500 Jahre Reformation

31. Oktober 2017 11:56; Akt: 31.10.2017 11:56 Print

Worum es Luther eigentlich ging

von Rolf Maag - Die heutigen protestantischen Staatskirchen vertreten meist moderate Positionen. Beim ersten Reformator war das ganz anders.

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Als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine berühmten 95 Thesen veröffentlichte, ging es ihm darum, Missstände in der katholischen Kirche anzuprangern, insbesondere den Ablasshandel. Dabei konnten Gläubige Zertifikate – sogenannte Ablassbriefe – erwerben, die ihnen eine Verkürzung der Zeit im Fegefeuer in Aussicht stellten. Auch die neue Kirche, die er in den folgenden Jahren in Wittenberg gründete, unterschied sich vor allem in ihren Institutionen und Ritualen von der römischen Konkurrenz: kein Zölibat, nur zwei Sakramente (Taufe und Abendmahl) statt sieben, keine Marien- und Heiligenverehrung und vieles mehr.

Doch die entscheidende Differenz lag in der Theologie des Reformators. In ihr finden wir ein Menschen- und Gottesbild, das auf heutige Europäer verstörend wirkt.

Erbsünde

Luther zufolge ist der Mensch durch und durch verdorben, seit Adam und Eva im Garten Eden die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis kosteten. Diese als «Erbsünde» bekannte Fehlleistung hatte zur Folge, dass sämtliche Nachkommen der ersten Menschen unfähig sind, aus eigenem Antrieb gut zu handeln. Sie verdienen es daher, von Gott zu ewigen Höllenqualen verdammt zu werden.

Gnade

Einigen wenigen gewährt der Allmächtige jedoch Gnade: Er erlöst sie von ihren Sünden und lässt ihnen die ewigen Freuden des Paradieses zuteil werden. Nach welchen Kriterien er sich dabei richtet, bleibt im Dunkeln. Klar ist nur, dass der Mensch durch sein eigenes Wollen und Handeln nichts zu seiner Erlösung beitragen kann. Gott erwählt und verdammt die Sterblichen anscheinend völlig willkürlich.

Glaube

Unter der Ungewissheit, ob er nun zu den Erwählten oder den Verdammten gehörte, litt Luther während seiner Zeit als Mönch im Augustinerkloster in Wittenberg. Doch dann hatte er bei der Lektüre von Paulus' Römerbrief eine Erleuchtung. Dort heisst es (3,28): «So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.» Das Gesetz (des Alten Testaments) dient nur dazu, dem Menschen seine Schwäche vor Augen zu führen, weil er die strengen Bestimmungen niemals einhalten kann. Wenn er aber vertrauensvoll glaubt und sich Christus zuwendet, wird er Ruhe finden und Gottes Barmherzigkeit erfahren. Gute Werke jeglicher Art helfen ihm nicht.

Willensfreiheit

Gegen Luthers Thesen wandten sich nicht nur die Vertreter der katholischen Kirche, sondern auch der ebenfalls kirchenkritische Theologe und Humanist Erasmus von Rotterdam. Er sah die Würde des Menschen bedroht, wenn er nur ein Objekt in der Hand des alles vorherbestimmenden Gottes ist. «Wenn Gott so an uns wirkt wie der Töpfer am Lehm, was kann uns dann als gut oder böse angerechnet werden?», fragte er 1524 in seiner Schrift «Vom freien Willen». Ausserdem werde ein Gott, der wahllos straft und belohnt, zu einem Ungeheuer, das keine Verehrung verdiene.

Auch Erasmus glaubte, der Mensch sei für seine Erlösung auf die göttliche Gnade angewiesen, doch er meinte auch, der menschliche Wille habe die Freiheit, sich dem zuzuwenden oder sich von dem abzuwenden, was zum ewigen Heil führt. Davon wollte Luther nichts wissen. Der Mensch sei ein Reittier, das entweder von Gott oder vom Teufel geritten werde, hielt er dem grossen Humanisten entgegen.

Kern des Protestantismus

Luthers Gnadenlehre wurde auch von den Schweizer Reformatoren Huldrych Zwingli und Jean Calvin vertreten. Sie bildet den theologischen Kern der Reformation. In den protestantischen Staatskirchen wird sie in dieser Schroffheit kaum noch gepredigt, weil sie wohl nur wenigen Leuten noch zu vermitteln wäre. Auch die katholische Kirche, die an die heilsvermittelnde Funktion ihrer Priester und die Wirkung der Busse glaubt, lehnt sie strikt ab. Wohl auch deshalb erklärte der katholische Kirchenhistoriker Kardinal Walter Brandmüller kürzlich: «Ich betrachte ihn (Luther) natürlich als Häretiker, er wurde zu Recht aus der Kirche ausgeschlossen.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andi95 am 31.10.2017 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Alle dürfen in den Himmel! :)

    Die Gnade von Gott ist nicht willkürlich. Sonder alle die Gott um vergebung bitten kommen in den Himmel. So hat es Martin Luther gelehrt und so steht es auch in der Bibel:)

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  • Tobi am 31.10.2017 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Gott liebt alle Menschen..

    Gott Liebt alle menschen und will dass alle einmal bei ihm im Himmel sind! Aber er hat uns einen freien Willen gegeben. D.h. wir müssen Gott selber bitten dass er uns unsere Sünde vergiebt. Wenn wir das von ganzem Herzen, machen verspricht er uns dass wir ewiges Leben haben werden! :)

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  • Stefan Jäggi am 31.10.2017 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einzig Gnade

    Es scheint für Viele immer noch unglaublich zu sein, dass jeder Mensch einzig und allein durch die Gnade Gottes als gerecht gesprochen werden kann und somit nach seinem Tod in den Himmel eintreten darf. Die Schuld eines jeden Menschen wurde durch den Tod am Kreuz von Jesus Christus gesühnt . Diese Gnade zu akzeptieren und für sich in Anspruch zu nehmen ist die einzige Tat, die einen Menschen in den Himmel bringen wird. Ein guter Mensch zu sein ist die Folge dieser Erkenntnis und nicht die Voraussetzung für seine Errettung!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Picard am 01.11.2017 19:11 Report Diesen Beitrag melden

    Warum es Luther eigentlich ging.

    Glauben ist nicht Wissen. Viele glauben auch an das fliegende Spaghettimonster oder an den Weihnachstmann.Oder an fliegende Untertassen,die vor 2000 Jahren herumgeflogen sind,aber laut Definition von Hans Küng und Rahner für den "Glauben" an die Auferstehung Christi, nicht mehr relevant sind.Blah,blah,blah

  • Franz K. am 01.11.2017 11:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Wesen Gottes

    Gott zeigt sich und ist Liebe und Barmherzigkeit. Gott ist Hingabe und Demut. Gott ist Vertrauen, Schönheit und Schaffenskraft. Das sind die Attribute Gottes und seine Wirkung. Gott ist weder ein Mensch, noch sonst irgend ein Geschöpf. Gott ist auch kein Urknall und kein Ursprung. Gott war schon immer und wird für immer sein. Gott ist Geist und Geisteskraft.

    • Pete am 01.11.2017 13:30 Report Diesen Beitrag melden

      Einfach etwas behaupten? Kann ich auch.

      Gott zeigt sich und ist Hass und Rachsucht. Gott ist Gierig und Eitel. Gott ist Kontrolle, Hässlichkeit und Zerstörungskraft. Das sind die Attribute Gottes und seine Wirkung. Wie finden wir nun heraus, wer von uns beiden recht hat?

    • Peter am 01.11.2017 16:39 Report Diesen Beitrag melden

      @Franz K.

      Gemäss dem Genesis sind wir Menschen ein Abbild Gottes. Das sagt doch schon alles. Wir Menschen sind alles was Gott auch ist. Eigentlich eine ziemlich ernüchternde Tatsache, nicht?

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  • Protestant am 01.11.2017 09:16 Report Diesen Beitrag melden

    Unterschied

    Luthers Antisemitismus ist einem Protestanten durchaus bewusst, da wird nichts verschwiegen, wie manche hier irriger Weise behaupten. Er war ein Kind seiner Zeit. Auch Wagner war ein Antisemit und doch werden seine Werke in israelischen Konzertsälen gespielt. Ihre Vorurteile gegen Juden waren nicht gut, aber sie sind kaum vergleichbar mit dem Holocaust und dessen Propagandisten.

  • BeatCH am 01.11.2017 07:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blödsinn

    Schlechter Journalisnus. Auch nach Luther ist Gott nicht willkürlich. Wie es im Artikel (Paulusbrief) steht: Wer an Gott glaubt, dh Jesus Christus und sein Werk am Kreuz annimmt, der ist errettet den deine Sünden hat dann ja Jesus getragen

  • Ernst Leuenberger am 31.10.2017 21:52 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Luthers Idee

    Ist doch interessant, dass ,heutige' Europäer das Menschen- und Gottesbild nicht mehr verstehen. Das heisst dann wohl, dass sie ihre eigenen Wurzeln nicht verstehen! Wie ist denn der heutige Europäer, aus Mittelalter heraus, geworden? Dass es einen Schöpfergott geben könnte, der den Menschen als Verwalter seiner Schöpfung einsetzte, und als dieser es verbockte, diese Welt nicht aufgab, sondern einen Plan B bereit hatte. Dass ER aber bestimmt niemand zwingt mit ihm die Ewigkeit zu verbringen, der mit IHM nichts zu tun haben will, war nicht Luthers Idee, er hat sie nur allen zugänglich gemacht.