Nuklearer Werkzeugkasten

11. Mai 2010 14:09; Akt: 11.05.2010 14:16 Print

Man nehme: eine AtombombeMan nehme: eine Atombombe

von Daniel Huber - Russische Experten empfehlen, das Öl-Leck im Golf von Mexiko mit einer Atomexplosion zu stopfen. Sie sprechen aus Erfahrung.

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Seit der Explosion der Bohrplattform «Deepwater Horizon» ergiessen sich aus dem unterseeischen Leck jeden Tag um die 800 000 Liter Öl in den Golf von Mexiko – eine Katastrophe für die Umwelt.

Nachdem auch der Versuch, das Leck mit einer Stahlglocke abzudichten, fehlgeschlagen ist, ist guter Rat teuer. Mit zunehmender Ratlosigkeit werden auch die Lösungsvorschläge immer abenteuerlicher: Russische Experten haben mit dem unorthodoxen Vorschlag Schlagzeilen gemacht, das Leck mittels einer nuklearen Explosion zu schliessen.

Nuklearer Hammerschlag

Die Idee ist nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Eine Detonation mit einer Stärke von 30 000 Tonnen TNT würde den Fels um das Bohrloch herum zertrümmern und das Leck so verschütten. Die Russen wissen, wovon sie reden: Immerhin fünfmal wurde zu Sowjetzeiten in den nuklearen Werkzeugkasten gegriffen, um brennende Gasfontänen auszublasen. Nur einmal, bei Charkow in der Ukraine, missglückte der nukleare Hammerschlag.

Allerdings hatten die Sowjets mit ganz anderen Bedingungen zu kämpfen: Sie waren nicht mit einem unterseeischen Öl-Leck konfrontiert, sondern mit gigantischen Gasfontänen. Solche Riesenfeuer werden vom nachströmenden Gas genährt und können jahrelang brennen. Die enorme Hitze und der ohrenbetäubende Lärm erschweren es den Feuerlöschern, überhaupt in die Nähe der Fontäne zu gelangen.

«Wir waren Chirurgen»

Der ersten Gasfontäne rückten die sowjetischen Techniker am 30. September 1966 im heutigen Usbekistan zu Leibe. Eine Explosion von der anderthalbfachen Stärke der Hiroschima-Bombe unterbrach die Gaszufuhr in 1,5 Kilometer Tiefe, wie die russische Zeitung «Komsomoloskaja Prawda» berichtet.

Der Atomphysiker Albert Wassilijew vergleicht das Problem mit einem medizinischen Notfall: «Wenn man ein kleines Problem hat, nimmt man ein paar Pillen, bleibt vielleicht eine Weile im Spital. Aber wenn das Problem unglaublich ernst ist, wird man sich wohl operieren lassen. Das ist es, was wir waren - Chirurgen. Es war ein letztes Mittel – aber es wirkte.»

Zum letzten Mal «operierten» die sowjetischen Atom-Chirurgen 1979. Der Einsatz von Atombomben für zivile Zwecke war damit jedoch nicht beendet: Bis 1988 wurden in der Sowjetunion zivile Probleme nuklear gelöst. Nicht weniger als 169 Einsätze zählt die «Komsomoloskaja Prawda», auf rund 250 kommt die Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Atomarer Bagger

Zwei Programme wurden ab 1965 aufgegleist: «Programm Nr. 6» und «Programm Nr. 7» dienten der Entwicklung von nuklearen Sprengkörpern für zivile Zwecke. An Ideen für die Anwendung solcher Sprengsätze fehlte es nicht: Gletscher sollten geschmolzen, Kanäle gesprengt und Flüsse umgeleitet werden. Tatsächlich wurden nicht weniger als 39 Atomexplosionen für geologische Untersuchungen bei der Suche nach Lagerstätten von Erz oder Öl und Gas durchgeführt. Mehrere Sprengkörper wurden für gewaltige Erdbewegungen eingesetzt, zum Beispiel beim Damm- und Kanalbau oder bei der Anlage von unterirdischen Hohlräumen zur Lagerung von Giftmüll.

Bei dieser grossen Zahl von Einsätzen ist es kaum verwunderlich, dass es zu unerwünschten Folgen kam. Am bekanntesten ist wohl Wiljui in der sibirischen Region Jakutien, wo 1978 eine Atomexplosion bei der Erschliessung einer Diamantmine nachhelfen sollte. Diamanten wurden kaum gefunden; dafür soll der Plutoniumgehalt im Trinkwasser nach wie vor zehntausend Mal höher sein als der erlaubte Grenzwert.