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Extremsport anno domini
17. Februar 2012 14:42; Akt: 17.02.2012 14:49 Print
So spazierten sie einst über die Niagara-Fälle
von Daniel Huber - Nach mehr als hundert Jahren darf wieder ein Akrobat die Niagarafälle auf einem Drahtseil überqueren. Im 19. Jahrhundert fand dort ein regelrechtes Duell der Seiltänzer statt.
Wallenda, hier im August 2011 vor den Niagarafällen, hat grünes Licht für sein waghalsiges Projekt bekommen. (Bild: Keystone/AP/David Duprey, File)
Schon im zarten Alter von sechs Jahren träumte Nik Wallenda von einem Hochseil-Akt über den tosenden Wassermassen der Niagara-Fälle. Jetzt, mit 33 Jahren, wird der Extremsportler seinen Jugendtraum bald in die Tat umsetzen dürfen. Die Kommission der Niagara-Fälle, die Wallenda noch im Dezember eine Genehmigung versagt hatte, gab seinem Drängen am 16. Februar nach.
Die einzige Frau: Maria Spelterini (Bild: PD)
Hoch über dem Niagara: The Great Blondin (Bild: PD)
Waschzuber dabei: Hunt alias Farini (Bild: PD)
Leben auf dem Hochseil: The Great Farini (Bild: PD)
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In der Tonne in den Abgrund
Zahlreiche Menschen haben versucht, die Niagara-Fälle zu befahren, beispielsweise in gepolsterten Tonnen oder Booten. Zum ersten Mal wurde ein solcher Versuch 1829 dokumentiert; die erste erfolgreiche Befahrung gelang am 24. Oktober 1901 der 63-jährigen Lehrerin Annie Taylor in einem Holzfass (Bild). Etwa jeder zweite Versuch endete tödlich, so auch jener des 46-jährigen George Strathakis, der am 5. Juli 1930 starb. Seine Tonne war so schwer, dass sie sich unter den Fällen verkeilte und erst nach 22 Stunden geborgen werden konnte; Strathakis erstickte.
Nur äusserst selten überleben Menschen, die ohne Hilfsmittel die Fälle hinunterstürzen. Der Amerikaner Kirk Jones ist der erste dokumentierte Fall: Er stürzte sich am 20. Oktober 2003 den Hufeisenfall hinunter und überlebte mit zwei Rippenbrüchen, Prellungen und Schürfwunden.
Quelle: Wikipedia.org / Tourniagara.com
Der Akrobat schickt sich an, im Sommer 2012 das 549 Meter breite Naturwunder auf einem Drahtseil zu überqueren. Nachdem er von Seiten der USA bereits die Zustimmung erhalten hatte, fehlte Wallenda nur noch die Genehmigung von der Seite Kanadas. Die Kommission teilte mit, fortan solle eine solche Überquerung alle 20 Jahre möglich sein.
Hochseilakrobatin mit Fesseln
Das letzte Mal liegt indes schon eine ganze Weile zurück: Im Sommer 1896 überquerte der erst 21 Jahre alte James E. Hardy die Fälle nicht weniger als 16 Mal. Der Kanadier ist damit der jüngste Seilakrobat, der die Niagara-Fälle bezwang – aber er ist beileibe nicht der einzige. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts standen die Seil-Akrobaten geradezu Schlange, um das Naturwunder durch die Luft zu passieren – so scheint es zumindest im Rückblick.
Darunter befand sich auch die einzige Frau, die die Fälle jemals auf dem Hochseil überquerte: Maria Spelterini. Die Italienerin balancierte im Juli 1876 gleich mehrmals über das Hochseil, wobei sie den Schwierigkeitsgrad jeweils erhöhte. So trug sie bei der zweiten Überquerung Bast-Körbe an den Füssen und meisterte den dritten Versuch mit verbundenen Augen. Zum vierten und letzten Mal überwand sie den Abgrund, während sie Hand- und Fussfesseln trug.
Huckepack übers Hochseil
Nicht nur Spelterini baute gefährliche Stunts in den Hochseil-Akt ein. 1859/60 lieferten sich der Franzose Jean-François Gravelet, bekannt als Charles Blondin oder «The Great Blondin», und der Amerikaner William Leonard Hunt, der sich «The Great Farini» nannte, ein regelrechtes Duell auf dem Hochseil.
Blondin kam 1858 nach Niagara und war sofort von der Idee besessen, die Fälle auf dem Seil zu überqueren. Er war der erste, der dies tat – am 30. Juni 1859 balancierte er auf einem 335 Meter langen Seil, das die amerikanische mit der kanadischen Seite verband, über die tosenden Wassermassen. In der Mitte legte der Franzose eine Pause ein und erfrischte sich mit Wasser aus einer Flasche, die er sich mit einem Seil vom Touristenboot «Maid of the Mist» heraufholte. Bei einer anderen der insgesamt neun Überquerungen in diesem Sommer machte er auf dem Seil einen Salto. Am 14. August 1859 setzte er erneut Massstäbe, als er die Fälle mit seinem Manager Harry Colcord auf dem Rücken überquerte.
Omeletten und Handwäsche
Farini, damals erst 21, sah Blondin und nahm sich vor, sein berühmtes Vorbild zu übertreffen. Seine erste Überquerung fand im Jahr darauf statt, am 15. August 1860 – und endete beinahe tödlich. Der junge Akrobat balancierte bis zur Mitte des Seils, wo er sich seine Erfrischung aber nicht wie Blondin heraufholte, sondern sie sich selbst beschaffte: Er band ein mitgebrachtes Stück Seil fest und seilte sich daran über 60 Meter tief auf das Deck der «Maid of the Mist» ab. Dort trank er ein Glas Wein und kletterte dann das Seil wieder hinauf, wobei er feststellen musste, dass dies viel schwieriger war, als er angenommen hatte. Mehrmals stürzte er fast ab.
Blondin, der im Sommer 1860 zu den Fällen zurückkehrte und dort bis zum September auftrat, hatte bei einer seiner Überquerungen einen kleinen Ofen in einer Schubkarre mitgeführt und hoch über dem Wasser Omeletten gebacken, die er danach auf die «Maid of the Mist» hinunterliess. Farini dagegen nahm einen Bottich mit, in dem er auf dem Seil mit Wasser aus dem Niagara River Taschentücher wusch. Der junge Amerikaner gab alles – er trug ebenfalls eine Person über die Fälle und stand sogar auf dem Seil Kopf. Doch es nützte nichts: Blondins Stellung als bedeutendster Seil-Akrobat, dessen Name schon fast als Synonym für diese Kunst diente, war nicht zu erschüttern.
1864 kehrte Farini nochmals nach Niagara zurück und versuchte, sich auf Stelzen bis zum Rand der Fälle vorzuwagen. Dabei blieb eine der Stelzen im Flussbett stecken und brach; Farini konnte sich gerade noch auf Robinson Island retten, wo er von Helfern geborgen wurde. Nach diesem Desaster kehrte er Niagara Falls endgültig den Rücken.
Mit Material der Agentur SDA
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