«Make America Alone Again»

10. März 2018 22:15; Akt: 10.03.2018 22:15 Print

Trumps Schutzzölle haben in den USA Tradition

von R. Maag - Bis 1945 waren die USA äusserst protektionistisch. Erst danach propagierten sie den Freihandel.

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Die amerikanischen Geldscheine werden im Volksmund manchmal «dead presidents», tote Präsidenten, genannt, weil auf ihnen ehemalige Präsidenten oder andere wichtige Gestalten aus der Geschichte abgebildet sind. So ziert etwa die 1-Dollar-Note ein Porträt von George Washington, dem ersten Präsidenten der USA, auf der (seltenen) 2-Dollar-Note ist Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident, zu sehen.

Diese Männer hatten bei aller Unterschiedlichkeit etwas gemeinsam: Sie waren entschiedene Befürworter des Protektionismus. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die USA von 1820 bis 1945 Einfuhrzölle verlangten, die sich zwischen 35 und 50 Prozent bewegten und höher als in jedem anderen Land der Welt waren.

Schutz der jungen Industrie

Eine Begründung dieser Politik lieferte schon im Jahr 1791 der auf der 10-Dollar-Note abgebildete Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der USA. Er schrieb, dass eine junge Industrie wie die amerikanische den Schutz und die Unterstützung des Staates brauche, bis sie auf eigenen Füssen stehen könne. Daher müsse man Schutzzölle erheben und die eigenen Manufakturen (Fabriken) subventionieren.

In die gleiche Kerbe schlug noch Jahrzehnte später Ulysses S. Grant (auf der 50-Dollar-Note), ein Held des Bürgerkriegs und Präsident von 1869 bis 1877. Er erklärte: «In 200 Jahren, wenn Amerika alles aus der Protektion herausgeholt hat, was sie zu bieten hat, wird es den freien Handel auch übernehmen.»

Billige Landparzellen

Verantwortlich für diese Abschottung war nicht zuletzt die Tatsache, dass es im 19. Jahrhundert in den ständig nach Westen expandierenden USA Landparzellen fast zum Nulltarif gab. Daher mussten die amerikanischen Unternehmer etwa viermal so hohe Löhne zahlen wie die europäischen. Ihre Arbeiter – meist europäische Immigranten, die in ihrem früheren Leben Bauern gewesen waren – wären ihnen sonst einfach davongelaufen und hätten einen Hof gegründet.

Um diese hohen Kosten tragen zu können, mussten die Fabrikbesitzer ihre Produkte zu entsprechend hohen Preisen anbieten, was unter den Bedingungen des Freihandels nicht möglich gewesen wäre.

Die Wende

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderten die USA ihre Politik radikal. Seit dem Abschluss des ersten Freihandelsvertrags Gatt (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) im Jahr 1947 drängten sie die anderen Länder dazu, ihre Märkte zu öffnen und Subventionen abzubauen. Dieser Trend verstärkte sich noch mit der Gründung der Welthandelsorganisation WTO 1995.

Das ist dadurch zu erklären, dass die USA nun die unangefochtene ökonomische Supermacht waren. Dank ihrer einzigartig starken Stellung auf dem Weltmarkt konnten sie vom Freihandel nur profitieren.

Die übrigen Industrieländer handelten übrigens ebenso. Auch sie führten den Freihandel erst ein, als die eigenen Produzenten zu den Weltmarktführern gehörten und die Konkurrenz nicht mehr fürchten mussten.

Gut für Industrieländer

Für die Industrieländer ist es sicher richtig, wenn sie keine Zölle mehr erheben, wie die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann schreibt. «Dieser künstliche Schutz würde nur dazu führen, dass sich Unternehmen dem Wettbewerb entziehen und Monopolgewinne kassieren, die die Konsumenten bezahlen müssten.»

Schlecht für Entwicklungsländer

Anders sieht es aber bei wirtschaftlich rückständigen Ländern aus. Sie müssen erst einmal den technologischen Abstand verringern, der sie von den reichen Ländern trennt. Das können sie aber nur schaffen, wenn sie ihre Märkte mit Zöllen und anderen Massnahmen vor der weiter fortgeschrittenen Konkurrenz schützen – also so handeln wie die Amerikaner und Europäer bis 1945.

Weil ihnen die Industrieländer aber genau das vorenthalten wollen, machen sie sich dem in Cambridge lehrenden Ökonomen Ha-Joon Chang zufolge der Heuchelei schuldig. Ihre Botschaft an die Entwicklungsländer laute: «Tu, was ich dir sage, und nicht, was ich getan habe.»

Trumps Zölle

Wie sind vor diesem Hintergrund die Zölle zu beurteilen, die Donald Trump auf Aluminium und Stahl verhängt hat? Es ist kaum anzunehmen, dass er den Entwicklungsländern als leuchtendes wirtschaftspolitisches Vorbild dienen möchte. Wahrscheinlicher ist, dass er seinen Wählern zeigen will, dass er er seine Wahlkampfversprechen auch einlöst.

Wirtschaftspolitisch gesehen sind die Massnahmen aber sinnlos, wie der Ökonom Dennis J. Snower bemerkt. Die amerikanische Stahlindustrie lasse sich mit Zöllen gar nicht schützen, weil sie seit längerer Zeit nicht mehr wettbewerbsfähig sei.

Ausserdem riskiere Trump einen Handelskrieg mit unabsehbaren Folgen, denn wirtschaftliche Spannungen könnten zu politischen führen. Gemäss Snower lautet Trumps Devise nicht «Make America Great Again», sondern «Make America Alone Again» – ein gefährlicher Vorsatz.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gähnender Gähner am 10.03.2018 22:52 Report Diesen Beitrag melden

    Gelassen sehen

    die amerikanische Stahl- und Aluminiumschmelzen sind allesamt total veraltet und können weder in Qualität noch Quantität den in den USA benötigten Stahl und Alu selbst liefern. Die müssen also importieren. Alles was er erreicht ist daß amerikanische Produkte teurer werden und damit noch weniger wettbewerbsfähig. Oder minderwertiger Stahl oder Alu verbaut wird was die Produkte minderwertiger macht. Oder beides. Einfach lachhaft. Im Prinzip muss Europa/China garnichts machen und kann den Donald einfach auflaufen lassen.

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  • Urs am 11.03.2018 06:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht absehbar

    Die Folgen sind nicht immer absehbar. Als sich in den 70ern endlich der Markt zu China öffnete, dachte wohl jeder, wenn man nur jedem Chinesen eine Zahnbürste verkaufen kann, machen wir ein riesen Geschäft. Dass nun aber die Chinesen den Amerikanern die Zahnbürsten verkaufen, damit hätte keiner gerechnet.

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  • retep am 10.03.2018 22:36 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist noch nicht so lange her

    da waren's eben auch diese Amerikaner, die den Weltmarkt öffnen wollten, da sie Vorteile für ihr BIP sahen. Reiner Egoismus schon da!! Offenbar waren sie aber doch nicht so ... Und nun muss man halt nachholen. Zu bedenken gibt nur, dass es bisher keiner Institution gelungen ist, die Geldmenge und Sicherheit bereitzustellen um den Dollar zu variieren. Und das traurige daran ist, dass solange Amerika erpressen kann. Anderswo würde man sagen kriminell...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kilian G. am 11.03.2018 14:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht gar nicht!

    eigentlich müssten die (linken) Globalisierungsgegner jubeln. Aber man kann doch nicht Trump loben!

  • Büezer am 11.03.2018 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir erinnern uns

    eben nicht mehr.... auch die Schweiz hatte mal protektionismus. Beispiel Lastwagen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden hohe Zölle verlegt. Nacht dem EFTA Abkommen wurden dann Skaninavischen Lastwagen davon befreit uns somit waren Scania Volvo die Alternativen zu Saurer und Berna

    • Ar Boner am 11.03.2018 23:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Büezer Ist Leider so

      Schade eigentlich Dann hätte man aus der Ehemalig Grössten Industriebrache ( Saurer Areal in Arbon TG) Nicht ein neues Stadtviertel Bauenmüssen welxhes nun Bald als Kleine Geisterstadt berühmt wird wer will schon freiwillig nach Arbon ziehen in Teure Neubauwohnungen direkt neben einem Gleis?

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  • Schliess die Augen entspann dich am 11.03.2018 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Die tägliche mediale Berieselung

    Trump macht ein Supercoup nach dem anderen und wird von den manipulierten Medienkonsumenten weiterhin ausgebuht, genauso wie die EU-Beitrittspropaganda bei denen immer noch greift, egal ob ein Debakel das andere jagt!

    • Entspannter am 11.03.2018 12:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Schliess die Augen entspann dich

      Supercoups? Mir ist kein einziger bekannt. Bitte diese Coups nennen, samt Quellen!

    • Augen offen am 11.03.2018 16:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Schliess die Augen entspann dich

      Wenn man die Augen immer verschliesst, sieht man vieles nicht.

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  • Big Mac Donald am 11.03.2018 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Geht gar nicht

    Jetzt geben wir's den Amis! Sofort Strafzölle auf...Burger, Cola, Nike, Iphones - hey stop, die zahlen ja nicht mal Steuern!?

  • New World Order Part II am 11.03.2018 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Obama ist weg - endlich

    Obama der Blender und Verführer hat die ganzen Freihandelsabkommen und Wirtschaftsbedingungen ermöglicht, welche rein den Konzernen dienen. Die Medien betrieben Augenwischerei und die Menschheit durfte sich an den Blumenmustern von Michelle, seinen Töchterchen und den Hip-Hop Celebrity Freunden des Präsidenten ergötzen. Ein 8-jähriges Ablenkungsmanöver.