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Aufstand in Ungarn 1956
23. Oktober 2011 09:32; Akt: 23.10.2011 09:32 Print
Ungarns heisser Herbst
von Rolf Maag - Vor 55 Jahren erhoben sich in Budapest Studenten und Arbeiter gegen die kommunistischen Machthaber. Ein furchtbares Gemetzel war die Folge.
Sowjetische Panzer dringen 1956 in Budapest ein.
Am 23. Oktober 1956, einem Dienstag, zogen Studenten der Technischen Universität Budapest zum Rundfunkgebäude und zum Parlament. Rasch schlossen sich ihnen zahlreiche Passanten an, besonders junge Arbeiter. Gegen Abend waren rund
Eigentlich hatten die Studenten nur ihre Solidarität mit der polnischen Reformbewegung bekunden wollen. Dort war nach dem Arbeiteraufstand von Posen im Juli 1956 der gemässigte Kommunist Wladyslaw Gomulka als Zentralsekretär der KP eingesetzt worden; in der Folge gelang es ihm, die Sowjets von einer bewaffneten Intervention abzuhalten. Überhaupt schien ein liberalerer Wind durch Osteuropa zu wehen, seit der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow im Februar 1956 in einer Geheimrede mit den Verbrechen der Ära Stalin abgerechnet hatte.
Hoffnungsträger Nagy
Zum ungarischen Gomulka sollte Imre Nagy werden, dessen Namen die vor dem Parlamentsgebäude versammelten Massen immer wieder skandierten. Der 60-jährige Politiker hatte sich mit der Bodenreform nach dem Zweiten Weltkrieg einen guten Ruf erworben; 1953 bekleidete er bereits einmal das Amt des Premierministers, wurde dann aber kaltgestellt, weil er sich gegenüber «konterrevolutionären» Kräften zu kompromissbereit gezeigt hatte. Nach dem Urteil des Ungarn-Experten Paul Lendvai wollte er aber nur «die Korrektur des Systems, nicht dessen Abschaffung».
Erste Intervention der Sowjets
Als Nagy um 21 Uhr endlich zur Menge sprach, rollten bereits die ersten sowjetischen Panzer in die Stadt, doch vorerst kam es nur zu wenig Blutvergiessen, weil sich auch grosse Teile der ungarischen Armee mit den Aufständischen solidarisierten. Am folgenden Tag wurde schliesslich das Politbüro umgebildet; der neue Ministerpräsident hiess Imre Nagy.
Phase der Hoffnung
Die Anliegen der Demonstranten schienen nun Gehör zu finden: Moskau zeigte sich bereit, das Verhältnis zu Ungarn zu überprüfen, Nagy trat an die Spitze einer Koalition aus vier Parteien und erklärte schliesslich sogar den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität des Landes. Lange Zeit dachte man, dass die Ungarn erst damit die Toleranzgrenze der Sowjets überschritten hätten, doch nach 1989 entdeckte Dokumente belegen, dass die Machthaber im Kreml bereits am 31. Oktober die gewaltsame Unterdrückung des Aufstandes anordneten.
Das Ende
Im Morgengrauen des 4. November erfolgte ein massiver Angriff sowjetischer Truppen auf Budapest und zahlreiche andere Städte. Die ungarische Bevölkerung leistete erbitterten Widerstand, doch sie stand auf verlorenem Posten und musste nach etwa zehn Tagen aufgeben. Auf ungarischer Seite waren 2500 Tote und über
Imre Nagy hatte inzwischen mit 47 weiteren Personen in der jugoslawischen Botschaft Zuflucht gesucht; als sie diese am 22. November verliessen, wurden sie sofort verhaftet und eingesperrt, obwohl die neue Regierung unter János Kádár ihnen freies Geleit zugesichert hatte. In den folgenden Jahren wurden 229 Menschen hingerichtet, am 16. Juni 1958 nach einem Geheimprozess auch Imre Nagy, der dennoch bis zum Ende nicht an der grundsätzlichen Richtigkeit der kommunistischen Weltanschauung zweifelte. Rund
Das Schweigen des Westens
Wie verhielten sich eigentlich die drei westlichen Vormächte USA, England und Frankreich während dieser Ereignisse? Schliesslich hatten die Sendungen des über Kurzwelle empfangbaren US-Senders «Radio Freies Europa» bei vielen Ungarn Hoffnungen auf deren Hilfe geweckt. Unglücklicherweise galt ihre Hauptaufmerksamkeit zu dieser Zeit aber der Krise, die der ägyptische Machthaber Nasser durch die Verstaatlichung des Suez-Kanals ausgelöst hatte. Die Engländer und die Franzosen kämpften gerade an der Seite Israels gegen die Ägypter, während die USA danach trachteten, die mit Ägypten verbündete Sowjetunion nicht zu sehr zu reizen. Am 27. Oktober verkündete der amerikanische Aussenminister John Foster Dulles denn auch, dass die USA weder Ungarn noch anderen sowjetischen Satellitenstaaten Aufnahme in das westliche Verteidigungsbündnis gewähren würden; die Sowjets hatten damit freie Hand in Ungarn.
«Gulaschkommunismus»
Die fürchterlichen Opfer, die die ungarische Bevölkerung 1956 brachte, waren dennoch nicht ganz vergeblich. János Kádár, der neue Parteichef, entpuppte sich nämlich in den folgenden Jahrzehnten als überraschend liberal. Den Ungarn wurden nicht nur gewisse ökonomische Freiheiten zugestanden, die einen bescheidenen Wohlstand ermöglichten («Gulaschkommunismus»), sondern sie hatten auch wesentlich weniger unter politischer Unterdrückung und Indoktrination zu leiden als die Bürger anderer realsozialistischer Staaten.
Grund dafür dürfte nicht zuletzt der Schrecken gewesen sein, der den Machthabern seit der Erhebung von 1956 in den Gliedern sass. Viele Dissidenten erinnerten sich daher während des unblutigen Umsturzes von 1989 dankbar an ihre Vorgänger von damals. Imre Nagys sterbliche Überreste wurden am 16. Juni 1989, genau 41 Jahre nach seiner Hinrichtung, in ein Ehrengrab überführt. Am 6. Juli wurde Nagy in Ungarn offiziell rehabilitiert – just an dem Tag, als János Kádár das Zeitliche segnete.


























