Die Frage aller Fragen

13. November 2016 19:03; Akt: 13.11.2016 19:03 Print

Leben wir in der besten aller möglichen Welten?

von Rolf Maag - Vor 300 Jahren starb Gottfried Wilhelm Leibniz, einer der klügsten Köpfe aller Zeiten. Bekannt ist er heute vor allem für eine merkwürdige These.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Müsste man den klügsten Menschen aller Zeiten wählen, wäre Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ein aussichtsreicher Kandidat. Er leistete bedeutende Beiträge zur Philosophie, Mathematik, Physik, Linguistik und Geschichtsschreibung. Man nennt ihn deshalb auch den letzten Universalgelehrten.

Umfrage
Hat Leibinz recht?
24 %
48 %
28 %
Insgesamt 1088 Teilnehmer

Berühmt ist er heute aber vor allem, weil wir seiner Meinung nach in der besten aller möglichen Welten leben. Das Wort «Optimismus» wurde sogar zur Beschreibung seiner Weltsicht geprägt.

Ein skeptischer Franzose

Seine kühne Behauptung entwickelte Leibniz in einer Auseinandersetzung mit dem französischen Denker Pierre Bayle. Dieser lebte in den Niederlanden, weil er als Hugenotte (französischer Protestant) in seiner Heimat verfolgt wurde. Bayle meinte, es gebe keinen guten Grund für die Annahme, dass die Welt das Werk eines gütigen Schöpfers ist. Dagegen sprächen die vielen physischen und moralischen Übel, die wir in ihr finden.

An einer Stelle seines «Historischen und kritischen Wörterbuchs» schreibt er: «Wenn der Mensch das Werk eines einzigen Prinzips ist, das im höchsten Masse gut, im höchsten Masse heilig, im höchsten Masse mächtig ist, wie kann er dann all dem ausgesetzt sein: den Krankheiten, der Kälte und Hitze, Hunger und Durst, Schmerz und Kummer? Kann er dann so viele böse Neigungen haben? Kann er dann so viele Verbrechen begehen? Kann das heiligste Wesen ein kriminelles Geschöpf hervorbringen? Kann die höchste Güte ein unglückliches Geschöpf hervorbringen?»

Dennoch hielt Bayle am Christentum fest. Es war für ihn aber zu einem blossen Glauben geworden, der sich rational durch nichts rechtfertigen liess.

Die Theodizee

1710 erschien Leibniz’ Buch «Theodizee», in dem er auf Bayles Thesen eingeht. Der Titel lässt sich mit «Rechtfertigung Gottes» übersetzen und ist seither ein fester Bestandteil des philosophischen Wortschatzes.

Zunächst trägt Leibniz eine Reihe von Argumenten vor, die beweisen sollen, dass Gott existiert und die Welt geschaffen hat. Zudem sei er allmächtig, allwissend und allgütig. Bevor Gott aber die Welt schuf, so Leibniz, verglich er alle möglichen (logisch widerspruchsfreien) Welten miteinander. Schliesslich entschied er sich für diejenige, die nun existiert. Sie muss die beste aller möglichen sein, weil alles andere Gottes uneingeschränkter Güte widerspräche.

Die beste aller möglichen Welten ist nicht gut

Das heisst aber nicht, dass alles in ihr gut ist. Schliesslich ist die Welt eine Schöpfung Gottes und daher von Gott unterschieden. Da Gott aber das einzige vollkommene Wesen ist, muss die Welt unvollkommen sein und somit Übel enthalten.

Zudem wissen wir nicht, ob Ereignisse, die für sich betrachtet schlecht sind, nicht doch etwas Gutes an sich haben, wenn man sie in einem grösseren Zusammenhang sieht. So sind die Schmerzen, die ein Arzt einem Patienten bei einer Operation zufügt, zunächst schlecht, doch wenn sie zur Heilung führen, erscheinen sie in einem anderen Licht.

Schliesslich ist Leibniz als guter Christ davon überzeugt, dass Gott die Übel, die er seinen Geschöpfen im Diesseits zumutet, später in einer jenseitigen Welt ausgleichen wird.

Kritik

Leibniz’ Optimismus brachte ihm schon bald Spott ein. In seinem 1759 erschienenen Roman «Candide oder der Optimismus» lässt der französische Schriftsteller Voltaire die Hauptfigur bestürzt fragen: «Wenn das die beste aller möglichen Welten ist, wie sehen dann wohl die anderen aus?» Im 19. Jahrhundert drehte der Philosoph Arthur Schopenhauer Leibniz‘ These sogar um: Seiner Ansicht nach leben wir in der schlechtesten aller möglichen Welten, denn wenn sie noch schlechter wäre, könnte sie gar nicht mehr existieren.

Leibniz‘ Weltsicht mag überzeugend sein, wenn man sein Gottesbild teilt. Das dürften heute aber die wenigsten tun, denn die klassischen Gottesbeweise, auf die er sich stützt, gelten inzwischen als widerlegt oder zumindest fragwürdig. Die Existenz zahlreicher Übel in der Welt wird in der zeitgenössischen Philosophie daher als eines der stärksten Argumente für den Atheismus angesehen.


Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anne89 am 13.11.2016 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vergleichsmöglichkeiten?

    Schwierig zu beantworten, bisher habe ich noch keine andere Welt getestet ;) Aber nun im Ernst: Unsere Welt ist von sich aus wunderschön. Es sind wir Menschen, die diese Schönheit zerstören, leider.

    einklappen einklappen
  • Ww am 13.11.2016 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Welt

    Wir leben in einer guten Welt. Leider braucht der Mensch Zeit zu Zeit eins auf's Dach, damit er sich das wieder bewusst wird.

    einklappen einklappen
  • Waterpolo1s am 13.11.2016 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    leider wahr ..

    Ja wir leben in der bedtmöglichen aller Welten! Warum? 1. Es gibt keine andere Welt zur Verfügung steht . leider 2. Aufgrund von Macht- und Geld-Gier kann unsere Welt nicht besser sein . leider 3. Mit Menschen auf jeder Welt kann es nie eine gute Welt sein . leider --> In dieser Konstellation leben wir in der besten aller möglichen Welten . wie wahr! Aber: Die beste Welt gibt es nur ohne uns Menschen . leider ! :-(((

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • AenduF am 14.11.2016 07:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit Augenzwinkern

    Dazu fällt mir immer wieder folgendes ein; Der Unterschied zwischen Optimist und Pessimist: Der Optimist glaubt daran, dass wir hier und jetzt in der besten Welt leben die es gibt. Der Pessimist befürchtet, dass das tatsächlich stimmt...

  • BMMPA am 14.11.2016 07:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grandioser Beitrag!

    Selten auf 20 Minuten so einen tollen Beitrag gelesen!

  • Crigs am 13.11.2016 23:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    1854 1854 1854 ..... 1927 1927 1927

    Richard Feynman meinte: "Philosophen sind albern." Ich meine: Philosophen haben bis heute nicht gelernt, die richtigen Fragen zu stellen, die uns Fortschritt ermöglichen. Eingebildet sprechen sie von: "Die Frage aller Fragen." Mathematiker können beweisen, dass es so etwas nicht geben kann. Hinweis zur Lösung: Die Menge aller Mengen existiert nicht. NACHTRAG: Die Aussagenlogik kennen wir erst seit 1854. Sie wurde uns durch Georg Boole mit der Veröffentlichung "The Laws Of Thought" geschenkt. 1927 schenkte uns Werner Heisenberg die Quantenmechanik und damit den Einstieg in die Quantenlogik.

  • Mr. Bull am 13.11.2016 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Morgen ist Montag

    Was macht denn eine gute Welt aus? Die möglichkeit zu existieren (wasser, sauerstoff, atmosfähre, evolution usw)? Oder dass wir alle glücklich durchs leben gehen können? Ist unsere Welt ohne Menschen besser drann? ( aber Gott hat die welt mit den Menschen darauf erschaffen. Glauben wenigsten die religiösen). Fragen über Fragen die schlussendlich jeder nur für sich selber beantworten kann

  • KoRüpel am 13.11.2016 21:34 Report Diesen Beitrag melden

    Jaja die klügsten Köpfe

    Die klügsten Köpfe wurden damals auf dem Dorfplatz verbrannt. Es ist wie heute, es sprachen nur die welche sprechen durften.