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«Ende der Geschichte»
18. Dezember 2011 10:06; Akt: 17.01.2012 09:19 Print
Wie die Sowjetunion zum Putin-Staat wurde
von Roman Berger, infosperber.ch - Das Ende der Sowjetunion vor 20 Jahren brachte kein demokratisches Russland hervor. Heute herrscht ein autoritäres und korruptes Regime.
Am 25. Dezember 1991 erklärte Michail Gorbatschow in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt als letzter Präsident der Sowjetunion. (Bild: Keystone/AP/liu Heung Shing)
Für viele im Westen ist das Ende der Sowjetunion auch 20 Jahre nach ihrem Zusammenbruch ein unbewältigtes Ereignis: Das «Imperium des Bösen» ist ohne den «grossen Knall» verschwunden, auf den der Westen so stark fixiert war. Es kam auch zu keinem Massenexodus aus der Ex-Sowjetunion, mit dem Westeuropa wegen einer befürchteten Hungersnot ernsthaft gerechnet hatte. Auch eine Weimarer Situation ist nicht entstanden, obwohl Massenarmut und Chaos nach einem «Retter» verlangt hätten.
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Weder der Kommunist Sjuganow noch der rechtsextreme Schirinowski sind an die Macht gekommen. Die in den 90er Jahren weit verbreiteten Katastrophenszenarien haben sich nicht bewahrheitet. Der Westen feierte den Zusammenbruch des Kommunismus und der Sowjetunion als «revolutionäre Zeitenwende», als «Ende der Geschichte», aus der er als Sieger hervorgegangen sei. 20 Jahre später haben sich diese Einschätzungen als naiv erwiesen.
Erfolgsgeschichte und Tragödie
Der Politologe Dmitri Trenin ruft wichtige Zusammenhänge in Erinnerung, die im Westen oft übersehen werden: «Wenn wir heute richtig einschätzen wollen, was der Kollaps der Sowjetunion bedeutet, dürfen wir nicht vergessen, dass es die russische Gesellschaft selber war, die dem kommunistischen Regime ein Ende bereitet hat, ohne Hilfe oder Ratschläge von aussen. Und das kommunistische System hat ein schreckliches Erbe hinterlassen vor allem in menschlicher Hinsicht.»
Der Sturz des kommunistischen Regimes, so erinnert der Direktor des Moskauer Carnegie-Zentrums, zog auch den Zerfall des sowjetischen Imperiums nach sich. Dieser «zweite» Zusammenbruch, im Westen als Sieg im Kalten Krieg gefeiert, wird bis heute von einem Grossteil der russischen Bevölkerung bedauert. Als Wladimir Putin 2005 das Ende der Sowjetunion als «grösste strategische Katastrophe des 20. Jahrhunderts» bezeichnete, provozierte er im Westen empörte Reaktionen.
In Russland jedoch wusste er eine Mehrheit hinter sich. Denn die Bevölkerung fiel nach der «Zeitenwende» trotz so mancher politischer Freiheiten auf das Niveau einer geradezu vormodernen Gesellschaft zurück. Sie verarmte in einem nicht für möglich gehaltenen Ausmass. Die Politik sah sich hilflos einer Schurkenwirtschaft gegenüber, die von Oligarchen, mafiösen Gruppen und Kadern der alten Nomenklatura beherrscht wurde.
Von der «Schocktherapie» überrumpelt
Die Krise kristallisierte sich im Oktober 1993 in Moskau. Im russischen Parlament hatte sich eine Opposition gegen die radikalen Reformen verschanzt. Präsident Boris Jelzin liess das Parlament verfassungswidrig durch die Armee stürmen. Die «Oktober-Ereignisse» forderten weit über hundert Todesopfer. Warum, fragte sich die schockierte Bevölkerung, waren die Sowjetunion und der Kommunismus ohne grosses Blutvergiessen zusammen gebrochen, während die Einführung des Kapitalismus einen so hohen Blutzoll forderte?
Jegor Gaidar, Jelzins Premierminister und Architekt der Radikalreformen, versuchte auf diese Frage indirekt zu antworten: «Wir haben nichts erklärt und die Bevölkerung allein gelassen.» Gaidars Selbstkritik bekräftigt die These, dass die russische Bevölkerung von der «Schocktherapie» überrumpelt wurde, und erklärt auch, warum viele bis heute Demokratie und Marktwirtschaft mit Chaos und Bereicherung gleichsetzen.
Aus westlicher Sicht brachte die «Zeitenwende» weitgehende Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Präsident Jelzin durfte kritisiert werden, selbst der erste Tschetschenienkrieg konnte 1996 unter dem Druck einer von kritischen Medien informierten Bevölkerung beendet werden. Aber Massenverelendung und Chaos sind kein guter Nährboden für Freiheit. Was nützt es, die Wahrheit zu erfahren, wenn man nichts ändern kann – so dachten damals viele Russen. Was bringen uns all die Freiheiten, wenn die Gegenwart trostlos und unsere Zukunft ungewiss ist?
Gegengift Putin und Sowjetnostalgie
Als Putin 2000 an die Macht kam, befand sich Russland in einem desolaten Zustand: Die Industrieproduktion war um etwa 53 Prozent geschrumpft. Die Sterblichkeitsrate war seit 1991 um 60 Prozent gestiegen und die durchschnittliche Lebenserwartung des Mannes auf 58 Jahre gesunken. Nach dem unpopulären, schwachen und alkoholabhängigen Jelzin präsentierte sich Putin als Garant eines «starken Staats», der für «Sicherheit» und «Stabilität» sorgt.
Der russische Politologe Alexander Domrin versteht die Wirkung Putins als ein «Gegengift für eine Bevölkerung, welche die Demütigung des wirtschaftlichen und politischen Zerfalls bis heute nicht überwunden und nicht vergessen hat, wie der Westen in der entscheidenden Phase der Weichenstellung falsche Strukturen und unpopuläre Politiker unterstützte.»
Erinnerung an die «guten alten Zeiten»
Unter Putin begann die russische Bevölkerung, wieder von den «guten alten Zeiten» zu träumen. Zehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion waren die Hoffnungen auf ein prosperierendes Russland erloschen. Und so erinnerten sich viele an die Breschnew-Zeit, die von Dissidenten als Stagnation kritisiert worden war und die Michail Gorbatschows Politik der Perestroika notwendig gemacht hatte.
Aber hatte es in der Ära von Leonid Breschnew nicht ein funktionierendes Erziehungs- und Gesundheitssystem gegeben? Mittlerweile geht die Nostalgie soweit, dass das Wort «sowjetisch» bei einer Mehrheit der Bevölkerung positive Gefühle weckt. Dafür sorgen unter anderem Filme, Lieder und Neuauflagen alter sowjetischer Programme, die auf Geheiss des Kremls jede Woche am Fernsehen ausgestrahlt werden.
Eigentum im Magnetfeld der Macht
Abgeschirmt durch diese Nostalgie-Kulisse begann Putin, die unter Jelzin an die Oligarchen verschacherte Wirtschaft zu renationalisieren. Doch der dafür in den westlichen Medien oft gebrauchte Begriff «Staatsmonopolkapitalismus» geht an der Wirklichkeit vorbei. Es ist nicht der Staat, der sich ein Monopol verschafft, sondern eine kleine Machtgruppe, die sich den Staat angeeignet hat und ihn als Instrument ihrer monopolistischen Interessen nutzt. Das Monopol dient zwei Zielen, die sich gegenseitig stützen: Gewinnmaximierung und Machterhalt.
Jegor Gaidar hatte mit der Privatisierung erstmals in der russischen Geschichte den verhängnisvollen Pakt von Eigentum und Macht brechen wollen. Als er nach seinem Rückzug aus der Regierung Jelzin 1994 verstanden hatte, dass ihm das misslungen war, meinte er: «Solange in Russland Eigentum im Magnetfeld der Macht zirkuliert, wird sich das Land nie zu einem modernen Staat entwickeln.» Das «Magnetfeld» blockiere die demokratische Öffnung. Denn die Elite werde nie freie Wahlen erlauben, weil sie wisse, dass sie dann nicht nur ihre Macht, sondern auch ihren illegitimen Reichtum verlieren würde.
Der Autor war langjähriger Korrespondent in Moskau.
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Alle 20 Kommentare





























An alle "wie bei uns"
Wer findet es sei "wie bei uns", oder "vor der eigenen Haustür kehren", oder "Amis sind Engelchen", der soll bitte zuerst ein Paar Jährchen in Russland leben! Und zwar nicht in einer Turistenstadt. Sondern irgendwo in der Provinz. Dann soll er bitte hier kommentieren.
Journalist
Gut geschrieben! Muss ich auch sagen! Putin ist nich gleich Böse so wie es viele darstellen... Er hat Vor und Nachteile.
Finde ich auch
Gut gemacht
Gut geschrieben!
Eine gute und treffliche Analyse! Da ist man sich eigentlich anderes gewohnt in den hiesigen, europäischen Medien. Danke Herr Berger!