die Macht, die er bis zu seinem Tod 1971 nicht mehr abgab. Papa Doc, der die Macht der mulattischen Oberschicht brach, stützte seine Herrschaft auf den Terror seiner Schlägertruppe, der Tonton Macoutes, einer Art Voodoo-Geheimpolizei. 1971 folgte ihm sein erst 19-jähriger Sohn Jean-Claude Duvalier (Baby Doc) nach, der sich die Machtübernahme in einer Volksabstimmung legitimieren liess, bei der keine einzige amtliche Gegenstimme registriert wurde. 1986 zwang ein Aufstand Baby Doc ins Exil, doch wirklich besser wurde die Lage nicht. Auch die 1990 zunächst als Wende begrüsste Wahl des Armenpriesters Jean-Bertrand Aristide zum Präsidenten änderte nichts: Aus dem Hoffnungsträger entwickelte sich innert Kürze ein skrupelloser und grausamer Ausbeuter, der nach nur sieben Monaten wieder aus dem Amt geputscht wurde.

Die folgenden drei Jahre unter General Raoul Cédras waren derart schlimm, dass eine regelrechte Flüchtlingswelle einsetzte. 1994 intervenierten die USA — zum zweiten Mal nach 1915 — und Aristide konnte wieder in sein Amt zurückkehren, das er 1996 dann an seinen Vertrauten René Préval übergab. 2000 wurde wieder Arisitide Präsident, und erneut kam es zu Unruhen, die sich 2004 nahezu zu einem Bürgerkrieg auswuchsen. Am 29. Februar 2004 ging Aristide schliesslich endgültig ins Exil; gleichentags entsandten die USA, Frankreich und Chile erste Truppen nach Haiti, die dann im Mai von einer UNO-Blauhelmtruppe abgelöst wurden. Danach herrschte in Haiti eine fragile Ruhe, bis es im Frühjahr 2008 wegen der explodierenden Preise für Grundnahrungsmittel zu schweren Ausschreitungen mit mehreren Todesopfern kam.

Das Armenhaus Lateinamerikas

Noch immer ist Haiti das Armenhaus Lateinamerikas. In der Tat ist das Land das ärmste der gesamten westlichen Hemisphäre und zugleich eines der ärmsten Länder der Welt; 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze (das heisst, sie müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen), 54 Prozent in extremer Armut (weniger als ein halber Dollar pro Tag). Die Kindersterblichkeit ist hoch. Gut die Hälfte der Bevölkerung sind Analphabeten.

Da praktisch der gesamte Waldbestand des Landes als Brennmaterial verfeuert worden ist (weniger als 1,5 Prozent des ursprünglichen Waldbestandes sind noch intakt), wirken sich die häufigen Überschwemmungen und Wirbelstürme besonders verheerend aus. Zu all dem kommt noch hinzu, dass die Insel in einer tektonischen Unruhezone liegt, in der verschiedene Erdplatten gegeneinander stossen. Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 war nicht das erste, und es wird nicht das letzte sein. Haiti dürfte noch lange unruhige Zeiten erleben.