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Einmaliges Tondokument
01. Februar 2012 10:53; Akt: 01.02.2012 12:21 Print
Hier spricht der Eiserne Kanzler
Sensationeller Fund in den USA: Die einzige bekannte Tonaufnahme des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck wurde im Archiv des Erfinders Thomas Edison wiederentdeckt.

Otto von Bismarck war von 1862 bis 1890 Ministerpräsident von Preussen und zugleich von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des deutschen Kaiserreichs.
Mit dem Begriff «Sensation» muss man heutzutage vorsichtig sein. Allzu inflationär wird er verwendet. Für einmal aber ist er wirklich angebracht, denn erstmals kann die Welt die Stimme des legendären Kanzlers Otto von Bismarck hören. Das stark verrauschte Dokument, aufgenommen vor 123 Jahren in Schloss Friedrichsruh bei Hamburg, lag im Edison-Archiv in New Jersey. Seit Dienstag ist sie auf der Website des Archivs zu hören.
Otto von Bismarck: Helmuth von Moltke:Aus dem Nichts erfolgte der Fund nicht. Es war bekannt, dass Theo Wangemann, ein in Deutschland geborener Mitarbeiter des Erfinders Thomas Alva Edison, 1889 mit einem Phonographen nach Europa gereist war und unter anderem Bismarck in Friedrichsruh besucht hatte. Der dienstälteste Kanzler der deutschen Geschichte, der das in zahlreiche Fürstentümer zersplitterte Land im 19. Jahrhundert zum Kaiserreich vereinigt hatte, war von Edisons Erfindung begeistert und willigte ein, am 7. Oktober 1889 selber eine Aufnahme zu machen.
Danach verstaubten der Wachszylinder und andere Aufnahmen Wangemanns jahrzehntelang unbeachtet im Edison-Archiv, ehe sie von Wissenschaftlern wiederentdeckt wurden. Von dem Eisernen Kanzler ist kaum etwas zu verstehen. Das Rauschen der Walze ist stärker als Bismarcks Stimme. Aber dennoch wird deutlich: Die ihm von Historikern nachgesagte Fistelstimme scheint der Preusse nicht gehabt zu haben. Er besass im Gegenteil ein ziemlich kräftiges Organ.
Bismarck rezitiert die Marseillaise
Forscher sind begeistert – sowohl von Bismarcks Stimme als auch von dem, was er vorträgt. Der damals 74-Jährige sprach nicht etwa ein paar salbungsvolle Sätze in den Apparat. Stattdessen rezitierte Bismarck ein amerikanisches Lied in den Phonographen. Es folgen Zeilen aus «Als Kaiser Rotbart lobesam» von Ludwig Uhland, bevor der ehemalige Burschenschaftler das Studentenlied «Gaudeamus igitur» anstimmt.
Und dann die eigentliche Überraschung: Bismarck spricht in bestem Französisch die ersten Zeilen der «Marseillaise» – der Hymne jenes Landes, das 19 Jahre zuvor Deutschland den Krieg erklärt hatte und geschlagen worden war. «Bismarck war ein sehr, sehr geistreicher Mann», zitiert die «New York Times» seinen Biografen Jonathan Steinberg. Ausgerechnet die Hymne Frankreichs zu zitieren «muss ihn grossartig amüsiert haben».
Aufnahme eines 89-Jährigen
Zum Abschluss der Aufnahme richtete Otto von Bismarck mahnende Worte an seinen Sohn Herbert: «Treibe alles in Massen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn.» Bismarck-Kenner zeigten sich amüsiert, denn der Kanzler galt als ausgesprochen massloser Mensch. Womöglich zeigte sich auch hier sein spezieller Sinn für Humor.
Der Sieg über Frankreich 1871, ebenso wie die über Dänemark und Österreich zuvor, gilt als Werk von Helmuth von Moltke, dem Chef des preussischen Generalstabs. Auch von dem Mecklenburger fanden sich Aufnahmen vom 21. Oktober 1889. Moltke drückt darin sein Erstaunen über Edisons Erfindung aus und zitiert aus Goethes «Faust». Er ist besser zu verstehen als Bismarck – obwohl Moltke nur fünf Tage später 89 Jahre alt wurde. Mit Jahrgang 1800 dürfte er der am frühesten geborene Mensch sein, von dem es eine Tonaufnahme gibt.
(pbl/sda)

























