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111 Jahre danach
17. Januar 2012 09:13; Akt: 17.01.2012 10:33 Print
Wie man sich 1901 unsere Zeit ausmalte
1901 hat ein Autor aufgezeichnet, wie sich die «gelehrtesten» Köpfe die Welt in 100 Jahren vorstellen. Die Vorhersagen von anno dazumal sind mal albern, doch meist erstaunlich korrekt.
Wenn ein 111 Jahre alter Text aus dem «Ladies’ Home Journal» heute für Aufsehen sorgt, war das Thema zukunftsweisend. John Elfreth Watkins Jr. hat 1901 für das amerikanische Magazin einen Text über die Welt in 100 Jahren geschrieben – und offenbar traf der Mann bei vielen Dingen ins Schwarze. «Der Wahrsager, der (fast) immer richtig lag», titelte die «Saturday Evening Post» im vergangenen Dezember. Die BBC präsentierte just «Zehn 100-Jahre-Vorhersagen, die wahr wurden».
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Microsofts Zukunftsvision
Kohle, Klimaanlage und Handys mit Kamera
Watkins sah beispielsweise «heisse und kalte Luft aus Hähnen» strömen und nahm so die Klimaanlage vorweg. Laboratorien, die mit Elektronikgeräten wie dem elektrischen Ofen ausgestattet sind, würden die Bevölkerung mit «fertig gekochten Mahlzeiten» versorgen, prognostizierte er richtig. Die Kohle werde knapp, wusste Watkins schon anno 1901. Dass der Energieträger gänzlich durch Wasserkraft ersetzt werde, die an jedem Fluss und in allen Küstengebieten gewonnen wird, passt jedoch weniger in unser Bild der Moderne.
Weitsichtig war auch seine Vorhersage zur Telekommunikation. «Ein Ehemann in der Mitte des Atlantiks wird in der Lage sein, mit seiner Frau zu sprechen, die in ihrem Boudouir [i.e. ein elegantes Damen-Zimmer] in Chicago sitzt», kündigte das «Ladies’ Home Journal» an. Fotografien könnten in der fernen Zukunft über grosse Distanzen telegrafiert werden und das Ergebnis werde gar in Farbe angezeigt, hiess es weiter.
Fernsehen und Panzer unterm Ultraschall
Selbst das Fernsehen hat der Autor vorweggenommen. Watkins kündigte an, Europäer würden Theatervorstellungen in den USA auf einem Bildschirm aus der Heimat aus betrachten – und umgekehrt. «Die Menschheit wird um die Welt sehen», lautet der Titel. Über das Telefon kämen solche Aufführungen auch ins Eigenheim. Richtig lag der Zukunftsdeuter auch mit dem militärischen Siegeszug der Panzer. Er nannte sie «Fort auf Rädern»: «Gigantische Kanonen schiessen 40 Kilometer und weiter. Gewehre nutzen leise Patronen», war seine Idee vom Schalldämpfer.
Wer beschossen wird, braucht eine Behandlung: Ein modernes Bild von einer Medizin mit Ultraschall und MRT geisterte ebenfalls schon durch Watkins Kopf. «Mikroskope werden Organe durch das lebende Fleisch von Mensch und Tier offenlegen. Der lebende Körper wird transparent. Diese Arbeit wird von Strahlen unsichtbaren Lichts erledigt.» Daneben lag der Visionär jedoch mit seiner Idee von schmerzlosen Injektionen, was Doktoren- und Zahnarzt-Muffeln bis heute ein Dorn im Auge sein dürfte.
«Erdbeeren gross wie Äpfel»
Geteiltes Echo auch in Sachen Lebenserwartung: Die stieg nicht von 45 auf 50, sondern auf 70 Jahre (anno 2000). Während Watkins richtig voraussagte, dass Amerikaner aufgrund besserer Verpflegung von gut 1,70 Meter auf 1,75 Meter wachsen, lag er daneben, was den Bevölkerungszuwachs der USA betrifft. Uncle Sam hätte heute 350 bis 500 Millionen Bürger, wenn es nach dem Wahrsager ginge. Tatsächlich leben heute rund 310 Millionen in den USA.
Gemischt fällt die Bilanz auch beim Wachstum von Obst und Gemüse aus. Der Mann ahnte zwar, dass pflanzliche Nahrung «durch Elektrizität wächst», doch «Erdbeeren gross wie Äpfel» haben auch Gewächshäuser bisher nicht hervorgebracht. Auch wenn die «Melone, die eine ganze Familie ernährt» nicht wahr wurde, schrieb Watkins immerhin schon 1901 davon, dass «Pflanzen gegen krank machende Mikroben genau so leicht geschützt werden können wie die Menschheit heute gegen Pocken». Ob er damit den Einsatz von Pestiziden oder den der Gentechnik gemeint hat, steht aber quasi in den Sternen.
Keine Moskitos: Haustiere statt Wildwuchs
Watkins Erwartungen in Sachen Ackerbau hängen mit seiner Umweltvision zusammen. Er glaubte, dass der Mensch sich die Natur Untertan gemacht haben wird. «Keine Moskitos oder Fliegen» nerven nach der Jahrtausendwende. Dafür sorgen Massnahmen wie die Abschaffung des Pferdes, das Trockenlegen von Sümpfen und Gewässern oder deren chemische Behandlung. Dass sich andere Tiere wie Frösche und Vögel dann schwerlich ernähren können, ist kein Problem. Wildlebende Tiere gebe es in Zukunft ohnehin nicht mehr. Nur Haustiere werden verbleiben, glaubte der Forscher.
Trotz Ross-Ausrottung bleiben die Städte der Zukunft autofrei: Der Verkehr rollt über- und unterirdisch. In wenigen Minuten kämen die Menschen von ihren Wohnorten auf dem Land zum Arbeiten in die Stadt. Millionen Pendler träumen diesen Traum noch heute. Dass ein Verkehrschaos ausbleibt, dürfte Watkins mit einem zweiten Irrtum begründet haben. Er rechnete damit, dass Lieferungen über Röhren direkt in Häuser oder Sammelzentren laufen und so weniger Transporter auf den Strassen unterwegs sind. Vielleicht glaubte der Autor deshalb auch, dass die Menschen täglich freiwillig 16 Kilometer laufen, um fit zu bleiben.
Nicaragua tritt USA bei
Fast schon kommunistisch war Watkins Idee, dass alle Menschen gratis Bildung geniessen werden. Mittellosen Studenten würden Kleidung, Essen und Wohnraum bereitgestellt, so die Vorhersage. «Etiquette und Hauswirtschaft werden wichtige Fächer in öffentlichen Schulen.» In deren Büchern würden übrigens die Buchstaben C, X und Q fehlen, die mangels Gebrauch irgendwann aus dem Wörterbuch gefallen wären. Apropos Absturz: «Es wird Luftschiffe geben, aber sie werden nicht gegen Autos und Wasserfahrzeuge bestehen können», glaubte der Schreiber fälschlicherweise. Immerhin ahnte er voraus, dass Züge mit 240 Kilometern pro Stunde durchs Land fahren würden.
Den feinsten Fauxpas haben wir uns jedoch für den Schluss aufgespart. «Nicaragua wird um Aufnahme in unsere Union bitten, nachdem sie den grossen Kanal fertig gestellt haben. Mexiko kommt danach.» Watkins greift damit Pläne der Jahrhundertwende auf, den Atlantik über eine künstliche Wasserstrasse mit dem Pazifik zu verbinden. Die Eröffnung des Panama-Kanals macht diese Vision ebenso überflüssig wie die Frage, was der gemeine US-Bürger von heute wohl von Mexiko als 52. Bundesstaat halten würde. Nämlich nada!
(phi)

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