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Happy Birthday, Champ!
16. Januar 2012 21:25; Akt: 17.01.2012 08:07 Print
Herr im Ring
von Peter Blunschi - Verehrt, verteufelt, bejubelt, bemitleidet – keiner hat die Sportwelt so geprägt wie Muhammad Ali. Eine Würdigung zum 70. Geburtstag einer afro-amerikanischen Ikone.
Was braucht es, damit ein Schweizer Primarschüler mitten in der Nacht das warme Bett verlässt und sich vor den Fernseher setzt? Erst recht zu einer Zeit, als spätestens ab Mitternacht nur noch das Testbild über den Bildschirm flimmerte, wie damals in den 1970er Jahren? Eine Mondlandung vielleicht. Mehr noch aber trieb ein anderes Ereignis den Primarschüler und unzählige andere Menschen nachts aus den Federn: ER stieg in den Ring.
Bildstrecken Die besten SportduelleDie grössten Comebacks im SportSmokin' Joe ist tot Infografik Die Afroamerikaner in den USAVieles, sehr vieles hat den Mythos Muhammad Ali geprägt. Die zahllosen Fans, die damals auf ihren Schwarzweiss-Fernsehern die körnigen, via Satellit übertragenen Bilder anstarrten, sind nicht das unwichtigste. Alis Kämpfe waren ein Weltereignis. ER war ein Weltereignis. Seine Bilder hingen überall. Die «Schweizer Illustrierte», damals noch ein ernst zu nehmendes Magazin, berichtete vor und nach jedem Fight seitenweise über den «Champ».
Damit konnte man einen Primarschüler beeindrucken. Muhammad Ali war ein Phänomen «larger than life», wie man es sich heute, wo jeder Castingshow- und Dschungelcamp-Teilnehmer zum «Star» hochgejubelt wird, kaum noch vorstellen kann. Kein Sportler hat eine solche Wirkung entfaltet wie das exaltierte Box-Genie. Roger Federer mag der beste Tennisspieler der Geschichte sein, verglichen mit Ali ist er ein Schlafmittel.
Medaille in Fluss geworfen
Begonnen hatte alles am 17. Januar 1942 in Louisville (Kentucky), im Süden der USA, wo Rassentrennung und -diskriminierung den Alltag prägten. Cassius Marcellus Clay jr. trug den gleichen Namen wie sein Vater, ein Schildermaler, und dieser hiess wie ein Politiker, der im 19. Jahrhundert vor dem amerikanischen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei gekämpft hatte – vielleicht die Basis für das spätere politische Engagement von Clay alias Ali.
Aus Wut darüber, dass ihm sein Velo geklaut worden war, begann Klein-Cassius mit zwölf Jahren zu boxen. Sechs Jahre später, 1960 in Rom, war er Olympiasieger im Halbschwergewicht. Tag und Nacht habe er die Goldmedaille getragen, schrieb er in seiner Autobiographie. Doch als man ihm in einer Bar in Louisville wegen seiner Hautfarbe den Zutritt verweigerte, soll er sie in den Ohio River geworfen haben. Ob die Geschichte stimmt, ist unklar. Ali ist stets ein eifriger Förderer seines eigenen Mythos gewesen. Vielleicht hat er die Medaille einfach verloren.
«Ich bin der Grösste!»
Nach dem Triumph von Rom wurde Cassius Clay Profi und stieg auf in die Schwergewichts-Kategorie. Schnell sorgte der Jüngling für Aufsehen, denn er brachte bereits alles mit, was ihn in der Boxgeschichte einzigartig machen sollte: blendendes Aussehen, charismatische Ausstrahlung sowie eine stupende Technik und ein tänzerischer Stil – der legendäre «Ali Shuffle» – im Boxring, die ihn von den üblichen Hau-Draufs abhoben. Und eine grosse Klappe. Sein scharfzüngiges Mundwerk brachte ihm die Bezeichnung «Louisville Lip» ein.
Ebenfalls nicht geschadet hat ihm seine relativ helle Hautfarbe. Schon gar nicht, als er am 24. Februar 1964 zum Titelkampf gegen den amtierenden Weltmeister Sonny Liston antrat, ein unbeliebter Typ, dem man Kontakte zur Mafia nachsagte. Clay war die Lichtgestalt, die Amerika und die Boxwelt von diesem Finsterling erlösen sollte. Grosse Chancen gab man ihm gegen den Kraftboxer Liston nicht, doch nach sechs Runden gab dieser wegen einer Schulterverletzung auf. «Ich bin der Grösste!» brüllte Clay ins Mikrophon.
Für Bürgerrechte, gegen Vietnam
Er war ganz oben – doch er sorgte auch für Irritationen. Denn Cassius Clay hatte seine Herkunft nicht vergessen. Er engagierte sich für die Bürgerrechtsbewegung, trat der radikalen Nation of Islam bei und änderte seinen Namen in Muhammad Ali. Vollends zum «Hochverräter» wurde er, als er 1967 den Militärdienst verweigerte. Der Vietnamkrieg befand sich auf dem Höhepunkt, doch Ali befand:«Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt.» Ob er das so gesagt hat, ist umstritten. Jedenfalls schlug das Establishment knallhart zu: Er wurde als Dienstverweigerer verurteilt, verlor Weltmeistertitel und Box-Lizenz.
Ins Gefängnis musste er nie, doch während seiner besten Jahre als Boxer war Muhammad Ali zur Untätigkeit verdammt. Erst 1970 durfte er wieder in den Ring steigen. Am 8. März 1971 kam es im New Yorker Madison Square Garden zum «Kampf des Jahrhunderts», dem ersten globalen Mega-Event der Boxgeschichte, gegen den neuen Weltmeister Joe Frazier. Ali ging in der 15. Runde zu Boden und verlor nach Punkten, doch moralisch war er der Sieger. Mit seinem Charisma eroberte der Champ die Gunst des Publikums zurück.
Zum dritten Mal Weltmeister
Es folgte seine grosse Zeit, in der er die Leute nachts vor die Bildschirme lockte. 1974 holte er sich im «Rumble in the Jungle» gegen George Foreman den Weltmeistertitel zurück, ein Jahr später gewann er den «Thrilla in Manila» gegen Frazier, für viele Fans und Experten der beste Boxkampf der Geschichte. 1978 verlor er überraschend gegen den kaum bekannten Leon Spinks, doch noch im gleichen Jahre besiegte er ihn im Rückkampf – als bislang einziger Schwergewichts-Boxer wurde Muhammad Ali zum dritten Mal Weltmeister.
Der Niedergang aber war absehbar. 1981 verlor er seinen letzten Profikampf gegen den Kanadier Trevor Berbick nach Punkten. Den Titel hatte er bereits zuvor gegen seinen einstigen Sparringpartner Larry Holmes abgeben müssen. Drei Jahre danach wurde bei ihm das Parkinson-Syndrom diagnostiziert, ein unheilbares Nervenleiden (nicht zu verwechseln mit der eigentlichen Parkinson-Krankheit). Mediziner sind sich nicht einig, ob es eine Folge des Sports ist. Tatsächlich hat Ali in seiner Karriere relativ wenig Kopftreffer einstecken müssen – entsprechend viel bildete er sich auf sein gutes Aussehen ein.
Ein lebender Nationalheiliger
Die Krankheit machte die einstige Lichtgestalt, die gefeiert, verflucht und dann wieder bejubelt wurde, zu einer Art lebendem Nationalheiligen. Höhepunkt waren die Sommerspiele 1996 in Atlanta, als Ali mit zittrigen Händen das Olympische Feuer entzünden durfte. Seither wurde er mit Auszeichnungen überschüttet. Unter anderem ist er Friedensbotschafter der Vereinten Nationen. Das Internationale Olympische Komitee, das Magazin «Sports Illustrated» und die britische BBC kürten ihn unabhängig voneinander zum «Sportler des Jahrhunderts».
Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Muhammad Ali am 14. November 2011 bei der Beerdigung seines alten Rivalen Joe Frazier, schwer gezeichnet von Alter und Krankheit. Kurz darauf musste er wegen Dehydrierung ins Spital eingeliefert werden. An den Feiern zu seinem 70. Geburtstag in Louisville aber will er persönlich teilnehmen. Eine ganze Woche will seine Heimatstadt den grossen Sohn hoch leben lassen, dem sie einst wegen seiner Hautfarbe den Zutritt in Restaurants verweigert hatte.
Und der Primarschüler von einst? Der stand 1996 vor einer Buchhandlung in New York an, um IHN zu sehen. Eine «Autogrammstunde» mit Muhammad Ali war angesagt. Natürlich konnte er vor Ort keine Autogramme schreiben, man «durfte» vorab signierte Büchlein mit erbaulichen Texten kaufen und ihm danach die Hand geben. Das Erlebnis war erschreckend, denn man stand einer menschlichen Wachsfigur gegenüber. Und doch war es auch grossartig, denn hinter den maskenhaften Zügen und den roboterartigen Bewegungen war das Phänomen noch zu erkennen, das einen einst nachts aus dem Bett getrieben hatte.
«Kampf des Jahrhunderts»: Ali verliert gegen Frazier:Im Grossformat auf dem Videoportal ![]()
«Rumble in the Jungle»: Ali schlägt Foreman k.o. und holt den Titel zurück:Im Grossformat auf dem Videoportal ![]()
«Thrilla in Manila»: Ali schlägt Frazier in einem epischen Kampf:Im Grossformat auf dem Videoportal ![]()


























