200. Geburtstag

05. Mai 2018 09:14; Akt: 05.05.2018 09:47 Print

Worin Marx recht hatte

von Rolf Maag - Lange Zeit galten die Lehren von Karl Marx als völlig überholt. Seit der Wirtschaftskrise 2008 hat sich das geändert.

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Während der Zeit des Kalten Krieges genoss Karl Marx in den Ländern des Westens keinen besonders guten Ruf. Weil sich die Regierungen der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten auf seine Lehren beriefen, glaubten viele, er sei für die dortige Mangelwirtschaft und Unterdrückung zumindest mitverantwortlich. Wir kommen darauf zurück.

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Doch spätestens seit der Finanzkrise, die im Jahr 2007 begann, hat sich das Blatt gewendet. Zwar ist der Kapitalismus entgegen Marx' Prophezeiungen immer noch nicht an seinen inneren Widersprüchen zerbrochen, aber einige andere seiner Voraussagen haben sich als durchaus zutreffend erwiesen.

Prophet der Globalisierung

1848 erschien das «Manifest der kommunistischen Partei», das Marx zusammen mit seinem Freund und Mäzen Friedrich Engels verfasst hatte. Manche Passagen darin lesen sich wie eine Vorwegnahme der Globalisierung. So heisst es etwa: «Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. ... An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.»

Paradoxerweise bewahrheitete sich diese Voraussage erst, als der Ostblock zusammengebrochen und China in den Weltmarkt integriert worden war. Ausgerechnet die Länder, die angeblich nach Marx' Vorgaben handelten, waren kapitalistischen Investitionen zuvor nicht zugänglich gewesen. Der frühere griechische Finanzminister Giannis Varoufakis hält das für eine «köstliche Ironie».

Oligopole

In seinem Hauptwerk «Das Kapital», dessen erster Band 1867 erschien, beschrieb Marx sehr genau, dass der Kapitalismus zur Bildung von Oligopolen neigt. Das heisst, dass sich der Konkurrenzkampf in bestimmten Wirtschaftsbereichen tendenziell selbst abschafft, weil am Ende nur noch wenige marktbeherrschende Firmen übrig bleiben.


Teilnehmer der 1. Mai-Umzüge in Zürich und Bern über die Bedeutung seiner Schriften in der heutigen Zeit. (Video: Tamedia/SDA)

Die treibende Kraft hinter diesem Verdrängungswettbewerb ist die technische Innovation. Wenn ein Unternehmer mit produktiveren Maschinen seine Produkte billiger herstellen und verkaufen kann, erwirtschaftet er einen zusätzlichen Profit, den Marx «Extramehrwert» nannte. Die Konkurrenz muss dann ebenfalls in neue Produktionsanlagen investieren, wenn sie nicht vom Markt gefegt werden will. Das hat zur Folge, dass der Extramehrwert wieder verschwindet. Am Ende überleben nur diejenigen Firmen, die am günstigsten produzieren, und das sind meist die Grosskonzerne.

Extrem konzentrierte Wirtschaft

Ein Blick auf die heutigen Verhältnisse bestätigt Marx' Analyse auch in dieser Hinsicht. In Deutschland, so die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann, machen die Grosskonzerne nur ein Prozent der Firmen aus, sind aber für 68 Prozent des Umsatzes verantwortlich. Auch in der relativ jungen Internetbranche erlangten Giganten wie Google oder Amazon innerhalb von kurzer Zeit eine dominante Stellung, kleinere Firmen wurden in Nischen abgedrängt.

Diktatur des Proletariats

War Marx an den Exzessen des Kommunismus schuld? Zumindest dazu beigetragen hat vermutlich seine Vorstellung von einer «Diktatur des Proletariats», die in einer revolutionären Übergangsphase herrschen sollte. Lenin, der führende Mann der russischen Oktoberrevolution von 1917, verstand darunter «die Organisierung der Avantgarde der Unterdrückten zur herrschenden Klasse zwecks Niederhaltung der Unterdrücker». Die Avantgarde war jedoch die Führung der kommunistischen Partei, die allein bestimmte, wer die Unterdrücker und die Unterdrückten waren. Statt einer Diktatur des Proletariats entwickelte sich daher eine Diktatur über das Proletariat, wie der deutsche Sozialdemokrat Karl Kautsky schon 1921 schrieb.

Falsches Land

Mit ziemlicher Sicherheit wäre Marx aber entsetzt darüber gewesen, dass die Revolution ausgerechnet in Russland ausbrach, einem agrarisch geprägten Land mit wenig Industrie. Nach seiner Vorstellung hätte sie sich zuerst in einem der führenden Länder des Kapitalismus ereignen sollen, etwa in England oder Deutschland.

In seiner Schrift «Die deutsche Ideologie» bemerkte er: «Die höchste Entwicklung der Produktivkräfte ist eine absolut notwendige praktische Voraussetzung des Kommunismus, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert würde, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheisse sich herstellen müsste.»

Marx als Opfer von Stalin?

Als Marx einmal gefragt wurde, welche menschliche Eigenschaft er am meisten verabscheue, nannte er die Servilität. Genau diese Eigenschaft war aber in der Sowjetunion Stalins schon fast unerlässlich, wenn man überleben wollte. Der australische Philosoph Peter Singer meint daher, Marx hätte die stalinistischen Säuberungen nicht überlebt, wenn er in den 1930er-Jahren in der Sowjetunion gelebt hätte.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • G.V. am 05.05.2018 09:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Kommunismus ist nicht die Lösung

    Was es wirklich braucht ist ein Kapitalismus mit klar definierten Regeln. Es braucht scharfe Gesetze, die Korruption und Ausbeutung tabuisieren. Es braucht einen Kapitalismus, in dem soziale Mechanismen wie Rentensysteme oder Gesundheitsvorsorgen integriert sind. Und vor allem ein Kapitalismus, in dem die Leute trotzt gegebener Individualität zusammen arbeiten wollen, und nicht gegeneinander!

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  • Thoro am 05.05.2018 09:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gier

    Marx war als Wirtschaftswissenschafter brillant, seine Empfehlungen (Ideologie) jedoch verheerend. Er hat nicht damit berücksichtigt dass auch ohne Kapitalismus der Mensch gleich bleibt, getrieben von Angst und/oder Gier.

  • Tito am 05.05.2018 09:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Staatskapitalismus UdSSR

    Die Sowjetunion war ein staatskapitalisistisches Land. Die Klassengesellschaft hatte vielleicht keine Bourgeoisie, dafür aber Mitglieder der KPdSU, welche den Adel und die Bourgeoisie komplett ersetzten. Der einzige Unterschied war, man hat nur eine Partei und anstatt dass Privatpersonen sich am Kapitalismus bereichern, ist es die Partei/der Staat.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • alter Mann am 11.05.2018 07:52 Report Diesen Beitrag melden

    Es reduziert sich auf die Macht

    Die allgemeingültgste Gesellschaftsanalyse hat Orwell in seinem Werk 1984 getroffen. Egal in welcher Gesellschaftsform und in welcher geschichtlichen Zeit, ist sie immer zutreffend.

  • Rrebeli am 08.05.2018 23:50 Report Diesen Beitrag melden

    Faktoren

    Immer wieder lese ich, dass im Kommunismus der Faktor Mensch nicht funktioniert. Wie ist es den beim Kapitalismus, wenn zwei Variabeln sind - Mensch und Geld?

  • Edmo am 08.05.2018 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Spur von Kapitalismus

    In Zeiten extremer staatlicher Überregulierung und massloser Subventionierung von wirtschaftlich unhaltbaren Produkten und Dienstleistungen sollte man es tunlichst vermeiden, die Theorien von Marx der wirtschaftlichen Entwicklung gegenüber zu stellen. Mit Kapitalismus hat unser System schon lange nichts mehr zu tun. Die unerfreulichen Entwicklungen sind zu einem grossen Teil sozialistischen und vermeintlich ökologischen Entgleisungen zu verdanken.

  • Masterchief am 08.05.2018 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Riecht mal am Grabstein

    Ich war letzte Woche an seinem Grab, und hab euch Marxisten einen Gruss hinterlassen.

  • Berner Bär am 08.05.2018 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Abstruse Theorie

    Noch sehr präsent ist mir die Aussage eines unserer VWL-Professoren während des Studiums: "Der Kommunismus funktioniert nur mit 853 Personen. Das ist die Anzahl staatlich anerkannter Berufe. Sobald sie von einer Berufsgattung eine zweite Person haben, spielt die Biologie Marx, Engels und den andern kommunistischen Theoretikern einen Streich. Denn dann beginnt das Konkurrenzdenken - und nichts ist tödlicher für den Kommunismus! Glaubt mir, ich weiss, wovon ich spreche!" Der Mann kam aus Leipzig.