Aufstand in Ungarn 1956

23. Oktober 2011 09:32; Akt: 23.10.2011 09:32 Print

Ungarns heisser HerbstUngarns heisser Herbst

von Rolf Maag - Vor 55 Jahren erhoben sich in Budapest Studenten und Arbeiter gegen die kommunistischen Machthaber. Ein furchtbares Gemetzel war die Folge.

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Sowjetische Panzer walzten den Volksaufstand nieder - und der Westen schwieg. Der Aufstand begann am 23. Oktober 1956 mit einer friedlichen Grossdemonstration von Studenten in Budapest, denen sich schnell zahlreiche Passanten anschlossen, besonders junge Arbeiter. Gegen Abend waren rund Menschen vor dem Parlament versammelt, die demokratische Veränderungen forderten. Die Regierung liess in die Menge schiessen, worauf der bewaffnete Kampf begann. Bald rollten sowjetische Panzer durch die Strassen Budapests, doch vorerst kam es nur zu wenig Blutvergiessen. Bild: Von Zivilisten erbeutete russische Panzer in Budapest. Am Tag darauf wurde Imre Nagy neuer Ministerpräsident. Der 60-jährige Politiker hatte dieses Amt bereits 1953 einmal bekleidet, wurde dann aber kaltgestellt, weil er sich gegenüber «konterrevolutionären» Kräften zu kompromissbereit gezeigt hatte. Am 30. Oktober verkündete Nagy das Ende der Einparteienherrschaft und bildete eine Mehrparteienregierung. Die Statue des verhassten Sowjet-Diktators Josef Stalin († 1953) wurde schon am ersten Tag des Aufstands vom Sockel gestürzt. Am 24. Oktober lag sie noch vor dem Nationaltheater in Budapest; später wurde sie wegtransportiert und in Stücke geschlagen. Eine wütende Menge zerstört die Stalin-Statue. Vor dem Parlamentsgebäude stehen Aufständische mit einer ungarischen Fahne auf einem erbeuteten sowjetischen Panzer. Menschen versammeln sich in Budapest um einen umgestürzten Tramwagen. Teile der ungarischen Armee gingen am 27. Oktober zu den Aufständischen über und wurden von diesen begeistert begrüsst. Ende Oktober kam es zu Fällen von Lynchjustiz: Hier erwartet ein Angehöriger des gefürchteten Staatssicherheitsdienstes ÁVH seine Exekution; zwei bereits von den Aufständischen getötete Geheimdienstler liegen am Boden. Das beschädigte Gebäude von Radio Budapest am 31. Oktober. Ein zerstörter sowjetischer Panzer und Lastwagen am 1. November vor einem beschädigten Gebäude. Ein Lastwagen mit ungarischen Soldaten ist am 2. November unterwegs nach Budapest, um die Aufständischen zu unterstützen. Moskau zeigte sich scheinbar bereit, das Verhältnis zu Ungarn zu überprüfen. Nagy erklärte schliesslich sogar den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität des Landes. Doch schon am 31. Oktober ordneten die Machthaber im Kreml die gewaltsame Unterdrückung des Aufstandes an. Bild: Neben einem Wrack eines Kleinlasters liegt im Zentrum von Budapest ein Toter. Im Morgengrauen des 4. November erfolgte ein massiver Angriff sowjetischer Truppen auf Budapest und zahlreiche andere Städte. Die ungarische Bevölkerung leistete erbitterten Widerstand, doch sie stand auf verlorenem Posten und musste nach etwa zehn Tagen aufgeben. Ein junger Aufständischer posiert am 4. November vor einer langen Reihe gefallener sowjetischer Soldaten. Auf ungarischer Seite waren 2500 Tote und über Verletzte zu beklagen, die Rote Armee kostete ihr Einsatz knapp 700 Soldaten. Eine zerstörte Kanone liegt am 6. November auf einer Kreuzung in Budapest. Schwere Zerstörungen zeugen in Budapest nach dem Aufstand Mitte November 1956 von den heftigen Kämpfen. Rund 200 000 Ungarn flohen ins westliche Ausland, besonders nach Österreich. Flüchtlinge überqueren einen Grenzkanal zu Österreich. Ungarn-Flüchtlinge 1957 im österreichischen Auffanglager Hellbrunn. Auch in die Schweiz gelangten zahlreiche Flüchtlinge aus Ungarn: Hier eine Familie am 8. November 1956 bei der Verpflegung an der Schweizer Grenze in Buchs SG. Nach dem Aufstand wurden - wie hier die Studentin Ilona Toth und die Studenten Miklos Gyöngyösi und Ferenc Gönczi - insgesamt rund 350 Aufständische zum Tode verurteilt; 229 Menschen wurden tatsächlich hingerichtet. Das widerfuhr auch Pal Maleter, der als Offizier den Aufstand niederschlagen sollte, sich aber den Aufständischen angeschlossen hatte und ungarischer Verteidigungsminister wurde. Am 4. November 1956 wurde er während laufenden Verhandlungen mit den Sowjets verhaftet und später zum Tode verurteilt. Am 16. Juni 1958 wurde er gehängt. Die Opfer des Aufstands waren dennoch nicht ganz vergeblich. János Kádár, der neue Parteichef, entpuppte sich nämlich in der Folge als überraschend liberal. Den Ungarn wurden nicht nur mehr ökonomische Freiheiten zugestanden («Gulaschkommunismus»), sondern sie hatten auch weniger unter politischer Unterdrückung zu leiden als die Bürger anderer realsozialistischer Staaten. Bild: Kádár (l.) und die Minister Marosan (M.) und Kallai bei einer Lagebesprechung am 22. Dezember 1956. Imre Nagys sterbliche Überreste wurden am 16. Juni 1989, genau 41 Jahre nach seiner Hinrichtung, in ein Ehrengrab überführt. Auch andere Hingerichtete wurden rehbilitiert und ihre Überreste wurden umgebettet. Bild: Friedhof in Budapest mit Gräbern von hingerichteten Aufständischen.

Sowjetische Panzer dringen 1956 in Budapest ein.

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Am 23. Oktober 1956, einem Dienstag, zogen Studenten der Technischen Universität Budapest zum Rundfunkgebäude und zum Parlament. Rasch schlossen sich ihnen zahlreiche Passanten an, besonders junge Arbeiter. Gegen Abend waren rund 200 000 Menschen vor dem Parlament versammelt. Sie forderten die Absetzung der KP-Führung, ein Mehrparteiensystem und Pressefreiheit.

Eigentlich hatten die Studenten nur ihre Solidarität mit der polnischen Reformbewegung bekunden wollen. Dort war nach dem Arbeiteraufstand von Posen im Juli 1956 der gemässigte Kommunist Wladyslaw Gomulka als Zentralsekretär der KP eingesetzt worden; in der Folge gelang es ihm, die Sowjets von einer bewaffneten Intervention abzuhalten. Überhaupt schien ein liberalerer Wind durch Osteuropa zu wehen, seit der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow im Februar 1956 in einer Geheimrede mit den Verbrechen der Ära Stalin abgerechnet hatte.

Hoffnungsträger Nagy

Zum ungarischen Gomulka sollte Imre Nagy werden, dessen Namen die vor dem Parlamentsgebäude versammelten Massen immer wieder skandierten. Der 60-jährige Politiker hatte sich mit der Bodenreform nach dem Zweiten Weltkrieg einen guten Ruf erworben; 1953 bekleidete er bereits einmal das Amt des Premierministers, wurde dann aber kaltgestellt, weil er sich gegenüber «konterrevolutionären» Kräften zu kompromissbereit gezeigt hatte. Nach dem Urteil des Ungarn-Experten Paul Lendvai wollte er aber nur «die Korrektur des Systems, nicht dessen Abschaffung».

Erste Intervention der Sowjets

Als Nagy um 21 Uhr endlich zur Menge sprach, rollten bereits die ersten sowjetischen Panzer in die Stadt, doch vorerst kam es nur zu wenig Blutvergiessen, weil sich auch grosse Teile der ungarischen Armee mit den Aufständischen solidarisierten. Am folgenden Tag wurde schliesslich das Politbüro umgebildet; der neue Ministerpräsident hiess Imre Nagy.

Phase der Hoffnung

Die Anliegen der Demonstranten schienen nun Gehör zu finden: Moskau zeigte sich bereit, das Verhältnis zu Ungarn zu überprüfen, Nagy trat an die Spitze einer Koalition aus vier Parteien und erklärte schliesslich sogar den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität des Landes. Lange Zeit dachte man, dass die Ungarn erst damit die Toleranzgrenze der Sowjets überschritten hätten, doch nach 1989 entdeckte Dokumente belegen, dass die Machthaber im Kreml bereits am 31. Oktober die gewaltsame Unterdrückung des Aufstandes anordneten.

Das Ende

Im Morgengrauen des 4. November erfolgte ein massiver Angriff sowjetischer Truppen auf Budapest und zahlreiche andere Städte. Die ungarische Bevölkerung leistete erbitterten Widerstand, doch sie stand auf verlorenem Posten und musste nach etwa zehn Tagen aufgeben. Auf ungarischer Seite waren 2500 Tote und über 20 000 Verletzte zu beklagen, die Rote Armee kostete ihr Einsatz knapp 700 Soldaten. Rund 200 000 Ungarn flohen ins westliche Ausland, besonders nach Österreich.

Imre Nagy hatte inzwischen mit 47 weiteren Personen in der jugoslawischen Botschaft Zuflucht gesucht; als sie diese am 22. November verliessen, wurden sie sofort verhaftet und eingesperrt, obwohl die neue Regierung unter János Kádár ihnen freies Geleit zugesichert hatte. In den folgenden Jahren wurden 229 Menschen hingerichtet, am 16. Juni 1958 nach einem Geheimprozess auch Imre Nagy, der dennoch bis zum Ende nicht an der grundsätzlichen Richtigkeit der kommunistischen Weltanschauung zweifelte. Rund 22 000 Personen wurden rechtskräftig verurteilt.

Das Schweigen des Westens

Wie verhielten sich eigentlich die drei westlichen Vormächte USA, England und Frankreich während dieser Ereignisse? Schliesslich hatten die Sendungen des über Kurzwelle empfangbaren US-Senders «Radio Freies Europa» bei vielen Ungarn Hoffnungen auf deren Hilfe geweckt. Unglücklicherweise galt ihre Hauptaufmerksamkeit zu dieser Zeit aber der Krise, die der ägyptische Machthaber Nasser durch die Verstaatlichung des Suez-Kanals ausgelöst hatte. Die Engländer und die Franzosen kämpften gerade an der Seite Israels gegen die Ägypter, während die USA danach trachteten, die mit Ägypten verbündete Sowjetunion nicht zu sehr zu reizen. Am 27. Oktober verkündete der amerikanische Aussenminister John Foster Dulles denn auch, dass die USA weder Ungarn noch anderen sowjetischen Satellitenstaaten Aufnahme in das westliche Verteidigungsbündnis gewähren würden; die Sowjets hatten damit freie Hand in Ungarn.

«Gulaschkommunismus»

Die fürchterlichen Opfer, die die ungarische Bevölkerung 1956 brachte, waren dennoch nicht ganz vergeblich. János Kádár, der neue Parteichef, entpuppte sich nämlich in den folgenden Jahrzehnten als überraschend liberal. Den Ungarn wurden nicht nur gewisse ökonomische Freiheiten zugestanden, die einen bescheidenen Wohlstand ermöglichten («Gulaschkommunismus»), sondern sie hatten auch wesentlich weniger unter politischer Unterdrückung und Indoktrination zu leiden als die Bürger anderer realsozialistischer Staaten.

Grund dafür dürfte nicht zuletzt der Schrecken gewesen sein, der den Machthabern seit der Erhebung von 1956 in den Gliedern sass. Viele Dissidenten erinnerten sich daher während des unblutigen Umsturzes von 1989 dankbar an ihre Vorgänger von damals. Imre Nagys sterbliche Überreste wurden am 16. Juni 1989, genau 41 Jahre nach seiner Hinrichtung, in ein Ehrengrab überführt. Am 6. Juli wurde Nagy in Ungarn offiziell rehabilitiert – just an dem Tag, als János Kádár das Zeitliche segnete.