Verfolgung Andersdenkender

04. März 2018 16:25; Akt: 04.03.2018 16:25 Print

Wo Atheisten gefährlich leben

von Rolf Maag - Nicht nur Angehörige religiöser Minderheiten, sondern auch Atheisten werden in einigen Ländern unterdrückt. Eine Organisation hilft ihnen.

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Die Irakerin Lubna Yaseen kann einfach nicht ihren Mund halten, wie sie selbst sagt. Als Studentin bekannte sie sich in Diskussionen und auf Facebook unverblümt zu ihrem Atheismus. Bald stiessen Mitstudenten und islamistische Gruppen Todesdrohungen gegen sie aus. 2016 floh sie nach Kalifornien.

Ähnlich erging es dem marokkanischen Autor Kacem El Ghazzali. Weil er in seinem Blog die Unterdrückung in der islamischen Welt kritisiert hatte, begann eine regelrechte Hetzjagd auf ihn. 2011 floh er in die Schweiz.

Todesstrafe in zwölf Ländern

In der Verfassung des Irak ist die Religionsfreiheit zwar verankert, aber Atheisten, die von religiösen Fanatikern drangsaliert werden, können kaum mit der Unterstützung der Behörden rechnen. Ähnlich sieht es in Marokko aus.

In zwölf mehrheitlich muslimischen Ländern kann Apostasie (Abfall vom Glauben, also auch Atheismus) sogar mit dem Tod bestraft werden, nämlich in Afghanistan, Katar, dem Iran, Malaysia, den Malediven, Mauretanien, Nigeria, Saudiarabien, Somalia, Sudan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Jemen.

Hilfe für verfolgte Atheisten

Im Westen sind sich inzwischen immer mehr Leute bewusst, dass in der islamischen Welt nicht nur Angehörige religiöser Minderheiten, etwa die ägyptischen Kopten, mit Verfolgung rechnen müssen, sondern auch Atheisten. Lubna Yaseen konnte nur mit der Hilfe von Secular Rescue, einer Initiative der Organisation Center for Inquiry (CFI), fliehen. CFI hat es sich zum Ziel gesetzt, weltliche Werte wie Rationalität und Redefreiheit zu verbreiten. Sie wird von prominenten Atheisten wie dem englischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins unterstützt. Auch Kacem El Ghazzali konnte bei seiner Flucht auf die Unterstützung von Schweizer Freidenkern zählen.

Frühere Situation in Europa

In Europa sind Atheisten heute nirgends mehr an Leib und Leben bedroht, doch das war lange anders. Noch im späten 18. Jahrhundert konnte der schottische Philosoph David Hume seine religionskritischen «Dialoge über natürliche Religion» nicht zu Lebzeiten veröffentlichen, weil es einfach zu gefährlich gewesen wäre. Sie erschienen erst 1779, drei Jahre nach seinem Tod.

1688 veröffentlichte der englische Philosoph John Locke seinen «Brief über Toleranz», ein für seine Zeit ungeheuer fortschrittliches Dokument. Darin forderte er sogar, dass man Juden und Muslimen die bürgerlichen Rechte zugestehen solle, was damals unerhört war. Doch bei den Atheisten war auch für ihn die Grenze der Toleranz erreicht: «Letztlich sind diejenigen ganz und gar nicht zu dulden, die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegzunehmen, heisst alles dies aufzulösen.»

Verdächtige Atheisten

Solche Ansichten sind in der westlichen Welt bis heute nicht verschwunden, besonders in den teilweise stark religiös geprägten USA. So dürfen in sieben Bundesstaaten, darunter Texas und Maryland, Atheisten bis heute keine öffentlichen Ämter bekleiden.

2011 zeigte Will Gervais, ein Psychologe von der University of Kentucky, in einer Studie, dass die meisten Leute Atheisten unmoralische Handlungen eher zutrauen als Gläubigen. Seine Probanden meinten zum Beispiel, Atheisten würden mit grösserer Wahrscheinlichkeit Geld aus einem Portemonnaie behalten, das sie auf der Strasse gefunden hätten. Verblüffenderweise scheinen auch Atheisten diese Einschätzung zu teilen, denn sie halten gemäss Gervais Serienmörder intuitiv für ungläubig. Offenbar fällt es auch Atheisten schwer, jahrhundertealte religiöse Prägungen loszuwerden.

Mehr Atheisten

Andererseits wächst die Zahl der Atheisten. Etwa 13 Prozent der Weltbevölkerung bekennen heute, dass sie nicht an Gott glauben. Sogar in Saudiarabien, wo eine besonders rigide Form des sunnitischen Islam Staatsreligion ist, bezeichnen sich gemäss einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2012 5 Prozent als überzeugte Atheisten, 19 Prozent als nicht religiös. Es wäre diesen Leuten zu wünschen, dass sie für ihre Ansichten eines Tages nicht mehr verfolgt werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Scientist am 04.03.2018 16:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Atheismus ist die Zukunft

    Ich hoffe wir können uns von der Knechtschaft dieser Religionen lösen. Freiheit Menschenrechte und Humanismus ohne jahrhundertealte religiöse Hetzschriften.

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  • WednesdayAddams am 04.03.2018 16:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Atheist

    Lang lebe die echte Freiheit im Kopf!

  • Peter Peisner am 04.03.2018 16:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Christen?

    Ich finde diesen Artikel sehr gut aber warum nicht auch mal einen über die verfolgten Christen? Es gibt rund 200 Millionen in 50 Ländern die verfolgt werden. Eine krasse Zahl und sicher mal einen Artikel wert.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Frank N. am 06.03.2018 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ich verstehe

    es einfach nicht, dass man den Glauben anderer Menschen nicht respektiert, und ihnen sogar mit Gewalt einen anderen Glauben aufzwingen will. Meine Freiheit hört genau da auf, wo die Freiheit eines anderen Menschen anfängt. Wann begreifen wir Menschen das endlich? Niemand hat das Recht anderen Menschen einen Glauben aufzuzwingen, basta! Und das im 21. Jahrhundert. Ich glaube seit geraumer Zeit mehr und mehr daran, dass wir uns zu primitiven Primaten zurück entwickeln, da wir Menschen den berühmten Kulminationspunkt -entwicklungstechnisch betrachtet- überschritten haben!!!

  • Hani nid am 05.03.2018 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glaube

    an was du willst, aber lass die Anderen damit in Ruhe!

  • Heidi Heidnisch am 05.03.2018 14:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gott ist Existenz

    Warum die Göttlichkeit verleugnen, die uns aus jedem kleinen Grashalm, jedem Wassertropfen, jedem Sternenblinken entgegenspringt? Dessen Wachstum und Existenz zwar auf vielerlei Arten erklärt wird, aber nur bis zur Frage: Warum? Tatsächlich braucht es aber keine organisierten Religionen, um das Göttliche auch in sich selbst zu erkennen.

    • Bruno B. am 05.03.2018 16:53 Report Diesen Beitrag melden

      @Heidi

      Es ist ja sooo toll, wenn man im Leben für alles Gott verantwortlich machen kann! Wow und sündigt man einmal, oder auch das ganze Leben: Gott vergibt dir und auch dir! Nein, ich bin lieber frei denkend und übernehme gerne Verantwortung. Ich brauche keinen Ablasshandel! Natur ist Natur und hat mit Gott nichts zu tun! Gott wird Euch in Eure Köpfe gepflanzt, um Euch zu kontrollieren und gefügig zu machen!

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  • Mensch am 05.03.2018 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    Weltfrieden

    Weltfrieden kann es NUR ohne Religionen geben! Atheismus ist die Zukunft und das einzig richtige. Religion macht Menschen dumm und gewalttätig. Religion ist furchtbar und grausam! Wir brauchen von der EU ein Religionsverbot!

  • Patrick am 05.03.2018 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Religionen = künstliches Konstrukt

    Alle Religionen sind ein Konstrukt, um die Menschen zu beherrschen. Aber wer keiner Religionsgemeinschaft angehören, muss nicht zwingend Atheist sein. Aus meiner Sicht sollten alle Religionen abgeschafft werden und Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl, etc. einfach vorgelebt werden. Die Welt wäre ohne Religionen jedenfalls friedlicher, oder zumindest gäbe es einen Grund weniger sich die Köpfe einzuschlagen. Oder noch anders, die vermeintlich Mächtigen hätten einen Hebel weniger, Menschen gegeneinander aufzuhetzen.