Genetische Kopien

04. Februar 2018 14:21; Akt: 04.02.2018 14:21 Print

Darum sollte man Menschen nicht klonen

von Rolf Maag - Seit in China Makaken geklont worden sind, befürchten manche, dass es auch beim Menschen bald so weit sein könnte. Was spricht dagegen?

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Vor kurzem gelang es chinesischen Forschern, zwei Makaken zu klonen. Damit sind nun schon über 20 Säugetierarten vervielfältigt worden. Den Anfang hatte 1996 ein Team um den Schotten Ian Wilmut gemacht, als es das Klonschaf Dolly erschuf.

Makaken sind aber Primaten und stehen daher dem Menschen genetisch relativ nahe. In den Medien ist deshalb wieder einmal die Frage aufgekommen, was es denn bedeuten würde, wenn man auch Menschen klonen könnte. Was spricht überhaupt dagegen?

Nicht sicher

Der einfachste, aber auch gewichtigste Einwand lautet, dass die Technik zu wenig ausgereift und daher mit gravierenden Risiken verbunden ist. Alle bisher geklonten Individuen wiesen Chromosomenanomalien auf, die zu schweren gesundheitlichen Schäden und einem verfrühten Tod führten. Dolly wurde beispielsweise nur knapp sieben Jahre alt, während normal gezeugte Schafe eine Lebenserwartung von bis zu 20 Jahren haben.

Doch die Kinderkrankheiten der Klontechnik könnten eines Tages besiegt sein. Wäre es dann immer noch verwerflich, Menschen künstlich zu reproduzieren?

Ein Klon von Einstein

In seinem Buch «Darf ich das oder muss ich sogar?» nähert sich der Philosoph Bernward Gesang dem Problem mit einem Gedankenexperiment. Er stellt sich einen erfolgreichen Physiker namens Niels vor, der eines Tages erfährt, dass er aus einer Zelle geklont wurde, die einem Haar von Albert Einstein entnommen worden war. Was würde das für das Selbstverständnis von Niels bedeuten? Müsste er sich als individualitätslose Kopie von Einstein fühlen?

Eineiige Zwillinge

Sehen wir einmal davon ab, dass es vielen wohl eher schmeicheln würde, ein Abbild eines Genies wie Einstein zu sein. Weil Niels nichts anderes als ein zeitlich versetzter Zwilling von Einstein wäre, können uns die Erfahrungen von eineiigen Zwillingen bei der Beantwortung dieser Frage helfen. Schliesslich müssen auch sie mit einem genetischen Duplikat leben.

Zweifellos ärgert es viele von ihnen, dass manche Leute sie nicht unterscheiden können und gewissermassen für ein und dieselbe Person halten. Doch das liegt häufig auch an den Eltern, wie der Biologe Richard Lewontin bemerkt. Sie geben ihren Zwillingen oft Vornamen, die mit demselben Buchstaben beginnen, kleiden sie gleich, frisieren sie gleich und vieles mehr. Dennoch sind eineiige Zwillinge eigenständige Personen, weil sie niemals den genau gleichen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind und unterschiedliche Biografien haben. Sogar ihre Fingerabdrücke sind nicht identisch. Auch Niels wäre Einstein in vielem ähnlich, aber er wäre nicht Einstein.

Designer und Produkt

Noch schwereres Geschütz fährt Jürgen Habermas auf, einer der bedeutendsten Sozialphilosophen der Gegenwart. Seines Erachtens wäre ein Klon wie Niels nicht mehr der «ungeteilte Autor seines Lebens», weil andere seine Möglichkeiten und Grenzen bewusst festgelegt hätten. Er meint sogar, das Verhältnis zwischen der klonenden und der geklonten Person wäre mit demjenigen zwischen einem Designer und seinem Produkt vergleichbar, was zu einem völlig neuen Verständnis von interpersonalen Beziehungen führen würde.

Natürlich ist sich Habermas bewusst, dass nur etwa 50 Prozent der Eigenschaften eines Menschen genetisch festgelegt sind. Soziale Einflüsse wie die Erziehung wirken sich mindestens ebenso stark aus. Doch Habermas zufolge kann man sich davon wesentlich einfacher befreien. Was man einmal gelernt habe, könne man auch wieder verlernen.

Die Hartnäckigkeit der Umwelteinflüsse

Gesang ist sich da nicht so sicher. In der Kindheit und Jugend werden bestimmte Talente gefördert, andere vernachlässigt. Das kann man später zu kompensieren versuchen, doch es gelingt meist nur unvollständig. Wer nicht als Kind Geige zu spielen gelernt hat, wird später kein grosser Virtuose werden.

Zukunft nicht mehr offen

Ein weiterer Einwand geht auf den Philosophen Hans Jonas zurück. Er meint, einem Klon würde die Offenheit der Zukunft geraubt, weil er ständig sein «Original» und damit seinen weiteren Lebensweg vor Augen hätte. Wenn sein «Zwilling» mit 80 Alzheimer bekäme, müsste er damit rechnen, dereinst das gleiche Schicksal zu erleiden.

Jonas‘ Kollege Dieter Birnbacher erkennt darin eher einen Vorteil für den Klon. Er hätte nämlich die Chance, sein Risiko aus genetisch bedingten Dispositionen frühzeitig kennen zu lernen und sich in seinem Lebensstil darauf einzustellen. Darauf könnte man erwidern, dass der Klon dennoch auf einen anderen fixiert bliebe und sein Leben nicht mehr spontan und unbeschwert führen könnte.

Überflüssige Spielerei

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Klonen von Menschen derzeit verboten bleiben dürfte, weil es einfach zu gefährlich ist. Doch auch wenn es einmal risikolos möglich sein sollte, gibt es Argumente dagegen, die zwar nicht vollständig überzeugen, aber doch ein starkes Misstrauen gegenüber dieser Technik begründen. Bernward Gesang drückt es so aus: «Wenn man die Folgen analysiert, dann ist das Klonen von Menschen keine Horrorvision, sondern eher eine überflüssige Spielerei.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • klonen am 04.02.2018 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hauptgrund

    na ja, der hauptgrund, warum man menschen nicht klonen sollte ist doch der, dass es eh schon zu viele gibt...

    einklappen einklappen
  • H/B am 04.02.2018 14:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klone

    Weil der Mensch das grösste Ungeziefer im Universum ist!

    einklappen einklappen
  • Brausefritz am 04.02.2018 14:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Buchtip...

    "Dolfi und Marilyn" Wer das Buch liest und auch etwas darüber nachdenkt, kommt zu dem Schluss, dass man es mit dem Klonen von Menschen lieber sein lassen sollte. Zu viele Fragen blieben unbeantwortet: - welchen rechtlichen Status hätten Klone? - sollte nicht lieber zuerst das Welternährungsproblem gelöst werden?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • meme-economist am 06.02.2018 23:53 Report Diesen Beitrag melden

    Mensch kommt als nächstes

    Was möglich ist wird auch umgesetzt. Der Mensch kommt als nächstes. Ist doch nur eine Frage der Zeit bis das Klonen von Menschen gesellschaftsfähig wird.

    • Nova Moon am 09.02.2018 09:00 Report Diesen Beitrag melden

      so ist das

      Alles, was möglich ist und alles was, "UNmöglich" ist, wird geschehen. Meines Sehens nach, also aus meiner Perspektive, ist das Problem eher, dass es eine verMARKTung geben wird (herrschende konzernPathokratie). menschenLeben mit einem echten zertifizierten preisSchild um den kleinen Hals.

    einklappen einklappen
  • Eduard Langholz am 06.02.2018 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Den voluminösen Wilhelm klonen

    Wenn man meinen Wilhelm 2bis3 Mal klonen könnte dann müsste die Revolverfilmindustrie über kurz oder lang leider schliessen weil 3bis4 davon im Einsatz wären fast zu heftig for the world.

  • Alex am 06.02.2018 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    Menschen klonen

    Wurde doch im Geheimen doch schon längstens gemacht. Das, was wir in den Medien zu hören/lesen bekommen, ist nur die Spitze des Eisberges im Meer. Das darunter bekommen wir nie zu hören/sehen.

    • Cybot am 07.02.2018 10:43 Report Diesen Beitrag melden

      Unrealistisch

      Du unterschätzt die Neigung der Menschheit zur Angeberei. Wenn das tatsächlich jemand gemacht hätte, hätte er es garantiert an die grosse Glocke gehängt, weil ihm das Aufmerksamkeit, Ruhm und Geld bringen würde. Dass das jemand geheim hält, ist extrem unwahrscheinlich, denn davon hätte er ja nichts.

    einklappen einklappen
  • Homo Erectus am 06.02.2018 14:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Krönung der Schöpfung

    Ich bin einfach nur immer wieder schockiert wie lieblos und respektlos wir Menschen mit anderen Lebewesen umgehen: Gitter, Gummihandschuhe. Keine Liebe oder Zuneigung. Die haben auch Gefühle.

  • Regula am 06.02.2018 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    tschicks

    Ich wurde längst geklont! Oder was glaubt ihr, wen ich heute Morgen zur Arbeit geschickt habe um Geld zu verdienen? Richtig, meinen Gen-Sklaven! Ich versklave also meinen genetisches Spiegelbild! Irgendwie paradox , nicht wahr?