Vor 25 Jahren

16. Oktober 2009 13:03; Akt: 15.03.2010 10:30 Print

Tödliche Schüsse aus der libyschen BotschaftTödliche Schüsse aus der libyschen Botschaft

von Daniel Huber - Was Oberst Gaddafi unter «Diplomatie» vesteht, musste nicht nur die Schweiz bitter erfahren. Die Briten brachen 1984 sogar ihre Beziehungen zu Libyen ab, nachdem eine Polizistin in London aus der libyschen Botschaft heraus erschossen worden war. Ein bisher geheimer Report benennt nun die Verdächtigen.

Quelle: «The Daily Telegraph»
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Die 25-jährige Polizistin war am 17. April 1984 wegen einer anti-libyschen Demonstration vor der libyschen Botschaft in London im Einsatz, als sie erschossen wurde. Die Demonstranten protestierten gegen die bevorstehende Hinrichtung von zwei Studenten in Libyen, die Revolutionsführer Gaddafi kritisiert hatten. Plötzlich wurde aus der Botschaft heraus das Feuer auf die Demonstranten eröffnet; elf Menschen wurden getroffen, darunter Fletcher, die eine Stunde nach der Einlieferung ins Krankenhaus starb.

Abbruch der diplomatischen Beziehungen

Nach Fletchers Tod belagerten bewaffnete britische Polizisten die libysche Botschaft elf Tage lang, worauf Gaddafi seinerseits die britische Botschaft in Tripolis von Soldaten umstellen liess. Schliesslich — es war der Tag von Fletchers Beerdigung — gestattete die Regierung Thatcher dem Botschaftspersonal, das Gebäude zu verlassen. Die Libyer wurden dann ausgewiesen und London brach die diplomatischen Beziehungen mit Tripolis ab. Sie wurden erst 1999 wieder aufgenommen.

Doch die Angelegenheit kam nie zur Ruhe. Mindestens dreimal reisten britische Ermittler nach Libyen, um dort Vedächtige und Zeugen zu befragen; alle ihre Versuche, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen, scheiterten indes. Nun hat die britische Zeitung «The Daily Telegraph» brisante Tatsachen aus einem bisher geheimen Report veröffentlicht, der bereits vor zwei Jahren von einem unabhängigen Anwalt im Auftrag des «Crown Prosecution Service» (CPS) erstellt wurde.

Von Gaddafi belohnt

Der Bericht wurde im April 2007 fertig gestellt — gerade sechs Wochen, bevor der damalige britische Premierminister Blair sich mit Gaddafi in Tripolis zu umstrittenen Wirtschaftsverhandlungen traf. Er benennt Matouk Mohammed Matouk und Abdulgader Mohammed Baghdadi als Hauptverdächtige: Die beiden Libyer, die 1984 während der blutigen Ereignisse in der Botschaft waren, aber nicht über diplomatische Immunität verfügten, hätten die Schiesserei geplant — um die Demonstranten zu bestrafen und andere abzuschrecken — und könnten daher der Verschwörung mit Todesfolge angeklagt werden. Beide sollen laut dem Bericht nur Minuten, bevor britische Polizisten die Botschaft abriegelten, entkommen sein.

Matouk Mohamed Matouk soll laut der Zeitung von Gaddafi für seinen tödlichen Eifer belohnt worden sein. Er war bis vor kurzem stellvertretender Premierminister des Maghreb-Staates und hält zurzeit einen Ministerposten.

Untersuchung noch nicht abgeschlossen

Der CPS teilte laut dem britischen Blatt gestern mit, die Untersuchung im Fall Fletscher sei nach wie vor nicht abgeschlossen. Die Tatsache, dass in der Sache kein Fortschritt zu verzeichnen sei, obwohl der Report bereits vor zwei Jahren vorlag, werde «neue Fragen über das belastete Verhältnis Grossbritanniens zu Libyen seit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen 1999» aufwerfen, schreibt der «Daily Telegraph».