Pornostar-Biographie

06. Januar 2012 12:11; Akt: 11.01.2012 15:46 Print

Per Fellatio zum FeminismusPer Fellatio zum Feminismus

von Philipp Dahm - Linda Lovelace machte 1972 mit «Deep Throat» Erotikfilme salonfähig. Nun wird das bewegte Leben des ersten Pornostars verfilmt – es ist der Stoff, aus dem Hollywood-Albträume sind.

Bildstrecke im Grossformat »
Linda Lovelace war der erste Porno-Superstar der Welt: «Deep Throat» machte die Darstellerin im Juni 1972 auf einen Schlag berühmt. Der 62 Minuten lange Streifen von Gerard Damiano sorgte dafür, dass Pornographie im Mainstream ankam: Bei Produktionskosten von Dollar spielte er Hunderte Millionen ein. Anfang der 70er hatte Lovelace kurze Harcore-Filme gedreht, die «Loops» oder «Peeps» genannt werden. Daher das Wort «Peep-Show». Obwohl sich Tugendwächter empörten, waren Kritiker von dem Sexfilmchen begeistert - auch weil der Film als einer der ersten thematisierte, dass auch Frauen das Recht auf einen Orgasmus und erfüllten Sex haben. Einige von ihnen gingen so weit, dem Film zu unterstellen, er verteidige amerikanische Grundrechte. In «Deep Throat» spielt Lovelace eine Frau, die keine Orgasmen hat, bis ein Arzt ihr erklärt, ihre Klitoris liege in ihrem Hals. Den Doktor spielte der 25-jährige Herbert Streicher, der unter dem Pseudonym Harry Reems fungierte. Harry Reems arbeitete eigentlich am Set und wurde spontan für die männliche Hauptrolle eingespannt. Der Dreh in Miami dauerte sechs Tage. Lovelace bekam ein Honorar von 1200 Dollar. Finanziert wurde der Streifen von der Mafia, die im Porno-Business ihr Geld wusch. Als Produzent wird ein «Lou Perry» genannt, der in Wahrheit Louis «Big Tony» Peraino hiess. Der 150-Kilo-Mann wollte einer Blondine die Hauptrolle geben, doch Regisseur Damiano konnte ihn von Lovelaces Qualitäten überzeugen. Nach dem Überraschungserfolg von «Deep Throat» drehte Lovelace drei weitere Erotikfilme: «The Confessions of Linda Lovelace» (1974) und ... ... einen zweiten Teil von «Deep Throat» (ebenfalls 1974, wieder mir Harry Reems, rechts). Linda Boreman, so der bürgerliche Name, hasste dieses Bild. Es stammt aus dem letzten Sexfilm «Linda Lovelace for President» von 1975. Nach ihrem Ausstieg aus dem Gewerbe 1976 beschuldigte Linda ihren Mann, sie in die Porno-Welt gezwungen zu haben. Über «Deep Throat» sagte sie: «Jedes Mal, wenn sich jemand diesen Film anschaut, sieht er, wie ich vergewaltigt werde.» Gatte Chuck Traynor gab die Schläge sogar zu. Nach seiner Aussage gehörten sie jedoch zu den Sex-Spielchen des Paares. Lovelaces eigene Glaubwürdigkeit litt durch Falschaussagen: Linda Boreman hatte beispielsweise immer verneint, Tier-Pornos gedreht zu haben, bis eine Jugendsünde, der Kurzfilm «Doggorama», das Gegenteil bewies. Anfang der 70er war Sodomie in den USA legal - so wie bis 1975 Kinderpornographie. Nach der Porno-Karriere wurde Boreman Feministin und setzte sich gegen ihre frühere Branche ein. Ihre vier Autobiographien waren allesamt Bestseller: «Inside Linda Lovelace» erschien 1974, «The Intimate Diary of Linda Lovelace» ebenso, «Ordeal» 1980 und «Out of Bondage» 1996. Im Alter von 53 Jahren ist Linda Boreman 2002 an den Folgen eines Autounfalls gestorben.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Die 70er-Jahre sind das «goldene Zeitalter der Pornographie»: Nachdem die 68er-Bewegung die Moralvorstellungen der westlichen Welt durcheinanderwirbelte, entdeckt auch das Massenpublikum seine Lust am Fummelfilm. Ein solcher Streifen wird 1972 zum Kassenschlager: «Deep Throat» läuft auch in Mainstream-Kinos, spielt Hunderte Millionen Dollar ein und macht seine Protagonistin Linda Lovelace weltberühmt. Nun wird das Leben der Darstellerin von Hollywood verfilmt: «Lovelace» mit hochkarätiger Starbesetzung soll in diesem Jahr in die Kinos kommen (siehe Infobox).

Katholische Jugend als «Miss Holy Holy»

Bis dahin bleibt die Frage offen, ob die Macher seriös an das Thema herangehen oder mit dem Überraschungserfolg von «Deep Throat» nur einen Quickie an der Kinokasse machen wollen. Das Leben von Protagonistin Linda Susan Boreman bietet jedenfalls genug Stoff für die Traumfabrik. Aufgewachsen ist sie ausgerechnet in einem streng christlichen Umfeld: Nach der Geburt in New York 1949 wächst sie wohlbehütet in Yonkers im Bundesstaat New York auf und besucht katholische Schulen. Mit 16 Jahren wird sie wegen ihrer Unnahbarkeit «Miss Holy Holy» genannt.

Die Tochter eines Polizisten verliert mit 19 ihre Jungfräulichkeit und wird schwanger. Nach der Geburt lässt ihre Mutter sie ein Papier unterschreiben. Die Mutter sagt ihr, das Kind werde in Pflege gegeben, bis die junge Mutter reif genug sei, es grosszuziehen. Doch das Dokument ist eine Adoptionsfreigabe: Linda bekommt ihr Baby nie wieder zu sehen. Zu allem Überfluss kommt es 1969 zu einem Verkehrsunfall. Von dem Milzriss, dem Kiefer- und den Rippenbrüchen erholt sich Linda im Rentendomizil der Eltern in Florida. Dort trifft sie den Mann, der ihr Leben entscheidend verändern sollte. Barbesitzer Chuck Traynor ist sechs Jahre älter als die 21-Jährige.

Rolltreppe abwärts: Drogen, Dirnen und dreckige Filme

Statt wie erhofft in einer Boutique oder einer Computerschule arbeitet Linda bis 1972 für ihn auf dem Strich. Mit Amphetaminen macht er die vormals Fromme gefügig: Laut Lovelace kommt die folgende Hochzeit nur deshalb zustande, weil sie als Ehefrau nicht gegen Traynor hätte aussagen können, falls er Ärger wegen Drogen bekommen hätte. Auch Gewalt ist im Spiel, die der Gatte später aber als Teil ihrer sexuellen Beziehung erklärt.

Es geht steil bergab: 1970 zieht das Paar nach New York, wo Linda in so genannten «Loops» mitspielt. Das sind bis zu 20-minütige Pornos, die mit 8-Milimeter-Kameras in dreckigen Wohnungen gedreht wurden, teils in Schwarz-Weiss und ohne Ton. 1971, noch bevor Implantate erfunden waren, lässt sich Lovelace die Brüste mit illegalen Silikon-Injektionen aufspritzen. Auf einer Swinger-Party lernen die Hure und ihr Zuhälter Gerard Damiano kennen, der einen frivolen Film mit Linda machen will. Vor seinem Leben als Pornoregisseur war Damiano noch Coiffeur.

Mainstream-Erotik sorgt für Einnahmen in Millionenhöhe

Als er Linda mit dem Kollegen Harry Reems in dem Loop «Sex USA» beim Oralverkehr sieht, muss Damiano leer schlucken: Der Akt beeindruckt ihn so sehr, dass er ihr an einem Wochenende ein Drehbuch auf den Leib schreibt. Den Arbeitstitel «Sword Swallower» ändert der Regisseur nach dem Dreh in «Deep Throat» um: Im Juni 1972 startet der Film in einem New Yorker Kino. Es geht um eine Frau, die keinen Orgasmus hat, weil ihre Klitoris im Hals liegt. Ein Arzt erklärt ihr diese Tatsache und macht sie so zu einer erfüllten Dame.

Trotz der banalen Story läuft der Streifen bald in grossen Lichtspielhäusern und kommt auch nach Europa: Vor den Kinos stehen die Normalbürger plötzlich Schlange, um einen Porno zu sehen. Revolutionär ist auch der Gewinn: Produktionskosten von insgesamt 40 000 Dollar steht ein Einspielergebnis von 100 bis 600 Millionen Dollar gegenüber. Die Zahlenspanne hat einen Grund: Die Mafia hat beim Dreh ihre Finger im Spiel.

Mit der Mafia kommt Frank Sinatra

Das lukrative Geschäft mit den Lustfilmen ist ein ideales Terrain für den Mob, um Geld zu waschen. 25 000 Dollar hat die Colombo-Familie investiert: Der Pate Louis «Big Tony» Peraino taucht als Produzent «Lou Perry» auch im Abspann des Erfolgsstreifens auf. Die Mafiaverbindung könnte auch der Grund dafür sein, dass Stars wie Frank Sinatra und Warren Beatty, aber auch Truman Capote und Shirley MacLaine unter den ersten Zuschauern sind. Musiker Sammy Davis Jr. ist nach «Deep Throat» derart von Lovelace beeindruckt, dass er einen flotten Vierer mit seiner Ehefrau und Lindas Gatten arrangiert.

«Time» und «New York Times» loben den Film, weil er das Recht der Frau auf einen Orgasmus thematisiere. Schnell springen andere Kritiker auf den Zug auf: Die Billigproduktion gerät zum Symbol für das Ausleben persönlicher Freiheit. Die Porno-Perle ist fortan in aller Munde: «Esquire»- und «Playboy»-Shootings folgen und Lovelace schreibt die erste von insgesamt vier Autobiographien. «Ich liebe Sex und werde nie genug davon bekommen», beginnt das Buch. 1974 kommt ein zweiter «Deep Throat»-Film mit Linda in die Kinos. In diesem Jahr wird die Schauspielerin auch erstmals wegen Drogenbesitzes verhaftet. Die Schauspieler versucht sich fortan im Seriösen, doch ihre Theater- und Musical-Auftritte werden zum Flop.

Erst Fummel-Front, dann Porno-Protest

Nach der Trennung von Chuck Traynor kehrt sie 1976 dem Porno-Metier ganz den Rücken und heiratet Bauarbeiter Larry Marchiano, mit dem sie zwei Kinder haben wird. Linda Boreman schwört der Lust nicht nur ab. Sie wird Feministin und bekämpft die Fummel-Szene energisch. Zum einen durch weitere, kritische Bücher, zum anderen sagt sie 1986 37-jährig vor einer Politikerkommission gegen Pornographie aus. In diesem Jahr erscheint auch ihre letzte Autobiographie («Out of Bondage»), in der sie sich als Sexsklavin und Vergewaltigungsopfer darstellt.

Ihre Vergangenheit holt sie dennoch ein: Wegen der verpfuschten Silikoninjektionen müssen beide Brüste entfernt werden. Und bei dieser OP wird auch noch festgestellt, dass sie nach ihrem Autounfall 1969 Hepatitis-C-verseuchtes Blut bekommen hat. 1987 erhält sie deshalb eine neue Leber und muss fortan Medikamente gegen eine Abstossung nehmen, die monatlich 2500 Dollar kosten. 1996 lässt sie sich von Ehemann Marchiano scheiden und lebt bis zu ihrem Lebensende verarmt in Denver, wo sie am 3. April 2002 in einen schweren Verkehrunfall verwickelt wird. Nach 19 Tagen im künstlichen Koma stellen die Ärzte die Herz-Lungenmaschine ab. Linda Boreman wird 53 Jahre alt.


Ein jugendfreier Ausschnitt aus «Deep Throat» mit Lovelace und «Arzt» Harry Reems. Quelle: YouTube


Der Trailer der Dokumentation «Inside Deep Throat» von 2005 mit Dennis Hopper. Quelle: YouTube

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 72 Stunden, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.
  • Holger Würtz am 09.01.2012 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Negativaspekt ...

    Ich denke auch als Mann muss man zugeben, dass Pornos wie Deep Throat bereits eine Tendenz zur Erniedrigung von Frauen zeigten. Unlängst gab das auch Peter Redvoort in seinem Roman "Pornos machen traurig" recht offen zu.

  • W.T. am 08.01.2012 21:59 Report Diesen Beitrag melden

    Das einzige...

    ... was an den Pornos aus dieser Zeit immer cool war, ist die Musik :)

  • Dangermouse am 08.01.2012 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    lehrfilm

    jaa mädels.. schaut denn und lehrt daraus ;)

    • Peter Steiner am 09.01.2012 13:35 Report Diesen Beitrag melden

      Guck mal

      in den Duden und lern daraus :-)

    einklappen einklappen