Immer mehr Exit-Mitglieder

16. März 2015 16:42; Akt: 16.03.2015 17:34 Print

«Die Sterbehilfe wird den Leuten aufgedrängt»

von Fee Riebeling - Noch nie sind so viele Personen der Sterbehilfeorganisation Exit beigetreten wie 2014. Gründe gibt es viele, doch ein Ende des Booms ist abzusehen.

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Sterbehilfe ist eine gesellschaftliche Frage. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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SVP-Politiker This Jenny wollte sterben, wie er gelebt hat: selbstbestimmt. Deswegen liess er sich im November 2014 von der Sterbehilfeorganisation Exit in den Tod begleiten. Auch Alien-Schöpfer H.R. Giger hat diesen Weg für sich in Betracht gezogen. Doch dann starb er im vergangenen Mai an den Folgen eines Treppensturzes.

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Prominente Verfechter der Möglichkeit eines begleiteten Suizids gibt es viele, genauso wie Medienberichte über sie. Das begrüsst Marion Schafroth, Anästhesieärztin und Vorstandsmitglied bei Exit, denn: «Sie regen mit ihrem Bekenntnis andere zum Nachdenken an.» Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle hält diese Art der Gratiswerbung hingegen für gefährlich: «Dadurch wird das Thema den Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, regelrecht aufgedrängt.» Diese könnten sich dann genötigt fühlen, es ihnen nachzumachen.

Selbstbestimmt leben und sterben

Aber lassen sich die 13'413 Neubeitritte bei Exit im vergangenen Jahr allein mit den prominenten Vorbildern und den damit zusammenhängenden Medienberichten erklären? Dafür zu sprechen scheint, dass sich nach dem begleiteten Suizid Jennys die Aufnahmegesuche bei Exit verdoppelt haben. Doch, da sind sich beide Seiten einig, die Motive sind viel vielschichtiger.

So spiele beispielsweise der Zeitgeist eine Rolle: «Weil wir es gewohnt sind, unser Leben selbst zu gestalten, wollen wir auch beim Sterben die Zügel in der Hand halten», so Schafroth. «Auch am Ende des Lebens wollen wir die Kontrolle nicht völlig abgeben.»

Mangelnde Aufklärung

Laut dem Palliativmediziner Roland Kunz spielt auch die mangelnde Aufklärung der Menschen den Sterbehilfeorganisationen in die Hände: «Die Mehrheit sieht nur zwei Wege: einen qualvollen, dafür natürlichen Tod und den begleiteten Suizid.» Dabei gebe es noch die Möglichkeit der palliativen Medizin, bei der nicht die Krankheit, sondern nur die Symptome bekämpft würden. Hinzu komme, dass viele Menschen dem heutigen Gesundheitssystem misstrauten.

Neben den persönlichen Motiven beeinflusst auch die heutige Gesellschaft die Entscheidung: «Wir leben mit der Einstellung, dass alles, was funktioniert, gut ist», so Kunz. Wenn es dann aus Alters- oder Krankheitsgründen nicht mehr so klappt wie früher, fühlten sich viele mit einem Mal wertlos. «Weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen, beschliessen manche, frühzeitig aus dem Leben zu scheiden.»

Ökonomische Gründe

Auch der Gedanke, seinen Angehörigen auf der Tasche zu liegen, könnte laut Baumann-Hölzle und Kunz dazu führen, dass sich manche für die Sterbehilfe entscheiden: Angefacht würden solche Überlegungen unter anderem durch öffentliche Diskussionen darüber, wie viele alte Menschen sich unsere Gesellschaft noch leisten könne. «Alte und pflegebedürftige Menschen nehmen sich zunehmend als Last und Kosten der Gesellschaft wahr.»

Exit-Vertreterin Schafroth sieht die finanziellen Überlegungen allerdings höchstens als einen Co-Faktor: «Zwar stimmt es, dass die Suizidrate vom ökonomischen Zustand eines Landes abhängt. Aber das spielt hierzulande derzeit keine Rolle, weil es der Schweiz sehr gut geht.»

Solidarität und technischer Fortschritt

Die Experten gehen davon aus, dass die Freitodbegleitungen auch in Zukunft zunehmen werden. Während Exit-Vertreterin Schafroth das begrüsst, zeigt sich Baumann-Hölzle besorgt. «Das solidarische Zusammenleben steht auf dem Spiel.» Ihrer Ansicht nach sollten zum Beispiel Firmen ihren Mitarbeitern Zeit geben, damit sie sich um ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmern können. «Da müssen wir hinkommen.»

Positiver blickt Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institut in die Zukunft. Zwar werde sich der Trend fortsetzen, jedoch nur vorübergehend: «Spätestens wenn Bio- und Medizintechnik so weit fortgeschritten sind, dass sie das Leben ohne Einbussen verlängern, wird die Sterbehilfe an Bedeutung verlieren.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hanna am 16.03.2015 17:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Sache

    Exit ist etwas Gutes!Weshalb sollte man noch mit unertröglichen körperlichen/psychischen Schmerzen leben, wenn es einen ausweg gibt! Und gezwungen dazu wird ja niemand.

  • sisi am 16.03.2015 17:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kann jeder selber entscheiden

    Jeder kann selber entscheiden, wann, wie er sterben will. Keiner von ins allen wurde gefragt, ob wir auf die Welt kommen wollen, also ist es jedem seine Sache, den Freitod zu wählen. Haben die Altersheime, Pflegeheime, Spitäler Angst, dass sie alte Menschen, Patienten verlieren. Auch ich bin bei Exit, will gehen, wenn will, nicht dahin siechen und auf den Erlöser warten

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  • Miranda am 16.03.2015 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Nötigung zum Suizid

    Was für ein absolut miserables Selbsbild muss man haben, dass man sich zum Suizid genötigt fühlen kann. Suizid ist für Lebensmüde und dieser sollte denen gewährt werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • N. Neiger am 17.03.2015 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dein Wille geschehe. Wirklich?

    Die alte Hiobsfrage nach dem Warum des Leides beschäftigt Menschen seit jeher, auch solche mit Glauben an einen allmächtigen Gott, nicht nur die " Anderen". Es ist hart, nicht den vermeintlich einfacheren Weg zu wählen, den schwierigen letzten Weg nicht abkürzen zu wollen. Glauben (christlich) heiss nicht einfach, überzeugt zu sein von irgend einer "höheren Existenz", sondern Vertrauen in einen gütigen, mit der Schwachheit vertrauten, wohlwollenden Gott. Einen Vater, der nicht das Leid wegnimmt, aber uns durchträgt. Wenn man ihn darum bittet, mit aller Kraft, von ganzem Herzen. Versuchs mal.

  • Stephan Schmitt am 17.03.2015 18:33 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin froh dass es so etwas gibt

    Meiner Meinung nach ist so eine Einrichtung eine gute Sache. Es gibt für mich keinen schlimmeren Gedanken als irgendwo als ein Stück Fleisch in einem Bett zu liegen und tot-gepflegt zu werden über viele Jahre hinweg. Lasst die Jungs in Ruhe, sie machen einen guten und wichtigen Job!

  • Peter Hager am 17.03.2015 17:41 Report Diesen Beitrag melden

    Wer zahlt und verdient?

    Also was kostet denn so ein Toter, der durch Sterbehilfe weggeht? Wer verdient wie viel daran? Wie viel zahlt der Steuerzahler pro Toten? Warum sind die Organisationen bei den Zahlen nicht transparent? Das ist mal wirklich eine Recherche wert.

    • Heter Pager am 17.03.2015 18:10 Report Diesen Beitrag melden

      weniger als ein Sozialfall

      wieviel kostet ein Sozialfall? Ein Psychi-Aufenthalter? Sicher mehr als jener, der seinem Leben ein Ende setzt.

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  • Brigitte am 17.03.2015 17:17 Report Diesen Beitrag melden

    Pflegeheim: Nein Danke!

    Ich trete Exit bei, da ich meine Bestimmung am Ende des Lebens nicht im Dahinvegetieren in einem Pflegeheim sehe.

  • V. Christen am 17.03.2015 17:17 Report Diesen Beitrag melden

    So läuft das:

    An einige hier, die meinen, wenn sie dann krank sind könnten sie Exit aktivieren: Irrtum. Exit treten Sie bei, wenn Sie kerngesund sind und nicht anders. Also: das ist eine Entscheidung, die man beizeiten und gesund trifft. Und Palliativpflege: dies beinhaltet nicht lebensverlängernde Massnahmen mit Schläuchen, beatmen etc., sondern den Menschen medizinisch zu begleiten, damit er möglichst schmerzlos und angstfei sterben kann, also nicht lange leiden muss. D.h. die Kosten für Paliativ-Care halten sich in Grenzen. Beide Tatsachen kann man selbst bestimmen, letztere mit einer Patientenverfügung.