Einfühlungsvermögen

16. Juli 2017 17:47; Akt: 16.07.2017 17:47 Print

Ist Empathie schädlich?

von R. Maag - In der Welt läuft vieles schlecht, weil die Menschen zu wenig Einfühlungsvermögen haben, sagt Barack Obama. Zwei Autoren melden Zweifel an.

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Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und die Welt durch ihre Augen zu sehen, scheint uneingeschränkt positiv zu sein. Sie motiviert uns zu moralischem Handeln, weil sie es uns ermöglicht, fremdes Leid so zu erfahren, als wäre es unser eigenes.

Harriet Beecher Stowes 1852 erschienener Roman «Onkel Toms Hütte» führte den Weissen die entsetzlichen Lebensbedingungen der Sklaven drastisch vor Augen und bewegte viele dazu, sich gegen die Institution der Sklaverei zu engagieren. Barack Obama meint sogar, der Mangel an Empathie sei das schlimmste Defizit in der heutigen Welt.

Dennoch haben der Psychologe Paul Bloom und der Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt kürzlich Bücher (siehe Infobox) veröffentlicht, in denen sie nicht nur bezweifeln, dass Empathie immer ein Segen ist, sondern auch ausdrücklich auf die Schattenseiten hinweisen. Wie kommen sie dazu?

Parteiisch und zahlenblind

Bloom weist darauf hin, dass Empathie niemals unvoreingenommen ist. Wir sind viel eher bereit, uns in Menschen einzufühlen, die ähnlich aussehen, sprechen und handeln wie wir. Viele Europäer waren von den Anschlägen am 11. September 2001 zutiefst betroffen, wussten aber kaum etwas von den gleichzeitig stattfindenden Schlächtereien im Kongo.

Damit hängt ein zweiter Kritikpunkt zusammen: Empathie ist zahlenblind (innumerate). Sie verbindet uns mit besonderen Individuen, zeigt aber keinerlei Sinn für numerische Unterschiede und statistische Daten. Mutter Theresa formulierte es so: «Wenn ich die Masse betrachte, werde ich niemals handeln. Wenn ich den Einzelnen anschaue, werde ich handeln.»

Bloom erwähnt den (bis heute ungeklärten) Fall von Natalee Holloway, einer damals 18-jährigen Amerikanerin, die 2005 während ihrer Ferien auf Aruba verschwand. Man glaubte, sie sei entführt und ermordet worden. Ihre Leidensgeschichte nahm im US-TV sehr viel mehr Raum ein als die an einen Genozid grenzenden Massaker im sudanesischen Darfur.

Empathie macht aggressiv

Als britische Propagandisten 1914 deutsche Gräueltaten, die es beim Einmarsch in Belgien tatsächlich gegeben hatte, massiv übertrieben darstellten, machten sie sich die Tatsache zunutze, dass man mit Empathie auch Hass schüren kann. Sie setzten darauf, dass sich die britischen Bürger mit den belgischen Opfern identifizieren und die Deutschen, die «Hunnen» genannt wurden, umso bereitwilliger bekämpfen würden.

Der Erfolg der Verwahrungs- und Verjährungsinitiative in der Schweiz ist wohl ähnlich zu erklären: Weil sich die Leute in die Opfer von sexueller Gewalt einfühlten, waren sie bereit, Massnahmen zu akzeptieren, die vielen zu weit gehen.

Breithaupt berichtet von einem interessanten Projekt in Nordirland. Dort wurden für Schüler der Klassen 6 bis 8 Unterrichtseinheiten entwickelt, die zum besseren Verständnis zwischen den Konfliktparteien beitragen sollten.

Protestanten sollten sich mit den Ungerechtigkeiten und Gewalttaten auseinandersetzen, die die Katholiken erlitten hatten, und umgekehrt. Auf diese Weise würden die Schüler Empathie für die jeweils andere Gruppe entwickeln, was den Konflikt in künftigen Generationen abschwächen werde, meinte man.

Das Ergebnis war enttäuschend: Die Identifikation der Schüler mit der historischen Perspektive ihrer Gemeinschaft war nach dem Unterricht noch stärker. Wie ist das zu erklären? Breithaupt wagt eine Vermutung: «Die Schüler haben aus diesen Lektionen vor allem gelernt, dass jedes Ereignis ihrer Geschichte von zwei Seiten gesehen werden kann. Vertieft wurde mithin eben die Struktur der Zweiteilung, die überwunden werden sollte.

Und die Schüler wussten letztlich sehr genau, welche dieser Seiten die ihre war. Der Lehrplan zeigte ihnen stets, dass die anderen ebendies waren: die anderen.» Vielleicht hätte man mehr die gemeinsame Geschichte betonen sollen, etwa die Hungersnot um 1900, die keinen Unterschied zwischen den Konfessionen machte.

Empathische Not

Wie fühlt sich Empathie eigentlich für die Person an, die sie empfindet? 1759 schrieb der schottische Philosoph Adam Smith: «Wenn wir die Blasen und Geschwüre eines Bettlers bemerken, spüren wir ein Jucken oder eine unangenehme Empfindung an den entsprechenden Stellen unseres Körpers.» Führt das dazu, dass wir uns um den Bettler kümmern? Nicht unbedingt. Vielleicht werden wir ihn auch meiden, um die leidvollen Gefühle loszuwerden, die uns bei zu starker Empathie überwältigen.

Umgekehrt kann eine Überidentifikation mit anderen Menschen schwerwiegende Folgen haben. Die Psychologinnen Vickie Helgeson und Heidi Fritz vermuten, dass Frauen auch deshalb doppelt so häufig wie Männer an Depressionen leiden, weil sie im Allgemeinen deutlich empathischer sind. Bloom spricht in diesen Fällen von empathischer Not (empathic distress), Breithaupt von Selbstverlust.

Rationales Mitgefühl

Beide Autoren betonen, dass Empathie auch viele positive Seiten hat. Sie schweisst uns zusammen, lässt uns an der Freude anderer teilhaben und verhilft uns zu einem reicheren Innenleben. Sie warnen nur davor, in der Empathie ein Allheilmittel zu sehen. Wenn wir moralisch handeln wollen, sollten wir uns laut Bloom eher auf «rationales Mitgefühl» verlassen.

In seinen eigenen Worten: «Empathie ist ein Bauchgefühl, das einen wegschwemmt. Das andere Extrem ist die kalte, nüchterne Rationalität, die sich von Gefühlen überhaupt nicht beeindrucken lässt. Das Mitgefühl dagegen liegt irgendwo dazwischen, es spricht das Herz an, hört aber auch auf die Gründe der Vernunft. Genau das müssen wir heute kultivieren.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mani Motz am 16.07.2017 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Risiko

    Je höher die empathischen Fähigkeiten, desto höher auch das Risiko, sich mit Problemen Anderer zu belasten.

  • P.Pan am 16.07.2017 17:58 Report Diesen Beitrag melden

    Utopia

    Man stelle sich einen Vorgesetzten mit Empathie vor. Oder Entscheidungsträger bei einer Versicherung oder gar Beamten. Das würde möglicherweise zu einem Umdenken führen und man würde rücksichtslose Entscheidungen hinterfragen. Was wäre denn das für eine Welt?

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  • Ch. Mensch am 16.07.2017 18:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Charakter

    Einfühlungs Vermögen zur rechten Zeit ist eine Charakter Frage. Es sollte aber bitte nicht zu noch mehr Verweichlichung in der Gesellschaft führen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ursi am 18.07.2017 08:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Empathie versus Rationalität

    Ist es Empathie, wenn in England für ein schwer geschädigtes Kind Geld gesammelt wird um es in Amerika Experimenten auszusetzen. Hier sehen wir ein sehr zweischneidiges Empathie Verhalten. Einerseits die Empathie zu den leidenden Eltern, andererseits Zuwenig Rationalität dem leidenden Kind gegenüber, welches nie seine extremen Defizite, mit allen Experimenten auch immer lösen kann. Besser wären die Eltern beraten, dem Kind dass Leben noch schön bzw. so angenehm wie möglich zu gestalten, zu trauern wenn es zu Ende geht, und wieder frei werden für ein neues Leben, dies geht offenbar nicht, weil

  • Peter Lang am 17.07.2017 23:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Barack Obama

    Mag sein, dass Empathie wichtig ist. Bei Obama, vermute ich, war sie für einen US-Präsidenten zu ausgeprägt. Nach den ersten Giftgasangriffen Baschar al-Assads in Syrien, sprach Obama davon, dass damit eine rote Linie überschritten worden sei. Obwohl die Alliierten der USA für einen Vergeltungsschlag einig und bereit waren, zog Obama seine anfängliche Zustimmung kurz vor dem Angriff zurück. Ich gehe mal davon aus, dass er zu sehr mit allfälligen Opfern eines Angriffs mitfühlte und somit lediglich auf Besserung Assads hoffte. Wehret den Anfängen um die Folgen so gering wie möglich zu halten

  • Fraz am 17.07.2017 17:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schauen wir bei den Tieren ab...

    Tiere sind zur Empathie nicht fähig. Auch aus diesem Grund funktioniert ihre Gesellschaft perfekt. Natürlich nur so lange, wie der Mensch seine Finger davon lässt...

    • W. Issen am 17.07.2017 19:30 Report Diesen Beitrag melden

      Produkt der Evolution

      Es gibt x Untersuchungen, die sich mit Empathie bei Tieren beschäftigen. Empathie ist ein Produkt der Evolution.

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  • Dust1 am 17.07.2017 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Die Wahrheit

    Empathie ist immer eine Frage der Abwägung. Ich werde nie das Fühlen, was der Andere fühlt. Ich kann mich zwar fragen, wie ich gehandelt hätte, wie ich mich in der Situation fühlen würde, doch sind es immer noch zwei verschiedene Bilder/Gefühle. Die Empathie kann schnell in eine falsche Vorstellung, ein falsches Gefühl übergehen, darum kann sie auch schädlich werden. Wahre Empathie kann nur stattfinden, wenn man eine Art Fähigkeit hat wie Gedankenlesen, oder Telepathie, aber wer hat diese Verbindung zu Anderen? Wichtiger ist, dass man für die andere Person da ist und ihr ohne Urteil zuhört.

    • Who knows? am 17.07.2017 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dust1

      Sehe das auch so.Wichtig ist,dass der Mensch der ihm/ihr viel bedeutet für ihm/ihr da ist. Aber ich denke auch,dass sehr sensibler Menschen Empathie empfinden kann.Wer ein feines Gespür hat für etwas,wird mehr beeinflussbarer sein als anderen die es nicht nachempfinden kann.Naja,nur Hypothesen die nicht durch Tatsachen gestärkt worden sind bzw. nur reine Spekulationen oder nicht belegte Behauptungen.

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  • Alex Keller am 17.07.2017 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Menschlichkeit

    Dass so etwas überhaupt in Frage gestellt wird, finde ich bedauernswert. Empathie verleiht dem Menschen Menschlichkeit und unterscheidet uns von den Robotern.