Neue Arbeitsformen

29. Dezember 2011 20:21; Akt: 30.12.2011 12:21 Print

«2012 wird das Jahr des Burnouts»

von Lucia Theiler, SDA - Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Modelle, bei denen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fliessend sind, bestimmen den Trend. Das bringt Flexibilität und Freiheit, aber auch Risiken.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ständige Einsatzbereitschaft, egal, wo man sich gerade befindet: Der moderne Job hat sich durch neue digitale Möglichkeiten und neue Arbeitsformen verändert. Bei diesen Voraussetzungen ist Abschalten schwieriger denn je und muss erst noch gelernt werden.

Umfrage
Was halten Sie von Arbeitsformen, bei denen Arbeit und Freizeit ineinander fliessen?
19 %
62 %
19 %
Insgesamt 769 Teilnehmer

Wenn Betriebsökonom Philipp Stuber morgens zur Arbeit geht, macht er drei Schritte bis zum Sofa, schaltet das Laptop ein und legt los. Obwohl, so richtig aufgehört mit Arbeiten hat er auch während der Nacht nicht. Dafür unterbricht er es mehrmals täglich.

Zwischendurch sich auf Facebook umsehen, dann einen Kaffee trinken gehen, sich von dort zu einer Telefonkonferenz einschalten und danach zu einer Sitzung eilen. Was Stuber tut, nennt sich im Jargon «Workstyle» und ist eine der zukünftigen Formen des Arbeitens. Ob beim Kunden, im Café, zu Hause oder sonst wo: Der Arbeitsplatz ist da, wo man gerade ist.

Noch ist das amerikanische Beratungsunternehmen, für das Stuber arbeitet, eines der wenigen, das auf solch moderne Arbeitsorganisation setzt. Doch 2012 werden es wohl einige mehr werden.

Moderne Leibeigene

Überall und immer erreichbar und verfügbar sein: Dieser Anspruch der Arbeitgeber verstärkt sich. «Im Wettbewerb um die besten Talente binden Unternehmen Mitarbeiter als ganze Personen, verlangen aber auch quasi ständige Einsatzbereitschaft. Wissensarbeiter werden so noch mehr zu modernen Leibeigenen», sagt Jens Meissner.

Meissner ist Professor für Organisation und Innovation sowie Leiter des Masterstudiengangs Risk Management an der Hochschule Luzern. Er untersucht die Auswirkungen der neuen Arbeitsformen und deren Risiken und ist Verwaltungsrat des Instituts für Wirtschaftsstudien Basel. Mit Wissensarbeiter bezeichnen Experten wie Meissner Arbeitskräfte, die für die Anwendung ihres Wissen bezahlt werden.

«My cloud ist my castle»

Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind fliessend. Die nötigen Daten, die individuelle Informationswelt hat die moderne Arbeitskraft stets dabei, weil die Daten nicht mehr auf dem eigenen Computer, sondern in übers Internet zugänglichen Netzwerken (so genannten Clouds) speichert. «My cloud ist my castle», sagt Meissner.

Die Entwicklung wird begleitet von einem so genannten Laissez-Faire-Führungstil. Freiräume sind möglich und in der Verantwortung des einzelnen. Selbstmanagement-Kompetenz und Konzepte der Selbstführung sind darum zentrale Fähigkeiten der Zukunft.

Sich abgrenzen und abschalten können zählt zu den grössten Herausforderungen für Arbeitnehmer. «2012 wird deshalb das Jahr des Burnouts», sagt Meissner. Denn mit den neuen Freiheiten umgehen muss erst gelernt werden. Beratungsunternehmen in diesem Bereich haben darum Hochkonjunktur.

Menschen statt Jobs

Bei der Arbeitsform der Zukunft dominieren Projekte. Die Arbeitswelt ist derart komplex geworden, dass Chefs Verantwortungen an Teams delegieren müssen. Als Auswahlkriterien gelten nicht etwa «Job-Kategorien», sondern Aufgaben und Personen. «Mit den richtigen Leuten an spannenden Aufgaben zu arbeiten, geht vor.»

Netzwerke sind wichtig. Es geht nicht um Freundschaften, sondern darum, dass man Beziehungsqualität aufbaut, die einen miteinander arbeiten lässt. Dennoch: «Die Zusammenarbeit ist komplizierter denn je», so Meissner. «Mitarbeitern stehen heute über 200 Kommunikationsvarianten zur Verfügung.»

Meissner hat zusammen mit einem Mitautor als praktische Hilfestellung einen Ratgeber verfasst, der sich mit Stolpersteinen der elektronischen Kommunikation befasst.

Der neue «Social-ism»

Auch die Forscher des Gottlieb Duttweiler Institute GDI erkoren Beziehungen und alles, was man unter «Social» subsummieren kann, als den Zukunftstrend schlechthin.

War es früher das eher an Familienbeziehungen angelehnte und diskret behandelte «Vitamin B», das Tür und Tor öffnen konnte, sind es heute die Freundschaften. Sie sind transparent, ihr Wert wird durch Internetplattformen messbar.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Therese am 30.12.2011 09:32 Report Diesen Beitrag melden

    Sklave Schweizer

    Schade, dass es immer mehr Leute gibt, die mit Ihrer Freitzeit nichts anzufangen wissen. Ich gehe um 17.15 Uhr nach Hause und geniesse meine Familie. Wer es nicht so macht, ist zu bemitleiden.

    einklappen einklappen
  • wesi am 30.12.2011 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    vitamin B

    "Mit den richtigen Leuten".Heute wird doch nicht mehr nach Qualität sondern danach,ob dem Kollegen die Nase des Neuen passt, gefragt.So sieht es doch aus.Die alten Insassen lassen es gar nicht mehr zu,dass ein Neuer dazustösst.Heute geht es NUR noch mit Vitamin B. Hat einer dies nicht,kann er noch so gut u.qualifiziert sein, KEINE Chance.Dann wird eher die Pflaume mit vitamin B genommen,Hauptsache Beziehungen!Mit der Freundschaft endet dann oft auch das Arbeitsverhältnis!

  • Peter Zehnder am 30.12.2011 08:15 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichstellungsfrage

    Die Wirtschaft tut sich noch immer schwer, Männern ebenso dieselben Bedingungen wie Teilzeitbeschäftigung zu bieten, wie dies bei Frauen allgemein schon üblich ist. Wo bleibt auch hier die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Mann und Frau im Beruf?

Die neusten Leser-Kommentare

  • wesi am 30.12.2011 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    vitamin B

    "Mit den richtigen Leuten".Heute wird doch nicht mehr nach Qualität sondern danach,ob dem Kollegen die Nase des Neuen passt, gefragt.So sieht es doch aus.Die alten Insassen lassen es gar nicht mehr zu,dass ein Neuer dazustösst.Heute geht es NUR noch mit Vitamin B. Hat einer dies nicht,kann er noch so gut u.qualifiziert sein, KEINE Chance.Dann wird eher die Pflaume mit vitamin B genommen,Hauptsache Beziehungen!Mit der Freundschaft endet dann oft auch das Arbeitsverhältnis!

  • Ernst am 30.12.2011 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Bin Berufsmilitär - ist status quo

    Bei uns Berufsmilitär ist dies seit eh und je Standart. In unserem Arbeitsvertrag steht auch entsprechend: Die Arbeitszeit richtet sich nach den dienstlichen Bedürfnissen. Dies sind in einer Woche 45 Stunden in einer anderen auch mal 80 Stunden. Das gehört zu unserem Job und ist ok.

  • Reto Stadelman am 30.12.2011 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    Hochkonjuktur für Inkompetenz undBlender

    Ich kann diesem Modetrend nichts abgewinnen. Ohne klare Strukturen zu arbeiten ist wenig effizient. Etwas mehr Freiheiten so wie google (einen Tag lang machen was man will) macht Sinn, aber keine klaren Hierarchien mehr, nur noch "Sozialkompetenzen" die wichtig sind, keine festen Arbeitszeiten, unter solchen Bedingungen verheizt man eine Gesellschaft inerhalb kürzester Zeit. Der Mensch braucht klare Regeln um Leistungsfähig zu sein. Hat er diese nicht sind Tür und Tor für Inkompetenz und Blender geöffnet. Dieses Model hat so wie es jetzt aufgebaut wird keine Zukunft...

    • Reto Stadelman am 30.12.2011 15:43 Report Diesen Beitrag melden

      Kurze Erklährung

      Wie immer gillt das geschriebene nicht für alle. Es soll sich daher bitte auch niemand beleidigt fühlen wenn ich von Inkompetenz spreche. Danke

    einklappen einklappen
  • Patriotin am 30.12.2011 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    Überlegt mal... vo nüt chunnt nüt!

    Ich versteh das nicht: wir sind als eines weniger Länder von Arbeitslosigkeit (noch) relativ verschont, könnten eigentlich dankbar sein, dass unsere Wirtschaft nach wie vor einigermassen gut läuft und dann beklagen wir uns auf hohem Niveau, wie anstrengend das doch alles ist. Redet doch mal mit Spaniern oder Griechen, die wären dankbar, wenn sie für einen Schweizer Lohn so viel arbeiten dürften!!! Verwöhnte Schweizer, wenn wir so weitermachen, wird's uns bald anders gehen - und das wäre doch schade, oder?

    • Mike am 30.12.2011 14:31 Report Diesen Beitrag melden

      Der Vergleich hinkt!

      Erstens hat das Klima einen wesentlichen Einfluss auf die Produktivität. In der Hitze arbeitet es sich eben nicht gleich effizient wie in unseren Breitengraden. Zudem haben die Spanier und Griechen wie auch die Italiener eine ganz andere Arbeitsmoral als wir Schweizer. Waren Sie schon mal dort in den Ferien? Da läuft es halt nicht so hurtig wie bei uns!

    • wesi am 30.12.2011 14:48 Report Diesen Beitrag melden

      Griechen

      Man kann diese Vergleiche nach unten bald nicht mehr lesen.schliesslich sind ja nicht die CH am "Elend" der Spanier od.Griechen schuld.Zudem kriegen die Hilfe durch Hilfspakete in Milliardenhöhe!Die Griechen sind an ihrem Dilemma nicht unschuldig,indem sie durch gefälschte Bilanzen in den Euroraum gelangten!Sie hatten schon vorher Schulden u.spekulierten drauf,wenn sie zur Eurofamilie gehören, dass die DE zahlen;die Rechnung ging auf!!

    einklappen einklappen
  • Therese am 30.12.2011 09:32 Report Diesen Beitrag melden

    Sklave Schweizer

    Schade, dass es immer mehr Leute gibt, die mit Ihrer Freitzeit nichts anzufangen wissen. Ich gehe um 17.15 Uhr nach Hause und geniesse meine Familie. Wer es nicht so macht, ist zu bemitleiden.

    • Titus am 30.12.2011 11:11 Report Diesen Beitrag melden

      "Nicht-Erreichbarkeit" ist heute LUXUS!

      Oh ist das schön, dass es noch Menschen gibt, die einen Job haben, in dem sie es sich "leisten" können, so zu denken. Was aber machst Du, wenn in Deinem Job ein BB, Ipad etc. zur Verfügung gestellt (ich denke das ist in 100% der Fälle im Dienstleistungssektor heute Standard) und entsprechend von Deinem Chef erwartet wird, dass er Dich auch 21h noch erreichen kann? Ich denke, dass Du genau 1 oder 2 Mal nicht antworten wirst.... Leider ist dies heute Standard und der Artikel zielt darauf ab. Die "Nicht-Erreichbarkeit" ist heute LUXUS!

    • Max Müller am 30.12.2011 11:13 Report Diesen Beitrag melden

      Schweizer? Sklave ?

      Was hat DAS bitteschön mit Eus Schwiizer ztue ?!?! Das hat mit der Person selbst zu tun !! Wer den heutigen Arbeitsniveau nicht gewachsen ist, ist selber Schuld wenn er nicht auf Ausgleich schaut.

    • bruno am 30.12.2011 12:29 Report Diesen Beitrag melden

      genau so!

      richtig!

    einklappen einklappen